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"100 Gute Bücher": Das DW-Literaturprojekt präsentiert sich auf der Buchmesse

"Das Bewusstsein für deutsche Literatur in den USA ist ausbaufähig", so fasste DW-Reporter David Levitz mit leichtem Understatement das mangelnde Interesse der Leser in den Vereinigten Staaten an Romanen und Erzählungen aus dem deutschsprachigen Raum zusammen. Auch deshalb könnte das DW-Projekt "100 Gute Bücher/100 German Must-Reads", das am Donnerstag (11.10.) auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt wurde, in Zukunft für eine Menge Denkanstöße sorgen - nicht nur in der englischsprachigen Welt. Bei den Übersetzungen ins Englische gibt es noch viele Lücken Präsentiert wurde das zweisprachige literarische Groß-Projekt der Deutschen Welle von David Levitz und seiner Kollegin Sabine Kieselbach - flankiert wurden sie dabei von der vielfach ausgezeichneten deutschen Autorin Jenny Erpenbeck. Die hat es nämlich auch geschafft in die Top-100-Liste - mit ihrem Roman "Heimsuchung" aus dem Jahre 2008. Kieselbach nannte Erpenbeck als Beispiel für eine Schriftstellerin, bei der es nicht allzu schwer gewesen sei, sie für die Liste zu nominieren - ganz einfach, weil fast alle Werke der 1967 in Ost-Berlin geborene Erpenbeck in der Vergangenheit ins Englische übertragen wurden. Das habe sie mit einem literarischen Schwergewicht wie Thomas Mann gemeinsam, so Kieselbach. Bei anderen sei das schwieriger gewesen, weil von vielen Autorinnen und Autoren oft - wenn überhaupt - nur ein einziges Werk in der englischen Übersetzung vorgelegen habe. Wie ist man auf die Zusammenstellung der letztendlich ausgewählten 100 Titel gekommen, wollte die Moderatorin auf der Buchmessen-Bühne wissen. Und warum sei beispielsweise ein Johann Wolfgang von Goethe nicht dabei? Auf diese Fragen fielen die Antworten leicht: Man habe sich auf das 20. und das 21. Jahrhundert konzentriert und die Texte sollten bereits in Übersetzung vorliegen. Bis jetzt habe man auch noch "keine Drohbriefe" bekommen, weil Goethe nicht dabei ist, merkte Levitz schmunzelnd an. Geschichte ist ein dominantes Thema der deutschen Literatur Über eine andere Frage wurde länger gesprochen: nämlich inwieweit das Thema Nationalsozialismus und Holocaust bei der Auswahl deutscher Bücher eine Rolle gespielt habe. Geschichte habe schon vorher eine Rolle gespielt, sagte Kieselbach und verwies auf Lion Feuchtwanger und den Roman "Die Geschwister Oppermann". Der sei schon 1933 erschienen und habe ja auch vieles vorweggenommen: "Feuchtwanger war ein literarischer Visionär." Und die Historie sei dann auch nach 1945 ein großes Thema geblieben: Nachkriegsgeschichte in der Bundesrepublik, die DDR, die Wende - bis hin zu einer Autorin wie Katja Petrowskaja ("Vielleicht Esther", 2014), einer der neuesten Romane unter den 100 Büchern. Das Thema Geschichte höre eben nie auf, so Kieselbach. Für David Levitz war der Blick "von außen" besonders wichtig: "Ich bin ja Ausländer", sagte der im US-Staat Florida geborene Amerikaner, der seit 2010 in Deutschland lebt. Levitz kam dann zu einem hoffnungsvollen Schluss: "Wer sich durch diese Liste durchliest, wird einen anderen Blick auf Deutschland und auf Europa haben." Man werde nach der Lektüre "tiefgründige Einblicke in die Geschichte" gewinnen, eben weil es bei den Autorinnen und Autoren so viele geschichtliche Themen gebe - vor allem aber auch "menschliche Einblicke: Man wird besser verstehen, wer die Menschen in Europa sind - wie sie heute ticken, wie sie damals getickt haben." Jenny Erpenbeck: "Über den eigenen Tellerrand hinausschauen" Jenny Erpenbecks verwies noch darauf, wie wichtig es ihr beim Schreiben sei, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Ihr Roman "Heimsuchung" versammelt zwölf Lebensläufe. Im Zentrum steht ein Haus im Märkischen und verhandelt werden alle wichtigen historischen Wegmarken der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Doch nur ein Lebenslauf beruhe auf eigenen Erfahrungen, so Erpenbeck. Die anderen elf seien sozusagen Literatur: "Was ich tatsächlich versuche, ist über meinen eigenen Horizont hinauszuschauen und mich in die Geschichten und die Köpfe von anderen Menschen hineinzuversetzen." Diskutiert wurde dann auch noch über den humorigen Anteil unter den 100 ausgewählten Büchern. Alle Podiumsteilnehmer kamen zu dem Schluss, dass die deutschen Literaten durchaus Witz und Humor besäßen - entgegen einem weit verbreiteten Klischee. Nicht immer laut und brachial, es zeige sich aber oft ein stiller, leiser und auch hintergründiger Humor, so Erpenbeck und die DW-Redakteure. Das werde in der Liste bei einigen Titeln deutlich: Romane wie "Tschick" von Wolfgang Herrndorf oder "Jakob der Lügner" von Jurek Becker wurden genannt. Frauen sind unterrepräsentiert Für den nur mäßigen Anteil an Romanen von Frauen (rund 30 Prozent) könne man aber nichts. Das entspräche dem Anteil der Autorinnen, "vor allem in den ersten 70 bis 80 Jahren im 20. Jahrhundert", so Sabine Kieselbach. Vielleicht darf man das ja auch als Hinweis nehmen, dass die Liste in Zukunft womöglich noch ausbaufähig ist. Zunächst aber einmal sind es "100 Gute Bücher" für alle deutschen Literatur-Interessierten und "100 German Must-Reads" für alle Leser in der englischsprachigen Welt. Autor: Jochen Kürten
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