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Oscar-reif: Helena Zengel in "Systemsprenger"

Benni (Helena Zengel) ist ein Mädchen, das eine unglaubliche Wut im Bauch hat, eine Riesenwut, die - sprichwörtlich - Grenzen sprengt. Keiner kann ihr helfen, weder Mutter Schule noch Jugendamt. Benni ist ein Systemsprenger. So heißt auch das viel beachtete und auf der Berlinale ausgezeichnete Filmdebüt von Nora Fingscheidt. Nora Fingscheidt: "Der Begriff ist ein inoffizieller Begriff, den wird man jetzt nicht offiziell in Jugendämtern finden. Aber es ist schon ein sehr geläufiger Begriff, und alle wissen, was damit gemeint ist. Er beschreibt das Phänomen, das passieren kann, wenn ein Jugendlicher oder ein Kind so viele verschiedene Institutionen wechselt, dass alle Institutionen eigentlich ratlos sind, was ist der richtige Ort? Das liegt dann oft auch am Zusammenspiel zwischen der Wohngruppe, der Kinderjugendpsychiatrie, den Obhutnahmestellen. Und da kann in Einzelfällen ein Kreislauf entstehen, der mit diesem Phänomen beschrieben wird." Ein Kind aus dem deutschen Mittelstand Nora Fingscheidt recherchierte mehrere Jahre intensiv in unter anderem in Institutionen für extrem auffällige Kinder. So entstand das Drehbuch. Nora Fingscheidt: "Es war ein Zeitraum von insgesamt vier Jahren, wo ich immer wieder in Institutionen recherchiert habe im Sinne von, einfach dort gewohnt, mit gearbeitet, mitgeholfen habe für ein oder zwei Wochen, mal in der Wohngruppe in Berlin, in der Kinderjugendpsychiatrie in Bayern, in der Obhutnahmestelle in Stuttgart, in einer Schule für Erziehungshilfe und dann aber auch immer lange Pausen, in denen ich geschrieben habe. Es war ein hin und zurück." Die Hauptfigur Benni sollte ganz bewusst ein Kind und keine Jugendliche sein, sagt Fingscheidt. Sie wollte auch keinen Migrationshintergrund haben. Es ging ihr darum, gängige Klischee zu vermeiden. Benni sollte ein Kind sein aus dem deutschen Mittelstand. Ein absoluter Glücksfall ist die ihre junge Hauptdarstellerin Helena Zengel. Bei den Dreharbeiten war sie selbst gerade einmal neun Jahre alt - umso erstaunlicher, mit welcher Intensität sie die Rolle der Benni verkörpert. Die große Not hinter der Wut Helena Zengel: "Helena hat eine unglaubliche Fähigkeit, die Aggression immer mit einer Not zu spielen. Erstmal hat sie keine Hemmungen davor, ganz anders, als im realen Leben. Sie ist nämlich ein sehr liebes und wohlerzogenes Mädchen. Aber sie traut sich, in die Vollen zu gehen, die Aggression zu spielen, aber gleichzeitig hat sie immer eine Not dabei und eine Verletzlichkeit. Und das ist wirklich was ganz Besonderes, dass man nie nur abgestoßen ist von dieser Wut." Zentrales Motiv für diese Wut sei ihre Angst, die Mutter zu verlieren, sagt Helena Zengel über Benni. Helena Zengel: "Sie versucht, die Trauer und dieses Aufmerksamkeitsbedürfnis durch Wut auszudrücken. Irgendwann ist es ihr auch egal, ob es positive oder negative Aufmerksamkeit ist. Sie will einfach Aufmerksamkeit haben, weil sie innerlich total traurig und klein ist." Wie gehen wir mit gewalttätigen kleinen Kindern um? Die größte Herausforderung sagt Nora Fingscheidt, war, die Balance zu finden. Einerseits ging es ihr darum, Benni nicht zu verharmlosen. Man solle wirklich verstehen, warum die Erwachsenen so reagieren, aber gleichzeitig das Kind nie aufgeben. Nora Fingscheidt: "Eine Aggression gerade bei kleinen Kindern ist immer ein Zeichen für Not, für 'Irgendwas ist nicht in Ordnung in meinem Leben'. Und da würde ich mir wünschen, dass man so auch vielleicht auch über den Film spricht, sich überlegt, wie gehen wir mit besonders gewalttätigen kleinen Kindern um, suchen wir den Dialog mit der Familie oder muss das Kind sofort die Klasse verlassen?" "Systemsprenger" ist der deutsche Kandidat für den Auslands-Oscar und kommt nun in die deutschen Kinos.
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