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Darum kommt der Frühling erst so spät

WELT-Logo WELT 21.03.2018
20.03.2018, Berlin: Passanten gehen in Friedrichshain durch den Schnee. Zum Frühlingsanfang hat es in vielen Teilen Deutschlands wieder geschneit. Foto: Kay Nietfeld/dpa +++ dpa-Bildfunk +++: Darum kommt der Frühling erst so spät © dpa Darum kommt der Frühling erst so spät

Verlängert sich der Winter über den März bis in den April? Ostern könnte verschneit sein, sagen Meteorologen. Es ist weltweit kälter geworden – schuld daran ist wohl eine bekannte Klimaschaukel.

Deutsche Lyrik und deutsches Liedgut geraten aus den Fugen. "Winter, ade, scheiden tut weh"? Nur zu gern würden wir jetzt, Ende März, mit Hoffmann von Fallersleben einstimmen. Doch weh tut es derzeit eher, dass die Kälte gerade nicht scheiden will. Noch immer nicht. Und ob beim Osterspaziergang mit Goethe "alle Bäche" "vom Eise befreit" sein werden, ist 2018 noch lange nicht ausgemacht.

Gerade zu Ostern. Denn wenn es auch in den nächsten Tagen etwas wärmer werden soll, so gehen doch – bei aller Unsicherheit einer Zehntagesfrist – gleich mehrere Wetterdienste von einem erneuten, mehrtägigen Kälteeinbruch pünktlich zu Gründonnerstag aus. Und von Schneeschauern.

"Die Höchstwerte sinken zu Ostern wieder unter die Zehn-Grad-Marke", prophezeit der Meteorologe Dominik Jung. Ziehen wir uns weiterhin warm an: Die weltweit operierende US-Wetterbehörde NOAA erwartet für ganz Europa eine um ein Grad unterdurchschnittliche Apriltemperatur.

Die derzeitige Kälte im Land ist meteorologisch schnell erklärt. Ein Hochdruckgebiet über den Britischen Inseln, das die Luftmassen im Uhrzeigersinn um sich herum dreht, und ein Tiefdrucksystem über dem Baltikum und Nordwestrussland mit gegenläufiger Dynamik schieben zwischen sich hindurch wie zwei Mühlräder eisige Polarluft aus Skandinavien zu uns. Da auf ihrem Weg die Ostsee liegt, kommen dabei ab und zu auch ein paar Tropfen Niederschläge mit.

Kleine Besonderheit: Ein winziges Tief mitten in diesem Mühlradsystem, über dem Raum Hamburg, leitete zwischenzeitlich, wie der Verkehrspolizist auf seinem Podest, die Luftmassen aus dem Norden auch noch in westlicher und südwestlicher Richtung ab. Die Folge: Das ansonsten so wärmegewohnte Rheintal samt seiner Umgebung bekam jetzt auch mal Frost und Schnee ab.

Frühling ist etwas anders

Auch im Südwesten, bekannt für Sonne und Wärme, hat so der kalendarische Frühling flächendeckend mit Minusgraden begonnen – im Neckar-Odenwald-Kreis sogar mit minus elf Grad. "Unter Frühling versteht man etwas anderes", kommentierte dies ein Meteorologe vom Deutschen Wetterdienst (DWD). Kälter sei es in einer Nacht zum 20. März zuletzt im Jahr 1975 gewesen, minus zwölf Grad am Stuttgarter Flughafen.

Wetterfluchten im Düsenjet wären dieser Tage aufwendig, überdurchschnittlich warm ist es derzeit nirgendwo in Europa. Auch in weiten Teilen Spaniens und dem nördlichen Afrika ist es um ein Grad kälter als im langjährigen Mittel. Fast tröstlich ist es da schon, dass es auch in Nordamerika nicht anders aussieht, wo zum Frühlingsbeginn die Tagestemperaturen – abgesehen von den Südstaaten – nur wenig über dem Gefrierpunkt liegen.

Hatten also alle diejenigen recht, die vergangenen Herbst bereits von einem bevorstehenden eisigen Jahrhundertwinter sprachen?

Ja, aber da diese Vorhersagen jedes Jahr vielstimmig zu hören sind (wie auch die gegenteiligen), muss man trotz der jetzt eingetretenen Kälte von einem immer wiederkehrenden Glücksspiel sprechen. Der für kräftiges Austeilen bekannte Wetterexperte Jörg Kachelmann meinte zu solchen Vorhersagen im September: "Völlig sinn- und basisfreier Blödsinn. Von Deppen für Deppen."

Bis einschließlich Januar war es denn auch überdurchschnittlich warm, wenn überhaupt kann man von einem deutlich zu kalten Frühlingsanfang sprechen (meteorologisch: 1. März, kalendarisch: 20. März). Und dennoch: Dass es einen Temperaturknick nach unten geben würde, dafür gab es dieses Mal Argumente.

Das "Christkind" mischt mit

Das erste Vierteljahr 2018 war insgesamt ungemütlich. Der um 3,3 Grad über dem langjährigen Durchschnitt gelegene Januar 2018 ist durch den um 2,8 Grad zu kalten Februar sowie den bisher bereits um 1,5 Grad unterdurchschnittlichen März wettgemacht, und jene Prognosen der NOAA für April deuten vorerst keine Änderung an.

Mit dieser Tendenz stehen Deutschland und Europa nicht allein in der Welt. Die globalen Temperaturen haben sich von ihrem absoluten Spitzenwert 2016 erholt und pendeln sich seit etwa einem halben Jahr wieder auf Höhe des Plateaus zwischen 2002 und 2014 ein. Es scheint sich dadurch anzudeuten, wie stark der Höhenflug der letzten Jahre von einem Klimaphänomen getrieben wurde, das man vor knapp 300 Jahren in Südamerika zum ersten Mal als regelmäßige Erscheinung wahrnahm, aber wohl viel weiter zurückreicht: "El Niño".

2017 endete einer der stärksten und am längsten anhaltenden El-Niño-Effekte, bei dem alle paar Jahre warmes Wasser aus Asien quer über den Pazifik Richtung Osten nach Amerika strömt und anschließend weltweit das Wetter durcheinanderbringt. Eine seiner deutlichsten Folgen: schnell steigende globale Temperaturen.

Der letzte nennenswerte El Niño lief 1998 ab, allerdings lange nicht so nachhaltig wie jetzt. Der Name, "das Christkind", deutet an, dass das Phänomen eigentlich nur über die Monate rund um Weihnachten anhält, und stammt aus Peru, an dessen Küste nämlich dann jene warme Strömung den sonst so kalten Humboldtstrom neutralisiert. Der jetzt ausgelaufene El Niño dagegen dauerte etwa zwei Jahre an.

Auf einen El Niño folgt in aller Regel ein gegenteiliger Effekt: "La Niña", der das Wasser im Pazifik überdurchschnittlich abkühlen lässt, mit dem Ergebnis, dass auch die globalen Temperaturen absinken. Beides zusammen wirkt wie eine Klimaschaukel – wobei es spannend wird, wohin sie jetzt, nach einem so starken El Niño, in den kommenden Monaten ausschlagen wird.

Inzwischen liegt auch der aktuelle "La Niña"-Effekt in seinen letzten Zügen, doch haben beide gegenläufige Phänomene jeweils länger anhaltende Nachwirkungen. Im Blickfeld unter Experten steht auch die Sonne, deren Aktivität derzeit auf ein rekordverdächtig niedriges Niveau dahinschwindet.

Da in besonders aktiven Jahren ihre ionisierende Strahlung im Verdacht steht, die Wolkenbildung zu verhindern und somit für mehr Wärme auf der Erde zu sorgen, könnte der jetzige, besonders schwache Sonnenzyklus dämpfend auf die Temperaturen wirken. Ein Ende ist bisher noch nicht absehbar.

Klima hin, Wetter her – jetzt, drei Monate nach Weihnachten 2017, als ja kein Schnee lag, dürfen wir schon wieder darüber spekulieren, ob wir vor "weißen Festtagen" stehen. Nur eben Ostern.

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