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Flutkatastrophe mit 134 Toten: Experten hielten Extremwetter im Ahrtal für absehbar

Tagesspiegel-Logo Tagesspiegel 14.01.2022

Meteorologen und andere Fachleute sagen im Untersuchungsausschuss zur Flutkatastrophe aus. Auch ihre Einschätzung soll klären, ob es Versäumnisse gegeben hat.

Ruine eines bei der Flut zerstörten Gebäudekomplexes am Ufer der Ahr in Rech (Luftaufnahme mit einer Drohne) © Foto: dpa/Boris Roessler Ruine eines bei der Flut zerstörten Gebäudekomplexes am Ufer der Ahr in Rech (Luftaufnahme mit einer Drohne)

Schon vor der Flutkatastrophe Mitte Juli im Norden von Rheinland-Pfalz war nach Ansicht mehrerer Experten absehbar, dass es zu extremen Wetterereignissen kommen wird. Für den Meteorologen Sven Plöger war zwei Tage vor der Flutkatastrophe klar, „da kommt ein extremes Ereignis“, sagte er am Freitag vor dem Untersuchungsausschuss Flutkatastrophe des Mainzer Landtags.

Er sei von Regenmengen von 100 bis 200 Litern pro Quadratmeter im Westen Deutschlands ausgegangen, sagte der Fernsehmoderator. Allerdings hätte dies genauso gut den Schwarzwald wie die Ahr-Region und das Sauerland treffen können.

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Der Regionaleffekt sei bis zum 13. Juli nicht ablesbar gewesen. Er habe aber zwei Tage vor der Katastrophe bereits gewarnt: „Achtung an den Flüssen, beobachten Sie die Pegel, gehen Sie von den Flüssen weg“, sagte Plöger. Dass der Ahr-Pegel über neun Meter steigen werde, „habe ich nicht gewusst, und ich behaupte, das hat auch keiner gewusst“.

In der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 war es im nördlichen Rheinland-Pfalz zu einer Flutkatastrophe gekommen. Dabei starben 135 Menschen, 134 davon im Ahrtal. Hunderte wurden verletzt und weite Teile des Tals verwüstet.

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Eine Übersicht der zeitlichen Entwicklungen vor dem Hochwasser habe bereits am Mittag des 13. Juli eine 74-prozentige Wahrscheinlichkeit einer Sturzflut in einzelnen kleineren Flussgebieten des Mittelrheins und der Mosel gezeigt, erklärte der Wasserwissenschaftler Jörg Dietrich vor dem Untersuchungsausschuss. Erste Anzeichen für das Extremwetter habe es bereits am 11. Juli gegeben. Am Abend des 12. Juli und im Laufe des 13. Juli hätten sich die Vorhersagen konkretisiert. Ab da habe man davon ausgehen können, dass „ein Hochwasser an der Ahr sehr wahrscheinlich ist“.

Experte moniert „zu viele Warnungen“ in Deutschland

Nach Einschätzung des Diplom-Meteorologen Bernhard Mühr erfolgte die Warnung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) „frühzeitig und sachlich richtig“. Der DWD habe die höchstmögliche Warnstufe 4 vor Dauerregen am 13. Juli ausgegeben. Er bezweifle allerdings, dass die Brisanz und der Handlungsdruck aus dem Text des DWD für alle zu erkennen waren. Und fügte hinzu: „Es gibt zu viele Warnungen in Deutschland.“

Für Profis und in der Kommunikation zwischen den Kommunen und Behörden hätte der Handlungsdruck nach der Warnung aber klar werden müssen, und er habe Schwierigkeiten zu verstehen, warum zu spät reagiert wurde, sagte Mühr. Ab 16 Uhr hätte aus seiner Sicht gemacht werden müssen, was die Pläne für solche Situationen vorsähen. Er verstehe auch nicht, warum es nicht schon im Laufe des 13. Juli Aufforderungen etwa an die Campingplätze sowie an die Anwohner gegeben habe, ihre Autos vom Ufer weg zu parken.

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Wetterexperten Jörg Kachelmann zeigte sich überzeugt, dass die betroffenen Ortschaften rechtzeitig hätten geräumt werden können. „Es ist immer genug Zeit, um das Richtige zu tun“, sagte er. „Niemand muss sterben.“ Alle Wettermodelle hätten schon mit mehreren Tagen Vorlauf in großer Übereinstimmung für die Eifel das hohe Risiko von extremem Starkregen gezeigt. Bereits zwei Tage vor der Flutwelle hätten die Behörden deshalb Evakuierungen planen und die Bevölkerung vorwarnen können.

Im Ahrtal gibt es nach Darstellung des Geografen Heye Bogena im Durchschnitt jedes vierte Jahr ein Hochwasser-Ereignis. Hauptgrund sei der Untergrund des Rheinischen Schiefergebirges mit mächtigen Schichten, die wenig Hohlräume oder Poren hätten und daher kaum Wasser speichern könnten, sagte er. Aufgrund vieler Niederschläge im Juni und Juli 2021 gehe er davon aus, dass die Böden am 14. Juli bereits zu etwa 50 Prozent gesättigt waren, als der Starkregen einsetzte. „Das hat die Situation sicherlich noch etwas verschärft.“ (dpa, epd)

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