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Hilfe, unsere Bienen sterben: Dieser Frühling macht keinen Stich

Berliner Kurier-Logo Berliner Kurier 06.05.2017 berliner-kurier
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Wer das Wunder des Frühlings erleben will, der muss sich an eines der vielen Felder in Brandenburg stellen. Bei Wustermark im Havelland bedeckt sattes Grün der Rapspflanzen einen Hügel, leuchten unzählige gelbe Blüten. Am Feldrand vibriert die Luft vom Gesumm der Bienen, die aus sechs Kisten freigelassen wurden.

Sie gehören Lothar Lucke (65) aus Werder. Im Hauptberuf betreibt er eine Versicherungsagentur, in der Freizeit ist er Herr über 1,5 Millionen Bienen. So viele Tiere sind es jedenfalls, wenn seine 25 Bienenvölker im Sommer auf volle Stärke anwachsen. Doch davon sind sie weit entfernt, denn die Idylle trügt. Der Frühling ist dieses Jahr selbst Anfang Mai noch ein halber Winter.

Am frühen Morgen waren es wieder null Grad – zu kalt für Bienen, die bei solchen Temperaturen gar nicht erst losfliegen. Da aber 13 Grad versprochen sind für diesen Tag, hat Lucke ein paar Völker an das Feld gefahren. „Dieses Mal sind wir drei Wochen später dran als sonst.“

Imker ist einer der ältesten Berufe der Welt

Imker ist einer der ältesten Berufe der Welt, Honig gehörte zu den ersten Luxusprodukten. Doch die glorreichen Zeiten der Imkerei sind vorbei, seit Industriezucker unser Leben versüßt, spielt Honig eine untergeordnete Rolle.

Der Niedergang könnte verheerende Folgen haben. Bienen sind überlebenswichtig für die Menschen: Sie bestäuben 80 Prozent aller Pflanzen, aus denen wir unsere Nahrung fertigen. Es gibt kein anderes Insekt, das die Aufgabe übernehmen könnte. Die Hochleistungslandwirtschaft ist auf Bienen angewiesen.

Wie gravierend sich das Leben ändert ohne Bienen, zeigt sich derzeit überall. Im April standen zwar die Obstbäume in voller Blütenpracht, doch die Bienen flogen wegen der Kälte nicht. Sie bestäubten die Blüten nicht und produzierten bislang kaum Honig. Für Brandenburg rechnen die Bauern mit einem Schaden von mindestens zehn Millionen Euro. Allein bei den Äpfeln sind fast 70 Prozent der Ernte verloren.

Aber es gibt da auch noch dieses grundsätzliche Problem: das große Bienensterben. „Ich habe seit Herbst etwa 30 Prozent meiner Bienen verloren“, sagt Lothar Lucke. Für ganz Brandenburg wird mit einem Verlust von bis zu 40 Prozent gerechnet. „Normal sind etwa 10 Prozent“, sagt er. Für das Bienensterben gibt es mehrere Gründe, fast alle haben mit dem Menschen zu tun.

Er ist der größte Nutznießer der Honigbienen – und ihr größter Feind. Lucke kritisiert die Bauern: „Der massive Chemieeinsatz bringt zehn Prozent mehr Ertrag, dafür bezahlen wir mit erheblichen Umweltschäden und einem Rückgang der Bienen.“

Niedergang der Imkerei ist durch die Globalisierung forciert worden

Der Niedergang der Imkerei ist durch die Globalisierung forciert worden. Etliche Discounter haben sich vor vielen Jahren gegen teureren heimischen Honig entschieden, bevorzugen Billigimporte. Immer mehr Imker gaben auf, die Zahl der Bienenvölker hat sich seit 1990 bundesweit halbiert.

Gleichzeitig floriert der Handel mit Königinnen – besonders mit den preiswerten aus Asien. So gelangte vor Jahrzehnten die Varroa-Milbe aus Indonesien nach Europa. Ein Insekt, das nur in den Brutzellen der Bienen lebt und dort den Nachwuchs buchstäblich aussaugt. „Diese Milbe ist inzwischen weltweit verbreitet“, erzählt Lucke. Der Klimawandel verschärft das Problem: Kommt der Frost wie in diesem Winter zu spät, kann er die Vermehrung der Milben nicht verhindern.

In Hohen Neuendorf bei Oranienburg suchen Wissenschaftler nach der Rettung. „Wir wollen jene Bienen finden, die am besten geeignet sind für die Herausforderungen“, sagt der Chef des Länderinstituts für Bienenkunde, Kaspar Bienefeld.

„Ganz viele Bienen unternehmen nichts gegen die Milbe“, sagt der Professor. „Aber ein paar finden wirklich jede Zelle, die befallen ist und räumen sie leer. Das sind aber nur 0,5 Prozent der Bienen.“ Nun ist die Frage, welche Gene aus ihnen Meister im Aufspüren des Feinds machen.

Hoffnung auf Bienen, die wehrhaft sind

Dafür wird das Erbgut der Königinnen analysiert. Das macht Hoffnung auf Bienen, die wehrhaft sind, denn sie werden gebraucht. Wegen ihrer Bestäubungsleistung sind Bienen als drittwichtigstes Nutztier eingestuft – nach Rind und Schwein. Ganz logisch ist das nicht: Der Mensch könnte zur Not auch ohne Rind und Schwein überleben, aber keine Chance ohne all die Pflanzen, die erst von Bienen befruchtet werden.

Lothar Lucke erzählt, dass es wünschenswert wäre, wenn es vier Bienenvölker je Quadratkilometer gäbe. „Aber bei uns in Brandenburg ist es nur ein Volk.“ Ganz anders in Berlin, wo die Imkerei boomt. Mit drei Völkern pro Quadratkilometer gilt die Stadt als bienenreichste Region Europas.

Dann sagt Lucke noch, dass jeder etwas tun könne für Bienen, die nach dem Frühjahr kaum noch etwas zu fressen finden, weil Bäume und Felder verblüht sind. „Wenn die Leute ihren Rasen nicht immer so kurz mähen würden und auch nicht die Straßenränder, sondern das Gras auch mal blühen dürfte, dann müssten die Bienen im Sommer nicht hungern.“  

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