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Hitzewelle in Berlin: So bleiben Sie cool

Tagesspiegel-Logo Tagesspiegel 31.07.2018 Milena Fritzsche, Paul Lütke
@heprod@images@fotos@8@3@1@20180731@HEISSER_280_1_20180730123842718.jpg: Kaltes Wasser - eine erfreuliche Abkühlung an heißen Tagen. © Foto: dpa Kaltes Wasser - eine erfreuliche Abkühlung an heißen Tagen.

Die Temperaturen belasten Gefühl und Verstand. Eine Anleitung, wie Sie durch die heißen Tage kommen.

Die Hitzewelle nimmt Berlin spürbar ein: Menschen schwitzen bei jedem Schritt, was sich auch im Umgang miteinander niederschlägt. Entspringt es nur der Einbildung des durch Wärme gemarterten Hirns, dass der Nachbar plötzlich unerwartet unfreundlich reagiert, bei Eltern in der Warteschlange vor der Eisdiele bereits nach wenigen Sekunden die Nerven blank liegen oder die Radfahrer auf dem Weg zur Arbeit besonders ungeduldig überholen und rote Ampeln in stoischer Regelmäßigkeit ignorieren?

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Wie heiß wird es in den nächsten Tagen wirklich?

Die Wahrnehmung trügt nicht, kann Tilman Brück vom Leibniz-Institut im brandenburgischen Großbeeren bestätigen. Bei Hitze, so der Wissenschaftler, der unter anderem in der Konfliktforschung tätig ist, stiegen die Stresshormone sowie aggressives Verhalten. Das zeige sich etwa an der Gewaltbereitschaft am Rande von Fußballspielen oder den Regelverletzungen im Straßenverkehr.

Nicht nur der Asphalt schmilzt unter den extremen Bedingungen dahin, sondern auch die Aufmerksamkeit der Autofahrer. Nach einer Studie des ADAC häufen sich Unfälle bei hohen Temperaturen - und zwar im Zusammenhang mit Konzentrationsmängeln: Auffahrunfälle sind dabei zu nennen ebenso wie Unfälle, die entstehen, weil der Gegenverkehr übersehen oder die Vorfahrt missachtet wurde. Jeder siebte schwere Unfall seit 2005 ereignete sich der 2013 veröffentlichten Studie zufolge bei über 25 Grad.

„Wir wissen, dass die Aggression bei Hitze steigt, aber wir wissen nicht warum“

Stefan Heine, der mit seinem Abschleppwagen im Auftrag des ADAC zwischen Berlin und Potsdam unterwegs ist, bestätigt die hohen Unfallzahlen auch für diesen Sommer und ergänzt: „Bei Hitze ist die Rücksichtnahme viel geringer und wir haben große Schwierigkeiten, weil die Leute keine Rettungsgasse bilden. Wenn es kühler ist, kommen wir deutlich besser durch.“

„Wir wissen, dass die Aggression bei Hitze steigt, aber wir wissen nicht warum“, fasst Wissenschaftler Tilman Brück zusammen. Möglicherweise nehme die Qualität der Entscheidungen unter diesen Extrembedingungen ab. Der Mensch scheint sich seiner Fähigkeit zum ausgleichenden und gemäßigten Verhalten nicht mehr zu entsinnen, die Gemüter erhitzen sich im wahrsten Sinne des Wortes.

Auch Mieter sollten sich übrigens besser in Gelassenheit üben und nicht auf Krawall gebürstet ihren Vermieter für die extreme Hitze in ihrer Wohnung zur Verantwortung ziehen. Der Berliner Rechtsanwalt Bernhard Zuther kann sich Mietminderungen im Zuge der aktuellen Hitzewelle nur dann vorstellen, wenn tatsächlich bauliche Mängel vorlägen – etwa aufgrund mangelnder Isolierung in einer Dachgeschosswohnung. Allerdings müssten die Wohnverhältnisse aufgrund extremer Temperaturen „unzumutbar“ sein, sagt der Jurist.

Kinder bekommen schneller als Erwachsene einen Kreislaufzusammenbruch

Ein Hamburger Gericht urteilte 2006, dass dies bei 30 Grad der Fall sei. Wibke Werner vom Berliner Mieterverein sieht für eine erfolgreiche Klage die Bewohner in der Pflicht: Im Fall der Überhitzung müssten täglich Raumtemperaturen gemessen und gemeinsam mit den Außentemperaturen notiert werden. Diese zusätzliche Anstrengung wäre angesichts der aktuellen Wetterlage für die meisten Mieter wohl ebenfalls nicht zumutbar.

Hauptleidtragende der anhaltenden Hitze sind vor allem Kinder sowie ältere und kranke Menschen. Da Kinder weniger als Erwachsene schwitzen, kommt es bei ihnen schneller zum Kreislaufzusammenbruch. Daneben seien besonders Menschen betroffen, die bei der Hitze draußen arbeiten müssen. „Das sind nicht nur Bauarbeiter, sondern auch die Servicekraft in einem Café“, erklärt Andreas Matzarakis, Professor des Zentrums für Medizin-Meteorologische Forschung in Freiburg. „Kranke Menschen müssen auf die Einnahme ihrer Medikamente achten. Die Wirkung könnte sich verändern, sie könnten deutlich schneller Wasser verlieren, so dass sich das Blut schneller verdickt.“ Im Zweifelsfall rät Matzarakis deshalb dazu, den Hausarzt oder einen Apotheker zu kontaktieren.

Kalte Getränke sind anstrengend für den Körper

Nach Angaben eines Mediziners, der als Dienstleister für die Barmer Krankenkasse arbeitet, hängt die Anfälligkeit für Hitzeprobleme vor allem mit der Kondition zusammen. „Ältere Menschen und Übergewichtige sollten sich bei den derzeitigen Temperaturen nicht allzu sehr verausgaben“, rät er. Geübte Sportler könnten aber trotzdem trainieren. „Natürlich ist Sport bei der Hitze nicht unbedingt empfehlenswert. Sportler sind aber meist gut konditionell aufgestellt und vertragen Hitze deshalb besser.“

Für alle Betroffenen gibt es vor allem einen Tipp, um sich vor den Gefahren der Hitze zu wappnen: trinken, trinken, trinken – und zwar am besten lauwarme Getränke: „Eiskalte Getränke sind anstrengend für den Körper, er muss dann mehr arbeiten“, erklärt der Mediziner. Auch bei Mahlzeiten rät er zu leichter Kost. „Salat, Obst, Gemüse sollten auf dem Speiseplan stehen. Auch Suppen sind optimal, denn dabei nimmt man gleichzeitig Flüssigkeit zu sich.“

Die Mittagshitze solle man bestenfalls außerdem nicht draußen, sondern in kühlen Räumen verbringen. Hierbei eignen sich auch Klimaanlage und Ventilatoren. „Aber nicht im Luftzug sitzen“, warnt er, „sonst holt man sich die berühmte Sommererkältung.“ Für die eigenen vier Wände rät er zum Stoßlüften am Morgen und Abend, wenn die Temperaturen runtergekühlt sind.

Wie gefährlich das heiße Wetter aber tatsächlich ist, ist von Person zu Person unterschiedlich. „Ich als Grieche vertrage wohl ein bisschen mehr als der Durchschnitt hier“, erklärt Medizin-Meteorologe Matzarakis. Für ihn sei deshalb die gefühlte Temperatur ein wichtiger Faktor. Diese unterscheidet sich von der gemessenen Lufttemperatur und hängt von vielen Faktoren ab. Liegt sie bei mehr als 38 Grad, kommt es zur Hitzewarnung.

Der Deutsche Wetterdienst hat außerdem eine Hitzewarn-App und einen Newsletter, die über bestehende Hitzewarnungen informiert. Matzarakis rät zu deren Verwendung. Dort gebe es auch weitere Informationen über das richtige Vorgehen bei Extremtemperaturen.

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