Durch Nutzung dieses Diensts und der damit zusammenhängenden Inhalte stimmen Sie der Verwendung von Cookies für Analysezwecke, personalisierte Inhalte und Werbung zu.
Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Hitzewelle setzt dem Arktis-Eis zu

KURIER-Logo KURIER 24.11.2016 Susanne Mauthner-Weber, Pilar Ortega-Sánchez

. © juancat/Fotolia .

Rund um den Nordpol ist es derzeit 20 Grad wärmer als normal. Die Konsequenzen könnten weitreichend sein.

Wenn bei uns wie jetzt der Herbst regiert, heißt das am Nordpol Polarnacht: Keine Sonne, die das Land erwärmt, Temperaturen um minus 80 C und ein Arktis-Meer, das nach dem Sommer rasch zufriert. So war es zumindest bisher. Heuer ist alles anders, wie die aktuelle Meereis-Kurve des National Snow & Ice Data Centers (Grafik unten) belegt. Diesen Herbst gibt es so wenig Meereis, dass Klimaforscher noch alarmierter sind als gewöhnlich.

Mark Brandon, britischer Ozeanograf und Meereis-Spezialist, kommentiert das in einem Interview mit der deutschen Zeit so: "Ich habe so etwas noch nie vorher gesehen." Die Polarregion wird momentan von einer "Hitzwelle" heimgesucht. Die werde, meint Jennifer Francis, Arktis-Expertin von der Rutgers Universität, von den rekordverdächtig kleinen Eismassen in den Meeren und von warmen, feuchten Luftmassen aus südlichen Breitengraden ausgelöst. Folge: In der Arktis ist es derzeit 15 bis 20C wärmer als für die Jahreszeit üblich. Statt minus 30C hat es nur minus 10C. Das bedeutet, dass der vom Sommer noch erwärmte Ozean sich an etlichen Stellen noch nicht genug abgekühlt hat, um Eis zu bilden.

Daten vom deutschen Alfred-Wegener-Institut (AWI) und der Uni Bremen bestätigen, dass das Meereis auf historischem Tiefstand ist. Derzeit ist die Arktis-Eisdecke etwa eine Million Quadratkilometer kleiner, als es jahreszeitenadäquat wäre. Nur zum besseren Verständnis: Der Schwund entspricht der Fläche aller skandinavischen Länder zusammen.

Rückkopplung

Das könnte eine Kaskade von Problemen auslösen, fürchten Forscher: Das Meereis rings um den Nordpol schrumpft seit Jahrzehnten. "Altes" – mehrjähriges – Meereis schwindet während der sommerlichen Schmelz-Saison nicht so schnell – aber wenn es davon weniger gibt, bedeutet das eben, dass in den Sommermonaten größere Teile des Meeres ohne Eisdecke bleiben. Und eine offene Wasseroberfläche ist dunkler als eine eisbedeckte, sie reflektiert Wärmestrahlung nicht, sondern absorbiert sie. Der aufgeheizte Ozean behindert nun zusätzlich den Eisaufbau. Im nächsten Jahr könnte sich das Wasser dadurch noch weiter erwärmen, was einmal mehr die Eisbildung blockiert. Die Wissenschaft spricht von positiver Rückkopplung, der Volksmund von der Katze, die sich in den Schwanz beißt.

Unumkehrbar?

Wissenschaftler warnen bereits davor, der Eisschwund in der Arktis sei unumkehrbar – und die Erde habe beim menschengemachten Klimawandel einen Point of no Return überschritten. Brandon ist jedenfalls überzeugt, dass die Arktis in den nächsten zehn bis 20 Jahren im Sommer eisfrei werden wird – "wenn es einen Kipp-Punkt gibt, dann ist er schon überschritten." Im Winter werde sich immer wieder neues Meereis bilden, was aber keine wirkliche "Erholung" sei. Der Ozeanograf denkt, dass "wir in der Arktis einen grundsätzlichen Wandel sehen, der die gesamte Meeresdynamik im Arktischen Ozean mit weitreichenden Folgen verändern dürfte."

Apropos Wandel: Auch das Meereis der Antarktis taut. Das wäre dieser Tage ganz normal, ist am Südpol doch Frühling. Was die Forscher aber beunruhigt: Auch rund um den Südpol gibt es eine Rekord-Eisschmelze, die überrascht. Denn im Laufe der vergangenen 40 Jahre ist das Antarktis-Meereis trotz globaler Erwärmung gewachsen. Eine aktuelle Studie belegt jedenfalls, dass die antarktische See weniger sensibel auf den Klimawandel reagiert.

Womit sich wieder einmal zeigt: Klimaforschung ist extrem komplex, weil sämtliche Elemente hineinspielen und jeder noch so kleine Faktor das Ergebnis verändern kann. Bis alles korrekt in Computersimulationen eingeflossen ist, kann es vielleicht schon zu spät sein.

Welchen Anteil haben wir am Klimawandel?

Die vergangenen Tage haben gezeigt, dass man nicht allzu viel auf das geben darf, was Donald Trump je gesagt hat. Trotzdem: Noch vor wenigen Wochen hat er den Klimawandel einen Scherz und eine Erfindung der Chinesen genannt. Nun meint er in einem Interview mit der New York Times, dass die Menschheit doch eine Mitverantwortung für die Erderwärmung trage – "ich denke, es gibt eine gewisse Verbindung. Ein wenig, etwas." Stimmt! Die haben Markus Huber und Reto Knutti von der ETH Zürich bereits 2011 exakt berechnet.

Mindestens 74 Prozent des Temperaturanstiegs seit 1950 sind vom Menschen verursacht, weniger als 26 Prozent sind auf zufällige Schwankungen zurückzuführen. 0,85C der Erwärmung sind demnach in erster Linie eine Folge des steigenden Ausstoßes von Treibhausgasen, etwa die Hälfte davon wird vom kühlenden Effekt der Aerosole wieder abgefangen, netto bleiben ca. 0,56C Anstieg. Veränderungen der Sonneneinstrahlung haben demgegenüber nur 0,07C beigetragen.

Bis 2060 erwarten die Forscher einen weiteren Anstieg um etwa 1,29 C. Besonders CO2 werde dafür verantwortlich sein, falls die Emissionen nicht drastisch sinken. Die Meere können es einfach nicht so schnell aufnehmen.

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von KURIER

| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon