Durch Nutzung dieses Diensts und der damit zusammenhängenden Inhalte stimmen Sie der Verwendung von Cookies für Analysezwecke, personalisierte Inhalte und Werbung zu.
Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Hurrikane und Klimawandel: "Es fehlt nur der Statistik-Beweis"

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 11.09.2017 Dagny Lüdemann
Hurrikane und Klimawandel: "Es fehlt nur der Statistik-Beweis" © Christopher Letchford Hurrikane und Klimawandel: "Es fehlt nur der Statistik-Beweis"

Es scheint, als würden Tropenstürme häufiger und stärker. Doch ein Trend lasse sich noch nicht ablesen, sagt Forscher Letchford. Der Klimawandel habe trotzdem Einfluss.

Diese Karte der Website Windy.com speist sich aus Wetterdaten und zeigt die aktuelle Position des Hurrikans Irma und weiterer Wirbelstürme.

ZEIT ONLINE: Herr Letchford, wie haben uns die Tropenstürme und schweren Hurrikane der USA aus fünf Jahrzehnten angeschaut (siehe Grafik). Schaut man sich die gelben und roten Linien an, sieht es so aus, als seien Tropenstürme über dem Atlantik in den letzten 20 Jahren häufiger und heftiger geworden. Ist das so?

Christopher Letchford: Nein, auch wenn es so scheinen mag.Wir sehen in dieser Statistik eine große Streuung der Werte. Bezogen auf die globale Klimaentwicklung sind 50 Jahre außerdem ein sehr kurzer Zeitraum. Das reicht nicht, um einen Trend zu erkennen. Selbst wenn man sich die Aufzeichnungen aller Stürme und Hurrikane ansieht, die in den vergangenen 150 Jahren in den USA auf Land getroffenen sind, ist nur ein ganz leichter Aufwärtstrend zu beobachten, was die Häufigkeit und die Intensität angeht. Welche Ursache der hat, sagt die Statistik ohnehin nicht aus.

ZEIT ONLINE: Meteorologen erklären immer wieder: Wird die Erde im Schnitt wärmer und heizt sich insbesondere das Meerwasser auf, können Tropenstürme mehr Wasserdampf aufnehmen, größer werden und mehr Niederschlag erzeugen, sobald sie auf Land treffen. Erleben wir nicht genau das gerade bei Harvey, Irma und dem nächsten drohenden Sturm: José?

Letchford: Durchaus. Der Zusammenhang ist bekannt. Wärmere Temperaturen an der Meeresoberfläche führen wie eine Art Dampfmaschine dazu, dass Hurrikane mehr Energie aufnehmen. Auch Luft kann mehr Wasserdampf aufnehmen, je wärmer sie ist. Heftigerer Regen ist die Folge. Alle ernstzunehmenden Forscher sind sich einig, dass die globale Erwärmung diesen Effekt schon heute verstärkt. Nur ist das ein Mechanismus, den Sie bisher nicht in der Hurrikan-Statistik sehen können.

ZEIT ONLINE: Besonders die gelbe Linie der Grafik zur Häufigkeit schwerer Hurrikane ab Kategorie drei zeigt einen Peak im Jahr 2005. Was war da los?

Letchford: Das kann ich nicht genau sagen. Zumindest war das Wasser an der Meeresoberfläche in der Saison 2004/2005 im Atlantik und dem Golf von Mexiko ungewöhnlich hoch, die Luftfeuchtigkeit ebenfalls, und es herrschten besondere Scherwinde. Alles Faktoren, die die Bildung von Hurrikanen begünstigen.

ZEIT ONLINE: Anomalien sieht man auch in den Jahren 2010, 2011 und 2012, die offenbar sehr stürmisch waren. In jedem der Jahre wurden 19 Tropenstürme registriert, wie an der gelben Linie in der Grafik zu sehen. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Letchford: Das können immer noch Ausreißer sein. Der Zeitraum, die Anzahl der Stürme – all das reicht nicht aus, um einen Trend auszumachen. Dafür haben viel zu viele Dinge Einfluss auf jede Hurrikan-Saison. Ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, sie werfen eine Münze und wollen statistisch erfassen, ob sie gezinkt ist und deshalb häufiger auf die eine Seite fällt als auf die andere. Dazu müssten sie bei nur zwei Möglichkeiten – Kopf oder Zahl – ziemlich häufig werfen, bis ihre Statistik jenseits von zufälligen Häufungen einen Trend zeigt, der etwas aussagt. Jetzt stellen Sie sich mal so eine Statistik für einen Würfel mit sechs Variablen vor. Und nun für die Hurrikane, deren Schwere und Frequenz von einem Vielfachen an Faktoren abhängen.

ZEIT ONLINE: Einige Einflüsse auf Tropenstürme, die Meteorologen immer wieder nennen, sind der Jetstream und die Wetterphänomen El Niño und La Niña. Erkennen Sie in der Kurve Besonderheiten, die mit solchen globalen Wetterkonstellationen zusammenhängen?

Letchford: Hurrikane folgen deutlich einem jährlichen Kreislauf. Daneben scheint es auch einen zehn- bis zwölfjährigen Zyklus zu geben, was die Häufigkeit angeht. Dieser könnte mit der Sonnenaktivität zusammenhängen. Je nachdem, ob die globalen Zeichen eher auf El Niño oder La Niña stehen, verändern sich die Luftdruckverhältnisse und Luftströme über dem amerikanischen Kontinent, die den Hurrikans ihre Richtung geben. Ob sich so ein Wirbelsturm, der immer aus einem Tiefdruckgebiet über dem Meer entsteht, nordwärts in Richtung Golf von Mexiko, der US-Atlantikküste oder ganz am Land vorbei bewegt, hängt davon ab, wohin ein Hochdruckgebiet ihn ablenkt. 

ZEIT ONLINE: Die zweite Grafik stellt die Intensität der Hurrikane der letzten 50 Jahre anhand des ACE-Index dar, den die US-Behörde für Wetter- und Meeresforschung (NOAA) verwendet. Die Abkürzung steht für "Accumulated Cyclone Energy". Wie kommt der Index zustande und was sagt er aus?

Letchford: Er ist ein Maß für die Energie und somit die Zerstörungskraft eines Hurrikans. Welche Schäden ein Tropensturm hinterlässt, hängt mit den Windgeschwindigkeiten seiner schnellsten Böen zusammen und den Sturmfluten, die er verursacht. Durch abgehende Böen kann ein Hurrikan große Mengen an Meerwasser ins Landesinnere drücken. Diese Faktoren kann man mit der Bewegungsenergie in Bezug setzen. Der ACE-Index berechnet all diese und weitere Parameter bezogen auf die Lebensdauer eines Hurrikans oder einer ganzen Saison. So ergibt sich ein Wert für das Schadenspotenzial.

ZEIT ONLINE: Schaut man sich die orangefarbenen Balken unserer Grafik an, sieht es auch hier auf den ersten Blick so aus, als seien die Stürme im Mittel häufiger geworden...

Letchford: ...und auch dazu muss ich wieder betonen: Um einen Trend zu benennen, reichen die Daten nicht. 

ZEIT ONLINE: Was man nicht missverstehen sollte, oder? Nur weil der Zusammenhang zwischen Erderwärmung und Tropenstürmen noch nicht statistisch bewiesen ist, gehen Forscher trotzdem davon aus, dass er besteht.

Letchford: Das ist richtig. Klimamodelle sagen eine solche Entwicklung voraus und es ist auch erwartbar, nach allem, was man über unsere Atmosphäre, die Meere, die Sonne, Treibhausgase und globale Wetter- und Klimaphänomene weiß. Nur bis wir auch statistisch mehr Gewissheit haben, wird es noch bis mindestens 2050 dauern. Ich schätze mal, im Jahr 2100 werden wir die Frage beantworten können. Alles spricht für einen Einfluss des Klimawandels auf Tropenstürme. Es fehlt nur der Statistik-Beweis.

Auf dieser Seite können Sie verfolgen, wo Hurrikan Irma entlangzieht. Alles zum Sturm, seinen Folgen und den Vorhersagen lesen Sie hier.

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE
ZEIT ONLINE
| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon