Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Kalifornien: Flammende Teufelswinde

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 08.12.2017 Christoph Drösser
Ein Autofahrer blickt vergangenen Mittwoch auf dem Highway 101, nördlich von Ventura in Kalifornien, auf eine Feuerwalze. © Noah Berger/AP/dpa Ein Autofahrer blickt vergangenen Mittwoch auf dem Highway 101, nördlich von Ventura in Kalifornien, auf eine Feuerwalze.

Wieder brennt es gewaltig in Kalifornien. Dabei ist die Saison schon vorbei. Während auch Stars wie Beyoncé flüchten, fragen sich viele: Ist das jetzt der Klimawandel?

Vielleicht ist es für viele tröstlich, zu wissen, dass die Naturgewalten auch vor Promis wie Jay Z, Beyoncé und Rupert Murdoch nicht haltmachen. Das Nobelviertel Bel Air in Los Angeles geriet in den vergangenen Tagen in die Schlagzeilen, weil dort einige Häuser Opfer der Flammen wurden. Viel schlimmer aber wüten die Brände nordwestlich von Los Angeles, in den Küstenstädten Ventura und Oxnard. Etwa 300 Häuser brannten nieder, Siedlungen, in denen rund 200.000 Menschen leben, wurden evakuiert.

Die Fernsehbilder sind ein Déjà-Vu dessen, was vor zwei Monaten im Norden Kaliforniens geschah, in der Weinbauregion von Sonoma: Die Menschen wurden teilweise mitten in der Nacht von der Feuerwalze überrascht, die von starken Winden angetrieben wurde. Im aktuellen Fall von den heißen trockenen Santa-Ana-Winden, auch Teufelswinde genannt, die aus dem hoch gelegenen Großen Becken in den Staaten Utah und Nevada in Richtung Küste wehen.

Und so waren, neben dem Wind, in beiden Fällen auch die zwei anderen Faktoren vergleichbar, die zu einer Waldbrandkatastrophe führen: erstens eine Menge Brennmaterial. In den ersten Monaten des Jahres hatten große Regenmengen für eine kräftige Vegetation gesorgt, enthusiastisch begrüßt von den Kaliforniern nach einer fünfjährigen Trockenheit. Aber seit Mai hat es im Süden des Staates nicht mehr geregnet, sodass die frisch ergrünten Bäume und Gräser trocken wie Zunder wurden. Zweitens braucht es einen Zündfunken – und der kommt meistens vom Menschen. In der unberührten Natur brennt es erheblich seltener als in besiedelten Gebieten, und ähnlich wie im Norden ist auch in der Großregion von Los Angeles die Bevölkerung in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich gewachsen und hat bis dahin unberührtes Land okkupiert.

Blick von der Raumstation ISS auf Kaliforniens Küste: Starke Winde haben die Brände angefacht. © Nasa/Planet Pix via ZUMA Wire/dpa Blick von der Raumstation ISS auf Kaliforniens Küste: Starke Winde haben die Brände angefacht.

Es brennt gerade zur Unzeit

Einen großen Unterschied gibt es: Während die Feuer im Norden ein Extremereignis in der gewohnten Waldbrandsaison waren, brennt es nun in Los Angeles eigentlich zu Unzeit. Normalerweise endet die Feuersaison im Oktober, dann kommen die ersten Niederschläge der winterlichen Regenzeit. In Nordkalifornien löschten tatsächlich Regenfälle die letzten Brandherde, aber im Süden fiel in diesem Winter bisher noch kein Tropfen. Dies ist der Punkt, an dem die beliebte Frage wieder auftaucht: Ist das eine Folge des Klimawandels? Das wird natürlich in den USA noch heißer diskutiert als in anderen Ländern, weil hier inzwischen ein Klimawandel-Skeptiker sogar die Umweltbehörde leitet.

Es war ein seltsamer Zufall, dass just am Montag dieser Woche ein Artikel im Magazin Nature Communications (Cvijanovic et al., 2017) erschien, der neue Argumente für den Zusammenhang zwischen globalen Klimaveränderungen und dem lokalen Wetter lieferte. Die Ursache für die große Trockenheit, von der Kalifornien immer häufiger heimgesucht wird, fanden die Autoren am Nordpol. Sie untersuchten nämlich, wie sich das Schrumpfen des Arktis-Eises, das wir in den vergangenen Jahren beobachten konnten, auf die Winde und damit den Niederschlag in Kalifornien auswirkt. 

Was in der Arktis passiert, bleibt nicht in der Arktis.

Cvijanovic et al.

In ihren Simulationen fanden die Forscher eine lange Kette von Ursachen und Wirkungen: In der Arktis wird mehr Wärme in die Atmosphäre abgestrahlt. Es fließt verstärkt Luft in Richtung der Tropen, dort steigen die Wassertemperaturen. Über von Forschern Rossby-Wellen genannte Wassermassen wirkt das wiederum auf den nördlichen Pazifik zurück, wo sich ein Hochdruck-Rücken bildet. Und an dessen östlicher Seite entstehen starke Winde, mit denen Regenwolken, die sonst Kalifornien die begehrten winterlichen Niederschläge bringen, weiter nach Norden geleitet werden. In Kanada und Alaska regnet es, während Kalifornien trocken bleibt.

Die Autoren betreiben keine Schwarz-Weiß-Malerei. Sie behaupten nicht, dass die Trockenheit der letzten Jahre schon eine Folge dieses Mechanismus gewesen sei, ihre Prognose gilt eher für das kommende Jahrzehnt. Und paradoxerweise kann sich das Szenario wieder umkehren, wenn sich die Erde weiter erwärmt und auch das Antarktis-Eis zunehmend abschmilzt.

Die Studie zeigt aber, dass lokale Auswirkungen des Klimawandels, in diesem Fall das schmelzende Eis, überraschende Wirkungen in einer weit entfernten Region haben können. Oder, wie die Autoren in ihrer Studie schreiben: "Was in der Arktis passiert, bleibt nicht in der Arktis." Die Kalifornier müssen sich wohl auf weitere heiße und trockene Jahre einstellen. Und die nächste Feuerwalze kommt bestimmt.

Erfahren Sie mehr auf MSN:

NÄCHSTES
NÄCHSTES
| Anzeige
| Anzeige

Mehr von ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE
ZEIT ONLINE
| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon