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Wetter: "Deutschland wird mit Dürren leben müssen"

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 27.03.2019 Dagny Lüdemann

Nie seit Beginn der Wettermessungen war es so heiß und sonnig wie im Jahr 2018. Und es war extrem trocken. Ob das so weitergeht, erklärt Meteorologe Karsten Schwanke.

Ein ausgetrocknetes Maisfeld in Bayern. Landwirte fürchten, dass 2019 ähnlich trocken werden könnte wie das vergangene Jahr. Vorhersagen lässt sich das aber nicht. © Daniel Karmann/dpa Ein ausgetrocknetes Maisfeld in Bayern. Landwirte fürchten, dass 2019 ähnlich trocken werden könnte wie das vergangene Jahr. Vorhersagen lässt sich das aber nicht.

Die Bilanz des Klimas im Jahr 2018 – sie ist keine wirkliche Überraschung und doch in ihrer Deutlichkeit alarmierend: Der Deutsche Wetterdienst (DWD) stellte am Dienstag auf seiner jährlichen Pressekonferenz zum Klima in Deutschland noch einmal vor, wie trocken, heiß und sonnenreich der vergangene Sommer war. Auch im Winter war es vielerorts viel zu trocken. Vor allem aber warnten die Meteorologinnen und Meteorologen davor, die Klimafolgen zu unterschätzen. Die gute Nachricht: Mit Vorhersagen der Bodenfeuchte könnten Landwirte bald früher vor Dürren gewarnt werden. Der Meteorologe und Wettermoderator Karsten Schwanke erklärt, worauf wir uns einstellen müssen.

ZEIT ONLINE: Es hatte sich schon abgezeichnet, jetzt ist es endgültig klar: 2018 war in gleich mehrerer Hinsicht ein Rekordjahr. Was hat die Klima- und Wetterbilanz ergeben?

Karsten Schwanke: 2018 war ein Jahr der Extreme. Noch nie seit Beginn der Messaufzeichnungen war es im Durchschnitt so warm (10,5 Grad Celsius) und so sonnig (2.015 Stunden) wie im letzten Jahr. Das bestätigen die Daten des Deutschen Wetterdienstes (DWD), die nun im Detail präsentiert wurden. Außerdem gab es nie zuvor so viele Sommertage (mit mehr als 25 Grad Celsius) und so viele heiße Tage (über 30 Grad) wie 2018. Aber auch die Regenbilanz war außergewöhnlich: 2018 war mit einer mittleren Niederschlagsmenge von 586 Litern pro Quadratmeter das vierttrockenste Jahr in Deutschland seit 1881. Von April bis Oktober war es sogar trockener als jemals zuvor.

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Karsten Schwanke ist Meteorologe, Wissenschaftsjournalist und Wettermoderator in der ARD. Er moderiert zahlreiche Wissenschaftssendungen und berichtet als Reporter aus dem Ausland. © Karsten Schwanke Karsten Schwanke ist Meteorologe, Wissenschaftsjournalist und Wettermoderator in der ARD. Er moderiert zahlreiche Wissenschaftssendungen und berichtet als Reporter aus dem Ausland.

ZEIT ONLINE: Müssen wir künftig öfter mit solchen extremen Jahren rechnen?

Schwanke: Danach sieht es aus. Ein Forscherteam vom britischen Wetterdienst, dem MetOffice, hat sich den langen Sommer 2018 für Großbritannien genauer angeschaut und sich die Frage gestellt: Um wie viel ist die Wahrscheinlichkeit des Auftretens eines solchen Sommers im Zuge der Klimaerwärmung gestiegen? Heraus kam Beachtliches: Noch zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts lag die Wahrscheinlichkeit bei 1:245 Jahren (also alle 245 Jahre hätte ein solcher Jahrhundertsommer auftreten können). Heute, nach nur einem Grad Celsius der globalen Erwärmung, hat sich diese statistische Wahrscheinlichkeit auf 1:8 erhöht – also ein statistisch wahrscheinliches Auftreten alle acht Jahre! 

ZEIT ONLINE: Was, wenn es mit dem Klimawandel so weitergeht wie bisher?

Schwanke: Steigt die durchschnittliche Temperatur der Erde weiter wie prognostiziert an, müsste man 2050 alle zwei Jahre mit einer solchen Wetterlage rechnen, berichten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Selbst wenn dies nicht ganz genau so eintreten würde wie berechnet, steht fest: Dürreperioden im Sommer werden in unseren Breiten zunehmen. Das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung erfasst jeden Monat die Bodenfeuchte in Deutschland und wertet die Daten aus: Im Dürremonitor lässt sich verfolgen, wie nass oder trocken es gerade ist.

ZEIT ONLINE: Ein heißer Sommer macht noch keinen Klimawandel, ein extremer Winter ist noch kein Zeichen für eine Eiszeit. Viele Jahre lang wurde von Forschern betont: Wetter ist nicht Klima. Doch auf einmal sagt auch der DWD anderes. Das Jahr 2018 habe "vielleicht noch eindrücklicher als 2017 gezeigt, mit welchen folgenreichen Auswirkungen wir bei weiter steigenden Temperaturen in Deutschland künftig wohl rechnen müssen". Ein Sinneswandel?

Schwanke: Das kommt einem so vor, aber es ist in der Tat eine Gratwanderung: Natürlich sind Wetter und Klima unterschiedliche Dinge. Das Wetter passiert in diesem Moment da draußen, es ist emotional, und wir finden es schön oder schlecht, das Klima hingegen ist ein mathematischer Mittelwert von 30 Jahren. Doch mit dieser Aussage kann ich mich als Forscher auch in 100 Jahren noch hinstellen und sagen: "Das da draußen ist nicht der Klimawandel, das ist nur Wetter." Die Menschen fragen uns Meteorologen aber zu Recht: Ist das noch Wetter – oder schon der Klimawandel? Und wir müssen versuchen, diese Frage gewissenhaft zu beantworten. Am Beispiel des Sommers 2018 war das recht gut möglich, weil er in vielen Bereichen eine komplett neue Qualität hatte. Wir werden aber auch bei der Entwicklung von kräftigen Sommergewittern und Starkregenereignissen ein Auge darauf haben, inwieweit sich hier in Zukunft – im Zuge der globalen Erwärmung – eine spürbare Veränderung zeigt.

ZEIT ONLINE: Konkrete Wettervorhersagen sind auch heute noch nicht Monate im Voraus möglich. Gibt es dennoch Parameter, an denen man eine Prognose wagen kann, was 2019 auf Deutschland zukommen könnte?

Schwanke: Nein. Tatsächlich kann ich nicht sagen, wie der Sommer 2019 wird oder ob wir einen trockenen Winter bekommen. Wetterzentren beschäftigen sich aber mit der Frage, wie auch längerfristige Wetterprognosen machbar wären. Die einzige brauchbare Langfristprognose, die mir bekannt ist, ist die Vorhersage des Eintreffens des indischen Sommermonsuns durch den indischen und den britischen Wetterdienst. Hier in Europa steckt die Langzeitvorhersage noch in den Kinderschuhen und ist Gegenstand von Forschungsvorhaben. Vorreiter ist das Europäische Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage (ECMWF) im britischen Reading, aber auch der DWD versucht sich seit einiger Zeit an dieser Art von Prognosen – erst einmal nur für die Forschung. Ich denke, dass wir in den nächsten Jahren und Jahrzehnten langsame Verbesserungen erleben werden.

ZEIT ONLINE: Damit sich die Landwirtschaft besser als noch im vergangenen Jahr auf mögliche Dürrezeiten einstellen kann, haben Forscher vom DWD eine frühere und genauere Vorhersage der Bodenfeuchte entwickelt. So wissen Bauern künftig bestenfalls sechs Wochen im Voraus, inwieweit sie ihre Felder künstlich bewässern müssen. Wo bräuchte es noch schnellere, genauere und frühere Vorhersagen, um Klimafolgen zu begegnen?

Schwanke: In allen Bereichen. Unsere gesamte Wirtschaft ist wetterabhängig. Je genauer längerfristige Prognosen werden, desto besser können sich viele darauf einstellen: vom Tourismus bis hin zur Energiewirtschaft. Aber noch sind wir weit davon entfernt. Auch bei den sechswöchigen Prognosen für die Bodenfeuchte durch den DWD dürfen wir nicht übersehen, dass die Genauigkeit abnimmt, je weiter im Voraus man Vorhersagen trifft. Sie sind ein guter Anhaltspunkt, aber sie sind auch nicht in Stein gemeißelt.

In diesem Schwerpunkt lesen Sie alles zur Dürre in Deutschland, den spürbaren Klimafolgen und dazu, wie sich die Landwirtschaft anpassen kann.

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