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Eine Waffe, wirksamer als jedes Öl-Embargo

Die Presse-Logo Die Presse 17.05.2022 VON MATTHIAS AUER
Greenpeace wirft sich in Schlauchbooten vor Tanker voll russischem Öl. Die großen Versicherer könnten deutlich mehr bewegen. / Bild: REUTERS © Greenpeace wirft sich in Schlauchbooten vor Tanker voll russischem Öl. Die großen Versicherer könnte... Greenpeace wirft sich in Schlauchbooten vor Tanker voll russischem Öl. Die großen Versicherer könnten deutlich mehr bewegen. / Bild: REUTERS

Wien. Schön langsam wird es langweilig: Seit zwei Monaten debattieren Europa und die USA lautstark darüber, kein Öl und Gas mehr aus Russland kaufen zu wollen – und (fast) nichts passiert. Amerika verhängte zwar ein Embargo, aber das hat angesichts der geringen Importmengen nur symbolische Wirkung. Beim „heavy user“ Europa scheiterte indes am Montag ein neuerlicher Versuch, Ungarn und einige andere EU-Mitgliedsländer davon zu überzeugen, dass zumindest ein Boykott russischer Ölimporte wirtschaftlich verkraftbar wäre. So wird die Unsicherheit prolongiert, erreicht aber wenig.

Vielleicht ist es an der Zeit, das Gezerre um ein immer weiter verwässertes Importverbot in die EU zu beenden, stattdessen etwas Kreativität zuzulassen – und damit letztlich sogar mehr zu erreichen.

Natürlich ist die EU für Russland als Ölkunde sehr wertvoll. Moskau nahm im Vorjahr knapp 180 Milliarden Euro mit dem Verkauf von Erdöl ein, fast jedes zweite exportierte Fass landete in der EU. Mittlerweile ist die russische Ölwirtschaft besser auf einen möglichen europäischen Importstopp vorbereitet als vor wenigen Monaten. Das liegt einerseits daran, dass viele westliche Unternehmen (etwa die OMV) von sich aus kein russisches Öl mehr zukaufen. Andererseits liegt es am pragmatischen Zugang Asiens, wo China und Indien schon heute russisches Öl in großem Stil importieren. Die Exportmengen russischen Erdöls sind seit Kriegsbeginn kaum gefallen, Firmen wie Rosneft oder Surgutneftegas verkaufen ihre Ware nun eben mit hohen Rabatten an Peking und Neu-Delhi. Ein EU-Embargo würde daran herzlich wenig ändern.

Machtfaktor Versicherungen

Aber es gibt einen Weg, um russisches Öl nicht nur von Europa, sondern auch weitgehend vom Rest der Welt fernzuhalten – und der Schlüssel dazu liegt auf dem Meer. Russland ist beim Export seines Erdöls auf den Schiffsverkehr angewiesen, drei Viertel aller Exporte werden über Tankschiffe zu den Käufern gebracht. Die EU weiß das und wollte daher den Transport russischen Öls mit europäischen Schiffen verbieten. Das scheiterte jedoch am Widerstand Maltas und Griechenlands. Das wirtschaftliche Interesse ist klar: Fast die Hälfte des russischen Erdöls wird aktuell mit griechischen Tankern verschifft.

Sollen die Öltanker dennoch zum Stillstand gebracht werden, muss Brüssel einen subtileren Weg wählen und neue Verbündete auf ihre Seite ziehen: die westliche Versicherungswirtschaft. Anders als Banken sind Assekuranzen bisher von den Sanktionen gegen Putins Regime weitgehend unberührt geblieben. Dabei ist ihr Einfluss in der momentanen Krise zwar nicht sofort ersichtlich, dafür aber umso entscheidender. Damit sich ein Öltanker auf den Weg von A nach B macht, braucht es mehr als Käufer, Verkäufer und Reederei. Ohne Versicherung wird die wertvolle Fracht nur selten auf die Reise geschickt. Die meisten Versicherungen, die sich darauf spezialisiert haben, sitzen in Europa, vor allem die LLoyds Bank of London hat entscheidende Marktmacht.

Und da normale Schiffskaskoversicherungen bei Weitem nicht alles decken, sind sogenannte Property & Indemnity-Clubs entstanden, die auch die Fracht versichern sowie Kriegsrisiken und Umweltschäden nach Tankerunfällen abdecken. Die Schadensfälle werden dabei auf alle Mitglieder der Clubs umgelegt. Fast alle Häfen der Welt verlangen eine P&I-Versicherung, die 95 Prozent der gesamten Seefracht abdeckt. Und: Alle 13 P&I-Clubs sind in Europa, USA und Japan zu finden. Weisen Brüssel, London und Washington ihre Assekuranzen und P&I-Clubs an, keine Schiffe mehr zu versichern, die russisches Erdöl liefern, wäre Moskau nicht nur der Weg nach Europa versperrt, auch der Rest der Welt käme nur noch schleppend an russisches Erdöl.

„Geisterflotten“ brauchen Zeit

Schleppend deshalb, weil Ölhändler bei bisherigen Embargos gegen den Iran oder Venezuela bewiesen haben, wie rasch sie Umgehungskonstrukte finden können. „Geisterflotten“ unter falscher Flagge und ohne Versicherung sind ebenso zu erwarten wie der Versuch, russisches Öl mit anderem Öl zu mischen und als nicht-russisch weiterzuverkaufen. Aber das kostet Zeit und kann nur einen kleinen Teil der Exporte ersetzen.

Die Versicherer bleiben bisher zurückhaltend: Ohne direkte Weisung der Regierungen könnten sie nicht in bestehende Verträge eingreifen, argumentieren sie.

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