Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

-Top Stories

Heuer schon fast 80.000 Grippetote: Was Corona verdeckt

Die Presse-Logo Die Presse 28.02.2020 VON WOLFGANG GREBER

Weltweit erkranken jedes Jahr Millionen Menschen an Grippe schwer, hunderttausende davon sterben, zuletzt 2018/19 in Österreich rund 1400. Dennoch riegelt man deswegen keine Städte ab oder verschiebt Großveranstaltungen.

© Bereitgestellt von Die Presse

Mindestens 83.000 bestätigte Fälle weltweit, die meisten davon in China (rund 78.800), Südkorea (2330) und Italien (655). Mindestens 2860 Todesopfer, die meisten davon in China (rund 2790), im Iran (34) und in Italien (17). In Österreich gab es zuletzt fünf Erkrankungen.

Das sind Zahlen zur aktuellen Corona-Epidemie, die laut Quellen wie der WHO am frühen Freitagnachmittag (MEZ) zirkulierten, sich momentan aber naturgemäß stetig ändern. Es sind aber auch Zahlen, die aktuell als Basis einer weltweiten medialen Informationsflut dienen, als Grund für Absperrungen von Städten und Regionen, für Absagen von Reisen und Großveranstaltungen, für Sperren bzw. verstärkte Kontrollen an Grenzen, für die Unterbrechung von Produktionen und Warenlieferketten und für hektische Aktivitäten und Angstausbrüche aller Art.

„Wir müssen aufhören, Panik zu machen"

Am Freitag sprang der Chef des Welt-Ärztebundes in die Bresche, um zu beruhigen: „Wir müssen aufhören, Panik zu machen", sagte Frank Ulrich Montgomery in einem Interview mit der „Passauer Neuen Presse". "Das Virus kann bei manchen Menschen zu schweren Erkrankungen führen. Bei über 80 Prozent führt es nur zu erkältungsähnlichen Symptomen. Dies ist aber nicht der Weltuntergang."

Der Herr mit dem klingenden englischen Nachnamen, der von einem englischen Offizier herrührt (allerdings nicht vom legendären General Sir Bernard Montgomery) ist ein deutscher Radiologe und früherer Präsident der Bundesärztekammer. Er glaubt übrigens nicht, dass es noch heuer einen Impfstoff dagegen geben werde, denn die Technik der Impfstoffgewinnung und -zulassung dauere mindestens ein Jahr.

Letztlich sollte man sich die Zahlen ansehen und einen Vergleich mit der gewöhnlichen Grippe (Influenza) anstellen, deren Hauptsaison auf höheren Breiten der Nordhalbkugel von November bis April, auf den höheren Breiten der Südhalbkugel von April bis November und im äquatornahen Raum übrigens ganzjährig ist. Und ja, man kann sich weltweit ganzjährig eine Grippe einfangen, in Österreich ebenso wie in Neuseeland, man sagt dann gern „Sommergrippe" dazu.

Die gewöhnliche Influenza also führt in „normalen Jahren" weltweit laut WHO (2017), den Centers for Disease Control and Prevention CDC (USA) und dem Fachmagazin „The Lancet" (Großbritannien) bei drei bis fünf Millionen Menschen zu schweren Verlaufsformen; das sind solche, die als Grippe symptomatisch auch erkannt werden und meistens medizinischer Behandlung zugeführt bzw. zumindest von einem Arzt registriert werden. Zigmillionen Fälle bleiben unerkannt oder haben leichte Verläufe. Und es sterben jährlich zwischen 290.000 und 650.000 Menschen daran, häufig wegen Sekundärinfektionen.

Sterblichkeitsrate in ähnlichem Rahmen

Influenza ist nicht viel weniger gefährlich als das neue Coronavirus. Als mittlere Sterblichkeitsrate werden meist 2 Prozent genannt, es gibt aber lokale Ausreißer nach oben (etwa 4 Prozent) und unten (etwa 0,16 Prozent). Bei gewöhnlicher Grippe geht es um Raten von weniger als 0,1 bis 0,7 Prozent, aber die Gefährlichkeit beider Virenstämme liegt in der selben Liga.

All solche Zahlen sind zwar naturgemäß auch wegen mangelhafter medizinischer Einrichtungen und Buchführung in vielen Ländern mehr Schätzungen und Hochrechnungen und dürften letztlich untertrieben sein. Sie markieren allerdings gewisse Größenordnungen.

Frühere Arbeiten setzten den „normalen" globalen Influenza-Todesrahmen mit 250.000 bis 500.000 Opfern fest. Andere, doch weitgehend ähnliche Zahlen lieferte 2019 eine Studie des „Global Influenza Mortality Project" (GLaMOR), das Produkt einer weltweiten Arbeit unter Führung des „Netherlands Institute for Health Services Research" in Utrecht mit teilnehmenden Forschern unter anderem auch in Österreich. Dabei nahm man Grippedaten aus 31 Staaten in allen Weltregionen aus dem Zeitraum 2002 bis 2011 und rechnete sie für die 193 anerkannten Staaten der Erde hoch.

Man kam dabei auf 294.000 bis 518.000 Influenzatote im Jahr bei einem Mittelwert von 389.000. 67 Prozent davon waren Personen mit 65 Jahren und älter. Die mittlere Todesrate pro 100.000 Menschen wurde mit 5,9 angegeben, mit regionalen Schwankungen zwischen 4,5 im östlichen Mittelmeer und 6,2 in Nord- und Südamerika.

Rund 1400 Grippetote 2018/19 in Österreich

5,9 auf 100.000 entspricht einem jährlichen Dahinscheiden von 0,0059 Prozent der Bevölkerung durch Grippe. Auf Österreich umgelegt (8,9 Millionen Menschen) wären das 525 Tote pro Jahr. Das wäre in Bezug auf Österreich sogar untertrieben, doch ist der Vergleich nicht ganz leicht: Bei uns ist die Statistik saisonal basiert und rechnet nach Fällen pro Grippesaison, die sich auf die Randzeiten jeweils zweier Jahre bezieht. Laut amtlicher Daten gab es in Österreich in der Saison 2018/2019 geschätzt etwa 1400 Grippetote, in der Saison zuvor sogar 2800.

In Österreich hatten die Behörden Mitte Februar mehr als 200.000 Fälle vermutet, es werden jetzt ein paar Zehntausend mehr sein. In den USA ging man laut CDC Mitte Februar von 29 Millionen Erkrankungen aus, mindestens 280.000 davon zwangen die Patienten ins Spital, mindestens 16.000 starben.

Vergleich: In den USA wurden zuletzt rund 60 Coronapatienten gezählt.

Sterben Chinesen fast nie an saisonaler Grippe?

Für China berichtet ein Artikel auf der chinesischen Online-Plattform „Caixin" (21. Februar) übrigens Interessantes: Demnach seien in dem 1,4-Milliarden-Land im Jänner 600.000 Menschen ernsthaft an Grippe erkrankt, aber „nur" etwa 140 gestorben, was völlig unglaubwürdig klingt. Amtliche Zahlen aus früheren Jahren sind laut Caxin ebenso seltsam: 2016 und 2017 berichtete China 56 bzw. 42 Grippetote. In den USA hingegen gab es in der Saison 2016/17 etwa 51.000 Tote.

Die Antwort, meint Professor Ben Cowling von der Hong Kong University School of Public Health, liege an mehreren Faktoren. So würden Patienten in China in der Regel nicht auf Grippeviren getestet und erschienen dann etwa als Personen mit bakteriellen Lungenentzündungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Leberleiden, Krebs und so fort. Ihr Tod werde dann meist bereits bestehenden Gesundheitsproblemen zugerechnet, nicht der Grippe. Ärzte seien auch mit Meldungen nachlässig, die nationalen Behörden verwendeten keine statistischen Hochrechnungsmodelle, etc.

„Ich würde schätzen, dass in China diesen Winter schon mindestens 100.000 Menschen an Grippe und deren Folgen starben", so Cowling.

Es gibt übrigens auf der Online-Datenplattform „Worldometer" einen interessanten Zähler: Er stellt neben Zahlen etwa zur Weltbevölkerung und Weltwirtschaft in Echtzeit auch die (teils gewiss statistisch errechneten) Fallzahlen zur Coronavirenwelle und zur gewöhnlichen Influenza dar. Am Freitag um 14:00 Uhr sah dies wie folgt aus:


 

>>> Link zur WHO

>>> Link zur GlaMOR-Studie

>>> Daten für Österreich

>>> Link zum CDC-Report

>>> Link zum Caixin-Bericht

>>> Link zum Worldometer-Zähler

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von Die Presse

image beaconimage beaconimage beacon