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FBI ignorierte Warnung vor dem Amokläufer

WELT-Logo WELT 17.02.2018

Das Massaker an der Schule in Parkland mit 17 Toten hätte womöglich verhindert werden können. Wie das FBI eingestand, wurde eine direkte Warnung vor dem Täter im Januar nicht an die örtliche Polizei weitergegeben.

Es dauerte keine drei Minuten, bis der Todesschütze der Highschool in Parkland in Florida auch offiziell von einem Gericht angeklagt wurde. Siebzehnfachen Mord warf die Staatsanwalt Nikolas C. vor, für jeden einzelnen Toten des Amoklaufs vom Mittwoch.

Der 19 Jahre alte Teenager war dabei per Video aus der Untersuchungshaft in das Gerichtsgebäude von Broward County zugeschaltet worden. Er trug orangefarbene Gefängniskleidung sowie miteinander verbundene Hand- und Fußfesseln.

Die Anklage nahm C. schweigend und mit gesenktem Kopf zur Kenntnis. Nur einmal antwortete er auf die Frage der Richterin, ob er alles verstanden habe, mit den Worten "Yes Ma'am". Vor seiner ersten Anhörung soll C. gegenüber der Polizei die Tat gestanden haben. Dem Amokläufer droht bei einem Schuldspruch die Todesstrafe. Ob die Verteidigung auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren wird, ist unklar.

"Er ist traurig. Er trauert und bereut die Tat", erklärte Melissa McNeill, eine seiner beiden Pflichtverteidiger später. Sie schien der Fall selbst emotional mitzunehmen, und sie legte während der Anhörung tröstend den Arm um ihren Mandanten. "Es ist ihm voll bewusst, was er getan hat. Er ist ein gebrochener Mensch." C. steht in der U-Haft wegen Selbstmordgefahr unter ständiger Beobachtung.

Zwei Tage nach dem Massaker, die 18. Schulschießerei allein in diesem Jahr, bleibt die Frage, ob dieser Amoklauf hätte verhindert werden können. Anzeichen, dass Nikolas C. psychische Probleme und der Schule nach seinem Rauswurf im vergangenen Jahr mit Rache gedroht hatte, gab es offenbar genug. Mitschüler und Nachbarn beschreiben den Teenager als "Psycho, Waffennarr oder Sonderling" und als "jemand, der keine Freunde und immer wieder Ärger an der Schule oder mit den Behörden hatte".

Am Freitag wurde bekannt, dass das Massaker womöglich hätte verhindert werden können. Das FBI gestand in einem Statement ein, einem Anruf am 5. Januar nicht nachgegangen zu sein. Ein Anrufer habe Hinweise auf den späteren Täter C. gegeben, habe auf dessen Vernarrtheit in Waffen hingewiesen und dass dieser womöglich einen Überfall auf eine Schule plane.

Der Anruf sei nie weitergegeben worden und habe die Polizisten vor Ort nie erreicht. FBI-Chef Christopher Wray erklärte, man bedaure zutiefst den zusätzlichen Schmerz, den die Angehörigen der Opfer nun erlitten. Wray sicherte eine gründliche Untersuchung der Panne zu. Er sehe sich verpflichtet, der Sache "auf den Grund" zu gehen, erklärte er.

Die Nachbarn hörten Schüsse im Garten

Mehrmals sollen zudem Nachbarn die Polizei zum Haus von C., wo er bis zum Tod seiner Adoptivmutter im vergangenen September gelebt hatte, gerufen haben. Oft hatten sie dabei Schüsse gehört. C. erlegte mit seinem Gewehr offenbar gerne kleine Tiere wie Eidechsen, Frösche oder Eichhörnchen.

Die Behauptung, C. sei Mitglied der Neo-Nazi Organisation "Republic Florida" gewesen und hätte an paramilitärischen Einsätzen teilgenommen, hat deren Anführer mittlerweile zurückgenommen. Jordan Jereb, der mit seiner Miliz Florida zu einem "Staat nur für Weiße" machen will, spricht mittlerweile von einem "Missverständnis". "Ich habe widersprüchliche Informationen bekommen." Den Amoklauf hat er offenbar für Werbezwecke für seine rassistische Gruppe genutzt.

Vieles von C.' Verhalten zeigt, dass der Todesschütze ernsthafte mentale Probleme hat. Vor allem nach dem Tod seiner Adoptivmutter im September 2017 wird er als "niedergeschlagen und depressiv" beschrieben. Sein Adoptivvater war gestorben, als C. gerade sechs Jahre alt war.

US-Präsident Donald Trump sieht die mentalen Probleme des Attentäters schon jetzt als Grund für den Amoklauf. In einer TV-Ansprache sagte er, dass man das "schwierige Thema psychischer Gesundheit" angehen müsse. Eine Verschärfung der Waffengesetze, wie von Demokraten im Kongress erneut gefordert, lehnte er wie die Republikaner ab. Unter Angehörigen der Opfer sorgte das für Wut.

"Präsident Trump, wir brauchen Taten, wir müssen was ändern", schrie Lori Alhadef geradezu in eine Fernsehkamera in Richtung Weißes Haus. Sie hatte bei dem Anschlag ihre 14 Jahre alte Tochter Alyssa verloren. "Holen Sie diese Waffen endlich von der Straße."

TOPSHOT - Hector Romero Assistant Public Defender (L) and Melisa McNeill, Public Defender (R) are seen on screen at the first appearance in court for high school shooting suspect Nikolas Cruz (C) on February 15, 2018 at Broward County Court House in Fort Lauderdale, Florida. The heavily armed teenager who gunned down students and adults at a Florida high school was charged Thursday with 17 counts of premeditated murder, court documents showed. Nikolas Cruz, 19, killed fifteen people in a hail of gunfire at Marjory Stoneman Douglas High School in Parkland, Florida. Two others died of their wounds later in hospital, the sheriff's office said. / AFP PHOTO / POOL / Susan STOCKER-SUN SENTINEL © AFP TOPSHOT - Hector Romero Assistant Public Defender (L) and Melisa McNeill, Public Defender (R) are seen on screen at the first appearance in court for high school shooting suspect Nikolas Cruz (C) on February 15, 2018 at Broward County Court House in Fort Lauderdale, Florida. The heavily armed teenager who gunned down students and adults at a Florida high school was charged Thursday with 17 counts of premeditated murder, court documents showed. Nikolas Cruz, 19, killed fifteen people in a hail of gunfire at Marjory Stoneman Douglas High School in Parkland, Florida. Two others died of their wounds later in hospital, the sheriff's office said. / AFP PHOTO / POOL / Susan STOCKER-SUN SENTINEL

Sind prahlende Teenager potenzielle Massenmörder?

Neben mentalen Problemen zeigte C. auch typisches Teenagergehabe. Auf Bildern auf Instagram posierte er mit verdecktem Gesicht mit Waffen und Messern. In einem Land, in dem Pistolen und Gewehre ohne große Probleme zu kaufen sind, ist das zwar nicht die Regel, ungewöhnlich ist es aber auch nicht. C. hatte sein Sturmgewehr AR-15 völlig legal erworben. In den sozialen Medien prahlen viele Teenager mit ihrem Waffenarsenal. Sind sie deshalb gleich potenzielle Massenmörder?

Doch es gab vor dem Anschlag ernsthafte Warnungen vor einem Jungen, der einen Anschlag plante. "So viele Alarmsignale", sagt Howard Finkelstein, der zweite Pflichtverteidiger von C.. "Aber niemand hat etwas unternommen."

Jeden Tag mehr als 100 Drohungen laut FBI

Der Amoklauf in Parkland ist nicht der erste Anschlag, bei dem sich das FBI den Vorwurf gefallen lassen muss, nicht ordentlich ermittelt zu haben. Bei dem Massaker in einem Nachtklub in Orlando im Juni 2016 mit 49 Toten hatten die Beamten den Todesschützen vorher überwacht. Sie schienen aber nicht genug Beweise zu haben, um Omar Mateen festnehmen zu können.

Das galt auch bei dem Attentäter des Bombenanschlags in New York im September 2016 mit 36 Verletzten sowie bei dem Todesschützen am Flughafen von Fort Lauderdale 2017 mit fünf Toten. In beiden Fällen hatte das FBI gegen die Täter ermittelt. Den Anschlag verhindern konnte es aber nicht.

"Das FBI bekommt jeden Tag mehr als 100 solcher Drohungen", sagt Ron Hosko, ein früherer FBI-Ermittler. Und jedes Mal müssten die Beamten abschätzen, ob die Gefahr so groß ist, dass ein Ermittlungsteam eingesetzt werden müsse. Manchmal würden Teenager auch nur Dampf ablassen, weil sie sich geärgert haben, oder sie wollen angeben und anderen imponieren. Hätte C. im Internet seine Treue zum Islamischen Staat bekundet, hätte das FBI vermutlich anders reagiert, glauben frühere Fahnder.

"Im Nachhinein ist es immer leicht zu sagen, dass die Polizei nicht genug getan hat", sagt Hosko. "Doch so einfach ist das nicht."

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