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„Weniger brauchen ist mehr, als viel zu haben“

KURIER-Logo KURIER 26.12.2021 Redaktion kurier.at

Für Propst Markus Grasl vom Stift Reichersberg verliert die Weihnachtsbotschaft nie an Aktualität. Von Gerhard Marschall.

Markus Grasl, Probst des Stiftes Reichersberg © Gerhard Marschall Markus Grasl, Probst des Stiftes Reichersberg

„Weihnachten kommt jedes Jahr“, sagt Markus Grasl, „und die Botschaft ist immer die gleiche.“ Dennoch sei der Text jedes Mal anders zu verstehen, weil sich die Umstände ändern. Deswegen verliere die Botschaft nie an Aktualität. „Sie muss uns immer wieder gesagt werden: Gott kommt zu uns, die Initiative geht von ihm aus – heute.

35-jährig gewählt

Markus Grasl war erst 35, als er 2016 zum Propst des Augustiner-Chorherrenstiftes Reichersberg (Bez. Ried) gewählt wurde. Er ist ein gläubiger Mann, aber nicht weltentrückt, beurteilt die Dinge nüchtern, verurteilt aber nicht. Etwa wenn es darum geht, dass das Fest im Konsumrausch unterzugehen droht. „Weihnachten ist längst abgelöst worden von anderen Interessen“, sagt er. Natürlich lebe die Wirtschaft davon, aber es gehe immer auch um Arbeitsplätze. Und dennoch: „Wir sind ja schon so übersättigt, und vor lauter Sattsein sind wir komplett angefressen.“ Propst Markus zitiert den Ordensgründer Augustinus: „Weniger brauchen ist mehr, als viel zu haben.“

HTL in Wiener Neustadt

Grasl stammt aus Pitten in Niederösterreich. Er hat die HTL für Elektrotechnik und Leistungselektronik in Wiener Neustadt absolviert und mit Auszeichnung maturiert. Schon während der Schulzeit sei ihm jedoch klar geworden, dass seine Zukunft eher im geistlichen Bereich liege. Und so trat er nach dem Zivildienst in den Orden ein. „Mit offenem Ausgang. Es ist gereift und gewachsen.“

Kalbsbratwürstel

Der Heilige Abend wird im Stift traditionell begangen. „Das ist alles sehr schlicht und tut uns gut“, sagt Grasl. Es gibt Kalbsbratwürstel mit Sauerkraut und Erdäpfelschmarrn. Danach versammeln sich die Chorherren vor dem geschmückten Baum, der Propst verkündet das Weihnachtsevangelium. Anschließend sitzt man bei Keksen und einem Glas Wein zusammen. Aber nicht lange, denn bald müssen die ersten Mitbrüder in die von Reichersberg betreuten acht Pfarren aufbrechen. Die Mettenmesse hält Herr Klemens, der Stiftspfarrer. Das „Stille Nacht“ am Ende sei für ihn ein jedes Mal „ein erhebendes und bergendes Gefühl“, sagt der Propst: „Das ist sehr einwändig.“

Daham und dahoam

Den Begriff hat er im Innviertel kennengelernt. Er habe sich hier gut eingelebt, dennoch werde er immer Niederösterreicher bleiben. Dort sei er „daham“ und hier „dahoam“. Grasl hat in Salzburg Theologie und Religionspädagogik studiert, anschließend an Volksschulen und an der HTL Braunau unterrichtet. Er habe das als eine sehr fordernde Zeit erlebt, erinnert er sich. Die Religionsstunde als Chance, jungen Menschen Mut zu machen und Themen aufzugreifen, die sie bewegen. „Und ihnen zu vermitteln, dass es Leute braucht, die neben Fachwissen mit vielen Kompetenzen ausgestattet sind.“

Weihnachten in der Stiftskirche © Stift Reichersberg/Hans Hatheier Weihnachten in der Stiftskirche

Propst Markus zelebriert das Pontifikalamt am Weihnachtstag. Seine Botschaft: „Wenn wir nur um uns selbst kreisen, werden wir krank. Wir müssen aufeinander schauen, aufeinander zugehen.“ Vieles drehe sich jedoch um das Ich, um das eigene Wohlergehen, um das eigene Recht – gerade in dieser angesichts der Corona-Pandemie so aufgeheizten Zeit. Demonstration sei ein wichtiges und gutes Recht, sagt Grasl: „Aber es erschreckt und macht Angst, wie sich plötzlich die Wogen immer mehr aufschaukeln, man sich gegenseitig aufhusst und es zu Gewalt kommt.“ Es sei leicht, Menschen auseinanderzubringen. Die Kunst sei, Menschen zusammen zu bringen, miteinander zu reden, einander zu verstehen. „Da hat man eh genug zu tun.“

Selbstkritische Fragen

Angesichts einer sich ständig verändernden Welt sieht Propst Grasl Weihnachten auch als Anlass zu selbstkritischer Analyse. Nach wie vor kämen in diesen Tagen mehr Menschen zu den Gottesdiensten als im übrigen Jahr. Doch Fragen drängten sich auf: „Kann die Kirche noch nahe genug bei den Menschen sein? Nehmen uns die Menschen noch wahr? Sind wir in der Pastoral noch wirksam? Oder beschränken wir uns auf das Abarbeiten von Sakramenten?“ Einige der Reichersberger Chorherren fahren nach den Feiertagen heim zu ihren Familien, auch der Propst. Die Eltern, beide über 80, leben in Pitten, die drei Geschwister in der Nähe. Man habe irgendwann ausgemacht, sich nur mit gemeinsamer Zeit zu beschenken. Das sei das wirklich Wertvolle. Aber vermutlich sei das in manchen Familien schwierig, und so versuche man, Weihnachten möglichst rasch hinter sich zu bringen. Oder Beziehungslosigkeit und Einsamkeit würden mit materiellem Überfluss zugedeckt. Sich beim Schenken Gedanken zu machen, sei letzten Endes Ausdruck von Liebe und Wertschätzung, sagt Grasl. „Und beides brauchen wir alle.“

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