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Vermisste Kinder: Das ist ein Schmerz, der geht nicht weg [premium]

Schaufenster-Logo Schaufenster 22.06.2020 von Eva Winroither

An einem Vormittag verschwand der 17-jährige Mirko Bandic spurlos aus einer Wiener Privatschule und wurde seither nicht mehr gesehen. Das ist jetzt 25 Jahre her. Seither hofft Mutter Kazimiera Gadek, dass er eines Tages zurückkommt.

© Bereitgestellt von Schaufenster

Der Bub ist schon fast bei der Tür hinaus, da hält ihn seine Mutter zurück. „Du hast dein Jausengeld vergessen“, sagt sie und will ihm die 50 Schilling in die Hand drücken, die jeden Morgen in der Küche für ihn bereitliegen. „Mama, ich will heute nicht essen“, antwortet er. Es ist der Morgen des 15. März 1995. In sechs Tagen wird ihr Sohn Geburtstag haben. Dann ist der 1,85 Meter große Mirko, brünette Haare, blaue Augen, Brille, 17 Jahre alt. Ein durchtrainierter Bursche, ein ausgezeichneter Schwimmer, hochintelligent. Er spricht fünf Sprachen: Polnisch, Deutsch, Englisch, Ungarisch, Kroatisch. Die ersten drei perfekt. An diesem Tag trägt er locker geschnittene Jeans und einen naturfarbenen Strickpulli mit schwarzen Streifen. Seine Mutter gibt ihm resolut das Geld in die Hand. „Ohne Geld kannst du nicht gehen.“ Der Bub muss ja essen. Sie hat kleine Hände, die zupacken können, das sieht man sofort. Resigniert nimmt er das Geld, dreht sich um und geht bei der Tür hinaus. Es ist das letzte Mal, dass ihn seine Mutter sehen wird. Das ist jetzt 25 Jahre her.

Seither teilt sich das Leben von Kazimiera Gadek in zwei. In eine Zeit, in der es eine Familie gab. Und die Zeit danach. Der Ehemann tot, der Sohn verschwunden.

Kazimiera Gadek, mittlerweile 70 Jahre alt, sitzt am Esstisch in ihrer Altbauwohnung im sechsten Bezirk. Im Hintergrund läuft der HD-Fernseher. Alles in der Wohnung ist hell, freundlich, sauber. Die Küchenmöbel sind weiß, die vielen Fenster lassen Licht herein. Das graue Sofa steht geschmackvoll in der Mitte des Raumes. In der Ecke steht ein weißer Kachelofen mit fein gezeichneten Blumenmotiven. Aber es hängen keine Fotos an den hohen Wänden, sie sind leer. Dabei hat Kazimiera Gadek viele Fotos. Sie liegen in einer Mappe vor ihr am Tisch und sind in einem Plastiksack im Küchenkasten verstaut. Fotos von Mirko, von ihren Schwestern und Nichten in Polen, von ihrem Mann und Mirko im Urlaub. Sie blickt auf. „Alle sind weg, nur ich bin noch da.“

30 Vermisste pro Tag. Im Vorjahr verschwanden 11.000 Österreicher, das sind 30 pro Tag. Fast alle tauchen wieder auf, nur etwa zehn Fälle bleiben pro Jahr auf lange Sicht ungelöst, heißt es aus dem Bundeskriminalamt. Am 1. Mai waren 816 Männer und Frauen als abgängig registriert. Davon 332 Minderjährige. Der Verein Österreich findet euch betreut jene Menschen, die ihre Angehörigen für längere Zeit suchen. Vereinsgründer Christian Mader war bis 1998 Leiter der Wiener Abgängigenfahndung. Heute ist er im Bundeskriminalamt in der Drogenfahndung tätig. Doch die Vermissten haben ihn nie losgelassen: „Es ist das Schlimmste, wenn jemand vermisst wird, weil man keine Antwort hat. Man kann nicht abschließen.“

So wie im Fall Madeleine McCann, der dieser Tage wieder in den Medien aufgetaucht ist. Ein Tatverdächtiger wurde festgenommen. Auch Kazimiera Gadek hat den Fall verfolgt, sie weiß, was der Verlust nach all den Jahren bedeutet: „Das ist ein Schmerz, der sitzt so tief, der geht nicht weg.“

Dabei deutet nichts darauf hin, dass Mirko Bandic (er trägt den Nachnamen seines Vaters) aus dem Leben seiner Eltern verschwinden wird. Er geht in eine Wiener Privatschule, hat dort Freunde, schreibt Bestnoten. In der siebten Klasse überlegen Mutter und Sohn, was er in München studieren könnte. Physik liegt ihm, er ist an Computern interessiert.

In seiner Familie zählt Leistung. So viel ist klar. Mutter Kazimiera ist gebürtige Polin, der Vater Kroate, der in Budapest auf die Welt gekommen ist. Dort wird Mirko auch 1978 geboren. Anfang der 80er ziehen die Eltern nach Wien. Kazimiera ist die treibende Kraft dahinter. Die Eltern arbeiten hart, sie arbeitet für ein Veranstaltungsservice, beaufsichtigt polnische Arbeiter. Ihr Mann produziert Strumpfhosen. Er ist viel unterwegs. Die Familie wohnt im Sechsten, in der Esterházygasse. Der Sohn, so will es die Mutter, soll es einmal besser haben. Sie schicken ihn auf die teure Privatschule, in der er sich fortan unter den Kindern von Besserverdienern und in Diplomatenkreisen bewegt.

Fünf Medaillen in Budapest. Wenige Tage vor seinem Verschwinden macht seine Klasse einen Schwimmausflug nach Budapest. Auf den Fotos ist Mirko ständig in der Nähe von seinem besten Freund und einer Klassenkollegin zu sehen. Mittlerweile ist Gadek überzeugt, er sei verliebt in sie gewesen. Die Fotos zeigen lachende Schüler, Mirko in Schwimmhose, bevor er ins Wasser springt, Mirko, wie er den anderen die Speisekarte vorliest, Mirko mit seinen fünf Medaillen, die er gewinnt. „Jemand, der sich umbringen will, der wird nicht kämpfen“, sagt die Mutter.

Sie hat viele solcher Argumente. Warum hat er sich kurz vor seinem Ableben auf einer Messe informiert, wo er im Ausland studieren kann? Warum hatte er nie Anzeichen von Depressionen? Und doch ist das die Geschichte, die über Mirko erzählen werden muss oder die er wollte, dass man sie erzählt.

Fest steht: Am Vorabend des 15. März sitzt Mirko Bandic nervös im Wohnzimmer und wartet auf den Anruf seines besten Freundes. Als er anruft, schnappt er sich das Telefon und zieht sich zurück ins Zimmer, um dort eine halbe Stunde mit ihm zu telefonieren. Am nächsten Tag ist Mirko weg. Er geht in die Schule und verlässt diese um kurz nach zehn Uhr, um sich von der Reichsbrücke mit einem Rucksack, in dem Steine sind, zu stürzen. So steht es im Abschiedsbrief, den er hinterlässt. Der Brief ist auf einer Diskette gespeichert. Ein Hinweis, wo die Diskette zu finden ist, hat er seiner Mutter auf Polnisch geschrieben. Sie findet ihn am Nachmittag, als er nicht, wie vereinbart, in der Schule auf sie wartet.

Der Brief liegt der „Presse am Sonntag“ vor. Eine Seite, auf Englisch verfasst, locker geschrieben, ohne Verzweiflung – und er wurde an zwei Tagen verfasst. Der erste Teil endet mit „Okay, ich muss jetzt kurz essen gehen“. Dann steht: „Nächster Tag. Mist, Ich habe es nicht geschafft, das rechtzeitig fertig zu schreiben. So wie es mir bei der Hausübung auch immer geht. Jetzt schreibe ich im MacLab der Schule weiter.“

Wo sind die Zeugen? Der Brief wird entscheidend sein, warum die Ermittler stutzig werden. „Es gab damals eine psychologische Beurteilung. Der Abschiedsbrief wurde in zwei Phasen geschrieben und das ist fast nicht denkbar“, sagt Christian Mader, der damals die Ermittlungen geleitet hat. Auch glaubt er nicht, dass sich Mirko an einem Vormittag von einer Brücke stürzen konnte. „Da hätte es Zeugen gegeben.“ Die gab es aber nicht. Auch keine Leiche. Hinzu kommt ein seltsames Testament, das er noch kurz vor seinem Verschwinden in der Schule verfasst hat. Seinen Computer bekäme sein bester Freund, steht darin. Warum? Wollte er sich ihn später dort holen? Als „Zeuge“ unterschreibt ein anderer Schulkollege.

„Ich bin mir sicher, dass er noch lebt“, sagt Mader heute. „Ich gehe davon aus, dass er außer Landes gebracht wurde und dabei von jemandem unterstützt wurde.“ Aber natürlich sei es ein Vermisstenfall, da wisse man nie.

Mirko jedenfalls wurde gesucht, in Österreich und dem gesamten Schengen-Raum. Auch seine Eltern suchen. Beide sind geschockt, krank vor Sorge. Seine Mutter besucht Veranstaltungen, von denen ihr Sohn Flyer daheim hat, sie sucht im Ausland, in Budapest (Vielleicht hat er sich dort verliebt?), in Polen (Wo seine Tanten, Nichten und sein Lieblingsonkel wohnen), sogar in Deutschland unter Drogensüchtigen. Dabei hatte er nie mit Drogen zu tun.

Glauben Sie, dass er noch lebt? „Ja. Ich glaube, jemand hat ihn hintergangen. Oder sie haben ihn verkauft.“

Schöne Erinnerungen. Sie zittert, als sie ihre Geschichte erzählt, immer wieder hält sie an. Gadek ist eine gutaussehende Frau, ihre 70 Jahre sind ihr mit den hellen Haaren und den blauen Augen weit nicht anzusehen. Sie kann lachen wie ein junges Mädchen, wenn sie von früher erzählt. Von den Reisen, die die Familie unternommen hat. „Viermal waren wir in Kuba“, dort hat sich eine Sängerin eines Abends auf den Schoß ihres Mannes gesetzt. Danach sei er „großer Casanova“ von der Gruppe aufgezogen worden. Ihre Augen strahlen. Es sind glückliche Erinnerungen.

Die immer länger zurückliegen. „Es hat mich so getroffen, ich war total krank.“ Nach Mirkos Verschwinden wird ihr Mann depressiv, er erleidet mehrere Schlaganfälle, wird zum Pflegefall. Sie versucht, sich um ihn zu kümmern, und weiß aber selbst nicht, wohin mit dem Schmerz. „Ich konnte überhaupt nicht schlafen. Ich war nicht weit davon entfernt, aus dem Fenster zu springen. Aber ich habe immer geschaut, wo ist mein Mann? Soll ich ihn so zurücklassen? Das geht nicht.“

Monatelang, sagt sie, sei sie nach Mirkos Verschwinden am Fenster gestanden und habe geweint wie verrückt. Oft die ganze Nacht. „In der Früh bin ich dann bei Tisch gesessen und habe mir gesagt: Was willst du. Du bist nicht imstande, etwas zu ändern. Das kommt von oben. Bleib ruhig. Lass das Leben laufen, wie es laufen muss.“ Das habe ihr ein bisschen geholfen.

Also blickt sie nach vorn, ist stolz darauf, wie gut sie die Pflege ihres Mannes hinkriegt, bis er ins Pflegeheim muss. Auch dort ist der verlorene Sohn nie vergessen. „Er hat immer gefragt: ,Weißt du etwas?‘ Und ich habe gesagt: ,Glaubst du, ich vergesse das?‘“ 2005 stirbt ihr Mann. Sie kann ihm die Nachricht, die er hören will, nie überbringen.

Sie sagt nichts, als sie mit zittrigen Händen die Fotos von ihrem Mann kurz vor seinem Tod herzeigt. Nach dem Tod habe sie diese Wohnung gekauft. Ein Schutthaufen damals. Die Fotos beweisen es. Fünf Jahre stürzt sie sich in die Renovierung. Kontrolliert jeden Griff der Handwerker, lässt alles neu machen. „Ich habe mich in die Arbeit gestürzt, damit ich nicht denken muss. Es war eine Therapie für mich.“ Die Wohnung ist ihr ganzer Stolz.

Die Jahre sind vergangen. Denkt sie noch oft an Mirko? „Fast jeden Tag. Ich warte noch immer, dass er sich meldet: Mama, ich lebe, ich habe Mist gebaut. Ich werde sofort sagen: Du bist nicht der Einzige, der Mist gebaut hat.“

In den Fängen einer Sekte? Mittlerweile ist sie fest überzeugt, dass er mithilfe von Freunden ins Ausland geflohen ist und dort in die Fänge einer Sekte geraten ist. „Scientology“, die seien mächtig. Ihr Sohn hatte davor aber nie Kontakt mit Scientology.

Ihre Familie will, dass sie zurück nach Polen kehrt, sie nicht. „Niemand kann mir helfen und ich erwarte keine Hilfe. Ich schaue selbst, was ich machen kann.“ Außerdem wolle sie niemandem zur Last fallen. In Wien könne sie weinen, wenn ihr schwer ums Herz wird. „Dann sage ich: Lieber Gott, was hast du noch mit mir vor? Was kann ich noch erwarten? Ich bin 70.“

Immobilien sind jetzt ihre Hobbys. Sie hat noch eine weitere Wohnung in Perchtoldsdorf gekauft, auch diese hat sie, obwohl Neubau, schöner gemacht. Was wünschen Sie sich noch für Ihr Leben? „Dass sich meine Familie irgendwo zusammenklebt. Vielleicht kommt mein Sohn mit einer Frau, mit Kindern zurück.“ Sie macht eine Pause. „Ich habe diese zwei Wohnungen gekauft, weil ich irgendwo den Gedanken habe, dass mein Sohn wiederkommen könnte. Dann könnte ich sagen: Willst du in dieser Wohnung wohnen oder in der anderen?“ Sie denkt aber auch nach, die Wohnung zu verkaufen. Sie überlegt, eine neue zu kaufen. Wieder in der Esterházygasse. Zurück an den Ort, an dem ihr Leben sich in zwei zu teilen begann.

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