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Warum britische Schuljungs nun Röcke tragen

WELT-Logo WELT 08.07.2018
Schuljungen in Exeter tragen wegen der Sommerhitze Röcke © BBC Spotlight Schuljungen in Exeter tragen wegen der Sommerhitze Röcke

Schuluniformen sind ein Stück britischer Identität. Doch untenherum droht eine Revolution. Was Mädchen eigentlich verboten ist, wird nun ausgerechnet von Jungs vorangetrieben. Und das hat was mit dem Wetter zu tun.

Am Donnerstagnachmittag kam für einige Eltern im mittelenglischen Derby endlich die erlösende Nachricht. "Ab morgen brauchen die Kinder bis zu den Schulferien keine Uniform mehr zu tragen. Unsere Schulgebäude kühlen wegen der anhaltenden Hitze nicht mehr ab. Shorts, T-Shirts und kühlende Kleidung sind jetzt ein Muss", ließ die Schulleitung der Lawn Primary School per Twitter wissen.

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Großbritannien erlebt einen Jahrhundertsommer, seit fast zwei Wochen liegt das Thermometer selbst im Norden tagsüber bei durchschnittlich 28 Grad. Im schottischen Glasgow schmilzt bereits das Dach eines Wissenschaftszentrums, für den Einsatz von Rasensprengern droht in Nordirland neuerdings ein Bußgeld von umgerechnet 1200 Euro, bei Manchester lodern Waldbrände. Allerorten stellen die Bewohner der Inseln derweil millionenfach nackte Oberkörper und Beine zur Schau.

Nur eine Institution im Königreich wehrt sich weiter tapfer gegen den ungewohnten Sonnenschein: die öffentlichen Schulen. Mehr noch, Behörden und Politik streiten derzeit darüber, ob den Mädchen das Tragen jenes Kleidungsstück verboten werden soll, das die Hitze etwas erträglicher macht – Röcke. Und dieser Streit trifft die Briten ins kulturelle Mark.

Schuluniformen sind für 90 Prozent britischer Schulkinder Tradition und Pflicht, und das schon sehr lange. 1222 ordnete der Erzbischof von Canterbury das Tragen einer "Cappa Clausa", eines geschlossenen Umhangs in akademischen Einrichtungen an. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts stellten Schulen in London den Kindern aus Armenvierteln die Kleidung, woraus sich eine für jede Schule individuelle, streng reglementierte Vorschrift entwickelte. Am Christ's Hospital in West Sussex beispielsweise tragen die Schüler bis heute stolz den bodenlangen blauen Mantel zu wollenen gelben Kniestrümpfen und einem weißen Jabot.

Obwohl die Schuluniform das Leben der vom Klassendenken besessenen Briten eigentlich gleicher machen soll, bedeuten die Accessoires bis heute den entscheidenden Unterschied. Wer im Londoner Stadtteil Kensington um kurz vor neun Uhr morgens kleine Mädchen in gestreiften Blazern mit Strohhüten sieht, weiß sofort: teure Privatschule. Tragen sie hingegen die bei Marks & Spencer für umgerechnet zehn Euro zu erstehenden blau-weiß karierten Kleidchen: öffentliche Schule.

Nun aber ist die Schuluniform nicht mehr nur Auslöser sozioökonomischer Kontroversen, sondern eines wahren Kulturkampfs. Mindestens 40 Schulen hätten das Tragen von Röcken verboten, berichtete jüngst der "Independent". Die Copleston High School im ostenglischen Ipswich hat Röcke ebenso wie Skinny Jeans und Gesichtspiercings auf die Schwarze Liste gesetzt. Die Woodhey High School im nordenglischen Bury erklärte den Rock als "unpassend und peinlich" für Personal und Besucher, wenn die Schülerinnen während des Unterrichts auf dem Boden sitzen müssen.

Ein weiterer Grund für den wachsenden Zwang zur vermeintlich geschlechtsneutralen Hose: Transsexuelle Mädchen sollen nicht mehr in ein Kleidungsstück gezwungen werden, das sie unweigerlich als weiblich definiert.

Großbritannien war trotz aller Traditionen immer besonders fortschrittlich, wenn es um individuelle Freiheiten ging. Weshalb die Regierung derzeit das 2004 erlassene Gesetz zur Geschlechtszuordnung überarbeitet. Bisher müssen Transsexuelle zwei ärztliche Untersuchungen über sich ergehen lassen, wenn sie sich für eine Geschlechtsumwandlung entscheiden. "Transsexuelle in Großbritannien empfinden den bisherigen Prozess unserem Gutachten zufolge als zu bürokratisch und aufdringlich", erklärte Premierministerin Theresa May. "Transsexuell zu sein ist keine Krankheit."

Während öffentlicher Konsens darüber besteht, Transsexuellen das Leben nicht schwerer zu machen, ist höchst umstritten, was das für den Status von Schulröcken heißt. "In der Post-#MeToo-Welt wird uns allmählich der Schaden bewusst, den Maskulinität Frauen, der ganzen Gesellschaft und letztlich den Männern selbst zugefügt hat", meint die Autorin Ellie Mae O'Hagan. "Aber wir müssen zuerst dem Weiblichen das Schamhafte nehmen, damit auch Jungen zu mehr Weiblichkeit ermutigt werden. Zugleich müssen wir aufhören, Männlichkeit als etwas Erstrebenswertes darzustellen." Und die Journalistin Chitra Ramaswamy fragt: "Welche Botschaft sendet das Rock-Verbot? Eine über Schuldzuweisung und nicht über Gleichheit."

Am besten solle man die Kinder selbst entscheiden lassen, meinen viele Kommentatoren. Was ein Dutzend Jungen der ISCA Academy in Exeter, wo kurze Hosen verboten sind, bereits getan hat. Sie erschienen zum Unterricht in weißem Hemd, Krawatte – und kariertem Faltenrock. Für Hosen ist es in Englands Jahrhundertsommer definitiv zu heiß.


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