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Heiliges Land ohne Pilger [premium]

Schaufenster-Logo Schaufenster 14.05.2020 VON WIN SCHUMACHER

In den vergangenen Jahren kamen immer mehr Touristen nach Israel und ins Westjordanland. Durch die Covid-19-Pandemie ist noch ungewiss, wann sie wiederkehren.

© Bereitgestellt von Schaufenster

So etwas hat es noch nie gegeben“, sagt Wajeeh Nuseibeh. „Nicht einmal in Kriegszeiten. Selbst wenn in den Straßen keine Menschen mehr zu sehen waren, so sind doch immer welche in die Grabeskirche gekommen.“ Seit 45 Jahren sitzt Nuseibeh an der Pforte zum ältesten Gotteshaus Jerusalems und schaut zu, wie die Pilger zu Tausenden in seine Kirche drängen. Nun sind sie alle verschwunden. Das Tor zum Allerheiligsten der Christenheit ist seit dem 25. März geschlossen.

Wajeeh Nuseibeh ist Herr über den Schlüssel der Grabeskirche. Den Zugang zu dem Ort, an dem Jesus der Überlieferung nach gekreuzigt wurde und auferstanden ist, verwaltet ein Mann, der weder an den Kreuzestod noch an die Auferstehung des Nazareners glaubt. Nuseibeh ist Moslem.

Die Tradition, wonach eine muslimische Familie Türwärter und Hausmeister der Kirche stellt, lässt sich bis ins siebente Jahrhundert zurückverfolgen. Zunächst wurden die Nuseibehs von den muslimischen Eroberern als Wächter eingesetzt, später war ihre Funktion vor allem die des neutralen Schlichters zwischen den sechs christlichen Denominationen, die sich alle als wahre Erben des Heiligen Grabs sehen.

Seit 1349, als der Schwarze Tod, die verheerendste Pestepidemie des Mittelalters, die Stadt heimsuchte, soll die Grabeskirche nie länger für Gläubige geschlossen geblieben sein.

Auch die Al Aqsa-Moschee und der Felsendom auf dem Tempelberg, die bedeutendsten heiligen Stätten für Muslime nach Mekka und Medina, wurden bereits im März geschlossen. Nur wenige Gehminuten davon entfernt, liegt die Klagemauer, das wichtigste Pilgerziel für Juden aus aller Welt. Sie war zuletzt nur für Gläubige aus der Altstadt geöffnet – unter strengen Abstandsregelungen.

Keine Gäste in den Pilgerhäusern, keine Kollekte

„Dass die Pilger allesamt weg waren, habe ich selbst während der Zweiten Intifada nicht erlebt“, sagt der deutsche Franziskaner Gregor Geiger. Seit 1999 lebt der 50-jährige Pater und Sprachwissenschaftler aus Nordbaden in Jerusalem, forscht und lehrt Hebräisch am Studium Biblicum direkt an der Via Dolorosa. Immer wieder führt er Pilgergruppen zu den heiligen Stätten. „Ich habe den Eindruck, dass den ganzen Sommer über keine Pilger kommen werden“, sagt Geiger. Von den 30 Mitbrüdern, darunter einige über 70, verlässt im Moment nur einer das Franziskanerkloster in der Via Dolorosa zum Einkaufen. „Für die Franziskaner, wie für die Kirchen allgemein, ist es auch ein finanzielles Desaster“, sagt der Pater. Durch ausbleibende Gäste in Pilgerhäusern und fehlende Kollekten seien wichtige Einnahmen weggebrochen.

Dass die Pilger alle weg waren, habe ich selbst während der Zweiten Intifada nicht erlebt.“
Gregor Geiger, deutscher Franziskaner

Für Israel ist nicht nur der Pilger-Tourismus von großer wirtschaftlicher Bedeutung. In den letzten Jahren boomte das Land auch bei Kultur- und Studien-, Strand- und Lifestylereisenden. Zum dritten Mal in Folge besuchten im vergangenen Jahr mehr Touristen Israel als je zuvor. 2019 kamen über 4,5 Millionen ins Land, darunter fast 50.000 Österreicher.

Hotels wurden zum Teil umfunktioniert

Im internationalen Vergleich waren die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf Israel und die palästinensischen Gebiete bisher weniger dramatisch als für die meisten OECD-Länder. Rigorose Ausgangs- und Quarantäneregelungen sowie eine rasche Einschränkung des Luftverkehrs verhinderten vorerst, dass die Pandemie katastrophale Ausmaße annahm wie in anderen Staaten. Israel verzeichnet eine recht niedrige Sterberate bei gleichzeitig einer der höchsten Anzahl durchgeführter Tests pro Einwohner weltweit. Am stärksten betroffen sind dabei Israels Ultraorthodoxe sowie die arabischen Minderheiten des Landes. Die palästinensischen Gebiete melden vergleichsweise wenig Fälle und Tote.

Einige leer stehende Hotels wurden inzwischen als Quarantäne-Herbergen für Covid-19-Erkrankte mit milden Symptomen umfunktioniert, darunter auch das luxuriöse „Dan Panorama“ in Tel Aviv. Fast alle Dan-Hotels, Israels größte Luxuskette, sind derzeit geschlossen, auch das zur Gruppe gehörige, berühmte „King David“ in Jerusalem, das unzählige Stars und Staatsleute beherbergte. „Wir hoffen, dass wir einige unserer Hotels für das Wochenfest Shavuot Ende Mai wieder öffnen können“, sagt Yigal Zoref, Vertriebsleiter der Dan-Hotels.

Erster Inlandstourismus in der Erdgeschoßzone

Inzwischen wurde eine schrittweise Rückkehr zum Tourismus vereinbart. Ab dem 3. Mai konnten Ferienhäuser und Hotels zumindest ihr Erdgeschoß für Inlandstouristen wieder in Betrieb nehmen. Die Israelis nutzten die erste Maiwoche nach dem weitgehenden Stillstand des Landes im April bereits für ausgiebige Spaziergänge und Kurzaufenthalte in den Ferienwohnungen. Mittlerweile wurden auch die Einkaufszentren und Freiluftmärkte wieder geöffnet, ab 31. Mai sollen Versammlungen von bis zu 100 Leuten wieder erlaubt werden.Wann sich das Land wieder für ausländische Gäste öffnet, bleibt derzeit noch ungewiss. Amir Halevi, Staatssekretär im Tourismusministerium, gibt sich aber betont optimistisch. „Wir verhandeln ständig mit dem Gesundheitsministerium“, sagt er, „einige Fluglinien wollen noch im Mai wieder ihre Verbindungen aufnehmen.“ Bereits ab der nächsten Woche haben zunächst British Airways, Wizz Air und Ukraine International Airlines wieder regelmäßig Flüge aus Europa angekündigt.

Existenz vieler im Tourismus steht auf dem Spiel

Touristikern, Incoming-Agenturen, Hoteliers und Gastronomen steht noch eine Durststrecke bevor. Viele ihrer Angestellten haben sie längst in den Urlaub geschickt oder gleich kündigen müssen. Besonders hart trifft es in der Beherbergung und Gastronomie die Reinigungskräfte und Tellerwäscher – nicht selten illegal beschäftigte Flüchtlinge aus Eritrea und dem Sudan. Ihnen steht daher auch nicht die staatlich angebotene Arbeitslosenhilfe zu. Von der Pandemie profitiert hat indessen Benjamin Netanjahu. Dass der amtierende Ministerpräsident trotz Korruptionsvorwürfe gegen ihn in einer Koalition mit seinem vormaligen Rivalen Benny Gantz vom Mitte-Bündnis Blau-Weiß weiterregieren würde, schien noch vor wenigen Wochen ausgeschlossen.

„Wir hoffen, dass wir für das Wochen- fest Shavuot Ende Mai wieder öffnen können.“
Yigal Zoref, Vertriebsleiter der Dan-Hotels

Auch für die palästinensischen Gebiete wird dies weitgehende politische Konsequenzen haben – in einer Zeit, in der die wirtschaftlichen Folgen durch das Coronavirus erst richtig spürbar werden. Für den Fremdenverkehr sind die Auswirkungen der Pandemie bereits jetzt offensichtlich. „Durch die politische Situation sind wir als Palästinenser, die im Tourismus arbeiten, auf vieles vorbereitet“, sagt Ashraf Bakri, „aber das hier übertrifft alles.“ Der 35-Jährige hat über sechs Jahre zunächst ein Gästehaus und zwei Backpacker-Hostels, das „Mount 41“ in Jericho und das „Area D“ in Ramallah, aufgebaut.

Wie Israel hatte das Westjordanland 2019 einen Besucherrekord verzeichnet: Über drei Millionen Touristen besuchten vor allem die biblischen Stätten Bethlehem, Hebron und Jericho. Auch Bakris Hostels waren bestens besucht. Nun steht der Vater einer kleinen Tochter vor dem Nichts. Seine zwölf Angestellten musste er bereits im März entlassen. Auf eine baldige Rückkehr der Touristen hat er vorerst wenig Hoffnung. „Der Tourismus war es, den die Krise als erstes traf. Er wird sich auch als letztes davon erholen.“

Trendziel Tel Aviv ohne Events

Auf israelischer Seite sind die wirtschaftlichen Folgen ebenfalls vor allem für Selbstständige verheerend, allen voran für Kulturschaffende, die auch vom Tourismus leben. Seit Langem hat sich vor allem Tel Aviv als das Trendziel am Mittelmeer etabliert – nicht nur für Besucher aus der Kunst- und Party-Szene von Berlin, Paris und New York. Zur touristisch bedeutendsten Massenveranstaltung der Stadt, der „Tel Aviv Pride“, pilgerten in den letzten Jahren Abertausende aus aller Welt. Mehr als 250.000 Menschen sollen am Gay-Pride-Marsch im Juni 2019 teilgenommen haben.

Die diesjährige Pride-Woche wurde bereits abgesagt. Sie soll auf ein noch unbekanntes Datum verschoben werden. „Corona trifft uns völlig unerwartet“, sagt Gil Naveh, der den Drag-Wettbewerb im Rahmen des LGBTQ-Filmfestivals leitet. „Wir hatten dafür schon international bekannte Stars gewonnen.“ Für die Veranstaltung waren in den letzten Jahren auch Dragqueens aus dem Ausland wie Gloria Viagra aus Berlin und Sherry Vine aus New York nach Tel Aviv gekommen.

Tagsüber beantwortet Naveh als Sprecher für Amnesty International Medienanfragen unter anderem zum Israel-Palästina-Konflikt. Nachts steht er als verruchte Diva Galina Port De Bras im Glitterfummel und mit lodernder Perücke vor feierndem Publikum. Mit Corona gehören die schillernden Auftritte in vollgestopften Bars wohl bis auf Weiteres der Vergangenheit an. „Drag war immer da und wir wissen aus der Geschichte, es wird immer zurückkehren“, sagt Naveh. „Ich mache mir aber Sorgen, dass viele meiner Freunde es nicht durch die Krise schaffen. Einige sind HIV-positiv oder haben eine Krebserkrankung hinter sich. Wie wird es für sie weitergehen?“

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