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Intelligente Maschinen: Wie die dänische Stadt Odense zum Mekka des neuen Roboterbooms wurde

Handelsblatt-Logo Handelsblatt 16.12.2018 Höpner, Axel
In einem Ort auf der kleinen, dänischen Insel Fünen werden völlig neuartige Roboter entwickelt. © Universal Robots In einem Ort auf der kleinen, dänischen Insel Fünen werden völlig neuartige Roboter entwickelt.

In Odense haben sich inzwischen mehr als 100 Cobot-Start-ups angesiedelt. Ein Gründer und ein einzigartiges Ökosystem hat das möglich gemacht.

Die Hightech-Welt sähe heute anders aus, wenn es Esben Østergaard in den USA besser gefallen hätte. Als junger Mann hatte der Technologie-Nerd seine Möbel verkauft und sich im Süden Kaliforniens niedergelassen, um im USC Robotics Lab Roboter zu entwickeln. Doch Østergaard fühlte sich nicht wohl. „Ich vermisste Europa und seine Werte“, erinnert er sich im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Und so ging der so weltläufige Østergaard, der im Iran geboren wurde und eine Zeit lang auf den Philippinen aufwuchs, zurück ins beschauliche Odense auf der dänischen Insel Fünen und entwickelte mit seiner Universal Robots als einer der Allerersten eine völlig neuartige Art von Robotern, von denen heute alle Welt spricht: klein, einfach zu programmieren, direkt neben dem Menschen einsetzbar.

„Østergaards Arbeit hat es möglich gemacht, dass Roboter heute in Applikationen und Industriezweigen arbeiten, die früher als undenkbar galten“, pries Jeff Burnstein, Chef der American Robotic Industries Association, den Dänen, als dieser vor Kurzem mit dem Engelberger Robotics Award ausgezeichnet wurde, der als „Nobelpreis der Robotik“ gilt.

Heute pilgern Investoren, Wissenschaftler, junge Talente und Konkurrenten nach Odense. Mehr als 100 Start-ups gibt es dort inzwischen. „Wir sind das Silicon Valley der Robotik“, sagt Taxifahrer Flemming Haldy stolz, als der Fahrgast mit ihm zum nächsten Roboter-Unternehmen will.

Möglich gemacht hat die Erfolgsgeschichte im Norden Europas zweierlei: Da ist zum einen ein einmaliges Ökosystem, von dessen Anfängen auch Universal Robots profitierte. Die Ursprünge gehen auf die Maersk-Gruppe zurück, die in Odense einst Schiffe baute. Das Unternehmen war an Robotern für den Einsatz auf der Werft interessiert und stiftete später großzügig an die Universität. So gab es bereits große Robotik-Expertise, als Østergaard dort studierte.

Und heute ist Cobot-Pionier Østergaard selbst das große Role Model für alle, die nach ihm kamen. Gemeinsam mit Kristian Kassow gründete er 2005 Universal Robots, zwei Jahre später war der erste Prototyp fertig. Bis heute ist die Firma Weltmarktführer bei kollaborativen Robotern mit in diesem Jahr etwa 170 Millionen Dollar Umsatz.

Auch für die nächsten Jahre sind Wachstumsraten von 50 Prozent und mehr in Sicht, sagte er dem Handelsblatt. Erst mit Verspätung versuchten die großen Roboterbauer wie ABB, Kuka und Fanuc einen Fuß in den neuen Markt zu setzen.


Gründer im Ideenrausch

Der Erfolg von Universal Robots machte Schule. Uni-Absolventen kommen mit neuen Ideen und brennen darauf, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Mikkel Christofferson hört sich jedes Jahr eine dreistellige Zahl von Ideen an. Seit gut vier Jahren managt er das Start-up-Hub Odense Robotics.

Der Gründer blieb auch nach der Übernahme. © Nils Lund Pedersen Der Gründer blieb auch nach der Übernahme.

16 Neugründungen haben den Incubator bereits durchlaufen. In der frühen Gründungsphase hilft die Organisation mit ersten Kontakten zu Investoren, in einer Werkstatt können die Start-ups Prototypen bauen. „Drei Viertel unserer Firmen sind erfolgreich“, sagt Christofferson stolz.

Dänemark bekam seine Chance, weil die Cobots ein völlig neues Segment in der boomenden Roboterindustrie eröffneten. Momentan machen die kollaborativen Maschinen laut Schätzung des Branchenverbands IFR zwar nur drei Prozent des Robotermarkts aus. Doch bis 2025 sollen es bereits 34 Prozent eines dann 25 Milliarden Dollar großen Marktes sein.

Die Newcomer aus Odense um den Marktführer Universal Robots sehen sich gut gerüstet für den zunehmend härteren Wettbewerb. Christofferson glaubt, dass das Umfeld in Dänemark die jungen Firmen widerstandsfähig macht. Da sie aus einem kleinen Land kommen und keinen großen Heimatmarkt haben, müssten sie besonders innovativ und kundennah ein. Zudem gebe es in Dänemark zwar Investmentkapital, aber sicher nicht so reichlich wie in anderen Regionen der Welt. Daher seien die Firmen gezwungen, wenig Geld zu verbrennen.

Dänische Firmen von Weltrang gab es lange in eher überschaubarer Zahl. Da sind zum Beispiel Lego und die Windindustrie. Doch in der Hightech-Industrie zeigte erst Østergaard, dass man von Dänemark aus richtig groß werden kann. 2015 verkaufte er Universal Robots für stolze 285 Millionen Dollar an den US-Elektronik-Spezialisten Teradyne.

So ein Erfolg weckt Fantasien und zeigt, was möglich ist. „Für uns alle ist Universal Robots das große Vorbild“, sagt Kristian Skaarup. Der Vorstandschef durchläuft in Odense mit seinem Start-up Lorenz Technology gerade den Incubator Odense Robotics.

Die junge Firma mit derzeit einem Dutzend Mitarbeitern entwickelt Drohnen für Sicherheitsfirmen. Die Fluggeräte sollen über Firmengeländen Patrouille fliegen. „Wir sind da, wo die kollaborativen Roboter vor vier, fünf Jahren waren.“ Seine Firma könne ein zweites Universal Robots werden.

Vorbild Universal Robots

Der Verkauf von Universal Robots an Teradyne zeigte Jungunternehmern, was möglich ist. Ein Start-up in einem neuen Markt, das mit einem dreistelligen Millionenbetrag bewertet wurde. Doch wenn der etwas strubbelige Østergaard mit seinem Dreitagebart sagt: „Geld interessiert mich nicht“, wirkt das schon mit Blick auf seinen einfachen Anzug, über den er gerade seinen Kaffee verschüttet hat, glaubhaft. Ein wenig irritierend: In das Universal-Robots-Hemd, das er trägt, sind die Initialen „TV“ eingenäht. Ach, das Hemd habe er von Thomas Visti übernommen, als der die Firma verlassen habe, um Mobile Industrial Robots zu gründen.

„Ich bin ein akademischer Nerd“, sagt Østergaard über sich selbst. In der spärlichen Freizeit kümmert er sich intensiv um seine drei Kinder. Was er denn mache, um einmal den Kopf freizubekommen? Da studiert er Quantenphysik. Verkauft hatte er Universal Robots, weil der Danish Growth Fund einen Exit brauchte.

Zudem gibt es wohl auch einen Punkt, von dem aus es schwer ist, ein junges Unternehmen aus Dänemark heraus ganz, ganz groß zu machen. Da können die Marketing-Power und die weltweiten Vertriebskanäle eines Weltkonzerns wie Teradyne hilfreich sein. Dass die Amerikaner es ernst meinen, zeigt sich auch daran, dass sie für 121 Millionen Euro im Frühjahr Mobile Industrial Robots (MIR) übernahmen.


MIR, das ist das Unternehmen von Thomas Visti, der einer der ersten Mitarbeiter bei Universal Robots war, und dessen Hemden Østergaard aufträgt. Mit dem Taxi sind es zehn Minuten von der lichten, von Beton, Glas und Holz dominierten Universal-Robots-Zentrale zu MIR, das also die zweite große Erfolgsgeschichte im Odense-Kosmos schrieb.

MIR sieht sich in seinem Segment der autonomen, mobilen Roboter für die Logistik innerhalb von Fabriken als Marktführer. 2017 machte die Firma zehn Millionen Euro Umsatz, der sich nun immer wieder verdoppeln soll. „Der Markt wird riesig sein“, ist Visti überzeugt, er könne sogar noch größer werden als der für kollaborative Roboter.

Durch die kleine Fertigungshalle von MIR fahren fast geräuschlos die eigenen Roboter. Die Entwickler haben einigen von ihnen Namen gegeben, Hal-9000, Johnny 5 und Bender, nach einem dänischen Fußballer, heißen sie. Kommt ihnen ein Mensch in den Weg, bremsen sie ab, so wie auch die kollaborativen Arme von Universal Robots.

Mit der Hilfe von Teradyne sollen sie nun noch schlauer werden und sich noch besser verkaufen. Schließlich hat MIR vor allem große Kunden, die in die Automatisierung investieren. „Die wollen sicher sein, dass ein Unternehmen auch in fünf Jahren noch existiert“, sagt Visti.

Stadt macht sich für Unternehmer attraktiv

Der Unternehmer besitzt in Odense ein Fitnesscenter und eine Weinbar. Es ist wichtig, dass die Stadt attraktiver wird, schließlich soll sie Talente aus aller Welt anziehen. Die Absolventen aus Odense sind zwar hochqualifiziert, die Universität allein kann den enormen Bedarf an Fachleuten aber nicht mehr decken.

Viel hat sich bereits getan. „Die Stadt selbst soll ein Talent-Magnet werden. In den letzten Jahren haben 60 neue Cafés und Restaurants aufgemacht. Auch die Michelin-Tester kommen ab und zu mal hier vorbei“, sagt Joost Nijhoff. Der Direktor von „Invest in Odense“ hat sein Büro im Rathaus.

Wenn er aus dem Fenster blickt, sieht er auf eine riesige Baustelle. Die Schnellstraße, die hier früher direkt an der Stadtverwaltung vorbei die Innenstadt in zwei Teile schnitt, ist bereits verschwunden. Gebaut wird ein neuer Stadtteil – bald würden die neuen, kleinen und großen Räume, Wohnungen, der Hochhaus- und Hotel- und Geschäftskomplex auf natürliche Weise mit der vorhandenen Stadt verschmelzen, schwärmt Nijhoff.

Sein Büro ist Teil des Ökosystems. Nach der Schließung der Werft 2012 hatte die Stadt Geld in die Hand genommen, um Zukunftstechnologien zu fördern. Allein seit 2014 wurden 165 Millionen dänische Kronen investiert. Facebook baut gerade ein neues Datencenter in der Stadt, auch Konkurrenten von Universal Robots wie Fanuc und ABB haben sich niedergelassen.

Zwar ist die Arbeitslosigkeit mit fünf Prozent als Folge der Strukturkrise nach der Werftenschließung noch immer vergleichsweise hoch. Doch Fachkräfte sind knapp. Unternehmen und Stadt werben mit der Kampagne „We are robot heroes“ um die klügsten Köpfe.

Viele davon sind auf dem Gelände der Süddänischen Universität zu treffen. Wer sich für Robotik interessiert, und das sind viele, will einmal den Raum gesehen haben, in dem Østergaard seinen ersten Roboterarm zusammengebaut hat – heute ein eher unscheinbarer Lagerraum.

Das Robo-Cluster baut hier Brücken zwischen Instituten und den Forschungsabteilungen der Unternehmen. „Jeder kennt hier jeden, alle duzen sich“, sagt Cluster-Manager Morten Nielsen. Im Ausland habe Odense bei jungen Leuten durchaus einen guten Ruf. „Es ist eine nette Stadt, die Uni hat einen schönen Campus. Warum also nicht einmal Odense auschecken?“


Mehr Reichweite, mehr Belastbarkeit

Enrico Krog Iversen ist zuversichtlich, dass genug Talente angelockt werden können. Er ist – neben Østergaard und Visti – der Dritte im Bunde. Auch er war einst bei Universal Robots dabei. Und nun baut er einen Zulieferer für die Branche auf.

Gerade erst hat sich seine Firma OnRobot mit Perception Robotics (USA) und OptoForce (Ungarn) zusammengeschlossen. Während OnRobot die Elektrogreifer herstellt, die direkt am Roboterarm montiert werden, sind OptoForce und Perception Robotics auf Sensoren spezialisiert, die eine immer wichtigere Rolle spielen. Weitere Akquisitionen sind geplant. „Ich kann mir vorstellen, innerhalb der nächsten 12 bis 18 Monate noch einmal sieben oder acht kleinere Unternehmen zu übernehmen“, sagt Iversen.

In der Branche beginne gerade die Konsolidierung so richtig – und OnRobot, wie die neue Firma heißt, will dabei eine führende Rolle spielen. „In vier bis fünf Jahren wollen wir 50-mal so groß sein wie heute“, erklärt Iversen. Der Umsatz soll so von fünf auf 250 Millionen Euro steigen.

Der Verkauf von Universal Robots, erklärt Iversen, habe viel Kapital freigesetzt, das wieder in Robotik investiert werde. So setzte sich auch Universal-Robots-Mitgründer Kristian Kassow nach dem Verkauf nicht zur Ruhe. Der leidenschaftliche Robotik-Ingenieur gründete sein eigenes Unternehmen, und entwickelte mit Kassow Robots in Kopenhagen einen siebenachsigen kollaborativen Roboter.

Beim Branchentreff Automatica stellte er in diesem Jahr die zunächst dreiköpfige Modellfamilie vor. Mehr Reichweite, mehr Belastbarkeit, schnellere Bewegungen soll dieser bieten. „Wir liefern gerade die ersten Roboter aus“, berichtet Vertriebsleiter Dieter Pletscher. „Wir wollen ein relevanter Spieler am Markt werden.“ So ist die Familie der dänischen Roboterhersteller, die den Weltmarkt erobern, wieder um ein Mitglied gewachsen.

So enden viele Fäden wieder bei Østergaard und Universal Robots. Der Gründer, der 1998 Weltmeister im Roboter-Fußball wurde, ist auch eine Art Unternehmensphilosoph. Mit Leidenschaft kann er die Geschichte der Robotik erzählen, von Leonardo da Vincis Roboter im Jahr 1495 bis weit in die Zukunft.

Sein großes Thema ist die Industrie 5.0. Darunter versteht er den Trend, „die Produktion wieder verstärkt mit einer menschlichen Note zu versehen“. Klassische Roboter seien nur unübertroffen in der Fertigung standardisierter Produkte.

Für eine Maßanfertigung benötigten sie Unterstützung – und zwar von menschlicher Kreativität. Die Zukunft gehört daher, ist Østergaard überzeugt, dem Tandem aus Mensch und Roboter. Und deshalb könne der Markt für kollaborative Roboter sogar größer werden als der für klassische Roboter.

Und so ist Østergaard ein technologiegläubiger Optimist. Technologie, sagt er, habe viele Probleme geschaffen. „Aber wir können die Welt auch durch Technologie retten.“

Der Unternehmer war einer der ersten Mitarbeiter bei Universal Robots. Dessen Hemden nun Østergaard aufträgt. © Axel Höpner Der Unternehmer war einer der ersten Mitarbeiter bei Universal Robots. Dessen Hemden nun Østergaard aufträgt.
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