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Buchkritik: Alban Nikolai Herbst und "Wanderer"

KURIER-Logo KURIER 26.04.2019 peter.pisa

Er gehört zu den interessantesten, wichtigsten Schriftstellern Deutschlands.

© Shasharad_Lowan

Alban Nikolai Herbst (Bild) schreibt Geschichten, die muss man aus der Hand legen, denn sobald man in eine Geschichte eingestiegen ist, will man allein sein mit einem Gedanken, den er in die Leser gepflanzt hat.

So ist das im Roman „Traumschiff“, als unter den „normalen“ Passagieren  144 sind, für die es programmgemäß die letzte Reise ist.

Die Menschen haben „ausgeschöpft“.

Das Schiff ist  die Zeit, die für sie gekommen ist; und weil dieses letzte kurze Lied aufs Leben auf dem Wasser spielt, wird das ganze Meer am Ende die „Auserwählten“ holen.

Wer nach diesem Roman noch immer nicht wahrhaben wollte, dass Alban Nikolai Herbst zu den interessantesten, wichtigsten Schriftstellern Deutschlands gehört, hat sich wohl ... verlesen.

Man tut diesem Autor –  vom Schreiben besessen, auf Sprache versessen  –  nichts Gutes, wenn man ihn  noch zusätzlich „vergeistigt“ und nicht auf den Boden bringt, wo man ihn haben will (ihn und seine 35 Bücher, und im Internet gibt’s den Blog dschungel-anderswelt.de) .

Selbst eine Hürde

Wenn es von der Literaturkritik über den 64-Jährigen, übrigens Großneffe des NS-Außenministers Joachim von Ribbentrop, heißt: Alban Nikolai Herbst neigt zum „Onirischen“ ... so bekommt man vielleicht Angst und weicht ihm aus. (Dabei fühlt er sich, übersetzt,  bloß in Traumwelten wohl.)

Der Wiener Septime Verlag will alle Erzählungen gesammelt veröffentlichen. Im so vielfältigen Band 1, Titel  „Wanderer“  , ist Herbst meist ganz nah bei den Lesern. (Manchmal gleitet er in einen Dialekt, „aufschtehn / inne Küche Wassa aufsetzn  ...“)

Einen jungen Mann, der verloren geht und seine Eltern so gern lieben würde, lässt er denken:

„Ich bin die Hürde mir selbst, die anwächst, je näher ich komme.“

Über den alten Herrn Wieczorek erzählt er: Mit größter Mühe hat er auf dem Sterbebett noch einen Satz gesagt.

Dieser war kaum zu verstehen gewesen – egal: Niemand war bei ihm, und niemand hat ihn gehört.

Zitat: „Vielleicht, wenn man den Toten findet, ist aber etwas hängen geblieben, haftet am Kopfteil des Bettrahmens, liegt auf einem Stück Teppich oder schmiegt sich an ein Bein des rechts neben der Tür altertümlich stehenden Stuhls. Ein Nachhall vielleicht dieses Rufs, der es Hans Wieczorek zu sterben erlaubte, ohne sich weiter zu sträuben: dass er endlich leben wolle.“

Soll ich mich vor solchen Texten fürchten?

Im Kopf aufbewahren muss man sie.

 

Alban Nikolai

Herbst:

„Wanderer“

Herausgegeben von Elvira M. Gross.

Septime Verlag.

600 Seiten.

29,80 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

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