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Die fabelhafte Rückkehr der Brettspiele [premium]

Schaufenster-Logo Schaufenster 21.03.2020 von Mirjam Marits
© Bereitgestellt von Schaufenster

Wie lang man einige von ihnen nicht mehr in der Hand gehabt hat, merkt man an der unübersehbaren Staubschicht, die sich am Deckel der Verpackung angesetzt hat. Andere waren so weit oben in den Regalen verräumt, dass man sie schon fast vergessen hatte. Dieser Tage aber werden viele von ihnen hervorgeholt, abgestaubt und aufgebaut: Brett- und Kartenspiele.

Dass derzeit, da wir alle gezwungen sind, sehr viel Zeit zu Hause zu verbringen, in den Wohnzimmern landauf, landab besonders viel gespielt, gewürfelt, gezogen und taktiert wird, ist wohl keine sehr gewagte These: Die Brettspiele erleben jetzt einen – wohl nie dagewesenen – Höhenflug: Viele entdecken alte Klassiker wieder oder probieren neue Spiele aus, vielleicht gar eines der schwierigen Strategiespiele mit der zentimeterdicken Spielanleitung, zu denen man sich sonst nie aufraffen konnte. Denn: Es dauert so lang, bis man die Regeln gelesen und verstanden hat. Nun: Genau dafür ist jetzt ausreichend Zeit, eventuell sogar für das unmögliche Puzzle mit den 1000 Teilen, an das sich bisher niemand gewagt hat.

Das gemeinsame Spielen von Brettspielen hilft nicht nur gegen akute Fadesseerscheinungen bei Kindern und Eltern, es lenkt ein paar Stunden von den Coronavirusneuigkeiten ab, macht nebenbei gute Laune (außer natürlich man verliert ganz übel bei „Mensch, ärgere dich nicht . . .“), fördert das Miteinander und gerade bei Kindern auch ihre sozialen Kompetenzen: Sich an Regeln halten. Das Verlieren lernen. (Manche freilich können Letzteres bis ins hohe Alter nicht.)

Viele Familien, aber auch Erwachsene ohne Kinder (die spielen nämlich genauso gern, wer je am Spielefest im Austria Center gewesen ist, weiß das), haben sich Ende vergangener Woche, als die Geschäfte gerade noch offen hatten und die langen Tage daheim erahnbar waren, noch schnell mit Spielenachschub eingedeckt. „Bei uns“, sagt Heidemarie Heinz, die mit Spielwaren Heinz eines der bekanntesten Wiener Spielzeugunternehmen mit elf Filialen führt, „war am Freitag und Samstag vergangener Woche so viel los wie sonst kurz vor Weihnachten.“ Gekauft wurden „Spiele für Kleinkinder, Strategiespiele, Kartenspiele, Puzzles, es war wirklich alles dabei“. Wer jetzt erst merkt, dass ihm die Spieleklassikersammlung mit Mühle, Dame und Rummy daheim nicht reicht, kann auch in Coronakrisenzeiten zu Spielenachschub kommen, vorrangig über Onlinehändler (siehe Infobox).

Die gestiegene Nachfrage nach Brett- und Kartenspielen merkt man auch beim Wiener Spieleproduzenten Piatnik ganz stark: „Wir sind voll am Produzieren, einige Abteilungen arbeiten derzeit in drei Schichten“, sagt Geschäftsführer Dieter Strehl, Ururenkel des Firmengründers Ferdinand Piatnik. „Es hat uns wirklich überrascht, wie groß das Interesse ist. Normalerweise ist der März für uns eine eher ruhige Zeit“ – zieht es die meisten im Frühling doch ins Freie. Radfahren statt „Uno“-Spielen, normalerweise.

Onlinehandel boomt. Wegen der coronabedingten Sperren ist das heuer anders: Piatnik bekommt laufend Bestellungen von Onlinehändlern von Frankreich über Skandinavien bis Russland. Überall dort, wo das Coronavirus die Menschen zum Daheimbleiben zwingt, ordern die Onlineshops ob der vielen Bestellungen Nachschub. Viele Spiele – wie den weltweiten Bestseller „Activity“ – stellt Piatnik ohnehin in vielen Sprachen her.

Wer neue Spiele sucht, hat heute eine riesige Auswahl: Kamen vor dreißig Jahren nur etwa 300 Neuheiten pro Jahr auf den Markt, erscheinen mittlerweile rund 3000 neue Spiele jährlich, die sich mit Klassikern wie „DKT“ und „Monopoly“, beide bereits jenseits der 80 Jahre alt und für lange Spielenachmittage bestens geeignet, um den Platz in den Regalen der Spielzeuggeschäfte matchen. Darunter sogenannte Autorenspiele, die einmal mehr (wie das Kennerspiel des Jahres, „Flügelschlag“) einmal weniger komplizierte (auch fast ein Klassiker: „Siedler von Catan“) Regeln haben. Und Wissensspiele? Gehen immer. „Trivial Pursuit“ hat da viel Konkurrenz von flotteren Alternativen bekommen – hoch im Kurs steht derzeit „Smart 10“.

Schaut man die beliebtesten Titel bei Thalia.at an – auch hier ist die Zahl der Spielebestellungen gerade sehr hoch. Es zeigt sich: Erwachsene bestellen derzeit gern jene Spiele, die auf dem Escape-Room-Prinzip basieren. Gemeinsam, oder auch allein, löst man knifflige Rätsel, um aus einem Raum zu entkommen (ja, das klingt in Coronazeiten tatsächlich seltsam) oder einen Mord aufzuklären. Der Nachteil dieser Exitspiele: Die meisten kann man nur einmal spielen, dafür sind sie günstiger und in den eineinhalb hochkonzentrierten Exitstunden hat man garantiert kein einziges Mal an die Quasiheimquarantäne gedacht. Mit Vorschulkindern lässt sich, auch so ein Bestseller, „Lotti Karotti“ spielen, sehr beliebt bei Familien ist derzeit auch das leicht zu erlernende Partyspiel „Just One“.

Moment, Partyspiel? Geht ja derzeit nicht, oder? Mit etwas Improvisation vielleicht schon. Denn dank Skype oder Facetime kann man sich auch zum Spielen mit Freunden oder Verwandten per Videotelefonie vernetzen: Vorausgesetzt, alle Teilnehmer haben das gleiche Spiel, und ziehen auf ihrem Spielplan auch für die Menschen auf der jeweils anderen Seite des Videos mit – so kann man auch per Videochat in größerer Runde spielen. Bei „Activity“ etwa gehen so Pantomime und Begriffe erklären problemlos. Wer es weniger aufwendig mag, möge dem Tipp einer Kollegin folgen: Sie lässt ihre Kinder via Skype mit den Großeltern „Schiffe versenken“ und „Stadt, Land, Fluss“ spielen. Geht auch bestens mit Schach, übrigens.

„Spielen“, sagt Thalia Österreich-Chef Thomas Zehetner, „ist Nahrung für die Seele – genauso wie das Lesen. Das Mehr an Zeit gemeinsam zu gestalten und nutzen, das ist die große Chance in der Krise.“ Oder wie Piatnik-Chef Strehl schon vor Jahren gesagt hat: „Die Österreicher sind sehr verspielt.“ Nun haben sie so viel Zeit wie nie, das auch auszuleben.

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