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Goodbye Chelsea Girls, hello Sloane Rangers [premium]

Schaufenster-Logo Schaufenster 31.01.2020 von Daniel Kalt
© Bereitgestellt von Schaufenster

Eine der größten Erfolgsgeschichten der britischen Mode im 20. Jahrhundert war ein klarer Fall von „Bubble Up“: So heißt in der Modesoziologie jene Entwicklung, die das Aufgreifen alternativer Trends der Jugendkultur durch das kommerziell ausgerichtete Modeschaffen darstellt. Als Mary Quant im London der späten Fünfziger- und frühen Sechzigerjahre die Bekleidungsformen der zu Jugendlichen herangewachsenen „Baby Boomer“ der Nachkriegszeit aufgriff und für ihre Boutique sowie die daraus entstehende Modelinie weiterverarbeitete, wurde sie in einer internationalen Wahrnehmung des Swinging-Sixties-London zum Aushängeschild des sprichwörtlichen „Youthquake“ dieser Zeit.

Das urteilten die Seismografen der wichtigsten Modeblätter damals, und das erschließt sich auch heute noch aus einer Gesamtbeschau von Quants Schaffen. Bis Anfang Februar zeigt das Victoria-and-Albert-Museum in London noch eine Retrospektive ihrer Arbeit, erstaunlicherweise die erste dieser Größe in einem international renommierten Museum.

Rotzfreche Avantgarde

Die Erfolgsgeschichte von Mary Quant ist auch im Zusammenhang mit dem Brexit erwähnenswert, weil die Stellung von London als kreativste, wildeste und „jüngste“ unter den wichtigen Modemetropolen in der Tat maßgeblich auf ihren Einfluss und die Zeit, in der sie sich hervortat, zurückzuführen ist. Entstand die tonangebende Pariser Mode in den Sechzigern etwa noch in betulichen (und betuchten) Haute-Couture-Salons, war London mit einer völlig anderen Energie aufgeladen. Sogar die Studenten, die im Mai 1968 in Paris auf die Straße gingen, ließen sich für ihren Protestlook eher von den vestimentären Codes „Outre-Manche“ inspirieren als von dem, was in Frankreich vorzufinden war.

Aus dieser „schwingenden“ Phase schwappte London dann munter in die Jugend-Konterkultur der Siebzigerjahre über. Wieder gab es die begleitenden Bekleidungsformen der Punks, die im Ausland eifrig rezipiert wurden. Es blieb dabei: London stand für die rotzfreche Avantgarde, für die die 1983 gegründete London Fashion Week eine Plattform bieten sollte. Und bis heute gilt diese Modewoche quasi als Talentebörse, nicht zuletzt dank der ausgezeichneten in London ansässigen Mode- und Kunstuniversitäten. Wie John Galliano und Alexander McQueen von hier aus ihre internationalen Siegeszüge antraten, versuchen auch heute noch junge Kreative, es ihnen gleichzutun.

Diese allerdings könnte ein Brexit, je nachdem, wie die begleitenden Regelungen ausfallen, hart treffen: Denn wegen des guten Rufs von London als kreativem Schmelztiegel ziehen viele Talente aus dem EU-Ausland nach Großbritannien. Sollten die günstigen Bedingungen für EU-Bürger zur Gänze wegfallen, droht hier ein empfindlicher „Braindrain“.

Etwas anderes, das verschärfend die Bedeutung von London im Spiel der internationalen Modemächte beeinträchtigen könnte, ist die wirtschaftliche Seite: Wenn es sich künftig schwierig gestaltet, mit Produktionsstätten in östlichen EU-Ländern zusammenzuarbeiten, wenn neue Import- und Exportzölle anfallen, wenn die Reisefreiheit von häufig multinational zusammengestellten Modeteams eingeschränkt wird.

All dies könnte jüngere Designer abwägen lassen, ob sie mit einem Umzug ihrer ökonomisch nicht abgesicherten Labels etwa nach Mailand oder Paris besser beraten wären (der in London ansässige Österreicher Peter Pilotto zog in der vergangenen Saison bereits mit seinem Defilee von London nach Mailand um).

Je größer, je „globaler aufgestellt“ ein Modehaus ist, desto weniger ist es unmittelbar von Vorgängen, die die EU und den Austritt aus ihr betreffen, abhängig. Dennoch warnte der British Fashion Council wiederholt, zuletzt im September 2019 mit einem offiziellen Statement, vor den potenziellen Folgen eines „Hard Brexit“.

Auch Vivienne Westwood und Katharine Hamnett, zwei zuverlässig aufmüpfige Vertreterinnen ihrer Profession, ließen mit Anti-Brexit-Statements aufhorchen, die bis zu „Brexit is a crime!“ (Westwood) gingen. Fakt ist: Zum jetzigen Zeitpunkt lässt sich schwer abschätzen, wie der Austritt aus der Europäischen Union mittel- und langfristig die Positionierung von London als Modeschauplatz mit seinen aktuellen Konnotationen betreffen wird.

Gediegen und „so English“

Gelassener kann man die Post-Brexit-Zukunft in einem Zusammenhang sehen, wo man sich auf die Wertschätzung von zeitloser britischer Eleganz, Gentleman-Stereotypen und anderen Spielarten des gehobenen Lebensstils verlassen kann. Es muss nicht gerade so weit gehen, dass die Abnehmer zeitgenössische Downton-Abbey-Ambitionen hegen, aber wer sich beispielsweise seine Businessanzüge an der Savile Row maßschneidern lässt und nicht auf die passenden Brogues verzichten möchte, wird wohl auch nach dem Brexit noch so tief in die Tasche greifen, wie es eben nötig ist. Auch eine Traditionsmarke wie Launer (man fertigt jene Handtaschen, die die Queen als Accessoire und Kommunikationsmittel einsetzt) kann dem Brexit recht unaufgeregt entgegensehen.

Sloane Ranger sind unsterblich

Während also die sprichwörtliche „Quirkiness“ Londons als Garant für Bedeutung im globalen Modezirkus bis auf Weiteres einen Dämpfer erhalten könnte, sollte nicht auf andere Stilvorlagen vergessen werden. So bezog sich Mary Quant in den Sechzigern auf das Aussehen der damals als alternativ geltenden „Chelsea Girls“, selbst wenn heute jeder Anruch des Alternativen angesichts astronomischer Mieten in diesem Stadtteil kaum mehr vorstellbar ist.

Künftig aber mag die so gar nicht ausgeflippte Nachfolgerin des Chelsea Girl zu besonderen Ehren als Stilvorlage kommen: Es handelt sich um jenen Look, den etwa Prinzessin Diana in den frühen Achtzigerjahren kultivierte und den ihre Schwiegertochter Catherine auch heute nach allen Regeln der Kunst vorführt. Bekannt ist er als „the Sloane Ranger“, benannt nach der ebenfalls in Chelsea verorteten Straße.

Konservativ, reserviert, wohlhabend wie die Sloanes: Wenn die Avantgarde in einer Post-Brexit-Ära leiser treten muss, könnte so fürs Erste die Londoner Modeinspiration aussehen. Zumindest bis die nächste Mary Quant die Bühne betritt und unter neuen Vorzeichen ein Erdbeben der Jugendlichkeit auslöst.

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