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"Ice Bucket Challenge": Ein Nachruf auf den Hashtag-Aktivismus

Die Presse-Logo Die Presse 23.11.2020 Barbara Steinbrenner

Pat Quinn ist tot. Er starb im Alter von 37 Jahren an Amyotropher Lateralsklerose (ALS). Quinn mag zwar wenigen namentlich ein Begriff sein, aber er hat maßgeblich dazu beigetragen, „eine der größten Social-Media-Kampagnen der Geschichte“ populär zu machen, schreibt die ALS-Stiftung. Denn die Ice-Bucket-Challenge war 2014 wochenlang das Gesprächsthema. Nicht nur auf Facebook. 

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hat es getan. Microsoft-Milliardär Bill Gates auch. Entertainer Justin Timberlake, Schauspieler Chris Pratt, Formel-1-Fahrer Lewis Hamilton und Sängerin Lady Gaga ebenso. Selbst heimische Politiker wie der damalige Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter (ÖVP) schlossen sich der eiskalten Dusche an, um auf die Nervenkrankheit aufmerksam zu machen. Wer sich nach einer Nominierung nicht mit einem Kübel voll Eis überschütten wollte, konnte gleich 100 Dollar an die ALS-Foundation spenden. Diesem Beispiel folgte zum Beispiel Barack Obama. Innerhalb eines Monats kamen 90 Millionen Dollar zusammen. 2013, im Jahr davor, wurden knapp 2,6 Millionen Dollar an Spenden gesammelt.

Dass die Challenge der Krankheit für einige Wochen die nötige Aufmerksamkeit bescherte, ist unwiderlegbar. Doch binnen kürzester Zeit war der eigentliche Zweck vergessen. Ein solcher Hashtag-Aktivismus hat eine kurze Halbwertszeit. Ist aber sinnvoller als so manche Challenge, die sich anschließend viral auf Facebook so verbreiteten. Teils nahmen sie auch gefährliche Züge für die Teilnehmer an.

Und trotzdem fanden sich zahlreiche Nutzer, die sich und ihren Facebook-Freunden beweisen wollten, dass sie Unmengen an Zimt schlucken können. Konnten sie aber nicht. Oder sie schluckten Waschmittel-Pods, was dazu führte, dass auf den Verpackungen nun vor dem Verzehr sogar gewarnt wird. Manch einer versuchte sich aus Spaß und ohne altruistischen Grund anzuzünden, oder sich für das perfekte #ExtremeSelfie in unnötig gefährliche Situationen zu begeben. Mehr als 250 Menschen sind beim Versuch solcher Selbstporträts zwischen 2011 und 2018 einer Studie zufolge daran gestorben.

Virale Trends sind mitunter lustig und wirken harmlos, können aber auch langfristige Folgen haben. In der Kritik stand nach anfänglichem Spaß die  #10YearChallenge, bei der Nutzer Fotos von sich online stellten - mit einem Abstand von zehn Jahren. Es war die perfekte Kombination aus Nostalgie, einer Prise Scham über Mode- oder Frisur-Fehltritte kombiniert mit der nötigen Portion Humor. Immerhin machten ja alle mit. Selbst Promis posteten fleißig die Wandlung einer Dekade.

Doch allmählich drängte sich die Frage auf, ob dies nicht auch die perfekte Gelegenheit für Facebook ist, so die Künstliche Intelligenz für Gesichtserkennung auf der Plattform zu testen. Die Nutzer stellten sich ja selbst als Testgruppe zur Verfügung.

Der Gedanke war und ist nicht abwegig. Oft genug hat Facebook demonstriert, dass die kostenlose Mitgliedschaft mit den eigenen Daten bezahlt wird. Es werden die Nutzer minutiös detailliert und analysiert, um sie für den Verkauf von Werbung zu optimieren. Das Zuckerberg-Unternehmen wies jegliche Verantwortung von sich und erklärte damals: Die Challenge ist ein von Nutzern erstelltes Meme, dass sich ohne unsere Beteiligung verbreitete. Vielmehr ist sie der Beweis, dass die Menschen Spaß auf Facebook haben, mehr ist da nicht." Profitiert hat das Unternehmen sicherlich trotzdem.

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