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Im Süden von Namibia: Dünen lügen nicht [premium]

Schaufenster-Logo Schaufenster 16.04.2020 von GÜNTER SPREITZHOFER
© Bereitgestellt von Schaufenster

Mit Hansi Hinterseer und sieben roten Rosen war eigentlich nicht zu rechnen gewesen. Mit Freddy Quinn schon eher, obwohl auch von Gitarren und Meer keine Spur ist. Plötzlich war jedenfalls Musik da und das Knistern im Autoradio vorüber, gleich nach Seeheim, wo ein uraltes Hotel aus Steinblöcken zum einzigen Landmark weit und breit geworden ist. Wir fahren schon stundenlang von Grünau westwärts, einmal auf Kies, einmal auf neuem Asphalt. Und immer Richtung Lüderitzbucht am Atlantik, vorbei an struppigen Wildpferden hinter Aus – der Ort heißt tatsächlich so und sieht genauso aus – und meterhoch sandverwehten Schienen der brandneuen Bahnlinie, die drei große Bagger gerade freilegen.Der Sender heißt NBC Rundfunk Namibia (Motto in etwa: Deutsche Sprache gehört gehört), besteht seit 1979, und bringt täglich Kindersendungen („Hallo Kinder“), Samstagmorgen „Wochenend und Sonnenschein“ und Sonntagnachmittag nach der Bibelstunde „Wünsch dir was“. Frau Vogelbeer aus Swakopmund wünscht sich Andreas Gabalier. Doch von Rehlein ist hier in Südnamibia keine Spur, eher von Oryx und Springböcken, die aus dem Nationalpark Sperrgebiet – der wirklich immer noch so heißt – traben, der ohne Sondergenehmigung der Diamantenfirma immer noch tabu für Besucher ist. Die Straße führt mitten hindurch und darf auf beiden Seiten nicht verlassen werden.

Hunderte Kilometer Nichts

Verlassener geht es ohnedies kaum, selbst für namibische Verhältnisse. 495 Kilometer und nur mit einer Tankstelle ausgestattet ist die Strecke bis zur Lüderitzbucht. Windhoek, die Hauptstadt, liegt 685 Kilometer (Staubpiste) oder 830 (Asphalt) entfernt. „Einmal im Jahr fahren wir zum Zahnarzt hin“, erzählt Frau Lore, 74, die in der Bismarckstraße in der kleinen Stadt Lüderitz einen kleinen Laden neben der Kegelbahn betreibt. Sie verkauft Souvenirs und Memorabilien, die Buchter-News (eine namibische Lokalzeitung in deutscher Sprache), und Eintrittskarten für die verwehte Diamanten-Geisterstadt Kolmannskoop (Kolmannskuppe) in der diesigen Dünenlandschaft im Hinterland. Schon ihre Großeltern waren hier geboren, sagt sie, und zeigt stolz ihre Hefte der Schriftenreihe „Aus alten Tagen in Südwest“, die von Walter Moritz, einem ehemaligen Missionar der Rheinischen Mission, herausgegeben wurden. Da geht es um Ochsenkarren und Pastoren, um Seidenweber und feindliche Herero – um Zucht und Ordnung und Schwarz und Weiß, nicht nur drucktechnisch.

Zuerst die Portugiesen, dann die Deutschen

Frühere Besucher des einsamen Landstrichs kamen eher vom Meer. Den portugiesischen Seefahrer Bartolomeu Diaz, damals auf der Suche nach dem Seeweg nach Indien, verschlug es 1487 als ersten Europäer in die entlegene Bucht, wo traditionsgemäß ein Steinkreuz mit portugiesischem Wappen aufgestellt werden musste. „Das Originalkreuz steht seit 1929 in Lissabon“, erklärt Lore. „Aber so richtig interessiert hat die Gegend auch davor lang niemand. Sie waren doch bloß ein paar Pinguin-Inseln – nur spannend für die Briten, weil sie dort Guano abbauen konnten“. Oft liegt dichter Nebel über der Küste, den die kalte Benguela-Strömung im Atlantik verursacht. Dann kamen die Deutschen und blieben 31 Jahre lang. Lüderitzland, wie der Küstenstreifen fortan bezeichnet wurde, war keine zufällige Entdeckung. Es wurde nach den Bremer Großkaufleuten Adolf und August Lüderitz benannt, 1884 unter deutschen Schutz gestellt und – gemeinsam mit dem nördlich gelegenen Swakopmund – zu einer Keimzelle der Kolonie Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia.Nach der Stationierung der Deutschen Schutztruppen, die im Kampf gegen die ansässigen Nama flugs herbei geschifft wurden, wuchs die kleine Hafenstadt an der nebeligen Diamantenküste. Transatlantik-Dampfer der Woermann-Linie verkehrten nach Fahrplan. Viele Gebäude erinnern immer noch an eine deutsche Kleinstadt der vorvorigen Jahrhundertwende – da ist die Turnhalle und die Lesehalle, dort gibt es kleine Kaffeehäuser, Kegelbahnen und Herbergen wie den Kratzplatz in der Nachtigalstraße, benannt nach dem deutschen Abenteurer und späteren Reichskommissar für Deutsch-Westafrika. Die prächtige Felsenkirche am Diamantenberg in den Klippen oben ist einmal täglich für eine Stunde zugänglich. Dann durchdringt die Nachmittagssonne die Glasfenster, die Kaiser Wilhelm gespendet hat.

Kolmannskoop, Geisterstadt der Glücksritter

Ohne einen kurzfristigen Diamantenrausch wäre Lüderitz wohl bald in Vergessenheit geraten: Doch 1908 fluteten Glücksritter die Region, und der Bau der Bergbausiedlung Kolmannskoop, heute eine touristisch gut erschlossene Geisterstadt zehn Kilometer landeinwärts, machte Lüderitz plötzlich reich – denn hier gab es Wasser und Bars für die Kumpel aus aller Welt. Rasch wurde ein „Sperrgebiet“ definiert, das bis zur südafrikanischen Grenze am Oranje-Fluss reicht, um unkontrolliertes Schürfen zu untersagen, und bis heute besteht. Im damaligen Theatersaal der Kolmannskuppe, einem der größten des kolonialen Südafrika, stehen heute ausgestopfte braune Hyänen und verstaubte Barren und Böcke für Bodenturner, hängen vergilbte Zeitungsartikel und Fotos.Eine eigens angelegte Bahnlinie sorgte wochentags für Wassernachschub, und am Wochenende wurde Lüderitz zur Partyzone der Bergarbeiter, für die ein eigenes Freibad und ein modernes Spital errichtet wurden. Heute haben sich die Wüstenwinde das Gelände zurückerobert, mit Sanddünen bis zur Decke im früheren Operationssaal, zerborstenen Fensterscheiben und morschen Stiegen, denen nicht mehr zu trauen ist. Und der riesige Swimmingpool, der über Tankwaggons mit Meerwasser gefüllt wurde, ist leer, was sonst.

Völkermord an den Nama und Herero

1914 war die deutsche Kolonialgeschichte vorbei: Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde Lüderitz von südafrikanischen Truppen besetzt und mit Kriegsende Teil des von Südafrika verwalteten Mandatsgebiets Südwestafrika. Die Diamantenfelder gehören mittlerweile dem De Beers Konzern, der im südlichen Afrika eine Monopolstellung hält. Doch Deutschland, das sich seit 2016 offiziell zu seinem Völkermord an den heimischen Bevölkerungsgruppen der Nama und Herero bekennt und Reparationen in Aussicht gestellt hat, ist im Straßenbild weiterhin gegenwärtig, auch wenn längst keines der Schulkinder mehr Deutsch lernt und kaum einer diese Sprache spricht.

Deutschland bekannte sich 2016 offiziell zum Völkermord an den Nama und Herero und stellte Reparationen in Aussicht.
„Tränen lügen nicht“, singt Michael Holm in der ZDF-Hitparade 1974, ein Renner auf YouTube für Lore und ihre Freundinnen, mit sehr vielen Likes aus Afrika Südwest. Die rostigen Relikte aus stürmisch-kolonialer Vorzeit, die die Dünen bisweilen freigeben, lügen auch nicht – Konservendosen, Hufeisen und Gürtelschnallen. Urlaub dort war das keiner.

Mögliche Umbenennung: Lüderitz oder !NamiNus?

Im Selbstverständnis des jungen afrikanischen Staates Namibia (Unabhängigkeit 1990) soll das koloniale Erbe rasch verschwinden, wie Sebastian Geisler – Blogger und Journalist der Namibian Broadcasting Corporation – in TV-Beiträgen auf OneAfrica TV berichtet.

Der damalige namibische Präsident Hifikepunye Pohamba forcierte 2013 die Umbenennung der abgelegenen Stadt am Atlantik in !NamiNus (Umarmung in der Sprache der Nama), um die deutsche Kolonialhistorie der Region zu überwinden. Doch nach Protesten der Lüderitzer Bevölkerung (Parole: „We stay Lüderitzbucht“) kam es nur zur Umbenennung des Wahlkreises, der Ortsname selbst blieb für die rund 12.000 Einwohner erhalten.

Man lebt von Austernzucht und Export von Seegras, wartet auf einen weiteren Ausbau des Hafens und die endgültige Inbetriebnahme der neuen Eisenbahn, deren Schienenkörper eigentlich längst fertig ist. Doch der erste Zug, der 2014 tatsächlich in Lüderitz einfuhr, sollte der bislang letzte bleiben – die dauernden Verwehungen landeinwärts, draußen vor der Stadt, erfordern teilweise Untertunnelungen, sagt Lore. Und die können dauern.

Losgelöst von historischen Scharmützeln

„Wir sind in erster Linie Buchter“, sagt sie, „die Hautfarbe spielt heute keine Rolle mehr – egal, ob Damara oder Deutsche, Schwarz oder Weiß“. In Deutschland war sie noch nie, auch nicht ihre Kinder. Zu viel Regen dort, wie man hört, zu viel Lärm, zu viel Unruhe. In der Pension Waterkant in der Bremerstraße spielt NBC gerade Peter Alexander, wieder einmal. Und Lüderitz, losgelöst von historischen Scharmützeln, ist heute bezaubernd, danke schön: Wenn dann der Abend kommt, und wenn es dunkel wird, dann ist Lüderitz wieder allein – eine adrette Bastion merkwürdiger Historie am Ende der Welt, zwischen Nebelbänken und Diamantengruben, Springböcken und Sandhosen, ganz ohne Hosenträger.

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