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Ostern 2020, ein Kärntner Konjunktiv [premium]

Schaufenster-Logo Schaufenster 11.04.2020 VON MADELEINE NAPETSCHNIG
© Bereitgestellt von Schaufenster

Gesetzt den Fall, heute wäre ein ganz normaler Karsamstag in Kärnten, so wie eigentlich immer nach dem Zweiten Weltkrieg und vor Corona: In vielen Kärntner Haushalten hätten schon früh die Wecker geläutet, um die letzten Handgriffe zu diesem Jahresereignis (außer Weihnachten) rechtzeitig zu erledigen. Gäbe es nämlich einen österreichischen Inbegriff von Ostern, dann träfe dies wohl auf Kärnten zu, denn hinsichtlich Materialaufwand und Ritualen nehmen sich die anderen Bundesländer dezent aus gegen diese so eigene Dreifaltigkeit von Fleischweihe, Schinkenjause und Osterfeuer.

Die echten Frühaufsteher kämen mit glimmernden Baumschwämmen oder Kienspänen von der Feuerweihe nach Hause zurück – wo in der Küche der eigentliche Countdown bereits ins Laufen käme: Schneidbrettln, scharfe Messer, Reibeisen, Reindln, Geschirrhangerln, Eierschneider, Brotkörberl, das halbe Inventar der Kredenz käme zum Vorschein. Jeder Anwesende würde mit Aufgaben eingedeckt. Die Jüngsten ließe man derweil mit Osterratschen ums Haus laufen (deren Lautstärke dürfte die Unesco bei der Erhebung zum Immateriellen Kulturerbe ignoriert haben). Sonst störte nichts die Bemusterung des Osterkorbs für die Fleischweihe.Was muss da alles hinein! Selchwürstlvarietäten, gekochte Zunge, gefärbte Eier, Teile von dem großen geselchten und dann gekochten Trumm Beinschinken, Reindlingscheiben, Pinzen-Drittel, Krenwurzen. Obwohl Osterkörbe prä Corona oft viele Kilo wogen (ein Trolley war aus Stilgründen ausgeschlossen), trug man sie mit Haltung, selbst wenn Scherzbolde einem noch Schokohasen und ein Flascherl Hausbrand (zur gesegneten Verdauung) dazuschmuggelten. Über den Inhalt hüllte ja ein Tuch mit traditionellen Kreuzstich-Motiven das Schweigen.

Den Segen holen

Nächster Schritt: Am Nachmittag im Sonntagsstaat in die örtliche Kirche marschieren beziehungsweise fahren; idyllisch gelegene Kapellen und Bildstöcke taten's für den öffentlichen Segen auch. Heuer ersparen sich die oft für mehrere Gemeinden zuständigen Pfarrer zumindest den Spagat, ihre Schäfchen jeweils schnell zur Osterjause zu entlassen. Sie werden sich auch nicht darüber wundern, wo denn all die Ortsbewohner herkämen, die sie zuletzt zur Mette gesehen haben, ganz abgesehen von der zunehmenden Zahl Auswärtiger, die sich den Brauch nicht entgehen lassen wollen. Frühlingsurlauber? Nebenwohnsitz-Besitzer? Regionale Fleischweihtouristen? Wie viele den virtuellen Segnungen und frohen Botschaften folgen, wissen zu diesen Osterfeiertagen vermutlich nur Internetprovider und Nachrichtendienste.

Noch eine kleine Nebenbemerkung zur Ausstattung: Auch wenn die Fleischweihe eine eher kurze sakrale Veranstaltung war, verfehlte sie ihre festlich-profane Wirkung nicht. Man traf sich auf weniger als e-i-n-e-n Meter Abstand, schüttelte sich die Hände, vereinbarte kollektive Treffen beim Osterfeuer nach Einbruch der Dunkelheit. Lokal unterschiedlich ausgeprägt, bot dies auch die Gelegenheit, sich in originaler Tracht und Trachtenmode zu zeigen oder die neu erstandene Frühjahrsgarderobe auszuführen.Seit einem frühen Kaffee mit sonst nichts im Bauch (schließlich ist noch Fastenzeit) münden – wieder zu Hause – alle Bemühungen in dem einen großen Moment: Dies war bis einschließlich 2019 der Punkt, an dem die Tischgesellschaft vor lauter frisch geriebenem Kren in Tränen ausbrach, während der erste Kronkorken Bier von der Flasche Osterbock geköpft wurde, weggepeckte Eierschalen herumflogen und sich alle auf den krenweiß eingeschneiten Schinken-Zunge-Selchwürstelberg stürzten.

Reindling zum Schinken!

Reindling ging reihum, und wer das dezent-süße Germgebäck mit Rosinen (fallweise mit Nüssen) zum Schinken und Eierkren verweigerte, war sicher der Wiener (zumindest der Zuagraste) in der Kärntner Runde.

Spätestens dann fiel der erste Böllerschuss, aus war's mit der Ruhe. Während die Kleinen durch den Garten rannten und Osternester suchten (wann genau der Osterhase kommt, wäre auch im Rest von Österreich Ansichtssache), tuschte es bereits dort und da – Karbid in Milchkandln – obwohl der Start-, sprich: der Zeitpunkt der Auferstehung noch nicht gekommen war. Nach Einbruch der Dunkelheit mischte sich auch Rauch in die Atmosphäre. Zeit, den Osterhaufen seines Vertrauens aufzusuchen: nämlich bei der Feuerwehr angemeldet, hoch getürmter Baumschnitt, und von den Nachbarschaften oder Vereinen streng bewacht (machten sich doch früher einige den Spaß, den Haufen der anderen vorzeitig abzufackeln).

Diesen Brauch müssten wir heuer ohnedies missen – Osterfeuer würden wegen der anhaltenden Trockenheit abgesagt werden. So bleiben heuer Kärntens Berghänge und Wiesen finster.Den Winter mit Feuer austreiben und das Wachstum beschwören, diese heidnische Tradition soll nicht verdecken, dass Ostern ein religiöses Fest ist, das in Kärnten auch mit Andacht begangen wird. Menschen besuchen die Auferstehungs- und die Ostermessen. In der Karwoche sehen sie, wie die Altäre hinter kunstvollen Fastentüchern verschwinden (die meist am Mittwoch vor Gründonnerstag abgenommen werden).

Schatz an Fastentüchern

Es ist ungeklärt, warum sie fast nur in Kärnten (nebst Westfalen und dem alemannischen Raum) derart Verbreitung fanden. Eines der ältesten und größten Fastentücher ist jenes im Dom zu Gurk, neun mal neun Meter misst diese 99-teilige Bilderzählung von der Genesis bis zum Jüngsten Gericht. Das Kunstwerk stammt aus 1458 aus der Hand des Meisters Konrad von Friesach. 150 Jahre älter ist das ebenso bilderreiche Fastentuch im Stift Millstatt. Viele Fastentücher verschwanden lang aus dem Kirchengebrauch, wurden wiederentdeckt und restauriert. Zudem entstanden neue, so inspirierten sie etwa den bekannten Kärntner Maler Valentin Oman. An die 90 zählt man heute landesweit.

Überhaupt wären die über 1000 Kirchen in Kärnten ein Anlass für kleine kulturelle Osterausflüge durch die Idylle, etwa zu alten Wehrkirchen wie in Diex am Abhang der Saualpe, zu Wallfahrtskirchen wie in Maria Luggau im Lesachtal oder in Maria Wörth am namensgebenden See, nach Karnburg, wo eine der ältesten Kirchen Österreichs steht, nach Heiligenblut mit seiner gotischen Silhouette vor Großglockner-Hintergrund oder ins Stift St. Paul mit seinen Schätzen (Rubens, van Dyck, Holbein). Landete man dann im Dorfgasthaus, spendierten nicht selten die Wirtsleute eine kleine Osterjause oder ein paar Scheiben Reindling zum Kosten.

Feurige Kreuze, grüne Wiesen

Wo Ostern so beherzt gefeiert wird, konnten sich lokale Bräuche ausprägen: Am Ostermontag stünde im Gurktal Kugelschlagen auf dem Programm, Ähnliches am Ostermontag in Oberkärnten, man stelle sich eine Art Golf oder Kegeln vor. Würde man nach Gösseling kommen, staunte man vielleicht über die baumlangen Fackeln, die feurige Kreuze in die Dunkelheit zeichnen. Vielleicht kennt man den Ursprung nicht immer genau. Was es mit einem Emmausgang auf sich hat? Ein besinnlicher Spaziergang am Ostermontagmorgen durch die frische, blühende Natur kommt dem schon nahe, Hintergrund ist der Marsch der Apostel nach Emmaus, auf dem sie Jesus begegneten und ihn zuerst nicht erkannten. Manche Pfarre veranstaltet dies als Gang mit Gebet und Gesang. In anderen Zeiten als diesen.

Wie es durch die Feiertage ganz profan sonst weiterginge? Schinkenjause am Sonntagmittag. Schinkenjause am Sonntagabend. Wenn Besuch kommt. Wenn man auf Besuch geht. Dasselbe gilt für Ostermontag. Die Speisekammer würde dadurch nicht viel leerer. Doch heuer gibt's keinen Export von Osterjausenresten aus Kärnten ins Exil. Somit entfallen in Wien oder sonst wo die Schinkenfleckerln von Dienstag bis Samstag nach Ostern – einzig und allein aus dieser Perspektive hat es sein Gutes, dass das klassische Kärntner Ostern auf 2021 verschoben ist.

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