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Trompeterin Selina Ott: "Die Auftritte gehen mir ab" [premium]

Schaufenster-Logo Schaufenster 14.11.2020 Daniela Tomasovsky
© Bereitgestellt von Schaufenster

Als die Preisträger verkündet wurden, konnte sie es gar nicht fassen: Dass sie mit gerade 20 Jahren und als erste Frau überhaupt im Fach Trompete den renommierten ARD-Musikwettbewerb gewinnen könnte, damit hatte Selina Ott gar nicht gerechnet. "Der Wettbewerb dauert zehn Tage, ich hatte sieben große Stücke vorbereitet. Das ist an sich schon sehr herausfordernd. Mein Ziel war es, über die erste Runde zu kommen," erzählt die junge Trompeterin. "Die erste Runde war auch die schwerste." Doch sie nahm diese Hürde mit Nonchalance – und stand wenig später im Finale. Mit dem Konzert Nr. 2 von André Jolivet, ihrer Virtuosität und ihrer technischen Brillanz bei gleichzeitig völlig unprätentiösem Auftreten überzeugte sie die Jury (das Finale sowie das Semifinale, wo Ott Haydns Trompetenkonzert spielt, sind in der BR Mediathek nachzusehen).

"Ich habe meinen Vater gefragt, welchen Platz ich jetzt habe", erzählt sie lachend. "Wir waren alle total übermüdet." Sieht man sich ihren Werdegang an, ist Selina Otts Erfolg aber nicht ganz so überraschend. Als Tochter zweier Musiklehrer (ihr Vater ist Direktor der Musikschule Neulengbach und unterrichtet Trompete, die Mutter Querflöte) wurde sie von klein auf musikalisch gefördert. "Ich habe mit fünf angefangen, Klavier zu spielen, mit sechs dann Trompete bei meinem Vater. Irgendwann hab ich mich für Trompete entschieden – wahrscheinlich, weil sie so schön glänzt."

"Es kommt viel mehr auf die Technik an als auf die Kraft und das Lungenvolumen."

Mit acht Jahren nahm Ott erstmals bei Prima la musica teil (den Nachwuchswettbewerb gewann sie insgesamt achtmal), mit 13 Jahren begann sie, an der Universität für Musik und darstellende Kunst zu studieren. Zunächst bei Martin Mühlfellner, Solotrompeter der Wiener Philharmoniker, später bei Reinhold Friedrich in Karlsruhe (bei ihm hat auch Simon Zöchbauer studiert), mittlerweile bei Roman Rinderberger (der bei Mnozil Brass spielt). Hat sie das ständige Üben nicht genervt? Zu einer Zeit, wo Gleichaltrige chillen und Freunde treffen. "Nein", sagt sie entschieden. "Als Kind lernt man viel schneller. Und bis ich 16 oder 17 war, habe ich maximal eine Stunde am Tag geübt, das reicht dann, rein physisch. Das ist anders als beim Klavier oder der Geige." Und eines war Selina Ott von klein auf klar: "Dass ich Musikerin werden will!"

Von null auf hundert. Immer ist das Leben mit Musiker-Eltern natürlich nicht rosig. "Als Kind wollte ich unbedingt reiten lernen. Meine Mutter wollte das aber nicht, sie hatte Angst, dass ich mir die Hände verletze und nicht mehr spielen kann." Doch zum Glück waren da die Großeltern, die auf einem Bauernhof leben und sich für den Wunsch der Enkelin einsetzten. Mittlerweile hat Ott zwei Pferde. "Reiten ist meine große Leidenschaft. Wenn ich ausreite oder im Stall bin, bekomme ich den Kopf frei," erzählt die 22-Jährige.

Und auch wenn Ott bei aller Quirligkeit so wirkt, als würde sie nichts aus der Ruhe bringen – einen klaren Kopf braucht sie, bei dem Senkrechtstart, den sie nach dem ARD-Wettbewerb hingelegt hat. "Ich wurde von 0 auf 100 in ein professionelles Musikerleben hineinkatapultiert", erzählt sie. "Ich habe zuletzt viel in Deutschland gespielt, mit großen Orchestern, aber auch Recitals, mit denen hatte ich bis dahin nicht so viel Erfahrung." Schließlich fragte die Jeunesse an, machte sie zum "Featured Artist of the Year", darum spielt Ott gleich mehrere Jeunesse-Konzerte in ganz Österreich. "Es ist natürlich schön, jetzt mehr in der Heimat zu spielen." Beim Auftakt am 7. Oktober stand sie mit dem Wiener Jeunesse Orchester (Dirigent Herbert Böck) im Musikverein auf der Bühne, die Wiederholung am 16. November musste coronabedingt verschoben werden. Immerhin, auf der gerade bei Orfeo erschienenen CD "Trumpet Concertos" kann man die Musikerin hören. Wie geht es ihr mit dem Lockdown? "Einerseits ist es gut, ein bisschen mehr Zeit für die Uni zu haben. Ich bin ja noch im Masterstudium. Aber natürlich gehen mir die Auftritte ab. Ich spiele gern in großen Konzertsälen mit großen Orchestern."

Hat sie Vorbilder? "Ja, Håkan Hardenberger. Er ist ein Vorreiter im zeitgenössischen Repertoire. Und er hat so einen schönen Ton und eine tolle Technik." Der schwedische Ausnahmetrompeter hat etwa André Jolivet, Henze, Ligeti oder Tomasi eingespielt. Werke, die auch Ott am Herzen liegen.

Wieso gibt es eigentlich so wenige Trompeterinnen? "Ach, ich weiß nicht, Querflöte oder Klarinette gelten eher als weibliche Instrumente. Aber es hat nichts mit den physischen Voraussetzungen zu tun. Es kommt viel mehr auf die Technik an als auf die Kraft oder das Lungenvolumen. Ich kann so laut spielen, dass es reicht." Selina Ott hat den Vergleich – sie selbst ist zart gebaut, ihr Freund, kräftig, ist ebenfalls Trompeter, er spielt bei den Wiener Symphonikern. "Wir üben gemeinsam, spielen uns gemeinsam ein, haben eine ähnliche Spielweise." Konkurrenz untereinander gibt es keine, vielmehr gegenseitige Unterstützung, beim Einstudieren oder in Instrumentenfragen. "Wir spielen beide auf Schagerl-Trompeten, die werden extra auf mich zugeschnitten, und mein Freund sorgt dafür, dass das passt."

Was wünscht sie sich für die Zukunft? "Dass es so weitergeht, dass ich viel auf der Bühne stehe. Und nächstes Jahr erscheint auch meine zweite CD."

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