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Unterwegs im Darknet: „Wenn du willst, dass ich jemandes Leben zerstöre, mache ich das.“

Futter-Logo Futter 27.10.2020 Claudia Felsberger

Wir waren mit der Polizei im Darknet… und dort war es überraschend hell. Wer sich dort herumtreibt, was angeboten wird und wo die Grenze zur Illegalität liegt.

Schwarze Bildschirme, auf denen grüne Zahlen und Buchstaben à la Matrix herumschwirren. So stellt man sich das Darknet vor. Aber wie sieht es wirklich in dieser Ecke des Internets aus? Und wie kommt man überhaupt dort hin?

Seit gut fünf Jahren beschäftigt sich die Kärntner Polizei intensiv mit dem Darknet. Es ist der Ort, an dem man alles bekommt, was das kriminelle Herz begehrt — von Drogen bis hin zu gestohlenen Pässen und Kreditkarten. Dementsprechend oft führen die Ermittlungen in diese Ecke des Internets.

Täglich grüßt das Darknet

Reinhold Jank ist Abteilungsinspektor der Landespolizeidirektion Kärnten und für IT-Security, Computer-Forensik sowie Beweissicherung zuständig. Mit dem Kärntner Autor Bernhard Regenfelder, der an einer Trilogie zu genau diesem Thema arbeitet, hält er regelmäßig Workshops in Schulen — Live-Hacking inklusive. Im Darknet ist Jank beinahe täglich unterwegs. Dieses Mal nimmt er uns mit.

„Der Einstieg ist relativ einfach“, sagt Jank, während er seinen Laptop startet. „Im Internet gibt es dazu genügend Anleitungen. Wesentlich schwieriger ist es hingegen, sich darin zurechtzufinden.“ Es gäbe zwar Suchmaschinen, die ähnlich wie Google funktionieren. Jedoch ist es praktisch unmöglich, versteckte Seiten zu finden. Zumindest wenn man nicht genau weiß, wonach man suchen muss.

Reinhold Jank ist beinahe täglich im Darknet – er arbeitet für die Polizei. © Bereitgestellt von Futter Reinhold Jank ist beinahe täglich im Darknet – er arbeitet für die Polizei.

Während im Mainstream-Internet eine URL etwa mit „.com“ oder „.at“ endet, so gibt es im Darknet das Kürzel „.onion“. Diese Seiten können mit einem regulären Browser wie Chrome oder Firefox nicht aufgerufen werden.

Nachdem sein Computer hochgefahren ist, nimmt Jank einen USB-Stick zur Hand. Darauf gespeichert ist der Tor-Browser; sozusagen das Ticket ins Darknet. Sich dort zu bewegen ist übrigens legal.

Jank hat bereits eine Liste von Seiten abgespeichert. Der Virenschutz ist aktualisiert, die WLAN-Verbindung steht. Der digitalen Exkursion steht nichts mehr im Wege.

Hacken als Geschäftsmodell

Der erste Link führt uns auf die Seite eines Hackers, der im Darknet seine Leistungen anbietet. „(Illegales) Hacken ist mein Geschäft, seit ich 16 bin. Ich hatte nie einen richtigen Job, also hatte ich Zeit, um im Hacken richtig gut zu werden“, schreibt er. Als Computerexperte könnte er bis zu 100 Euro pro Stunde verdienen: „Also hör auf zu lesen, wenn du ein Problem damit hast, etwas Geld fürs Hacken auszugeben.“

Der angeblichen Expertise des Hackers zum Trotz sieht seine Website eher notdürftig zusammengebastelt aus. Sie erinnert stark an das Internet der 2000er Jahre. Die Krönung: Der Titel der Seite, „Rent-A-Hacker“, ist in Comic Sans geschrieben.

„Ich kann deine Widersacher, Unternehmen oder Privatpersonen, die du nicht magst, ruinieren.“

Im darauf folgenden Absatz beschreibt der Unbekannte seine Fähigkeiten. Unter anderem beherrsche er SQL, HTML und andere Websprachen. Auch im Phishing sei er gut. Richtig erschreckend wird es aber erst, als er die Art der Aufträge beschreibt, für die er zuständig ist.

Einen Hacker kann man online buchen – im Darknet © Bereitgestellt von Futter Einen Hacker kann man online buchen – im Darknet

Denn, so sagt der Hacker, er ist keine Pussy: „Wenn du willst, dass ich ein Unternehmen, oder jemandes Leben zerstöre, mache ich das.“ Und weiters: „Ich kann deine Widersacher, Unternehmen oder Privatpersonen, die du nicht magst, ruinieren.“ Und das nicht nur finanziell. Soll besagter Widersacher verhaftet werden, könne er auch das einrichten. Und: „Wenn du willst, dass jemand als Kinderporno-Nutzer bekannt wird, ist das kein Problem.“

Traut man der Website, so kostet es nur zwischen 250 und 900 Euro, um demnach ein Leben zu zerstören. Bezahlt wird mit Bitcoins.

„Der Typ ist schon ziemlich lange im Darknet unterwegs“, sagt Jank. „Ab und zu hat er seine Seite wechseln müssen, weil man ihm auf die Spur gekommen ist.“ Doch bis heute wisse niemand, um wen es sich dabei handelt.

Für Geld macht der besagte Hacker laut eigenen Angaben alles. © Bereitgestellt von Futter Für Geld macht der besagte Hacker laut eigenen Angaben alles.

Inhalte beschlagnahmt

Doch was ist eigentlich das Besondere am Darknet? „Die Anonymität“, sagt Jank. „Man wird über verschiedene Knoten auf die Seiten weitergeleitet. Das zurückzuverfolgen, ist schwierig.“ Doch das heißt nicht, dass sich Kriminelle in Sicherheit wiegen können. „Manchmal baut das FBI auch Seiten nach, um Kriminellen auf die Spur zu kommen.“ Oder Portale werden abgedreht. So kommen wir beim nächsten Link, den wir aufrufen wollen, nicht weit.

„Die Plattform und der kriminelle Inhalt wurden beschlagnahmt“, steht dort. Links oben ist das Logo des Deutschen Bundeskriminalamts, rechts jenes der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main. Trotz Anonymität ist man also auch im Darknet nicht sicher.

Trotz Anonymität sind Kriminelle auch im Darknet nicht sicher © Bereitgestellt von Futter Trotz Anonymität sind Kriminelle auch im Darknet nicht sicher

Und manchmal führen Ermittler Scheineinkäufe durch. Denn nicht nur Leistungen, auch Waren werden im Darknet angeboten

Die nächste Seite, die wir besuchen trägt den illustren Namen „Dream Market“. Das ist sozusagen das Amazon für Drogendealer und -käufer. Von Steroiden über Opioiden bis hin zu Ecstasy und Kokain — seit 2013 gibt es dort alles, was das Junkie-Herz begehrt.

Wir schauen uns um und suchen nach Kokain, das innerhalb von Österreich versandt wird. Ein Knopfdruck und schon spuckt uns der „Dream Market“ tausende Ergebnisse aus. Ein Anbieter beweist Humor und lockt Kunden mit einer Fotomontage an: Er hat das „Ja, natürlich!“-Siegel mittels Photoshop über sein Kokain gelegt.

Ebenso wie beim regulären Online-Shopping gibt es auch hier Bewertungen und Rezensionen.

Der Traum eines jeden Junkies © Bereitgestellt von Futter Der Traum eines jeden Junkies

„Dieser Anbieter hat zum Beispiel schon mehr als 3000 Verkäufe gemacht und eine Bewertung von 4,94 Sternen“, sagt Jank. Alleine im vergangenen Monat waren es 277 Menschen, die Drogen bei ihm bestellt haben. Glaubt man den Kritiken, so handelt es sich dabei um guten Stoff. „Schnelle Lieferung. Wie immer ein Traum“, schreibt ein Nutzer, während ein anderer die luftdichte Verpackung lobt.

Er messe den Stoff mit einer geeichten Waage ab, lässt der Anbieter seine Kunden wissen: „Also bitte keine Gewichtsreklamationen mit Küchenwaage.“ Abgesehen davon sei ihm zwar gerade das Weed ausgegangen: „Aber Hash ist eine gute Alternative.“

Auch im Darknet gibt es Rezensionen © Bereitgestellt von Futter Auch im Darknet gibt es Rezensionen

Wir bewegen uns an dieser Stelle übrigens nach wie vor im legalen Bereich. „Aber sobald man etwas Illegales tut, sprich, Drogen bestellt, ändert sich das“, sagt Jank. Selbiges gilt für das Aufrufen von Videos oder Fotos, die zum Beispiel Kinderpornos oder IS-Verherrlichungen zeigen. Solches Material anzusehen ist illegal.

Menschliche Niere?

Auftragskiller, Waffen, oder sogar Organe — es gibt nichts, was man im Darknet nicht finden könnte. Jank: „Natürlich stellt sich aber immer die Frage, wie seriös die Anbieter sind.“ So könnte sich hinter einem angeblichen Auftragskiller etwa ein Betrüger verstecken, der zunächst so viele Informationen wie möglich über seinen Klienten sammelt und diesen dann damit erpresst. Und wer weiß, ob die angebotene Niere tatsächlich eine menschliche ist.

Auch Waffen sind im Darknet verfügbar © Bereitgestellt von Futter Auch Waffen sind im Darknet verfügbar

Wir wollen wissen, welcher Darknet-Fund Jank bis jetzt am meisten schockiert hat. „Es gibt zahlreiche IS-Videos, die tatsächliche Enthauptungen zeigen“, sagt Jank. Und teils hätten Clips wie diese auch schon ihren Weg in das „reguläre“ Internet gefunden.

Doch das Darknet und die Anonymität hätten nicht nur dunkle Seiten, so der Polizist. Manche Menschen verwenden es lediglich, um anonym in Foren unterwegs zu sein. Und: „Ich bin davon überzeugt, dass das Darknet auch bei gesellschaftlichen Bewegungen wie etwa dem arabischen Frühling eine wichtige Rolle gespielt hat.“

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