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Wie sehr wir auf Schiene Richtung Klimaziele sind

futurezone-Logo futurezone 20.01.2023 David Kotrba
Naturkatastrophen wie Überschwemmungen werden durch die Klimakrise zunehmen © afp Naturkatastrophen wie Überschwemmungen werden durch die Klimakrise zunehmen

Im vergangenen Jahr sah man an einer ganzen Reihe von Ereignissen, wie sehr die Klimakrise das Leben von Menschen rund um den Globus beeinträchtigt. Es gab lange anhaltende Dürreperioden, gigantische Waldbrände, Flutkatastrophen und Hitzewellen. Alleine in Europa sind laut der Weltgesundheitsorganisation WHO 15.000 Personen an Überhitzung gestorben. "Der Klimawandel tötet uns, aber entschlossenes Handeln kann mehr Opfer verhindern", sagt Hans Henri Kluge, WHO Regionaldirektor Europa.

Derzeit Kurs auf plus 2,7 Grad

So ähnlich hört man den Satz jedes Jahr von einer Vielzahl von Expert*innen. Dennoch wird weiterhin zu wenig getan, um das große Ziel zu erreichen. Laut Pariser Klimaabkommen sollte die Durchschnittstemperatur der Erdatmosphäre bis 2100 um nicht mehr als 1,5 Grad Celsius gegenüber vorindustriellen Zeiten ansteigen. Aktuell stehen wir bereits bei 1,2 Grad.

Wenn es mit derzeitigen politischen Maßnahmen so weitergeht, landen wir bei 2,7 Grad. Werden alle Zusicherungen von Staaten eingehalten, erreichen wir vielleicht 2 Grad, heißt es in der Auswertung des Analyseinstruments Climate Action Tracker.

Gegenüber dem Vorjahr (2,1 Grad) gehen die Zusicherungen und nationalstaatlichen Reduktionsziele sogar ein wenig weiter. Außerdem gibt es nun erschwerte Bedingungen: Russlands Invasion der Ukraine hat eine Energiekrise ausgelöst und für eine Teuerungswelle gesorgt. In diesem Umfeld verliert man die Klimaziele leichter aus den Augen. "Emissionsseitig war es kein erfreuliches Jahr", sagt Klimatologe Harald Rieder, Obmann des Climate Change Centre Austria. "Nach dem Einbruch durch die COVID-Pandemie ist der Treibhausgasausstoß wieder nach oben geschnellt."

© KURIER / Eber

Wenig Hoffnung für COP28

2022 seien weltweit definitiv nicht die richtigen Schritte gesetzt worden, um die Klimaziele zu erreichen, sagt Reinhard Steurer, Experte für Klimapolitik an der Universität für Bodenkultur. "Die Klimakonferenz COP27 in Ägypten ist in Bezug auf Emissionssenkungen komplett gescheitert. Die COP28 in den Vereinigten Arabischen Emiraten dieses Jahr wird vom Ex-Chef einer Ölfirma geleitet. Das drückt ziemlich gut den Wahnsinn aus, in dem wir uns bewegen."

Im vergangenen Jahr hat es aber auch positive Entwicklungen gegeben. Die Kapazität erneuerbarer Energien ist um 8 Prozent gestiegen. Fatih Birol, Direktor der internationalen Energieagentur IEA, zeigte sich bei einem Treffen in Wien Mitte Dezember überzeugt davon, dass die Energiekrise die Abkehr von fossilen Kraftstoffen beschleunigen werde. Die bisherige Abhängigkeit von Russland motiviere viele Staaten zu einer stärkeren Dekarbonisierung. Es gab aber auch viele Investitionen in neue Infrastruktur für fossile Energien, etwa Flüssiggas (LNG). Steurer sieht das als notwendig an, befürchtet aber Fehlinvestitionen in Überkapazitäten für neue fossile Infrastruktur, die wir nicht mehr lange nutzen sollten.

Fracking ist keine Lösung

Bei Österreichs Klimaschutz gibt es Licht und Schatten. Im Climate Change Performance Index, einer von Forschungsinstituten erstellten internationalen Rangliste, machte Österreich 5 Plätze gut und liegt nun auf Rang 32. Hauptgründe dafür sind die Einführung einer CO2-Bepreisung sowie das Klimaticket. Kritisiert werden nicht umgesetzte Klimaschutzgesetze und die Ankündigung des Finanzministers, die Möglichkeit des Frackings im Land überprüfen zu lassen.

"Fracking ist kein Weg zur Lösung", sagt Rieder. "Auch wenn vereinzelt 'grünes Fracking' propagiert wird, ist dieses ökologisch bedenklich. Keine Art von Fracking wird uns klimaneutralen Treibstoff zur Verfügung stellen." Die Einführung der CO2-Steuer sei ein positives Signal, dringend gebraucht werde aber auch das Klimaschutzgesetz, das klarstelle, welche Emissionsreduktionen in welchen Sektoren bis zu welchem Zeitpunkt durchzuführen seien. Man warte schon zu lange darauf.

Treibhausgasemissionen in Österreich 2020, aufgeschlüsselt nach Sektoren © Umweltbundesamt Treibhausgasemissionen in Österreich 2020, aufgeschlüsselt nach Sektoren

Zu viele Autos, zu viel Fleischkonsum

Eine große Baustelle im Land sei der Verkehrssektor. Im Gegensatz zu anderen großen Sektoren wie Industrie, Gebäuden oder Landwirtschaft, sinken hier die Emissionen nicht, sondern sie steigen. Elektroautos setzen sich nur langsam durch, der Staat vergibt weiterhin klimaschädliche Förderungen wie die Pendlerpauschale. Niedrigere Tempolimits bleiben unangetastet.

Wenig Veränderung gibt es auch beim Thema Ernährung. "Das ist einer der heikelsten Punkte, den schieben wir vor uns her", sagt Steurer. "Es braucht hier Verhaltensänderungen und eine andere Politik. Früher oder später müssen wir über ein Verbot von Aktions-Billigfleisch nachdenken, aber bei der derzeit hohen Inflation ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt dafür."

Bei erneuerbaren Energien ginge mehr

Aber auch beim Ausbau erneuerbarer Energien, einem Bereich, in dem man eine gute Ausgangslage hat, geht in Österreich zu wenig voran. Dazu ein Vergleich: In Österreich wurden im vergangenen Jahr 68 neue Windkraftanlagen mit einer Leistung von 289 Megawatt errichtet. 2023 werden Zubauten mit gesamt 240 Megawatt erwartet. Finnland (5,5 Mio. Einwohner) hat im selben Zeitraum 427 Windräder mit einer Leistung von 2.430 Megawatt errichtet. 2023 werden 1.000 Megawatt zusätzlich erwartet.

Bevölkerung aufrütteln

Laut einem erst am Mittwoch veröffentlichten Stimmungsbarometer von WU Wien, Deloitte und Wien Energie, ist die Zustimmung zu erneuerbaren Energien im Land eigentlich sehr hoch. Komplizierte Genehmigungsverfahren und eine unsichere Finanzierung bremsen den Ausbau. Das Verlangen nach mehr erneuerbarer Energie hängt jedoch möglicherweise auch mit wenig Anpassungsbereitschaft in der Bevölkerung zusammen. Zwei Drittel akzeptieren angeblich persönliche Einschränkungen, aber nur die Hälfte will ihren Stromverbrauch senken. 51 Prozent sind gegen ein zukünftiges Verbot von Verbrennungsmotoren.

Einige Wissenschaftler*innen versuchen Menschen mit stärkerer Teilnahme am öffentlichen Diskurs aufzurütteln, unter anderem durch Solidarisierung mit Klimaaktivisten. "Das sind keine Kriminellen, sondern besorgte Menschen, die im Gegensatz zu manchen Politikern unsere Studien lesen", sagt Steurer. "Der Alarm, den sie auslösen, sollte allen zu denken geben. Die Lage ist ernst."

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