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Zoom passt gut zu absurdem Theater [premium]

Die Presse-Logo Die Presse 26.06.2020 Von Katrin Nussmayr, Barbara Petsch, Anne-Catherine Simon und Isabella Wallnöfer
© Bereitgestellt von Die Presse

Kreisky in den Zoom-Korridoren

Mit einem echten Theatererlebnis hatten die meisten Online-Aktivitäten, die die österreichischen Bühnen in der Coronazeit starteten, ja wenig zu tun: Eine statisch abgefilmte Vorführung schaut man sich vielleicht in der Not an (aber dann doch lieber einen richtigen Film), Facebook-Lesungen dürften auch eher ein kurzfristiger Trend gewesen sein. Ein virtuelles Theater, das dem Namen gerecht wird – und das durchaus als Blaupause für ein neues Kulturformat für die Zukunft taugt –, hat die Gruppe Nesterval abgeliefert, auch in kontaktfreudigeren Zeiten eines der kreativsten und verspieltesten Ensembles des Landes. Seine immersiven Theaterabenteuer, in denen die Besucher Schicht für Schicht, Raum für Raum Welten und Geheimnisse aufdecken, sind immer in Windeseile ausverkauft.

Kurzerhand übertrug die Gruppe um Regisseur „Herr Finnland“ Martin Hötzeneder und Autorin „Frau Löfberg“ Teresa Lehner im April das Konzept für ihre geplante Livepremiere „Der Kreisky-Test“ ins Netz, genauer gesagt: in die Warteräume, Besprechungszimmer und digitalen Korridore der Videosoftware Zoom, deren technische Möglichkeiten hier voll ausgereizt wurden. Das Publikum vor dem Bildschirm ließ sich hineinziehen in den Plot eines gewagten sozialistischen Experiments (es galt, gesinnungssichere Genossen zu casten für ein Prepper-Programm namens „Goodbye Kreisky“) und mitreißen von einer ausgeklügelten Dramaturgie inklusive charmanten Plot-Twists.

Kam das Onlinespiel an einen physischen Theaterbesuch heran? Die Frage stellte sich am Ende gar nicht: Hier ist eine neue Kulturform entstanden, die viel vom Gaming- und Impro-Theater hat und uns zu neuen Auseinandersetzungen zwingt. Etwa: Gehorche ich der Stimme aus dem Laptop-Lautsprecher? Das könnte auch in virenfreien Zeiten reizvoll sein.

Der fast bessere Bachmann-Preis

Man sieht sieben Kästchen auf- und nebeneinander, mit je einem sitzenden Juror darin, alle gleichzeitig in Nahansicht: Einer gestikuliert, der andere zieht etwas entnervt die Schultern hoch, die Nächste hört unbewegt zu, Neo-Juror Philipp Tingler „quakt“ (wie er selbstironisch sagt) wieder dazwischen, was dazu führt, dass zwei stur zugleich weiterreden, bis der Moderator sich fragt, wie das für die Zuschauer klingt– und von irgendwoher die Antwort bekommt: „Gut“! Ja, mehr als gut haben sie geklungen und ausgesehen, die Jurydiskussionen des diesjährigen Bachmann-Bewerbs (auf bachmannpreis.orf.at sind sie noch abrufbar). Wer hätte vor dem 17. Juni, als er startete, gedacht, dass er mehr als eine Notlösung sein würde – zumindest für all die Zuschauer, die sowieso nie live in Klagenfurt dabei sind? Seit diesem Wettlesen wissen wir erstens: Um gut und unterhaltsam zu streiten, brauchen Juroren nicht gemeinsam in einem (realen) Raum zu sein. Zweitens: Es ist sehr reizvoll, die Juroren mit ihren Reaktionen zugleich im Detail vor sich zu sehen (diese „virtuellen“ Diskussionen haben für den fernen Zuseher sogar mehr physische Qualität als sonst). Drittens: Die Liveschaltung hatte selbst etwas von einer experimentellen Kunstform, gab den Debatten einen Hauch von absurdem Theater. Lieber ORF, mach es 2021 wieder in Klagenfurt – aber lass dich bei der Übertragung von 2020 inspirieren!

Eric Satie, 840 Mal hintereinander

Die primäre Aufgabe eines Musikers ist natürlich - die Musik. Hier hat der gebürtige Russe Igor Levit bereits manche Hymne provoziert. Von einem „Tastenzauberer“ und „Virtuosität mit Poesie“ schrieb die Kritik. Doch ein Künstler ist heute gut beraten, wenn er sich auch multimedial inszeniert. Auf seiner Website bezeichnet sich Levit als Bürger Europas. Er hat sich mehrfach politisch geäußert, gegen Antisemitismus und für Solidarität mit Flüchtlingen. Der 33-Jährige verfügt insgesamt über die Gabe, sympathisch rüberzukommen. In der Coronakrise spielte er Ende Mai einen 16-Stunden-Marathon, 840 Mal hintereinander Erik Saties „Vexations“, eine Quälerei fürwahr, „fertig, erledigt, glücklich und high“ war Levit nach dieser Aktion, die er gestartet hatte, um auf seine Not leidenden Kollegen aufmerksam zu machen. Auf Twitter sieht man den Künstler gar, wie er mit dem Rücken zum Klavier auf diesem spielt: die charmante Bar-Pièce „Cocktails for Two“ - in der Yogaversion, wie Levit scherzt.

Noch mit allerlei anderen Aktivitäten hat Levit in den vergangenen Monaten für Aufmerksamkeit außerhalb seiner Domäne, der klassischen Musik, gesorgt. Und dafür, dass ein wenig von Mühe und „Schweiß“, die mit jeder Meisterschaft verbunden sind, sichtbar werden. Das ist jetzt auf YouTube sozusagen „verewigt“. Ab 2. August wird man den Star wieder bei den Salzburger Festspielen erleben, er spielt Beethoven.

Hader als Esoterikfan und Leichensezierer

Josef Hader, solo, mit neuen Inhalten: Wie haben das die Fans des Kabarettisten vermisst, der seit mittlerweile Jahrzehnten mit einem Best-of-Programm für ausverkaufte Säle sorgt, das 1997 konzipiert wurde. Seit dem Lockdown stellt Hader wöchentlich eine Aufzeichnung oder einen Film aus seinem Archiv kostenlos auf seine Website (player.hader.at) – dazu gab es zehn Wochen lang eine Videobotschaft, in der er sich mit bissigem Witz brennender Themen der Zeit annahm (Vegetarismus, Mitarbeitersuche im Baumarkt) oder in Versionen seiner früheren Rollen schlüpfte. Köstlich ist etwa der Eintrag, in dem er mit forensischem Eifer – angelehnt an seine Pathologenrolle in „Aufschneider“ – im Eisschrank eine Räucherforelle, Pardon, eine Leiche findet und fachkundig seziert. Den Todeszeitpunkt kann er nicht zweifelsfrei feststellen, aber das Täterprofil hat es in sich: „Jetzt bin ich sprachlos: Die inneren Organe sind verschwunden! Organraub in seiner widerwärtigsten Form!“ Auch als Verschwörungstheoretiker oder Esoterikfan, der an einer spröden Aura leidet, steigert sich Hader ins Absurde. Das macht Appetit auf ein neues Programm – das ja angeblich bald kommen soll.

Die gerettete „Republik“ der Leser

Mit viel Euphorie startete im Jänner 2018 republik.ch. Das Schweizer Onlineprojekt, das sein Hauptquartier in einem ehemaligen Puff in Zürich (dem sogenannten Rothaus) aufschlug, wurde in der Medienbranche neugierig beäugt – nicht nur, weil es sich um ein reines Onlinemagazin handelte, sondern auch weil man sich Werbefreiheit auflegte und sich über Crowdfunding finanzierte. Es war der größte Crowdfunding-Erfolg für ein Onlinemagazin. „Das ist der beste Markttest, den man sich vorstellen kann“, sagt Geschäftsführerin Miriam Walther. Republik.ch kostet Leser umgerechnet gut 200 Euro im Jahr – und hatte schon vor dem Start 16.000 Abonnenten. Doch bald kam Gegenwind: Es gab inhaltliche Kritik, auch eine Klage. Man hatte sich die journalistische Latte hoch gelegt – und daran wurde und wird gemessen. Ende 2019 drohte der Bankrott. Ein dramatischer Appell an die Leser wirkte: Mit 25.200 zahlenden Mitgliedern und Abonnenten liegt das Projekt nun wieder über der Grenze, um selbsttragend zu sein. Während der Coronapandemie sei man sogar gewachsen, sagt Walther: „Über tausend neue zahlende Mitglieder und Abonnenten sind an Bord gekommen.“

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