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Aserbaidschan: Zwischen Orient und Moderne

KURIER-Logo KURIER 03.07.2020 Redaktion kurier.at

Von alten Karawansereien bis zu modernen Prestigeprojekten: Die Kontraste des Öl-Staates Aserbaidschan sind sehenswert.

Gewürze in Aserbaidschan. © Godai Wolfgang Gewürze in Aserbaidschan.

Es ist sicher das komischste Land unseres Kontinents: Die Menschen sind eigentlich ein Turkvolk, waren zweihundert Jahre russisch dominiert, betrachten sich als Europäer, die meisten von ihnen leben aber im heutigen Iran. Fast alle sind Moslems, Schleier sieht man aber selten, zumindest in der Hauptstadt Baku ist das Nachtleben westlich. Es gibt traumhafte Berglandschaften mit idyllischen Dörfern, aber auch apokalyptische Umweltzerstörungen. Aserbaidschan verwirrt und begeistert zugleich.

Aserbaidschan.Sheki. © Godai Wolfgang Aserbaidschan.Sheki.

Baku ist definitiv Europa. Dank großer Ölvorkommen brummt die Stadt, inklusive Dauerstau (trotz U-Bahn). Architektonische Zuckerln, wohin man schaut. Was die Moderne betrifft: Die alles überragenden Flame Towers im Zentrum, in denen sich die Altstadt spiegelt, oder das eindrucksvolle, von Stararchitektin Zara Hadid geschaffene Kulturzentrum, dessen geschwungene Formen alle paar Meter neue Sichtweisen ermöglichen. Oder das riesige Teppichmuseum am Hafen, natürlich in Form eines eingerollten Teppichs.

Kulturzentrum Hadid. © Godai Wolfgang Kulturzentrum Hadid.

Auch für Antikes blieb trotz der Gigantomanie Platz, die historische Innenstadt ist UNESCO-Weltkulturerbe. Innerhalb der alten Stadtmauer gibt es sie noch, die vielen engen Gassen mit hängenden Balkonen, Teehütten und kunstvollen Fassaden, herrschaftlichen Villen und der prunkvollen Philharmonie sowie mitten drin der eindrucksvolle Schirwanschah-Palast und der sagenumwobene Jungfrauen-Turm, von dessen Plattform man eine großartige Aussicht genießt.

Altstadt Baku. © Godai Wolfgang Altstadt Baku.

Dazu kommen zahlreiche Prestigeprojekte, mit denen die seit fast dreißig Jahren mehr auto- als demokratisch regierende Familie Aliyev ihr Land als Eventmetropole vermarktet. So wurde für den Eurovision Song Contest im Jahr 2012 eine eigene Prunkhalle an der Küste errichtet, an den Boulevards erinnern vergitterte Zuschauerbereiche permanent an den jährlich stattfindenden Formel 1-Grand Prix (heuer wird kein Rennen in Baku ausgetragen). Im 2015 eröffneten Nationalstadion fand im Vorjahr das Finale der Europa League statt, bei der auf 2021 verschobenen Fußball-Europameisterschaft ist es Austragungsort.

Aserbaidschan, Baku. © Godai Wolfgang Aserbaidschan, Baku.

Offene Menschen

Längst in der Neuzeit angekommen sind auch die Bewohner Bakus, jung und offen. Die Aserbaidschaner sind größtenteils ein Turkvolk, schiitisch geprägt, aber verglichen mit dem Nachbarn Iran – in dem rund zwanzig Millionen frühere Süd-Aserbaidschaner leben – ausgesprochen liberal und tolerant. Hier wird gern gegessen, getrunken (der Weinanbau hat Jahrtausende alte Tradition) gefeiert und flaniert – am besten zu beobachten an der kilometerlangen, zentralen Küstenpromenade.

Aserbaidschan, berühmt für das Brot. © Godai Wolfgang Aserbaidschan, berühmt für das Brot.

Verlässt man Baku, glaubt man, in ein anderes Land zu kommen. Eine Fahrt zur nahen Halbinsel Absheron und entlang der Nordküste ist ernüchternd. Tausende Ölfördertürme, manche in Betrieb, manche verfallen, stehen inmitten völlig zerstörter, graubrauner Landschaft. Flammen kommen stellenweise aus der Erde. Draußen am Kaspischen Meer ein Gewirr von Ölplattformen. Sie brachten das Geld für die rasche Entwicklung des Landes, der Preis ist hoch. Es gibt zwar Strände, aber allein der Geruch des Wassers hält vom Baden ab. Im südlichen Gobustan blubbern Schlammvulkane.

© Grafik

Ganz anders, aber unverhältnismäßig schöner, ist das Landesinnere zwischen großem und kleinem Kaukasus. Hier kleben Bergdörfer wie aus längst vergangenen Zeiten zwischen den Felsen, etwa das 1.400 Meter hoch gelegene Lahic, erreichbar nach einer abenteuerlichen Fahrt durch tiefe Schluchten, mit einem herrlichen Panorama. Entlang der Kopfsteinpflaster-Gassen reihen sich entzückende Häuschen, erdbebensicher gebaut mit einer ausgetüftelten Mischung aus Steinen und Holzbalken. Viel Kunsthandwerk und bunte Standeln zeigen, dass der Tourismus hier fix eingezogen ist.

Entlang der großen Flüsse reist man durch alte Handelsstädte mit bedeutenden Moscheen und Mausoleen, wie etwa Quba oder Shamaki. Die großartigste ist aber unbestritten Sheki, umgeben von grünen Wiesen, Wäldern, Seen und den schneebedeckten Viertausendern des Hohen Kaukasus am Horizont. Auch kulturell hat sie einiges zu bieten: Eine riesige, gut erhaltene Karawanserei, einen quirligen Basar und oberhalb der Altstadt die historische Festung mit dem Khan-Palast, angeblich ohne einen einzigen Nagel errichtet.

Die wichtigste Stadt West-Aserbaidschans ist aber Ganja am Fuß des Kleinen Kaukasus, nicht mehr weit weg von den Grenzen Georgiens und Armeniens. Die Letztere ist auch allgegenwärtig durch die großen Flüchtlingslager, ein Relikt des bereits jahrzehntelangen Konflikts um die verlorene Provinz Berg-Karabach. In Ganja selbst merkt man kaum etwas davon, das Zentrum hat viel zu bieten – Oper und Puppenmuseum, die große Moschee und das Nizami-Mausoleum. Daneben als Kontrast viel altsowjetische Architektur wie das Rathaus.

Nur ein paar Ortschaften weiter stößt man auf deutsche Historie: Göygöl hieß früher Helenendorf, von schwäbischen Auswanderern Anfang des19. Jahrhunderts gegründet. Viele der Kolonialhäuser sind gut erhalten und renoviert. Im Jahre 2007 verstarb der letzte Deutsche im Ort, Viktor Klein, der als unmittelbarer Nachfahre der deutschen Siedler aus der Gründungszeit stammte. Sein Wohn- und Elternhaus wird seit 2014 als Museum genutzt.

Aserbaidschan, Ganja - Oper. © Godai Wolfgang Aserbaidschan, Ganja - Oper.

Info

Klimafreundliche Anreis:Zum Beispiel mit Turkish Airlines über Istanbul oder Lufthansa über Frankfurt. Elektronisches Visum erhältlich. Kompensation via climateaustria.at: 16,86 €

Reisezeit: Klimatisch am angenehmsten sind Mai, Juni und September

Währung: 1 Manat = 0,54 €

Hotel: Sheki Palace in Sheki, tolle Lage und Top-Restaurant. eng.shekipalace.az

Pauschal: Mehrere Veranstalter bieten Aserbaidschan meist als Teil einer Rundreise zusammen mit Armenien und Georgien an, wie etwa Kneissl Touristik, 16 Tage HP inkl. Flüge ab 2.890 €. kneissltouristik.at

Auskunft: Aserbaidschan-Reiseführer, Trescher-Verlag,  20,60 €

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