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Das Jahr der "goldenen Muse"

Die Presse-Logo Die Presse 07.07.2018 von Almuth Spiegler
© Bereitgestellt von Styria Digital One GmbH

Warum nicht gerade heuer 1918, warum nicht 100 Jahre nach seinem Tod das letzte Jahr Gustav Klimts verfolgen? Zum Beispiel. Etwas derartiges hätte auch die Tate Modern interessiert, antwortet Chefkurator Achim Borchardt-Hume. Aber den Wienern wesentliche Leihgaben herauszureißen, scheint um einiges heikler zu sein, als mit Picasso-Erben und Sammlern zu arbeiten. Also widmete man diesen Sommer im führenden europäischen Ausstellungshaus für Moderne und zeitgenössische Kunst „Picasso 1932“. Führend nicht nur inhaltlich übrigens, auch imagemäßig. Es gibt keinen offeneren, keinen einladenderen, keinen attraktiveren Ort, um neuere Kunst vermittelt zu bekommen – „free and open to all“ steht groß auf dem ehemaligen Kraftwerk an der Themse. Das ist Kulturpolitik.

Die Sonderausstellungen wie eben die über Picasso, übrigens, kaum zu glauben, die erste Picasso-Einzelausstellung der Tate-Modern-Geschichte – sind in dem „free“ zwar nicht inkludiert, nur die große Dauerausstellung, aber immerhin. Die paar Pfund Eintritt zahlen sich jedenfalls aus, es ist eine bezwingende Idee, bei derart omnipräsenten Künstlern in die Tiefe zu gehen, sich die Produktion nur eines Jahres genau anzuschauen.

Es ist nicht irgendein Jahr, sondern das „Jahr der Wunder“, wie es in der Vermarktung von Picassos Œuvre gern genannt wird. Werke aus diesem Jahr sind zumindest rekordverdächtig, ihre vergleichsweise sanfte, sehr erotische Sprache scheint den Markt anzuturnen. Ob Zufall oder nicht, heuer sind schon drei Picasso-Gemälde aus jenem Jahr auktioniert worden, alle zwischen 30 und 70 Mio. Euro, alle zeigten sie Picassos damalige Geliebte, Marie-Thérèse Walter, nicht umsonst seine „goldene Muse“ genannt.

Auch auf einem ebenfalls in der Ausstellung zu findenden Bild, das in Österreich durch seinen ehemaligen Besitzer, den in die Bawag-Affäre verstrickten Investmentbanker Wolfgang Flöttl, eine gewisse Berühmtheit genießt, ist das blonde Mädchen zu sehen. Das Bild hat eine recht wüste Geschichte als Kunstmarkt-Trophäe hinter sich. Flöttl verkaufte es 2001 um kolportierte 60 Mio. Dollar an Casino-Magnat Steve Wynn.

Ellbogen in Leinwand gerammt. Während eines Termins 2006, als Wynn Freunden lauthals erzählte, er habe das Bild gerade um 139 Mio. weiterverkauft – was damals die teuerste bekannte Verkaufssumme für ein Kunstwerk gewesen wäre – rammte er Marie-Thérèse seinen Ellbogen in den Unterarm, was zu einem Riss in der Leinwand führte (ähnliches passierte ihm übrigens unlängst bei einem anderen seiner Picasso-Bilder noch einmal). 2013 konnte Wynn das restaurierte Werk dann aber doch noch, um 155 Mio. Dollar, an Steven A. Cohen verkaufen, der jetzt wohl auch Leihgeber für die Tate-Ausstellung ist.

So viel zu den Spektakeln und Marktspielereien rund um derartig prominente Ausstellungen. Abgesehen von diesen Anekdoten ist es eine unendlich ruhige, konzentrierte, kunsthistorische Ausstellung. Man sieht Picasso am Höhepunkt seines Ruhms, in Konkurrenz zu Matisse, im Kampf um künstlerische Erneuerung, sowie verloren in scheinbar endlosen Variationen von Tagträumen über seine bislang unentdeckte Muse, sie knapp 20 (sie war 15, als er sie kennenlernte), er gerade 50 geworden und noch mit Olga verheiratet.

Doch in diesem Jahr 1932 kam alles – auch Picassos privates Dilemma – heraus. Ein Jahr nach der großen Retrospektive seines künstlerischen Widersachers Matisse – eine Ehre, die damals eher für tote Künstler reserviert war – hatte auch er seinen großen Auftritt am selben Ort, in der Pariser Galerie Georges Petit. In der Tate konnte man die zentrale Wand dieser Ausstellung fast vollständig nachstellen, eine Art Familienaufstellung mit Porträts von Olga, dem Sohn und einem auffällig aus diesem Gefüge herausfallenden Selbstporträt aus der blauen Periode, also aus jüngeren Jahren. Aber sonst dominierte ein der Allgemeinheit unbekanntes Modell, Marie-Thérèse Walter. Wie es Olga dabei gegangen ist, kann man vermuten.

Am Abend der großen Eröffnung jedenfalls ging Picasso nicht hin. Sondern ins Kino, erzählt Kurator Borchardt-Hume. Dann fuhr er auf seinen neuen Landsitz, nach Boisgeloup, wo in diesem Sommer die wundervollen Fotos Brassaïs aus Picassos Skulpturen-„Stall“ entstanden. Die Ausstellung geht strikt chronologisch vor, man sieht seine Arbeitsweise sehr gut – den Wechsel zwischen Malerei und Skulptur zum Beispiel, die Arbeit in Schüben, die Variationen eines Themas, meist eben Marie-Thérèse Walter. Die übrigens wahrscheinlich nicht Modell dafür saß (oder lag), so Borchardt-Hume. Picasso arbeitete aus seiner Erinnerung heraus, projizierte sie sozusagen nur in seiner Fantasie in sein Atelier, das man an dem typischen Tapetenmuster erkennt (siehe Abb.).

Die erste Hälfte des Jahres war noch von harmonischen Formen geprägt, man merkt seine Beschäftigung mit Matisse. Die zweite Hälfte war unruhiger, experimenteller, hier kam der Surrealismus ins Spiel, diese Bewegung, die Picasso so verehrte und an der er sich eher abarbeitete. Am Ende des Jahres stand noch ein Drama, zumindest in seiner Kunst, die er betrieb, wie er sagte, wie das Führen eines Tagebuchs: Das Motiv von Ertrinkenden ließ ihn nicht los, wohl auf eine Erkrankung der sportlichen Marie-Thérèse zurückzuführen, die sie sich beim Schwimmen zugezogen hatte. Gefahr, Tod, Gewalt, Rettung und Liebe. Fünf Jahre später entstand das Meisterwerk „Guernica“. Da war Picasso schon von Olga getrennt, hatte Marie-Thérèse schon die gemeinsame Tochter geboren. Und mit Dora Maar war die nächste Frau in sein Leben getreten.

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