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Die neue Diversität im Alltag: Vom Pflaster zum Malstift

Schaufenster-Logo Schaufenster vor 4 Tagen von Sabine Mezler-Andelberg
© Bereitgestellt von Schaufenster

Als Bellen Woodard im Februar ihre Aktion „More than Peach“ – „Mehr als nur Pfirsich“ – startete, hätte sich die Neunjährige kaum träumen lassen, wie schnell ihre Idee im großen Maßstab Realität werden würde. Denn was die Schülerin aus Virginia in einem kleinen Schulprojekt anzustoßen versucht hat, ist seit Mai auch beim größten US-Malstiftehersteller Crayola ein Produkt: Eine Farbpalette, mit der sich die unterschiedlichsten Hautfarben darstellen lassen – und das nicht nur in „Pfirsich“- und Brauntönen. Sondern in 24 „Farben der Welt“, wie das Unternehmen seine neue Box, mit der sich über 40 Hauttöne abbilden lassen, nennt.

Genau das hatte sich Bellen gewünscht, als sie in der Klasse ihrer Schule in Loudoun County im Bundesstaat Virginia ihr Projekt startete. „Wenn meine Klassenkameraden nach dem ,hautfarbenen‘ Buntstift fragten, war immer klar, dass damit der pfirsichfarbene gemeint war“, erzählt die Drittklässlerin der „Washington Post“. Was für sie als einziges dunkelhäutiges Mädchen der Klasse einfach nicht gepasst hat. Weshalb sie ihre Mutter um Rat gefragt hat, wie sie damit umgehen solle, wenn sie das nächste Mal nach dem „hautfarbenen“ Stift gefragt würde. „Gib ihnen doch einfach den braunen Stift“, empfahl Tosha Woodard ihrer Tochter, aber Bellen hatte eine bessere Idee. „Ich werde sie einfach fragen, welche Farbe sie wollen, weil es so viele schöne Hautfarben gibt“, beschloss sie. Und startete damit eine Diskussion nicht nur an ihrer Schule, sie beschloss, das Thema auch an andere Schulen zu bringen. Mit 200 Dollar ihres Taschengeldes kreierte die US-Amerikanerin ein kleines Stifteset mit Farben von „Aprikose“ über „Gebranntes Siena“ und „Mahagony“ bis zu – natürlich – Pfirsich. Sie setzte damit etwas um, wofür große Firmen länger brauchten.

Denn Crayola hat seine neuen Farben von „Very Light Almond“ (zart mandelfarben) über verschiedene Gold- und Roséschattierungen bis zu „Deepest Almond“ erst Ende Mai herausgebracht. Kurz bevor die Black-Live-Matters-Bewegung durch die gewaltsamen Tode von Breonna Taylor, Ahmaud Arbery und George Floyd neu aufflammte und das Thema zusätzlich an Aktualität gewann.

Inklusive Positionierung. Das Thema nutzen jetzt auch andere Traditionsfirmen, um sich als inklusive Unternehmen zu positionieren. Darunter der größte Pflasterproduzent des Landes, Band Aid, der Mitte Juni ankündigte, seine Pflaster ab 2021 in fünf verschiedenen Hauttönen anzubieten. „We hear you. We see you. We're listening to you“ („Wir sehen Euch. Wir hören Euch. Wir hören Euch zu“) hatte das Unternehmen sein neues Produkt auf Instagram angekündigt. Was allerdings nicht nur auf positives Feedback stieß – da viele Twitter-User kritisierten, dass diese Erkenntnis reichlich spät käme.

Andere, weniger kommerziell ausgerichtete Unternehmen haben nämlich längst Produkte entwickelt, die Konsumenten aller Hautfarben repräsentieren. Darunter etwa der Pflasterhersteller Tru-Colour-Bandages, dessen Produkte im Vorjahr Beachtung fanden. Dominique Apollon, Vizepräsident der Bürgerrechtsorganisation „Race Forward“, berichtete in den Sozialen Medien, wie emotional der Moment für ihn als Afroamerikaner war, als er im Alter von 45 Jahren erstmals ein Pflaster tragen konnte, das seinem eigenen Hautton entsprach.

Allerdings waren diese Produkte eher online und in spezialisierten Geschäften zu finden. Das Besondere an den Launches der großen Marktführer liegt jetzt darin, dass Band Aid und Crayola auch in den großen Supermarktketten gelistet sind, wodurch auch Menschen in ökonomisch schwierigeren Verhältnissen Zugang dazu haben – und sie als Normalität erleben können und nicht als Ausnahmeprodukt spezialisierter Hersteller.

Vorreiter Kosmetikindustrie. Dabei sind verschiedene Hautfarben zumindest in der US-Kosmetikindustrie bereits seit Jahren Realität: Dort finden sich in Geschäften von Walmart bis Saks Fifth Avenue neben den klassischen Make-up-Linien für helle Haut – je nach Preisklasse von L'Oréal bis Chanel – auch auf dunkle Hauttöne spezialisierte Linien wie Black Radiance und Black up oder die gleichnamige Kosmetiklinie von Supermodel Iman, der Witwe von David Bowie, die seit 1994 auf Women of Color spezialisiert ist. Seit 2017 gibt es auch das „Fenty“-Make-up von Sängerin Rihanna, das in 40 Hauttönen erhältlich ist.

Im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung erfährt diese Entwicklung derzeit weiteren Aufwind: So hat etwa Musiker Kanye West angekündigt, künftig Make-up und Nagellack für People of Color zu produzieren und die Kosmetikkette Sephora will künftig 15 Prozent ihrer Verkaufsfläche für Marken zur Verfügung stellen, die von afroamerikanischen Inhabern geführt werden. Eine andere, wohl gut gemeinte, Aktion hat kürzlich dagegen erst wieder vor Augen geführt, wie stark Diskriminierung in den USA auch auf dem Beautysektor stattfindet: So verkündeten Walmart und zwei der größten Drogerieketten jüngst, dass man nun von der bisherigen Praxis Abstand nehme, die Haarprodukte für Afroamerikaner extra zu versperren.

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