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Galapagosinseln: Im Schaufenster der Evolution [premium]

Schaufenster-Logo Schaufenster 02.01.2020 von Valentina Dirmaier
© Bereitgestellt von Schaufenster

Es ist nur ein leises Knistern, das die Stille bricht. Dazu das monotone Gluckern der Luftblasen. Sonnenstrahlen brechen durch die hellblaue Decke, die sich wie ein Seidenschal über den Ozean legt. Die Welt unter dem Meeresspiegel von Galapagos, 1000 Kilometer von der Küste Ecuadors entfernt, ist lärmarm, zaubervoll und unendlich farbenreich. Zentimeter vor der Schnorchelbrille schwänzeln Angel-, Doktor-, Papagei- und Trompeten-Fische. Ungestört schwebt ein gefleckter Adlerrochen über der schwarz-weißen Seeschlange, den Seegurken und Seesternen dahin.

Plötzlich taucht ein dunkler Schatten auf, verdrängt das Licht an der Oberfläche, und eine Leiter wird ins Wasser gelassen. Im Augenwinkel tauchen immer mehr Schnorchler auf. Dann ein verschwommenes Handzeichen über dem Wasser, das andeutet: Schluss für heute. Einer nach dem anderen wird nach dem ersten Unterwasserausflug ins Schlauchboot gezogen. Die glücklichen Taucher aus der Schweiz, den USA, Kanada, Deutschland und Österreich drängen sich auf die Gummischläuche, schnallen sich die Schwimmweste um und kuscheln sich in die frischen Handtücher. Wie Quellwasser sprudeln die Erzählungen: über die kleinen, kurzatmigen, schwarzen Galapagos-Pinguine, die pfeilschnell tauchen und wie ein Esel iahen.

Die Urlauber schwärmen von den grazilen, braunen Robbenweibchen, die jeden Fremdling zum Spielkameraden machen und ihren bulligen, nicht ungefährlichen Männchen, die Eindringlinge mitunter attackieren. Die Magie des Meeres ist ein Aphrodisiakum, das Erwachsenen kindliche Freude einflößt. Zu Recht. Der Zauber des lebenden Museums hat schon den jungen Charles Darwin 1835 bei seiner Ankunft auf den Galapagos benebelt. Nirgendwo auf der Welt ist die Artenvielfalt größer. 500 Fischarten, davon 50 Haie und Rochen, schenken der Welt unter dem Meeresspiegel, wo die kalten Strömungen keine Korallen wachsen lassen, ihre Farbenpracht.

Paradies und Proteine

Das Nest aus kleinen Archipelen ist nicht minder vielfältig: 40 Prozent der Pflanzen und 80 Prozent der Tiere sind endemisch. Sie kommen nur auf Galapagos vor. Wie ein Singvogel, der – fälschlicherweise – als Quell der „Entstehung der Arten“ gilt: der Darwin-Fink. Dem Aushängeschild der Vulkaninseln hat Charles Darwin, der Vater der Evolutionstheorie, erst sehr spät Beachtung geschenkt. Hier, entlang des Äquators, brach die Erde vor etwa vier Millionen Jahren auf. Magma zerfloss unter der Meeresoberfläche und formte 13 große, sechs kleine Inseln und dutzende Mini-Eilande. Die Galapagos waren geboren. Täufer waren Piraten, die auf ihren Beutezügen auf den nebelverhangenen Inseln Unterschlupf fanden. Sie entdeckten das Paradies und Proteine: die Riesenschildkröten. Ihr im Nacken gewölbter Panzer dürfte die Plünderer an einen spanischen Reitsattel, einen „galapago“, erinnert haben.

Die mystischen Pazifikinseln bekamen ihren Namen, die Seeräuber und auch Darwin ihre Wegzehrung: Sie packten die lebendigen, fettreichen Riesen, die monatelang ohne Wasser und Nahrung auskommen, als Proviant in die Schiffsbäuche. Die heutigen Maskottchen waren dem Aussterben nahe. Aus dem massiven Artenschwund resultierte 1959 die Gründung des Nationalparks, der sich auf 97 Prozent der Landfläche und 99 Prozent des Meeresgebietes rund um die Inseln ausbreitet.

Nur zwei Meter. Nicht nähertreten und keinesfalls die mampfenden Greise berühren. Christian Rueda mahnt mehrmals. Der Naturkundeguide im Dienst der Reederei hält inne, vergewissert sich, dass die Gruppe seinem Biologie-Exkurs folgt. Die 16 Passagiere, eben erst der Yacht entstiegen, noch leicht vom Seegang benebelt, beobachten still. Neben ihnen schmatzen die trägen, bis zu 200 Jahre alten Galapagos-Riesenschildkröten Grashalme. Nur wenn sich die 300-Kilo-Kolosse bedroht fühlen, ziehen sie ihren Kopf ein und beginnen zu pfauchen. So nahe kommt der Mensch Tieren kaum in freier Natur.

Vogelbeobachter finden auf Genovesa ganz im Norden des Nationalparks Galapagos ihren Himmel auf Erden: In der Darwin-Bucht, die durch einen kollabierten Vulkankrater entstand, ziehen Fregattvögel, Lavamöwen, Goldwaldsänger, Wanderwasserläufer oder Sturmschwalben über Wasser und Land. Hier hat sich die weltweit größte Kolonie an Rotfußtölpeln angesiedelt. 120.000 der seltsamen Vögel nisten hier. Die Gelassenheit der Vögel faszinierte bereits die ersten Ankömmlinge im 16. Jahrhundert. Ohne Scheu vor den Besuchern hocken Maskentölpel neben ihrem Nachwuchs. Man braucht nicht einmal ein Teleobjektiv, so zahm sind die meisten Vögel, die auf Galapagos von keinen natürlichen Feinden gejagt werden.

Hierher kommt man nur im Zuge einer kostspieligen Tour: Auf einer Jacht erhaschen 16 Gäste für fünf bis sieben Tage Einblick ins Schaufenster der Evolution. Die Plätze sind limitiert, ebenso der Schiffsverkehr. Bootslizenzen werden unter strengen Richtlinien vergeben und unterliegen den Vorgaben der Nationalparkbehörde: So dürfen die von Satelliten überwachten Boote – ebenfalls begrenzt – innerhalb von 14 Tagen ein Ziel nur einmal ansteuern. Die Regeln gelten auch für Auswärtige. Noch bevor Urlauber den Flughafen – der erste überhaupt, der sich „umweltfreundlich“ nennen darf – verlassen, müssen sie 100 Dollar Nationalpark-Gebühr zahlen. Damit werden unter anderem pädagogische Projekte finanziert und der Tierschutz unterstützt.

Die Galapagos sind fragil. Wenn, wie kurz vor Weihnachten bei San Cristobal bei einer Schiffshavarie 2500 Liter Diesel austreten, sind die Behörden mit Maßnahmen mittlerweile sehr schnell zu Stelle - in Ecuador wurde sogar der Notstand ausgerufen. Militär und Umweltaktivisten haben Schutzbarrieren und ölabsorbierende Mittel eingesetzt, damit gelang es Schlimmeres zu verhindern.

Sechs Jahre nach dem Tankerunglück von 2001, bei dem das havarierte Frachtschiff Jessica 250 Tonnen Öl verlor und damit unter anderem 15.000 tote Leguane forderte, rief die Unesco den Notstand aus: Die Organisation setzte die Inselgruppe auf die Rote Liste des gefährdeten Welterbes. Mittlerweile haben Maßnahmen von Regierung und Tourismus-Zuständigen Wirkung gezeigt. Reedereien werden streng kontrolliert, ebenso Fluglinien. Essbares darf nicht mitgebracht werden. Handgepäck wird noch in der Luft mit Nebel aus der Spraydose dekontaminiert. Und Besucher werden auf den Booten unterrichtet: Niemals Sonnencreme während der Exkursion auftragen. Nach jedem Ausflug muss Erde mit dem Gartenschlauch aus dem Schuhprofil gewaschen werden, damit keine Pflanzensamen von einer Destination zur nächsten verschleppt werden. Nur jene mit sauberen Goretex-Tretern dürfen auf das 41 Meter lange Kreuzfahrtschiff. Die Besatzung der Odyssey kontrolliert alles, die Passagiere werden auf Umsicht getrimmt. Doch die Kontrollen sehen nicht alles, schon gar nicht die Behörden. Bewohnte Gebiete sind teils blinde Flecken. Hier ist Umweltschutz nachrangig. Plastikflaschen, Verpackungsmüll und Unrat sammeln sich am Wegesrand, hängen in den Stauden. Umweltsünden, Wasserknappheit und Kriminalität nahmen mit dem rapiden und teils illegalen Bevölkerungswachstum, das in den 1970ern mit dem Ölboom einsetzte, zu.

Problem mit invasiven Arten

Als die Wirtschaft auf dem Festland zehn Jahre später kränkelte, schwappte eine zweite Zuzugswelle in den 1990ern über Galapagos hinweg. Die Menschen schleppten invasive Arten ein, die Naturwissenschaftler noch heute Kopfzerbrechen bereiten. Parasiten, wuchernde Pflanzen wie Brombeeren und Gräser, Mücken, Ratten, Haus- und Nutztiere wie Hunde, Katzen und Schweine richten großen Schaden an, indem sie Futter und Lebensraum endemischer Tiere zerstören. Jahrelang, sagt Sabine Tebbich, wurden Ziegen gejagt. Schließlich wurden sie ausgerottet. Ein Teilerfolg. Die Jagd auf Eindringlinge geht weiter, erklärt die Biologin der Uni Wien. Zusammen mit ihrer Forschungspartnerin Birgit Fesl hat sie sich im Landvogelschutzprogramm des Charles Darwin Research Center – ein Besuch sollte für jeden Gast Pflicht sein – auf den Erhalt einer besonderen Vogelspezies fokussiert. Der Rubintyrann, der noch vor dem Schlüpfen von einem Parasiten befallen wird und verendet, soll vor dem Aussterben bewahrt werden. Die beiden Österreicherinnen spielen vor Ort und von Wien aus Feuerwehr. Tebbich, die unter anderem für das Max-Planck-Institut arbeitete, 1996 auf Galapagos aufschlug und zwischendurch mit ihrer Familie auf einem der Eilande lebte, zieht Vergleiche mit der Vergangenheit: Alles wurde größer, die Gemeinschaften, der Tourismus, die negativen Auswirkungen.

Es ist nicht mehr, wie es war, sagt Wilson, während er seine Setzlinge gießt. Im Garten des pensionierten Architekten sprießt Tropisches bei schwülen Temperaturen. Im Hintergrund rauscht das Meer, die Wellen branden an, die Robben heulen um die Wette. Zusammen mit seiner Ehefrau Manany hat sich Wilson ein Domizil in San Christobal geschaffen, das sie mit Urlaubern teilen. Mitten im Grünen, eine Viertelstunde von der kleinen Hafenstadt Puerto Villamil entfernt, haben sie Wohneinheiten zum Mieten geschaffen. Alles im Einklang mit der Natur, sagt Manany. Auf der Insel, auf der sich das Ehepaar niedergelassen hat, ticken die Uhren langsamer, das Leben ist entschleunigt. Ihr kleines Auto fährt mit Strom von Solarpaneelen auf dem Hausdach. Das Leitungswasser fällt aus den Wolken und wird gefiltert. Es gibt keine Klimaanlage, die Gebäude sind so konstruiert, dass der Wind durchziehen kann. Abfall wird getrennt und Biomüll kompostiert – höchst ungewöhnlich im Andenstaat Ecuador. Manany will die Nachhaltigkeit vorantreiben. In Kursen und Treffen versucht sie, grünes Wissen zu vermitteln. Bis sich etwas ändert, dauert es. Man spricht hier auf der Insel nicht in Jahren, sondern in Generationen, sagt Wilson.

Meister der Camouflage

Naturguide Christian Rueda, geboren auf der bevölkerungsreichsten Insel Santa Cruz, spricht schon von merklichen Veränderungen. Er versprüht Optimismus, während seine Gäste Eindrücke sammeln. Die Auslöser werden nicht mehr losgelassen, die kleine Robbe ist zu entzückend. Ihr Schmatzen muss auch noch aufs Video. Genauso wie der kleine Gecko, der auf dem Bauch der Mutter krabbelt. Das idyllische Bild komplettieren feuerrote Klippenkrabbler: Die Sally Lightfood Crabs trippeln pfeilschnell über das schwarze Vulkangestein, von dem sich die trägen Wasserleguane kaum unterscheiden. Die Meister der Camouflage wirken wie Relikte aus der Kreidezeit. Sie sind die einzigen Reptilien, die im Meer schwimmen. Die Landleguane sind auf dem Drachenberg im Norden von Santa Cruz angesiedelt. Die rosafarbenen Riesenechsen – 2009 entdeckt, bis zu 1,8 Meter lang und ohne den so charakteristischen Kamm – sind 80 Kilometer westlich auf Isla Isabela auf dem Vulkan Wolf beheimatet.

An dem Idyll kann sich keiner sattsehen. So lange, bis Christian zum Rückzug auf die schwimmende Bleibe ruft. Die Ausflüge sind minutiös geplant und detailreich organisiert. Südamerikanisch ist das Buffet mit frisch gefangenem Fisch und Meeresfrüchten. Nachdem der süße Abschluss abserviert und das tägliche Briefing für die nächsten Ausflüge präsentiert wurde, gehen die Motoren an. Mit elf Knoten schippert die Gran Natalia in die Nacht.

Der Kaffee dampft in der Tasse, es duftet nach frischem Plunder. Aus dem Schiffsbauch rattert die Kette. Das Schiff ankert vor der Insel Bartolomé. Zeit für einen Spaziergang. Mit der Morgensonne im Nacken stapfen alle ein paar Hundert Stufen auf den 114 Meter hohen Hügel. Kitschig schön ist das Panorama mit der markanten Felsnadel, dem erloschenen Vulkan im Hintergrund und dem blitzblauen Meer, auf dem weiße Ausflugsboote gleiten. Kohlrabenschwarz und brandheiß sind die ineinander verschmolzenen Vulkane auf Santiago. Bloß nicht barfuß gehen. In der Mittagshitze hat die glänzende Lava Backofentemperatur – trotz Regenzeit.

Lang will in diesem Niemandsland keiner bleiben. Und die Gedanken wandern zurück zum Meer: ein letztes Mal Schnorcheln im angenehm kühlen Meerwasser. Bevor die Motorjacht Puerto Ayora, den größten Ballungsraum von Galapagos, ansteuert, wird nach einem Rückwärtssalto ins Wasser noch ein letzter Blick gewährt: Ein schillernder Papageifisch tänzelt um einen grimmigen Segelflossenbarsch. Er zeigt ein Lächeln – der Endorphin-Gehalt im Blut schnellt in die Höhe. Man will mehr. Man will nicht weg von Galapagos. Also gut, noch einmal tief Luft holen und ins überdimensionale Aquarium abtauchen.

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