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Serien, für die wir endlich Zeit haben: Von "Buffy" bis "This is Us" [premium]

Die Presse-Logo Die Presse 16.03.2020 von Katrin Nussmayr
© Bereitgestellt von Die Presse

Werden Streamingdienste wie Netflix von der Coronakrise profitieren? Da scheiden sich die Expertenmeinungen. Klar ist: Ihr Wohnzimmer-Angebot ist ein kultureller Trost in einer Zeit, in der Theater und Kinos ihre Türen geschlossen haben und wir uns in die soziale Isolation zurückziehen. Und das Medienverhalten, das wir dank Streaming kultiviert haben – nämlich das Binge-Watching, das staffelweise Verschlingen ganzer Serien – passt auch perfekt in die kommenden Wochen, in denen uns kein schlechtes Gewissen plagen muss, wenn wir uns stundenlang dem Bildschirm hingeben: Endlich haben wir Zeit!

Zeit für die guten alten Kultserien, die wir damals, als sie aktuell waren, nicht verfolgt haben. Für die staffelreichen Ungetümer, in die wir nicht rechtzeitig eingestiegen sind und uns dann gedacht haben: Jetzt zahlt es sich auch nicht mehr aus. Für die Geheimtipps, von denen unsere Freunde uns vorgeschwärmt haben – aber dann ist doch ein Serienhype dazwischengekommen, dem wir uns widmen mussten.

Hier also ein paar Tipps für Serien, die uns durch die Krise helfen könnten: Sie sind spannend, verbreiten aber keine Endzeitstimmung; sind lustig, aber nicht seicht; ergreifend, aber emotional nicht zerstörend. Viele haben ein Genre geprägt, Lust auf mehr machen sie allemal – weshalb wir hier auch verwandte oder ähnlich gestrickte Serien empfehlen. Auch dafür wird in diesem Frühling wohl Zeit sein.

108 Stunden Fantasy: „Buffy"

1997-2003, 7 Staffeln - zu sehen z.B. im Abo von Amazon oder TVNOW

Im Bann der Dämonen“, wie der deutsche Titelzusatz lautete, stand Buffy Summers (Sarah Michelle Gellar) nie. Sie war kein ohnmächtiges Opfer, sondern ab 1997 sieben Staffeln lang „The Vampire Slayer“, die mit Pflock und Armbrust bewaffnet Jagd auf Untote machte. Ein (physisch) starkes, selbstbestimmtes Mädchen in der Hauptrolle, das gab es vor ihr so nicht. Die Serie verknüpfte auf originelle Weise Unterhaltung mit Tiefgang, war eines der wegweisenden Formate für „Quality TV“. Virtuos spielte sie mit Pop- und Hochkultur, zitierte Shakespeare und weitete die Grenzen des Horrorgenres aus.

Das gefiel nicht nur den Mädchen und Buben vor dem Bildschirm, denen die Serie ein Gefühl von Stärke gab, sondern auch Kulturwissenschaftlern. „Buffy Studies“ hatten eine Zeit lang Konjunktur. Forscher analysierten Ethik, Ästhetik, Geschlechterrollen . . . Das klingt anstrengend, doch die Serie fühlt sich nicht verkopft an. „Buffy“ war nicht von einem Abo-finanzierten Streaming-Anbieter produziert, sondern musste auf einem US-Kabelsender um Zuschauer buhlen. Spannung aufbauen, das „Monster der Woche“ bekämpfen. Wer hat mitgezählt, wie oft die süße Willow (Alyson Hannigan) in Lebensgefahr geriet? Ehe sie selbst zur mächtigen Hexe wurde, denn die Figuren stagnierten nicht, sondern durften sich weiterentwickeln. Vor allem riskierte die Serie ständig ihre eigenen Prämissen, stellte ihre detailreiche Welt infrage. Wegweisend: die Folge „Normal Again“, in der Buffy in der Psychiatrie aufwacht. Ihr Leben als Vampirjägerin scheint eine Wahnvorstellung zu sein. Am Ende entscheidet sie sich für die Illusion.

Trotz der Düsternis hatte die Serie viel Humor (leider ist auf Amazon nur die deutsche Fassung zu sehen). Viel davon ist Schöpfer Joss Whedon zu verdanken, der danach mit der Sci-Fi-Serie „Firefly“ (Amazon, eine Staffel) scheiterte und mit dem ersten „Avengers“-Blockbuster reüssierte. Drehbuchautorin Marti Noxon schrieb später das schwarzhumorige „Dietland“ (Amazon, eine Staffel) und die Miniserie „Sharp Objects“ (Sky, eine Staffel).

Oft wird „Buffy“ in einem Zug mit „Charmed“ genannt, „Buffy“ war freilich immer besser. Und einflussreicher. Ohne die sexy Vampire Angel und Spike kein „True Blood“ (sieben Staffeln, Sky), ohne Buffys und Willows Girlpower keine „Chilling Adventures of Sabrina“ (Netflix, drei Staffeln). Aus heutiger Sicht, nach all den „goldenen Serien“, wirkt „Buffy“ altmodisch. Die Spannung funktioniert trotzdem. Der Witz. Und die Figuren. Es ist leicht, sich in „Buffy“ zu verlieben. Jetzt hat man Zeit, es wieder zu versuchen. (her)

18 Stunden Spannung: „The Sinner"

seit 2017, bisher 3 Staffeln, 2 davon sind auf Netflix

Warum ersticht eine junge Mutter einen völlig Fremden? Diese Frage steht am Beginn der Serie „The Sinner“, in der Jessica Biel (in der ersten Staffel) mit leerem Blick im Gefängnis sitzt und leidet. Man weiß, sie hat es getan, hat vor ihrem kleinen Sohn, vor ihrem Ehemann, vor Dutzenden Zeugen am Badesee mit dem Obstmesser einen Mann getötet, den sie nicht kannte. Das „Whydunit“ lässt nicht los, viele Rückblenden treiben die Frage voran. Protagonistin Cora hat nicht nur diesen einen Ausbruch am See, sie greift auch den einzigen Ermittler an, den das Motiv für die Tat wirklich zu interessieren scheint: Detective Harry Ambrose, wunderbar gespielt von Bill Pullman, der in „Independence Day“ den besten aller US-Präsidenten gab.

Die Mischung aus Thriller und Charakterstudie basiert auf dem deutschen Bestseller „Die Sünderin“ von Petra Hammesfahr, Namen und Handlungsorte wurden aber freilich den USA angepasst. Der völlig in sich geschlossenen Geschichte folgte nach guten Quoten und Kritiken noch eine weitere: In der zweiten Staffel geht es um einen 13-Jährigen, der seine Eltern ermordet haben soll. Wieder wird das Interesse des Ermittlers Harry Ambrose geweckt – und wieder geht er bis an seine Grenzen, um das wahre Motiv zu finden. Schauspielerin Carrie Coon („Fargo“ , „The Leftovers“) brilliert als Anführerin einer Sekte, auch Elisha Henig spielt den mutmaßlichen Mörder Julian glaubhaft und intensiv. Eine dritte Staffel ist in den USA schon gestartet.

Thrillerserien mit Charakteren, bei denen sich der Seher immer wieder die Vertrauensfrage stellen muss: Dieses Konzept funktioniert nur mit guten Schauspielern. Und darf nicht, wie etwa beim (in den ersten Staffeln freilich hervorragenden) „Homeland“ (z. B. auf Amazon) mit unzähligen Weiterführungen überreizt werden. Überraschend etwa die gewaltbereite, doppelgesichtige Kommissarin „Marcella“ in der gleichnamigen Serie (Netflix, zwei Staffeln).

Auch im Psychothriller „Mindhunter“ (Netflix, zwei Staffeln) wird mit Vertrauen gespielt. Startend in den späten 1970er-Jahren, wollen FBI-Agenten herausfinden, wie Serienmörder denken. Hier braucht es kein Blut, um Gänsehaut zu erzeugen. Wer dieses aber gern sieht, wird mit „Dexter“ (bei Sky im Abo) gut beraten sein. Der Protagonist, selbst Serienmörder, arbeitet als Forensiker und übt in seiner Freizeit in immerhin acht Staffeln Selbstjustiz. Ein Schwerverbrecher, der mit den Behörden zusammenarbeitet, ist auch Raymond „Red“ Reddington in „The Blacklist“ (sechs von sieben Staffeln auf Netflix). (rovi)

50 Stunden Drama: „This is Us"

seit 2016, 4 Staffeln, 3 davon sind im Amazon-Abo

Es braucht nicht lang, um zu begreifen, was die drei, die da am gleichen Tag Geburtstag haben, verbindet: Kate, Kevin und Randall sind Geschwister. Zwei davon sogar Zwillinge, der Dritte wurde am Tag ihrer Geburt vor der Geburtsklinik abgelegt und von den Eltern der Zwillinge als drittes Kind aufgenommen. Die Familienstruktur in „This Is Us“ (Amazon) ist also durchaus als komplex zu bezeichnen. Schwester Kate ist übergewichtig, Bruder Kevin dafür (unterschätzter) Schauspieler mit Modelgesicht, Bruder Randall sehr gescheit und erfolgreich. Die Eltern (gespielt von Mandy Moore und Milo Ventimiglia) waren stets liebevoll, aber Geheimnisse und Missverständnisse gab es auch in dieser Familie – und die werden in insgesamt vier Staffeln aufgearbeitet. Das ist sehr oft richtig kitschig und „touching“ (auch wegen der Musik), wie die Amerikaner sagen würden, man sieht aufgrund des guten Schauspielerensembles gern zu.

Eine Spur dunkler ist die Familiengeschichte der Rayburns in „Bloodline“ (Netflix). Drei Geschwister leben in unmittelbarer Nähe des elterlichen Hotels auf den Florida Keys (hervorragend: Sissy Spacek als Mutter Sally), der älteste Sohn, Danny, kehrt nach Hause zurück und bringt Unruhe in das beschauliche Leben im Ferienparadies. Eine dieser Serien, bei denen man zum Ende nach drei Staffeln wehmütig wird. Ähnlich geht es einem mit „The Affair“(Amazon), dem Auf und Ab von zwei Ehen und einer leidenschaftlichen Affäre. Nicht ganz so viel Fahrt nimmt „Big Little Lies“ (Amazon, zwei Staffeln) auf, hier besticht aber der prominente Cast mit Reese Witherspoon, Nicole Kidman, Laura Dern und Meryl Streep. (awa)

48 Stunden Comedy: „Brooklyn Nine-Nine"

seit 2013, 7 Staffeln, 5 davon sind auf Netflix

Wer einen Eindruck davon bekommen will, wie die Verbrecherjagd im fiktiven 99. Revier des NYPD in Brooklyn abläuft, muss nur die Szene sehen, in der Captain Holt einen sehr schwerhörigen Übeltäter stellt und in typischer Cop-Manier einschüchtert, nur eben brüllend – vergeblich: Der hört nix. Oder die, in der fünf Mordverdächtige an der Wand aufgereiht sind und die Zeugin meint, der Täter habe ein Lied von den Backstreet Boys gesungen. Detective Jake Peralta (Andy Samberg) lässt die Männer also vorsingen – und stimmt selbstvergessen mit ein: „Tell me why!“ Oder eine der vielen Halloween-Folgen, in denen die Polizisten einander mit spektakulären Raubzügen im eigenen Revier überbieten: Sie können wie Kinder sein, der juvenile Jake, die überorganisierte, listenvernarrte Amy, die toughe Rosa, die Sätze bringt wie „Welche Frau hat keine Axt?“, und die sehr von der eigenen Überlegenheit überzeugte Assistentin Gina (Comedian Chelsea Peretti) – aber wenn es ernst wird, sind sie Profis.

Witz und Herz vereint nicht nur „Brooklyn Nine-Nine“ aufs Schönste: Die Macher schufen davor die ebenso geniale Serie „Parks and Recreation“über das Grünflächenamt einer US-Kleinstadt (sieben Staffeln, zwei davon auf Sky). Eine vergnügliche Meta-Telenovela, die sich selbst nicht allzu ernst nimmt, ist „Jane the Virgin“ (vier von fünf Staffeln auf Netflix). Und „Shameless“ (neun von zehn Staffeln auf Amazon) gelingt überhaupt ein Kunststück: Die Eskapaden der kinderreichen Familie um einen saufenden Vater sind eigentlich tragisch – aber mit einer Leichtigkeit und Warmherzigkeit erzählt, die positiv mitreißen. (kanu)

33 Stunden Superkraft: „Jessica Jones"

2015-2019, 3 Staffeln, auf Netflix

Sie verliert schnell die Geduld und haut dann gern zu, pflegt einen mehr also schnoddrigen Umgangston, stürzt Whiskey hinunter wie Wasser und ist einem One-Night-Stand selten abgeneigt, denn Sex hilft ihr, nicht über sich nachzudenken: Jessica Jones schließt an eine lange Tradition von verhaltensauffälligen Privatdetektiven an, sie hat ihnen aber eines voraus: übernatürliche Kräfte.

„Jessica Jones“ bietet handfeste Action. Wer seine Superhelden gern ein wenig skurriler mag, lernt in der „Umbrella Academy“ (Netflix) eine dysfunktionale Familie mit einer Roboter-Mama kennen – und in „The Boys“(Amazon) eine ganze Riege korrupter und verschlagener „Supes“. (best)

10 Stunden Reality: „Die außergewöhnlichsten Häuser der Welt"

seit 2018, 2 Staffeln, auf Netflix

Viele skurrile Doku-Serien verstecken sich in den Untiefen von Netflix. Eine Perle ist aber die BBC-Produktion „Die außergewöhnlichsten Häuser der Welt“ (zwei Staffeln): Architekt Piers Taylor und Schauspielerin Caroline Quentin besichtigen sehr spezielle Eigenheime in aller Welt. Pro Folge sieht man vier Häuser. Bei einigen ist man neidig, bei anderen dankbar, dass man nicht in ihnen lebt. Nur der Enthusiasmus der Moderatoren nervt manchmal. Ähnlich ist das bei „Restaurants am Abgrund“ (Netflix, eine Staffel): Sehenswert ist die Folge, in der die „Experten“ unter Verwendung vieler Superlative ein Tiroler Gasthaus umgestalten. (her)

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