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Unterwegs in Nordirland: Regen ist nur ein Wort [premium]

Schaufenster-Logo Schaufenster 12.03.2020 von Stefanie Bisping
© Bereitgestellt von Schaufenster

Steil und unbarmherzig führt der Granit-wanderweg dem Slieve Donard entgegen, dem mit 849 Metern höchsten der zwölf Gipfel der Mourne Mountains. Der Pfad beginnt gleich über dem Hafen von Newcastle, wo sich wie jeden Morgen uner-schrockene Einheimische zum Baden in der Irischen See treffen; später folgt er den Schienen, auf denen einst Granit aus den Bergen zum Verladen gebracht worden ist. Über dem Hafen erinnern die farbenfrohen Häuschen der „Widows’ Row“ an einen schicksalhaften Jännertag 1843. Die ganze Flotte aus Newcastle und Umgebung fuhr bei wolkenlosem Himmel aufs Meer hinaus, als plötzlich ein Orkan heraufzog. 76 Männer kamen um und hinterließen 27 Witwen und 118 Kinder. Zehn Jahre sollte es dauern, bis aus dem für sie gesammelten Geld die kleinen Cottages entstanden sind; viele Frauen waren da längst mit ihren Kindern ausgewandert.

Das unberechenbare Wetter, das den Fischern zur Katastrophe wurde, ist bis heute charakteristisch für Nord­irland. Bei strahlendem Sonnenschein verlässt man das Haus, um wenige Minuten später unter einem Rhododendron vor Regenguss oder Hagelschauer Schutz zu suchen. An Land ist es immerhin leichter als auf See, die Angriffe durch Wind und Wetter zu parieren, und so entwickeln Wanderer schnell Geschicklichkeit darin, Regencapes an- und auszuziehen, zu verstauen und auszupacken.

Auf Granit gehen. Mitunter zeigt die See auch ihr freundliches Gesicht. „Manchmal sehe ich vom Balkon aus Wale vorüberziehen“, erzählt Wanderführerin Fiona Mullan, die in einem Haus am Hang wohnt. Früher bevorzugte, wer es sich leisten konnte, die Stadtmitte oder die Gegend hinter dem 1889 eröffneten Royal County Golf Club, der als einer der attraktivsten der Welt gilt und von Tiger Woods ebenso bespielt wird wie von Rory McIlroy. Heute haben die schmalen Straßen über dem Hafen ihren eigenen Reiz. Nicht nur ist der Pub The Harbour House Inn, dessen exponierte Terrasse den letzten Sonnenschein in Newcastle einfängt, von hier aus schnell erreicht. Für Fiona liegt das Meer vor der Tür, der Slieve Donard hinter dem Haus; viel idyllischer kann man auch an der irischen Küste nicht leben. Sie kennt nicht nur jeden Stein und jede Geschichte der Mourne Mountains, sondern zum Glück auch einen Waldweg, dessen Steigung Herz und Lungen weniger beansprucht als der Auftakt des Granittrails.

Wo die Silhouetten der Mourne Mountains zur Küste wogen, wie einst vom Dichter und Komponisten William Percy French im Lied beschworen, befinden sich einige der schönsten Wanderwege der ganzen Insel. Häufig ruhen Wolken und Dunst auf dem Slieve Donard. Dann beschränkt sich die Sicht auf schwärzlich-grüne Berghänge über Wald und Heidekraut. Manchmal aber leuchtet der Himmel über ihm so blau wie das Meer, dann ist es schwer, sich einen schöneren Flecken Erde vorzustellen. Zwischen blühender Heide, Farn und Granitbrocken windet sich der Pfad durch eine Landschaft, die voller Geschichte und Geschichten steckt.

Auch bei bestem Wetter war das Leben hier selten leicht. Im 19. Jahrhundert wurde das Gestein des Gebirgszugs abgebaut und für den Bau von Newcastles Hafen, fürs Parlament in Belfast und die Hans-Christian-Andersen-Statue in New York City verwendet. Granit, Fischen und Schmuggel mit der Isle of Man bildeten im Wesentlichen die beruflichen Optionen, bis Newcastle 1869 einen Bahnhof bekam und auf Basis von Meerwasser und Algenbädern ein zarter Badetourismus erblühte. Von dieser Ära zeugt bis heute das an ein gotisches Schloss erinnernde Hotel Slieve Donard, das die Eisenbahngesellschaft 1897 eröffnete. 1921, im Jahr der Teilung Irlands, checkte Charlie Chaplin ein. Er hatte vom Tod seiner ersten Liebe, Hetty Kelly, erfahren, die aus der Gegend stammte, und wollte ihre Familie ausfindig machen. Später folgten Erzbischof Desmond Tutu, Van Morrison und Catherine Zeta-Jones mit Michael Douglas, die zum Golfen kamen. Die Bahn fährt schon seit 1955 nicht mehr, doch noch immer thront das Hotel über dem Meer und an der Seite des Bergs, der ihm den Namen gab.

Nicht wundern: „Thrones“-Pilger in langen Gewändern laufen herum.

 

Profitiert von der Serie. Seit dem Ende des NordirlandKonflikts hat die Region einen Boom erlebt. Das Slieve Donard Hotel, das in den Siebziger- und Achtzigerjahren den traurigen Beinamen Titanic trug, weil es das Kapital seiner Besitzer in diesen harten Zeiten womöglich versenken würde, wurde für 20 Millionen Pfund renoviert und ist regelmäßig ausgebucht. Dabei hat die Serie „Games of Thrones“ für Nordirlands internationalen Erfolg als touristisches Ziel mittlerweile womöglich noch mehr erreicht als der Friedensprozess. Ihretwegen muss man auch rund um Newcastle stets damit rechnen, Urlaubern in langen Gewändern zu begegnen, die den Drehorten der Serie nachreisen. Im nahen Tollymore Forest Park wuchsen nicht nur die Zedern, deren Holz beim Bau der Titanic verarbeitet wurde, hier wurde auch die erste Szene der ersten Episode gedreht. Die „Thrones“-Pilger bieten allemal einen freundlicheren Anblick als fahnenschwingende Eiferer, die noch immer zur „marching season“ im Sommer jahrhundertealte Siege feiern; vielmehr tragen sie zur märchenhaften Atmosphäre zwischen Bergen, Gärten und uralten Gemäuern bei.

Fiona Mullan, die im Sommer Wandertouren in Nordirland leitet und im Winter als Skilehrerin in den Alpen arbeitet, kam mit ihren Eltern und sechs Geschwistern Anfang der 1970er aus einem katholischen Viertel im Nordwesten Belfasts nach Newcastle. „Meine Mutter schirmte uns von vielem ab, was dort geschah.“ Als das immer schwieriger wurde, zogen sie nach Newcastle. Die 50  Kilometer südlich von Belfast gelegene Stadt war kaum von Unruhen betroffen; Katholiken und Protestanten, Letztere hier in der Minderheit, lebten relativ friedlich zusammen. Doch blieb kaum eine Familie in Nordirland gänzlich von den Troubles verschont, die fast 4000 Menschen das Leben kosteten.

All das scheint weit weg zu sein, wenn man durch die 6000 Jahre alte Dünenlandschaft des Schutzgebiets Murlough marschiert, die sich auf einer Halbinsel bei Newcastle erstreckt. Immer wieder ist der Gipfel des Slieve Donard zu sehen. Schmetterlinge tanzen, Ponys grasen auf dem Weg, der vom Meeresarm der Dundrum Bay durch ein Wäldchen und über Wiesen und Dünen zur Irischen See führt. Wie nah die unruhige Vergangenheit der Idylle zum Trotz immer noch ist, haben die Debatten im Vorfeld des Brexit bewiesen.

Wie die meisten Nordiren glaubt Fiona, dass nur der Blick nach vorn Erinnerungen an Anschläge, Zufallsmorde und blutige Racheakte erträglich machen kann – und die unsichtbare Grenze, die um des Friedens willen schließlich vom Brexit unangetastet blieb. Knapp 30 Kilometer südlich der Mourne Mountains verläuft die grüne Grenze durch schönste Landschaft. „Früher war das Gebiet eine No-go-Area“, erzählt Fiona. Die 500 Kilometer lange Linie vom Lough Foyle im Norden bis zum Carlingford Lough wurde bei der Teilung Irlands gezogen – so willkürlich, dass manche Straße sie öfter passiert. Nicht wenige Orte wurden durch sie getrennt und während der Troubles regelmäßig zum Schauplatz von Überfällen und Attentaten.

Politischer Wille: Seit 1998 wurde viel Geld in die Gegend gesteckt.

Neolithischer Kalender. Seit dem Karfreitagsabkommen von 1998 ist viel Geld in die Gegend gesteckt worden. „Die Menschen brauchten etwas, auf das sie stolz sein können“, sagt Fiona. Der als „Gebiet von außergewöhnlicher landschaftlicher Schönheit“ gepriesene Ring of Gullion und der Slieve Gullion Forest Park eignen sich gut dafür. Um den erloschenen Vulkan Slieve Gullion und seine Nachbarhügel führt der 57 Kilometer lange Wanderweg Ring of Gullion mit der höchsten neolithischen Grablege in Nordirland. Nur am 21. Dezember scheint die Sonne in den Gang hinein. Ihr Licht wies dereinst den Seelen der in der Grabkammer Bestatteten den Weg zum Himmel.  

Nicht nur in den Ausbau von Wanderwegen ist Geld geflossen. Mick Boyle, der aus der Gegend stammt und als Kind mit seinen Eltern nach Australien auswanderte, verwandelte das 1836 erbaute, am Rand des Gullion Forest Park gelegene Killeavy Castle in ein neues Hotel. Der letzte Besitzer hatte in einem Wohnwagen im Park gelebt, da er sich die Restaurierung des verfallenen Schlösschens mit 52  Fenstern nicht leisten konnte. Schließlich verkaufte er an Mick und seine Frau Robin. Heute bildet das Anwesen mit vier Gästezimmern im Schlösschen und 45 weiteren im Kutscherhaus, mit dem Garten und einer Farm mit Schafen und Langhornrindern eine Welt für sich, nah der unsichtbaren Grenze.

Im Sprengel Rostrevor am nördlichen Ufer des Grenzfjords Carlingford Lough sollen am Fluss Fairy Glen gelegentlich Feen zu sehen sein. Auch sonst folgt vieles eigenen Gesetzen. So schlägt die tausendjährige Glocke der Kirche St. Bronach bisweilen nachts ohne menschliches Zutun.

Es mag am Wind liegen oder ein Ruf Gottes sein. Über dem Dorf führt ein Weg zu einem gewaltigen Granitfelsen, dessen Gewicht auf 50 Tonnen geschätzt wird. Nass und glänzend vom ergiebigen Regen, liegt der in irischer Sprache korrekt als Chloch  Mhór, „großer Stein“, bezeichnete Brocken zwischen Heidekraut auf einem Hang des Slieve Martin – einsam und scheinbar grundlos. Tatsächlich aber wurde vor langer Zeit der Riese Finn McCool bei der Wildschweinjagd auf dem Slieve Foy vom Riesen Ruscaire gestört. Drei Tage und Nächte lang kämpften die beiden, bis Finn diesen Stein ergriff und über den Fjord nach dem Gegner schleuderte. Ruscaire fiel tödlich getroffen, Finn schlief erschöpft ein und stand nie wieder auf. In der Silhouette des Slieve Foy ist er noch gut zu erkennen.

Compliance-Hinweis: Die Recherche wurde von Tourism Northern Ireland unterstützt.

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