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Wo geht die Reise heuer hin? [premium]

Schaufenster-Logo Schaufenster 13.01.2020 IRENE HANAPPI
© Bereitgestellt von Schaufenster

Moden gibt es viele, nur manches wächst sich zum echten Trend aus. Aktuelle gesellschaftliche und politische Entwicklungen haben den Reisemarkt verändert.

1. Abheben ohne Reue

Die „Fridays for Future“-Bewegung setzt Airlines schwer unter Druck (siehe auch Seite R1). Manche Reisende schämen sich mittlerweile tatsächlich zu fliegen, das Thema „Flugscham” steht deshalb beim Kongress der ITB (Internationale Tourismus-Börse Berlin, weltgrößte Reisemesse), heuer von 4. bis 8. März, fix auf der Tagesordnung. Die im Herbst erschienene Studie des Zukunftsinstituts in Frankfurt nennt einige Lösungsansätze. In China, heißt es, wurde „JP 10 Superfuel“ bereits in Militärjets eingesetzt. Dieser synthetische Treibstoff kann aus Holzschnitzeln, Blattwerk oder Baumwollstielen erzeugt werden und soll 1,2-mal effizienter als fossiles Kerosin sein. Der Haken dabei: Noch kostet er zehnmal so viel. Doch daran wird gearbeitet.

Bis es so weit ist, heißt die Lösung: CO2-Kompensation. KLM fragt seine Kunden bereits beim Buchen, ob sie diese Strecke unbedingt fliegen müssen – und wenn ja, ob sie nicht wenigstens den CO2-Ausstoß ausgleichen möchten. Auch bei Austrian Airlines gibt es schon länger diese Option. Reiseexperten wie Kneissl Touristik kommen nicht nur für die Flugemissionen ihrer Teammitglieder auf, sondern unterstützen sogenannte Kompensationsprojekte der Universität für Bodenkultur in Uganda, Äthiopien und Nepal. Reisende, die diese Länder besuchen, können sich vor Ort ein Bild davon machen, was an Initiativen umgesetzt wurde und wird.

www.itb-berlin.com

www.klm.com

www.zukunftsinstitut.de

www.austrian.com

www.kneissltouristik.at

 

2. Gelebte Utopien

Aus einer gigantischen Müllhalde nahe dem Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv entstand ein ökologisches Meisterwerk: der Ariel-Sharon-Park. Errichtet auf einer 60 Meter hohen Deponie übertrifft er an Fläche den Central Park in New York und gilt als eines der größten Umweltsanierungsprojekte weltweit. Bei einem Rundgang über das 2020 fertiggestellte Areal kann mitverfolgt werden, wie Biogas zur Stromerzeugung verwendet wird. Im sorgfältig gepflegten Garten nahe dem mit Recycling-Möbeln ausgestatteten Besucherzentrum sprießen Seerosen, Papyrus und andere aquatische Schönheiten. Bei Vorträgen und Workshops erfahren Besucher mehr über den Einsatz grüner Technologien.

In Brasilien wiederum ließ der Fotograf Sebastião Salgado auf einem völlig baumlosen und erodierten Areal mit der Größe von mehr als 9600 Fußballfeldern neues Leben entstehen. Er pflanzte 2,7 Millionen Bäume – einen neuen Dschungel. Aus acht ausgetrockneten Quellen sprudelt heute wieder Wasser, und 172 Vogelarten haben sich erneut angesiedelt – darunter sechs, die vom Aussterben bedroht waren. Außerdem leben 15 Amphibien-, 15 Reptilien- und 33 Säugetierarten auf der Bulcão-Farm. Das Areal schenkte Salgado dem Staat, es ist heute ein Nationalpark, ein Naturschutzgebiet und ein Besuchermagnet.

www.parksharon.co.il

www.institutoterra.org

 

3. Holidays on Mars

Die Luft ist fast so dünn wie auf dem roten Planeten, der Komfort hingegen um einiges besser: Die Kachi Lodge auf dem Uyuni-Salzsee in Bolivien am Fuße des Tunupa-Vulkans bietet in 3660 Metern Höhe alles, was für ein angeblich authentisches Mars-Feeling notwendig ist. Die auf einer Holzplattform errichtete Siedlung besteht aus weißen Wohnkapseln, die wie eine Raumstation aussehen. Zu jeder Einheit gehört ein Teleskop, durch das sich der sternenklare Nachthimmel beobachten lässt. Lichtverschmutzung gibt es hier ja nahezu keine.

Reisen ins Weltall: Dieser Traum liegt zwar noch Lichtjahre entfernt, doch Elon Musk – von „Forbes“ zu einem der innovativsten Leader 2019 gekürt – arbeitet stetig daran. Als Gründer und CEO von SpaceX gehört die Errichtung einer menschlichen Kolonie auf dem Mars zu einem seiner deklarierten Ziele.

Wie sich das extraterrestrische Leben anfühlen könnte, beschreibt Gernot Grömer. Der Analog-Astronaut und Direktor des Österreichischen Weltraum-Forums koordiniert mit seinem Team internationale Mars-Simulationen. Mit seinem im Herbst 2019 erschienen Buch „Unterwegs im Weltraum. Ein Reiseführer durch das Sonnensystem“ gibt er einen Vorgeschmack auf Reisen ins Weltall. Auf 208 Seiten verbindet er den aktuellen Forschungsstand mit einer Prise technologischer Science-Fiction. Seine nächste Mars-Simulation ist für Herbst 2020 in der Negev-Wüste in Israel geplant.

www.kachilodge.com

www.spacex.com

www.oewf.org

 

4. Übung in Toleranz

Das Sharks Bay Umbi Diving Village wurde von dem BeduinenUmbarak („Umbi“) vor langer Zeit gegründet. An der Südspitze des Sinai gelingt seither, was die große Politik nicht zustande bringt: In Umbis Strandrefugium herrscht Frieden und es entstehen Freundschaften, selbst unter Menschen, die im Nahen Osten als unversöhnlich gelten. Christen, Juden und Muslime begegnen hier einander mit Offenheit und Respekt. Umbis Beduinenzelt ist eine überdachte Sitzlandschaft mit Teppichen, Pölstern und einem einmaligen Blick aufs Meer. Abends treffen sich hier neben den Hausgästen und Tauchern auch Bewohner aus den umliegenden Dörfern. „Die Menschen hier haben einfach ein Gespür dafür, was sie diskutieren und was sie dem Frieden zuliebe besser weglassen“, erklärte Managerin Caroline Love im Interview mit Spiegel online. Matthias Horx beschreibt diese friedvolle Enklave in seinem „Zukunftsreport“ 2020 als einen „Zugangspunkt für das Gelingen von Zukunft“.

www.sharksbay.com

 

5. Slow Travelling

Ökologie ist kein Lifestyle-Thema mehr, sondern der Megatrend des nächsten Jahrzehnts. Da Reisen einen großen Teil der globalen CO2-Emissionen ausmachen, ist zu erwarten, dass künftige Generationen die in den Ferien zurückgelegten Kilometer knapp halten wollen und von Veranstaltern umweltfreundliche Optionen einfordern. Eine Wende hin zu Slow Travelling kündigt sich an.

Die ÖBB reagieren darauf mit dem Ausbau der Nachtzüge, die Nachfrage gibt ihnen recht. Anbieter wie WeltWeitWandern wollen mit ihrem Angebot einen Ausgleich zum „Highspeed unserer Welt“ schaffen: Die Einfachheit, die Beständigkeit, die Reduktion – das seien Werte, die das Gehen im Urlaub attraktiv machen. ASI Reisen bietet 34 verschiedene Varianten der Alpenüberquerung an – zu Fuß, mit dem Rad, mit dem E-Bike, mit Skiern, mit Schneeschuhen oder mit dem Zipfelbob. Seit 2006 bereits demonstrieren die Alpine Pearls, ein Netzwerk aus 23 Orten in fünf Alpenländern, wie der Umstieg auf sanfte Mobilität gelingen kann.

Die Insel Juist in der Nordsee erreichen Urlauber nur mit der Fähre – und diese verkehrt nur bei Flut einmal am Tag. Mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet, will man auf dem kleinen Eiland im Wattenmeer bis 2030 das Ziel der Klimaneutralität erreicht haben. Auch bei fernen Destinationen rückt die Langsamkeit immer mehr in den Fokus: „Reisen mit Sinnen“ kutschiert seine Kunden mit dem Pferdewagen durch Weinberge in Chile oder begleitet sie in Kambodscha und Vietnam per Rad vom fantastischen Angkor ins dynamische Saigon.

 

6. Alternative Hotelkonzepte

Das „albergo diffuso“ oder „dispersed hotel“ gibt es schon länger, doch dieses Hotelkonzept setzt sich immer mehr durch, weil es mehr Individualität und Nähe zu den Locals verspricht. Das in Italien entwickelte Konzept sieht vor, dass mehrere über den Ort verstreute Vermieter sich eine Rezeption teilen, ein einheitliches Reservierungssystem benützen und für ihre Gäste abwechselnd Ausflüge und Events organisieren. Das ganze Dorf wird somit zur Lobby. Seit Sommer 2019 wird auch im östlichsten Zipfel Sloweniens ein solches Projekt umgesetzt. Übernachtet wird in liebevoll restaurierten, meist strohgedeckten Winzerhäuschen mitten in den Weinbergen.

Bei Coworking-Hotels oder sogenannten Hotel-Based Spaces geht es weniger ums Entspannen und Genießen als darum, digitales Arbeiten und Freizeit miteinander zu kombinieren. Von klassischen Business-Hotels unterscheiden sie sich insofern, als sie eine entspannte, lässige Atmosphäre bieten und die Vernetzung unter den Gästen stärken. Mit der neuen Marke Wojo will die französische Accor-Gruppe bis 2022 der größte Coworking-Anbieter in Europa werden und in den nächsten drei Jahren 1200 neue „Spaces“ eröffnen. Soho House, die in England gegründete weltweite Vereinigung von Kreativen, betreibt eine Kette stylischer, exklusiver Vintage-Hotels. Das vor Kurzem eröffnete Soho House Mumbai soll dazu beitragen, die Kreativszene Indiens mit dem Rest der Welt zu vernetzen.

7. Ziele mit Zertifikat

2020 richtet Tokyo die Olympischen Spiele aus und darf sich fortan „Olympiastadt“ nennen. Das verstärkt sicher noch Japans Anziehungskraft, die durch Trends wie Kulinarik, J-Pop oder die Gaming- und Cosplay-Szene in Europa derzeit ziemlich groß ist. Eine Boom-Destination.

  • Der Titel „Europäische Kulturhauptstadt“ – auch ein guter Reiseanlass – geht 2020 an Rijeka in Kroatien und Galway in Irland. Lille im Norden Frankreichs wiederum wird Design-Hauptstadt Europas, und Slowenien ist stolz darauf, Europäische Gastronomie-Region 2021 zu werden. Die Vorbereitungen dafür laufen bereits an. Und man kann in Slowenien schon vorkosten: Zahlreiche Gourmet-Studienreisen sind ab heuer geplant.
  • www.tokyo2020.org
  • www.visitrijeka.eu
  • www.galway2020.ie
  • www.lille-design.com
  • www.slovenia.info
 

8. Kältezonen sind heiß

St. Petersburg, das Venedig des Nordens mit 2300 geschützten Gebäuden, die zum Unesco-Weltkulturerbe gehören, kann seit Herbst 2019 mit einem kostenlosen E-Visum acht Tage lang besucht werden. Einen starken Trend zu nördlichen Zielen wie Island und den Färöer-Inseln, Skandinavien, Irland und Schottland verzeichnet man bei zahlreichen Veranstaltern. Aufgrund der Berichte von schmelzenden Eisbergen, aber auch durch den deutlichen Nachschub an Expeditionskreuzschiffen scheinen Expeditionskreuzfahrten nach Spitzbergen und Grönland gefragter denn je. Das Gleiche gelte für die Nord-West-Passage, das Franz-Joseph-Land und den Nordpol.

Die nordische Natur in all ihrer Schönheit legt zum Beispiel Hummel Reiseideen seinen Kunden zu Füßen, etwa bei Langlauf-, Trekking- oder Husky-Touren durch den Nationalpark Syöte im Norden Finnlands. „Einen Tieftauchkurs in die finnische Seele“ verspricht der deutsche Veranstalter „TrailXperience Bike. Nature. Soul.“, der das gleiche Terrain bei mittsommernächtlichen Singletrailtouren erkundet.

 

9. Augmented Reality

Der Begriff „Augmented Reality“ („erweiterte Realität“) beschreibt die computergestützte Erweiterung unserer Wahrnehmung. Wie ein Schleier legt sich ein künstlich erzeugtes Bild über die Realität, die so mit digitalen Informationen beziehungsweise Daten angereichert wird. Tourismus-Organisationen bedienen sich dessen immer öfter.

So setzt Wien Tourismus Augmented Reality 2020 bei interaktiven Stadtrundgängen ein. Mit Sonnenbrille samt Lautsprecher und der neuen #RelatedToAustria-App führt Ludwig van Beethoven akustisch durch Wien und New York. Die Brillen können in der Tourist-Info am Albertinaplatz ausgeborgt werden. Sie schützen nicht nur vor der Sonne, sondern informieren außerdem über Wiener Sehenswürdigkeiten und das Leben von Ludwig van Beethoven, dessen Geburtstag sich 2020 zum 250. Mal jährt. In die Brille ist nämlich ein Audio-Guide integriert, der – gekoppelt an die neue #RelatedToAustria-App am Smartphone – über Lautsprecher den Städtetrip zum interaktiven Erlebnis macht.

 

10. Kopenhagenisierung

Seit 2016 hat Kopenhagen mehr als 50 Millionen Euro in die Infrastruktur für Fahrräder investiert, mehr als die Hälfte der Stadtbewohner nützt täglich das Bike. Die Strahlkraft der dänischen Metropole ist so stark, dass der Begriff „Kopenhagenisierung“ mittlerweile zum Synonym für den Klima-Umbau und die Rückeroberung urbaner Räume wurde. Wie Städte verwandelt werden können, lässt sich auf www.copenhagenize.eu nachlesen. Stadtplaner und Architekten wie Jan Gehl und Bjarke Ingels, beide aus Kopenhagen stammend, treiben die Entwicklung weltweit voran. Zwar liegen die meisten Städte, in denen das Ökologische die Alltagskultur bestimmt, vorwiegend noch in Skandinavien, doch die urbane Transformationsbewegung nimmt einiges an Fahrt auf.

In Amsterdam liegt der Anteil der mit dem Fahrrad zurückgelegten Wege inzwischen bei über 60 Prozent. In Barcelona sind ganze Stadtbezirke für den Autoverkehr fast komplett gesperrt. In Paris hat die Bürgermeisterin, Anne Hidalgo, das Radwegenetz auf 1400 Kilometer verdoppelt. Positiv auf die Verringerung der Feinstaubbelastung soll sich auch die 2020 eröffnete Rooftop-Plantage Agripolis auswirken. Auf 40.000 Quadratmetern Fläche wird über den Dächern von Paris intensiver Gemüseanbau betrieben. Zwanzig Gärtner sind im Einsatz, Besuchern werden Workshops angeboten. Grünoasen im Stadtzentrum, weniger Abgase und mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer – das alles wird Citytrips in Zukunft noch attraktiver machen und aufzeigen, was möglich ist. Bleibt dann vielleicht noch die Frage des Overtourism.

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