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Wie sich die Türken zu den Herren des Mittelmeeres machten

WELT-Logo WELT 06.06.2020 Berthold Seewald

"Ihre Asche flog in die Luft", hieß es über den Untergang der christlichen Schiffe bei Djerba 1560 Quelle: Wikipedia/Public Domain © Wikipedia/Public Domain "Ihre Asche flog in die Luft", hieß es über den Untergang der christlichen Schiffe bei Djerba 1560 Quelle: Wikipedia/Public Domain

Auch nachdem sie die östlichen und südlichen Küsten des Mittelmeeres bis nach Spanien erobert hatten, blieb für die Herrscher des Islam das Mittelmeer „Bahr ar-Rum“, die „See der Römer“. Denn anders als das Reich der Perser konnte sich Byzanz im 7. Jahrhundert gegen die Angriffe der arabischen Heere behaupten. Das verdankte Ostrom nicht zuletzt seiner Flotte und ihrer Geheimwaffe, dem „Griechischen Feuer“.

Dabei sollte es lange bleiben. Zwar entwanden die italienischen Untertanen Konstantinopels diesem nach ihrer Unabhängigkeit auch die Herrschaft über die See. Aber auch Venedig, Genua, Pisa oder das dalmatinische Ragusa sorgten mit ihren Flotten dafür, dass die „See der Römer“ in europäischer Hand blieb. Das änderte sich jedoch, als die Osmanen nach der Eroberung von Byzanz 1453 daran gingen, ihren imperialen Anspruch auch auf das Mittelmeer auszudehnen. Eingelöst wurde er im Mai 1560. Sultan Süleyman I. (reg. 1520–1566), genannt „der Prächtige“, konnte mit seinem triumphalen Sieg bei Djerba auch die See seinem Weltreich hinzufügen.

Das Osmanische Reich reichte weit in den Maghreb hinein Quelle: Infografik Die Welt © Infografik Die Welt Das Osmanische Reich reichte weit in den Maghreb hinein Quelle: Infografik Die Welt

Der erste Osmanensultan, der das Meer ins Visier nahm, war Bayezid II. (reg. 1481–1512) gewesen. Er nutzte die noch vorhandenen Wälder Kilikiens im Südosten Kleinasiens und baute ein Flotte aus Galeeren und Segelschiffen auf. Große Arsenale entstanden in Galata und Gallipoli. Mit diesen Schiffen wagte er den Machtkampf mit Venedig. Nach mehreren gewonnenen Gefechten gewann der Sultan weite Teile der Ägäis sowie die beiden Festungen Modon und Koron auf der Peloponnes, die seit jeher als die „Augen“ der Serenissima galten.

Zwar gingen einige Eroberungen bald wieder verloren. Aber in der politischen Großwetterlage, die sich nach der Entdeckung Amerikas dramatisch veränderte, gelang es einigen cleveren Untertanen, sich auf dem Mittelmeer neue Geschäftsfelder zu erschließen. Denn Venedig und Genua hatten mit der Umorientierung der globalen Handelsströme zu kämpfen, während Portugal und Spanien buchstäblich die Welt unter sich aufteilten.

Am westlichen Rand des Osmanischen Reiches, im heutigen Maghreb, gelang es skrupellosen Warlords, sich in den Besitz großer Seefestungen wie Algier oder Tunis zu setzen. Von dort machten sie mit ihren Schiffen Jagd auf alles, was sich auf dem Meer bewegte, vorzugsweise auf Nichtmuslime, die entweder auf den Sklavenmärkten verkauft oder gegen hohe Lösegelder freigelassen wurden. Wegen ihrer barbarischen Methoden wurden die Herrschaften dieser Korsaren „Barbaresken“ genannt.

In ihnen fanden die Sultane kompetente Anführer ihrer Schiffe. Khair ad-Din, von seinen christlichen Gegnern Barbarossa genannt und aus einer Renegatenfamilie stammend, stieg als Piratenchef von Algier zu einem der reichsten Männer seiner Zeit auf. Als Admiral der Flotte Süleymans des Prächtigen gelang ihm 1538 bei Preveza im Westen Griechenlands ein vernichtender Sieg über eine Heilige Liga aus Papst, Spanien, Venedig und dem Johanniterorden.

Bei Preveza besiegte Khair ad-Din "Barbarossa" 1538 die von dem Genuesen Andrea Doria geführte Flotte der "Heiligen Liga" Quelle: Getty Images © Getty Images Bei Preveza besiegte Khair ad-Din "Barbarossa" 1538 die von dem Genuesen Andrea Doria geführte Flotte der "Heiligen Liga" Quelle: Getty Images

Doch es war nicht einfach ein Kampf zwischen „Christen“ und „Muslimen“ gewesen. Im Hintergrund zog Franz I. von Frankreich (1494–1547) die Fäden, der der türkischen Flotte sogar den Hafen Toulon als Winterquartier zuwies. Im Konflikt mit dem spanischen Weltreich des Habsburgers Karl V. zählten nach einem bekannten Sprichwort machtvolle Verbündete mehr als religiöse Überzeugungen: „Der Feind deines Feindes ist dein Freund.“

Kaiser Karl V. (1500–1558) war es denn auch, der den Kampf gegen die Barbaresken mit aller Macht aufnahm. 1535 landete er mit einem großen Heer bei Tunis und eroberte die Stadt. Um die Schlappe von Preveza wettzumachen, griffen spanische Schiffe 1541 Algier an, scheiterten aber nicht zuletzt wegen eines Sturms.

Mit der Abdankung Karls 1555/56 erbte sein Sohn Philipp II. als König von Spanien das Korsarenproblem. Wie drängend es war, zeigten Überfälle der osmanischen Flotte, die inzwischen von Barbarossas Nachfolger Turgud Ali geführt wurde, auf Menorca und Andalusien. „Sie haben schrecklich unter den Leuten gehaust“, beschrieb ein Zeitzeuge das Gebaren der Piraten: „Sie boten alle Gefangenen gegen Lösegeld feil.“

Philipp strengte daraufhin die Bildung einer neuen Heiligen Liga an, zu der neben Spanien der Papst, Venedig, Genua, Savoyen und die Johanniter von Malta gehörten. Etwa 100 Schiffe und 12.000 Soldaten wurden für eine Invasion bei Tunis vor Messina zusammengezogen. Das Kommando übernahm der Vizekönig von Sizilien, Juan de la Cerda y Silva, Herzog von Medinaceli, über die Flotte Giovanni Andrea Doria, ein Großneffe des berühmten genuesischen Admirals Andrea Doria. Ein Frieden mit Frankreich hielt dem Unternehmen den Rücken frei.

Piyale Pascha (r.) und Turgud Ali (M.) führten die osmanische Flotte bei Djerba Quelle: Wikipedia/Public Domain © Wikipedia/Public Domain Piyale Pascha (r.) und Turgud Ali (M.) führten die osmanische Flotte bei Djerba Quelle: Wikipedia/Public Domain

Doch als die einzelnen Kontingente zusammengeführt worden waren, war es bereits Herbst, sodass der Angriff auf das folgende Jahr verschoben wurde. Turgud Ali nutzte die Zeit und verstärkte seine Verteidigung. Zugleich schickte er Gesandte an den Hof Süleymans in Konstantinopel, die mit „Sklaven und reichen Geschenken“ um Hilfe baten, berichtete ein venezianischer Diplomat.

Unterdessen hatte der Herzog von Medinaceli der Flotte bereits den Befehl zum Auslaufen gegeben. Wegen der Winterstürme gelangte sie jedoch nur bis Malta. Bis Mitte Februar 1560 wurde das Expeditionskorps dort festgehalten und verlor durch Krankheiten 2000 Mann. Um sich zu verproviantieren, landete die Truppe im März auf der Insel Djerba, die feierlich für Spanien in Besitz genommen wurde. Turgud Ali aber konnte nach Tripolis entkommen.

Die Insel Djerba, auf halber Höhe zwischen Tunis und Tripolis, war eine strategische Schlüsselposition Quelle: Universal Images Group via Getty © Universal Images Group via Getty Die Insel Djerba, auf halber Höhe zwischen Tunis und Tripolis, war eine strategische Schlüsselposition Quelle: Universal Images Group via Getty

Ungewöhnlich schnell vollführte die osmanische Flotte unter Piyale Pascha mit rund 120 Schiffen ihren Aufmarsch. „Dass sie in zwanzig Tagen die Strecke von Konstantinopel nach Djerba zurückgelegt hatte, war ein Rekord“, schreibt der französische Historiker Fernand Braudel in seinem Klassiker „Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II.“. Zwar war der Herzog von Medinaceli gewarnt worden, doch das Verstauen von Beute und Einkäufen war noch längst nicht abgeschlossen, als die feindlichen Schiffe am 10. Mai am Horizont auftauchten.

In Panik wurden Wollballen, Ölkrüge, Pferde, Kamele über Bord geworfen, um die Schiffe für die Flucht bereit zu machen. Doch der Herzog wollte noch auf die Infanteristen warten, die auf dem Land ihr Lager bezogen hatten. Vier Tage dauerte die Schlacht. Zwei Tage lang konnten sich die Schiffe des Spaniers noch behaupten. Doch als Turgud Ali am 12. Mai mit einem Geschwader den Osmanen zu Hilfe kam, brach der Widerstand zusammen.

Zahlreiche christliche Schiffe wurden in Brand gesetzt, sodass, wie es hieß, „ihre Asche in die Luft flog“. „Von den 48 Galeeren und Galeassen, die die christliche Armada zu Beginn des Treffens zählte, gingen 28 verloren, ohne diejenigen zu zählen, die in Feindeshand fielen“, schreibt Braudel. Selten hatte man eine ähnliche Katastrophe erlebt. Damit hatte „der Islam den Kampf um die Beherrschung des mittleren Mittelmeers für sich entschieden“.

Das „Bahr ar-Rum“ war osmanisch geworden. Allerdings nur für elf Jahre. Diesmal war es Papst Pius V., der eine Heilige Liga aus Spanien, Venedig und Genua zusammenbrachte. Vor Lepanto (Nafpaktos) im Golf von Korinth kam es zu einer Schlacht, die das Ergebnis von Djerba revidierte. Die Nachfolger Süleymans sollten weiterhin ein Weltreich regieren, die Barbaresken bis zum Beginn des 19. Jahrhundert die Schifffahrt drangsalieren. Aber die großen Routen des Mittelmeers blieben in der Hand von europäischen Mächten.

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