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Handschalter fahren sicherer! - Experte rät von Automatik ab

auto motor und sport-Logo auto motor und sport 17.04.2019 Gregor Hebermehl
© Porsche

Als sich Vatsal G. Thakkar mal das Auto seiner Frau borgte, wartete er beim Rückwärtsfahren auf das Piepen der Einparksensoren – nur, dass das Auto gar keine Ultraschallsensoren hatte. Thakkar, New Yorker Psychiater und Chef des Start-ups Reimbursify stellte fest, wie sehr er sich auf die Technik verließ und damit gleichzeitig unaufmerksamer wurde. In einem in der New York Times erschienen Artikel macht er sich Gedanken darüber, warum man Autos mit so wenig wie möglich Assistenten fahren sollte – und vor allen Dingen mit einer Handschaltung.

Seit 2018 sind in den USA Rückfahrkameras für alle Neufahrzeuge Pflicht, in der Zeit von 2008 bis 2011 hatte sich die Zahl der mit Rückfahrkameras ausgerüsteten Neuwagen schon verdoppelt. Die Zahl der durch unaufmerksames Rückwärtsfahren verursachten Todesfälle sank trotzdem nur um weniger als ein Drittel, die Zahl der Verletzungen um nur acht Prozent. Als einen Grund für dieses Missverhältnis sieht Thakkar eine Feststellung, die auch die NHTSA (National Highway Traffic Safety Administration) formulierte: Viele Fahrer seien sich der eingeschränkten Möglichkeiten der Sicherheits-Technik nicht bewusst. Die NHTSA berichtete auch, dass einer von fünf Autofahrern sich so an die Assistenzsysteme seines Autos gewöhnt hatte, dass er mit einem anderen Auto ohne Assistenzsysteme einen Unfall baute oder beinahe einen Unfall hatte – siehe auch die Unfälle mit Teslas Assistenzsystem-Paket namens Auto-Pilot.

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Tödliche Unfälle trotz Assistenz-Systemen

Im Jahr 2018 kam erstmals ein Mensch bei einem Unfall mit einem autonom fahrenden Fahrzeug ums Leben: Die Rechensysteme eines vom Fahrdienstvermittler Uber zum Roboterauto umgebauten Volvo XC90 stuften die ein Fahrrad schiebende Fußgängerin als über die Fahrbahn wehende Plastiktüte ein und ließen das große SUV mit unverminderter Geschwindigkeit weiterfahren. Während der Schwerpunkt der folgenden Untersuchungen darauf lag, wie so ein mit Sensoren und Rechentechnik vollgestopftes Auto eine Fußgängerin „übersehen“ konnte, fragte sich Thakkar, wieso das am beste programmierte System im Volvo scheiterte: Das menschliche Gehirn der Sicherheitsfahrerin.

Später stellte sich heraus, dass die Fahrerin während des Unfalls auf ihrem Handy eine Fernsehshow ansah – sie verließ sich offensichtlich auf die zum autonomen Fahren gedachte Technik. Etwas ähnliches könnte den Todesopfern passiert sein, die sich auf ihre Tesla-Autopiloten verließen. Nach bisherigen Untersuchungen sieht es so aus, als hätten die Fahrer keine oder nur wenig Anstrengung unternommen, den drohenden Unfall noch zu verhindern. Thakkar betont, dass sich das menschliche Gehirn beim Autofahren in einem Zustand nahezu permanenter Wachsamkeit befindet. Sobald uns aber durch Technik Überwachungsfunktionen abgenommen werden, lässt unsere Wachsamkeit schnell nach. Unser Gehirn scheint den Hang zu haben, Aufgaben an Technologie zu übertragen.

Tödliche Zwischenfälle nicht nur in der Autowelt

Als weiteres Beispiel führt Thakkar ein tragisches Vorkommnis aus der Medizinbranche ins Feld: Im Dezember 2017 starb eine Patientin in einem großen Medizinzentrum. Eine Krankenschwester hatte bei einem automatisierten Medikamenten-Ausgabeschrank nur die ersten beiden Buchstaben der gesuchten Arznei gegen Angstzustände eingegeben und dann das erste Medikament gewählt, das in der Ergebnisliste auftauchte – Vecuronium anstelle von Versed. Die falsche Medizin brachte die Patientin innerhalb weniger Tage um.

Auch die Abstürze zweier Boeing 737 Max in Indonesien und Äthiopien gibt der New Yorker Psychiater als Beispiel an – hier scheinen die Piloten verzweifelt gegen ein automatisiertes System zur Verbesserung der Flugeigenschaften gekämpft zu haben. Die Piloten waren also aufmerksam, wurden aber vermutlich von fatal fehlerhafter Technik überstimmt.

Menschliches Gehirn besser als Supercomputer

Vatsal G. Thakkar gibt zu bedenken, dass Supercomputer das menschliche Gehirn in Sachen reiner Rechenleistung längst übertreffen. Wenn es aber darum geht, aus einer Vielzahl von Daten die wichtigsten herauszufiltern und neu zu priorisieren, ist das menschliche Gehirn unschlagbar, bekräftigt der Psychiater. Verliert ein Input an Relevanz, lenken die kognitiven Systeme unsere Aufmerksamkeit auf den nächsten relevanten Input – heutzutage sei das oft ein mobiles Endgerät wie beispielsweise eben das Smartphone.

Handschaltung um Aufmerksamkeitsverlust vorzubeugen

Als eine mögliche Lösung für das Problem mit der durch Assistenzsysteme bedingten verminderten Aufmerksamkeit beim Autofahren schlägt Thakkar das Fahren mit einer Handschaltung vor. Diese sei dazu geeignet, die Aufmerksamkeit des Fahrers zu erhöhen. Beim Fahren mit einem Handschalter müssen alle vier Gliedmaßen eingesetzt werden, was die ohnehin verbotene Nutzung des Handys oder das Essen während der Fahrt erschwert – insbesondere im dichten Innenstadt-Verkehr.

Eine Studie spricht für die manuelle Schaltung

Seit 20 Jahren besitzt Thakkar nur noch handgeschaltete Fahrzeuge. Sein erstes kaufte er sich nach seinem Uni-Abschluss in Medizin: einen gebrauchten BMW 325i von 1994. Den Rückgang der Verkaufszahlen von Handschalter-Fahrzeugen in den USA bedauert der Arzt in einem Atemzug mit dem Aus für handgeschaltete Audis in Amerika. Er befürchtet, dass er sein aktuelles Auto, einen handgeschalteten Audi S4 von 2013, bis 2026 erhalten muss, damit er auch seinen Kindern das Fahren mit einer Handschaltung beibringen kann. Thakkar erinnert sich, wie ihn sein Vater beim Kauf des BMW warnte, die manuelle Schaltung sei im Vergleich zu einer Automatik weniger sicher. Dazu gibt es bisher kaum Studien. Eine Untersuchung hat aber immerhin gezeigt, dass männliche Teenager mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) sicherer in Autos mit Schaltgetriebe unterwegs sind, als in Automatik-Fahrzeugen. Der Psychiater zieht daraus den Schluss, dass nicht mehr, sondern weniger Technologie unsere Aufmerksamkeits-Lücken heilen kann.

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