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DIE NEUSTEN ENTWICKLUNGEN - Evergrande-Krise: Immobilienkonzern wohl mit weiterer Zinszahlung in Verzug

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Mit mehr als 300 Milliarden Dollar an Verbindlichkeiten ist Evergrande der am höchsten verschuldete Immobilienentwickler der Welt. Bobby Yip / Reuters © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Mit mehr als 300 Milliarden Dollar an Verbindlichkeiten ist Evergrande der am höchsten verschuldete Immobilienentwickler der Welt. Bobby Yip / Reuters

Die neuesten Entwicklungen

    Der schwer angeschlagene Immobilienkonzern Evergrande liess die Frist für weitere Zinszahlungen für in Dollar gehandelte Offshore-Anleihen verstreichen. Dies hat die Nachrichtenagentur Bloomberg am Dienstag (12. 10.) unter Berufung auf einige Anleihegläubiger berichtet. Evergrande ist nicht der einzige Konzern, der unter hohen Schulden ächzt, mit Verbindlichkeiten von umgerechnet mehr als 300 Milliarden Dollar aber das grösste vom Kollaps bedrohte chinesische Immobilienunternehmen. So kündigte nun die Sinic Holdings aus Schanghai an, einen am 18. Oktober fälligen Anleihekupon voraussichtlich nicht zahlen zu können. Bereits im September hatte Evergrande Zinszahlungen für in Dollar gehandelte Anleihen nicht geleistet. Ob das innerhalb der geltenden Nachfrist von 30 Tagen noch geschehen wird, ist ungewiss. So legte Evergrande-Chef Xu Jiayin zuletzt den Fokus auf die Bedienung von Anleihen im chinesischen Heimatmarkt.

    Weitere chinesische Immobilienkonzerne können ihre Schulden nicht fristgerecht bedienen. Modern Land (China) Co. bat Anleger am Montag (11. 10.) um eine dreimonatige Fristverlängerung für Anleiherückzahlungen in Höhe von 250 Mio. Dollar. Die ursprüngliche Rückzahlungsfrist endet am 25. Oktober. Das berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg. Auch Xinyuan Real Estate hat offenbar Liquiditätsprobleme. Das Unternehmen will vorrangige Anleihen in Höhe von 200 Mio. Dollar durch neue Anleihen mit einer Rückzahlungsfrist im Jahr 2023 ersetzen, wie die Ratingagentur Fitch schreibt. Xinyuan und Modern Land haben insgesamt Anleiheschulden in Höhe von 760 Mio. und 1,35 Mrd. Dollar. Die Fantasia Holdings Group hätte am 4. Oktober ebenfalls knapp 206 Mio. Dollar zurückzahlen müssen, aber tat dies nicht. Dies gab das Unternehmen in einer Pflichtmitteilung an die Hongkonger Börse bekannt. Fantasia und Xinyuan wurden von Fitch beide auf das Rating C heruntergestuft. Dieses Rating wird vergeben, wenn es zu einem teilweisen Zahlungsausfall kommt oder Zahlungen nicht rechtzeitig geleistet werden.

    Sechs Führungskräfte von Evergrande haben Gelder aus vorzeitigen Rückkäufen von Anlageprodukten zurückgegeben. Das Unternehmen teilte am Samstag (9. 10.) zudem mit, dass Strafen verhängt und die sechs Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen worden seien. Details nannte Evergrande nicht. Mehrere hochrangige Angestellte hatten Investitionen in unternehmenseigenen Anlageprodukten getätigt. Um die Gelder vor einer möglichen Insolvenz zu sichern, versuchten die Führungskräfte ihre Mittel frühzeitig zurückzubekommen.

    Der Handel mit Aktien des schwer angeschlagenen chinesischen Immobilienriesen Evergrande an der Börse in Hongkong ist ausgesetzt worden. Einen Grund nannte die Hongkonger Börse in ihrer Mitteilung am Montag (4. 10.) nicht. Es ist das erste Mal in der jüngsten Liquiditätskrise des mit mehr als 300 Mrd. Dollar (280 Mrd. Fr.) verschuldeten Unternehmens, dass der Handel mit seinen Aktien ausgesetzt wurde. Neben der Evergrande Group (EVG) wurden auch die Aktien des Hausverwaltungsarms Evergrande Property Services nicht gehandelt. Dagegen ging das Geschäft mit der Elektroauto-Sparte Evergrande New Energy Vehicle Group unverändert weiter.

    Die chinesische Zentralbank hat Geschäftsbanken angewiesen, auch weiterhin Kredite an Immobilienentwickler und Wohnungskäufer zu vergeben. Die Zentralbank äusserte sich am 29. 9. nicht konkret zu den Zahlungsschwierigkeiten des hochverschuldeten Konzerns Evergrande, erklärte aber, dass sie die Rechte der Wohnungskäufer schützen werde, die für noch nicht fertiggestellte Immobilien bereits gezahlt hätten. Die Politik der Zentralbank ziele darauf ab, «Landpreise, Immobilienpreise und Preiserwartungen zu stabilisieren».

    Der chinesische Immobilienkonzern Evergrande will sich mit dem Verkauf einer Bank-Beteiligung etwas Luft verschaffen. Wie das Unternehmen am Mittwoch (29. 9.) mitteilte, verkaufte es einen Anteil in Höhe von rund 20% an der Shengjing Bank mit Sitz in der nördlichen Stadt Shenyang für 10 Mrd. Yuan (etwa 1,4 Mrd. Fr.) . Käuferin ist demnach eine staatliche Investmentgruppe. Die Shengjing Bank habe verlangt, dass der Nettoerlös aus dem Verkauf zur Begleichung von Verbindlichkeiten des Konzerns gegenüber der Bank verwendet wird. Die Evergrande-Aktie legte nach der Mitteilung an der Hongkonger Börse um fast 15% zu. Seit Jahresbeginn beläuft sich das Minus jedoch weiterhin auf über 78 %.

    Der angeschlagene Immobilienentwickler hat offenbar eine wichtige Zahlungsfrist verstreichen lassen. Der Termin für die Zahlung von 83,5 Millionen Dollar an Anleihezinsen am Freitag (24. 9.) verstrich, ohne dass sich Evergrande dazu äusserte oder Zahlungen an Anleihegläubiger bekannt wurden. Für das hochverschuldete Unternehmen beginnt nun eine 30-tägige Nachfrist, nach der es offiziell in Verzug geraten würde. Sollte Evergrande in den kommenden 30 Tagen seinen Verpflichtungen nicht nachkommen, gilt das Unternehmen als insolvent. Am Mittwoch (29. 9.) vermeldeten Anleger, dass sie eine fällige Zinszahlung auf eine Anleihe in Höhe von 47,5 Millionen Dollar nicht erhalten haben. Die Besitzer der Anleihen wollten anonym bleiben. Zu den grössten internationalen Anlegern gehören HSBC, Blackrock, und UBS. Für sie schwinden die Aussichten, ihr Geld zurückzubekommen.

Worum geht es?

Mit mehr als 300 Mrd. $ an Verbindlichkeiten ist Evergrande der am höchsten verschuldete Immobilienentwickler der Welt. Nachdem der Umsatz in den vergangenen Monaten massiv eingebrochen ist, wird der chinesische Konzern fällige Zinszahlungen wahrscheinlich nicht begleichen können.

Mitte September 2021 schrieb der Chefredaktor der staatsnahen Zeitung «Global Times», dass ein Konkurs des Unternehmens kein systemisches Risiko für die chinesische Wirtschaft darstelle. Eine staatliche Rettungsaktion scheint daher unwahrscheinlich.

Daraufhin stürmten wütende Privatanleger und Kunden des Unternehmens das Hauptquartier in Shenzhen und forderten ihr Geld zurück. Etwa 1,5 Mio. Häuser und Wohnungen sind bereits bezahlt, aber noch nicht gebaut. Die Käufer haben nun Angst, dass sie ihre Anzahlung umsonst geleistet haben.

Weshalb ist Evergrande gerade jetzt in der Krise?

Die chinesische Führung reguliert immer mehr Wirtschaftssektoren und Lebensbereiche, wie Gaming, den Tech-Sektor oder jüngst die Glücksspielindustrie. Auch die Immobilienbranche ist ein Opfer der Regierungsintervention geworden, nachdem sie lange Jahre vom Staat beschützt worden ist.

Der Bauboom ist eine wichtige Stütze der Wirtschaft; der Immobiliensektor hat einen geschätzten Anteil von 29% an der chinesischen Wirtschaftsleistung - so viel wie in keinem anderen Industrieland.

Den Immobilienunternehmen stehen riesige Flächen zum Bau von neuen Wohnungen zur Verfügung. Seit 2005 hat sich die Wohnungsbaufläche vervierfacht.

Die Branche wird vor allem von Krediten stabilisiert, die grösstenteils staatlich kontrollierte Banken zu niedrigen Zinsen ausgegeben haben.

Das Geschäftskonzept von Evergrande beruhte daher auf aggressiver Expansion auf Kredit. Nicht nur Immobilien wurden verkauft, bevor sie gebaut wurden, der Konzern besitzt auch einen Fussballklub, entwickelt E-Autos und betreibt Bankgeschäfte. Seit Ende September bemüht sich der Konzern, einzelne Bereiche zu verkaufen, um zu Liquidität zu kommen.

Um die Verschuldung zu bremsen und das Risiko einer Krise zu minimieren, beschloss Chinas Zentralregierung im vergangenen Jahr «drei rote Linien» für den Immobiliensektor. Damit begrenzte sie die Ausgabe von Hypothekenkrediten, limitierte die Schuldenquote der Immobilienkonzerne und vergab weniger Land für die Bebauung.

Die hochverschuldeten Immobilienkonzerne wie Evergrande sind allerdings auf einen konstant hohen Umsatz angewiesen, um ihre Verbindlichkeiten begleichen zu können. Versiegt so wie jetzt der Cashflow, kommen sie in Schwierigkeiten.

Wie ist die Krise einzuordnen?

Die Evergrande-Krise weckt Erinnerungen an die Finanzkrise, die mit dem Kollaps von Lehman Brothers im Jahr 2008 ihren Anfang nahm. Evergrandes Verbindlichkeiten sind in etwa so hoch wie das BIP von Dänemark - oder etwa halb so hoch wie das BIP der Schweiz. Lehman Brothers hatte jedoch mit deutlich über 600 Milliarden noch wesentlich höhere Schulden angehäuft.

Ein Vergleich mit anderen grossen Insolvenzen von US-Unternehmen zeigt aber, dass eine Evergrande-Pleite wohl dennoch zu den grössten Pleiten in der Geschichte gehören würde - gleich nach der Lehman-Insolvenz.

Harvard-Ökonomen gehen aufgrund der Grösse des Immobiliensektors davon aus, dass sich die Krise sehr wahrscheinlich negativ auf das Wachstum in China auswirken wird, auch wenn ein Übergreifen auf den Bankensektor noch verhindert werden kann.

Wie wirkt sich die Krise auf die Märkte aus?

Am stärksten betroffen sind chinesische Anleihen mit niedriger Bonität, während weniger riskante Papiere aus China bis jetzt stabiler bleiben. Noch scheint es so, als ob die Anleger von einem vorübergehenden Negativtrend ausgehen, den grossen Crash aber ausschliessen.

Nicht nur die Finanzmärkte sind betroffen. Die Preise für Rohstoffe wie Eisenerz und Kupfer brachen in den letzten Tagen ein. Eine Evergrande-Pleite würde bedeuten, dass weniger Häuser gebaut und somit auch weniger Baumaterial benötigt werden würde. Auch die chinesische Währung, der Yuan, verlor an Wert. Setzt sich diese Entwicklung fort, könnten die deflationären Tendenzen auch aufs Ausland überschwappen.

Wie reagiert die Unternehmensführung?

Evergrande hat bereits externe Restrukturierungsberater angeheuert, die das Unternehmen bei einer Umschuldung unterstützen sollen. Gleichzeitig versucht es verzweifelt an Liquidität zu kommen.

Anlegern wurden bereits Parkplätze oder Wohnungen zu äusserst niedrigen Preisen angeboten, sollten sie sich bereit erklären, auf ihr Geld zu verzichten. Investoren, die trotzdem auf Cash beharren, können erst in zweieinhalb Jahren mit einer vollständigen Auszahlung rechnen. Ebenso will Evergrande unter anderem seinen Anteil am E-Auto-Geschäft, an einer Gebäudeverwaltungsgruppe sowie die Unternehmenszentrale in Hongkong verkaufen, um frisches Geld zu erhalten.

Gleichzeitig hat die Panik vor dem Kollaps auch die Chefetage von Evergrande erfasst. So wurde bekannt, dass sechs hochrangige Manager eine verfrühte Auszahlung auf ihre Anlageprodukte erhalten haben. Dieselben Investmentprodukte, für die Kleinanleger momentan keine vollständigen Rückzahlungen erhalten können, hatten die Führungskräfte bereits liquidiert.

Was tut die chinesische Regierung?

Letztlich hängt das Schicksal Evergrandes von der chinesischen Regierung ab. Die hält sich bis jetzt noch bedeckt und sendet Signale, die es unwahrscheinlich erscheinen lassen, dass sie Evergrande retten wird. Von einem Kollaps des Konzerns wären wohl weniger die chinesischen Banken als die vielen Kleinanleger und Immobilienbesitzer betroffen. Eine Finanzkrise ist bei einem unkontrollierten Bankrott bis jetzt noch unwahrscheinlich, soziale Unruhen und Unzufriedenheit schon eher.

In der Vergangenheit liess es die KP dazu nicht kommen und intervenierte, bevor die Krise eskalierte. Doch Präsident Xi Jinping scheint es dieses Mal ernst zu meinen und will den Immobiliensektor der Marktdisziplin unterwerfen sowie die Preise für Wohneigentum drücken. Es bleibt die Frage, wo die Schmerzgrenze für die chinesische Regierung liegt und bei welchem Ausmass an Verwerfungen sie doch noch einschreitet.

Ist Evergrande nur die Spitze des Eisbergs?

Ohne Zweifel ist Evergrande der Immobilienkonzern, der momentan in den grössten Schwierigkeiten steckt. Doch der Unterschied zu anderen grossen Immobilienentwicklern wie R+F und Fantasia ist nur graduell. Auch sie sitzen auf riesigen Schuldenbergen und massiv überbewerteten Immobilien. Ihre Anleihen werden ebenfalls nur noch zu einem Bruchteil des Nennwerts gehandelt.

Der gesamte chinesische Immobiliensektor steht auf wackligem Fundament. Sollten die Appartementpreise abstürzen, wäre das sicherlich auch für andere Konzerne ein Problem. Spätestens dann wird der Staat vermutlich einschreiten. Das politische Risiko einer Massenbewegung von geprellten und verarmten Immobilienbesitzern kann sich die kommunistische Führung nicht leisten.

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