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Corona-Krise: wie sich der Online-Lebensmittelhandel auf die zweite Welle vorbereitet

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 16.10.2020 Gioia da Silva, Andrea Martel

Der massive Anstieg der Nachfrage hat den Online-Handel während des Lockdowns überfordert. Vor allem beim Versand von Lebensmitteln gab es massive Verzögerungen. Inzwischen hat die Branche aufgerüstet, aber die Logistik bleibt ein Nadelöhr.

Im Logistikzentrum der Migros in Neuendorf (SO) wartet ein Tiefkühllastwagen auf die Beladung. Gaetan Bally / Keystone © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Im Logistikzentrum der Migros in Neuendorf (SO) wartet ein Tiefkühllastwagen auf die Beladung. Gaetan Bally / Keystone

Ein Web-Shop, der erst nach 40 Minuten in der digitalen Warteschlange erreichbar ist; Lebensmittellieferungen, auf die Kunden drei Wochen warten müssen: Die Migros-Tochter LeShop, die grösste Online-Händlerin für Lebensmittel in der Schweiz, ging diesen Frühling in der ersten Covid-19-Welle bisweilen völlig unter.

Die grössten Online-Lebensmittelhändler

Konkurrentin coop.ch hätte die Krise nutzen können, um Marktanteile zu erobern, stiess aber ebenfalls rasch an Kapazitätsgrenzen. Auch bei ihr mussten manche Kundinnen bis zu zwei Wochen auf ihre Lebensmittellieferung warten. Esswaren waren zwar zu jeder Zeit ausreichend verfügbar, doch die Logistik war überlastet.

Dasselbe Bild bei Farmy, der um einiges kleineren Nummer drei der Branche. Die Website des Online-Shops für regionale und biologische Lebensmittel brach zwar während des gesamten Lockdowns nie zusammen, wie Mitgründer Tobias Schubert nicht ohne Stolz erklärt. Aber die Wartezeiten für Esswaren, nachhaltige Kosmetika und Baby-Artikel betrugen bis zu sechs Wochen. Ein Teil der Nachfrage konnte nicht befriedigt werden, wie Schubert einräumt: «Eine Verdreifachung des Umsatzes auf 3 Mio. Fr. pro Monat konnten wir verkraften, aber danach hatten wir nicht mehr genügend Platz. Bei entsprechender Kapazität wäre auch das Doppelte möglich gewesen.»

Deutlich vergrösserte Kapazitäten

Was bedeutet das mit Blick auf die zweite Corona-Welle, welche die Schweiz nun gerade erreicht? Ist erneut mit langen Wartezeiten bei der Auslieferung von Lebensmitteln zu rechnen, wenn die Menschen wieder vermehrt online einkaufen?

Die angefragten Unternehmen geben Entwarnung: «Coop verfügt über genügend Vorräte und ist für eine allfällige zweite Welle gut gerüstet», schreibt Mediensprecherin Melanie Grüter. Das Unternehmen habe die Mitarbeitenden in den Bereichen Logistik und Transport um einen Fünftel erhöht. Das Nadelöhr in der Verteilungskette liegt aber in der Lagerfläche. Bei coop.ch kommen sämtliche Heimlieferungen aus nur zwei Verteilzentren.

Aus der Aargauer Gemeinde Spreitenbach wird die Deutschschweiz beliefert, das Zentrum in Bussigny (VD) versorgt die Westschweiz. Zwar würde es Coop laut eigenen Angaben gelingen, während eines starken Nachfrageanstiegs etwa doppelt so viele Online-Bestellungen wie in einem normalen Monat zu verarbeiten. Kaufen aber noch mehr Kunden online ein, fehlt dem Unternehmen die Fläche in den Verteilzentren.

Migros rechnet nicht damit, dass es in den kommenden Wochen zu einer Extremsituation wie im Frühjahr kommt. Trotzdem baut das Unternehmen die Logistikkapazitäten weiter aus. Ein neues Verteilzentrum in der Nähe von Basel soll in den nächsten Wochen eröffnet werden. Ausserdem will Migros noch in diesem Jahr seinen Web-Shop neu lancieren. Ab 2024 soll dann im Raum Zürich ein weiteres Lager einsatzbereit sein.

Auch Farmy hat seine Logistik deutlich ausgebaut. In den beiden Verteilzentren in Zürich und Lausanne wurden die Flächen vergrössert und die Kühlzellen erweitert. Rund 50 Leute wurden neu eingestellt, vor allem Verpacker und Kuriere, so dass der Personalbestand mittlerweile auf 150 Personen gestiegen ist. Fünf weitere Elektrofahrzeuge zur Kapazitätserhöhung in der Auslieferung hätten eigentlich dieser Tage eintreffen sollen, sind aber Corona-bedingt etwas verspätet.

Kreative Konzepte

Hinter all diesen Investitionen steckt nicht die Erwartung einer zweiten Pandemie-Welle. Corona wird eher als Katalysator betrachtet, der dem Online-Lebensmittelgeschäft längerfristig Schub verleiht. Die Entwicklung der Umsätze nach dem Ende des Lockdowns deuten in diese Richtung. Migros erreichen derzeit rund doppelt so viele Bestellungen wie im vergangenen Jahr; auch Farmy spricht von doppelt so hohen Umsätzen wie vor Corona.

Das will aber nicht heissen, dass es bei einer zweiten Welle nicht erneut zu Lieferschwierigkeiten kommt. Die Händler wagen keine Prognose, um wie viel die Nachfrage im Online-Handel mit einer zweiten Covid-19-Welle zunehmen könnte. «Extremsituationen können auch in Zukunft zu Verzögerungen führen», schreibt Coop auf Anfrage. Aber der kontinuierliche Kapazitätsausbau und die Lehren vom Frühling dürften hier mildernd wirken.

Die Unternehmen haben zudem bewiesen, dass sie ihre Kapazitäten wenn erforderlich kreativ erweitern können. So ist coop.ch im April eine Kooperation mit dem Logistikkonzern Galliker eingegangen, der nicht nur eine Lagerhalle, sondern auch Personal für die Verpackung der Bestellungen zur Verfügung gestellt hatte.

Spezielle Konzepte für Risikogruppen

Zur Not braucht es wieder spezielle Vorkehrungen mit Blick auf die besonders gefährdeten Personen. Farmy tat dies im Lockdown, indem es sogenannte VIP-Slots für jene Personen freihielt, die unbedingt auf Lebensmittellieferungen angewiesen waren.

Die Migros entlastete ihren Online-Handel, indem sie mit «Amigos» eine Plattform für Nachbarschaftshilfe zur Verfügung stellte, bei der Personen aus einer Risikogruppe online Einkaufslisten aufgeben können. Die Abwicklung erfolgt dabei nicht über LeShop, sondern motivierte Freiwillige aus der Nachbarschaft stellen die Einkäufe später vor die Haustür. Es seien schon mehrere zehntausend Bestellungen über die Plattform abgewickelt worden, schreibt Mediensprecher Marcel Schlatter. Er erwartet, dass sie in den kommenden Wochen wieder vermehrt genutzt wird.

Weniger Panik bei Konsumenten

Die vergrösserten Kapazitäten der Online-Händler sind ein entlastender Faktor, das veränderte Konsumentenverhalten der andere. Laut dem E-Food-Pionier Dominique Locher haben Herr und Frau Schweizer in der ersten Welle gemerkt, dass die Lebensmittelversorgung in der Schweiz auch in Ausnahmesituationen klappt. Der LeShop-Mitgründer und heutige Verwaltungsrat von Farmy geht deshalb davon aus, dass es weniger zu Hamsterkäufen und damit auch weniger zu unnötigen Engpässen kommen wird.

Zudem hat seit dem Frühling auch der Markt mit bereits gekochten Esswaren enorm zugelegt. Nach Ansicht von Locher ergänzen die Take-Away-Angebote der Restaurants dasjenige der Lebensmittelhändler. Wer sich von zu Hause aus online mit Essen versorgen will, ist nicht allein auf die LeShop & Co. angewiesen, sondern kann über Plattformen wie Eat.ch oder Uber Eats auch fertige Mahlzeiten bestellen.

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