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Corona-Tests: Was Tests für alle wirklich bringen würden

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE vor 5 Tagen Alexander Graf

In Bayern soll jeder den Corona-Test machen können – woanders ist er selbst bei Symptomen nicht immer zu haben. Eine bundesweite Strategie fehlt. Nur, ist das schlimm?

Ein Abstrich für mehr Sicherheit? Die Frage ist, ob dieser Plan immer aufgeht. © Mareen Fischinger/​plainpicture Ein Abstrich für mehr Sicherheit? Die Frage ist, ob dieser Plan immer aufgeht.

Die Bayern bekommen, was andere nicht haben können. So jedenfalls kommt es in der Öffentlichkeit an, wenn die Gesundheitsministerin des Freistaates verkündet, das dort bald jede und jeder kostenlos einen Corona-Test machen lassen kann. Bayern zahlt. Mit diesem Plan, den Melanie Huml (CSU) am Wochenende verkündete, macht sich das Bundesland frei von den Empfehlungen des Robert Koch-Instituts (RKI). Die sehen lediglich vor, dass getestet wird, wer Covid-19-Symptome oder nachweislich jemanden getroffen hat, der oder die infiziert war. Wobei selbst das nicht in allen Bundesländern reibungslos klappt (hier die Empfehlungen für Ärztinnen und Ärzte als PDF).

Ja, Pandemiebekämpfung ist Ländersache. Eine deutschlandweite Teststrategie fehlt. Was das im Alltag bedeutet, wollte ZEIT ONLINE mit einer Umfrage unter rund 300 der 400 Gesundheitsämtern herausfinden. Amtsleiterinnen und -leiter von mehr als 120 Behörden haben geantwortet. Die Antworten zeigen: Die kleinteilige Verantwortungsstruktur führt zu Testansätzen, die überall unterschiedlich sind. Nicht nur, weil jedes Amt individuell entscheidet – sondern auch weil nicht alle dieselbe Technik, genug Leute und Geld haben. Rund 61 Prozent der Ämter jedenfalls fühlen sich für die Herausforderungen der Corona-Pandemie nicht ausreichend ausgestattet.

Die einen so – die andern so

Und doch gilt Deutschland als Musterstaat, der umfassend und ausgiebig testet. Die verhältnismäßig niedrige Zahl der Todesfälle durch Covid-19 sei auch darauf zurückzuführen, heißt es oft. Schaffen wir es hierzulande also, die Seuche trotz des Chaos zwischen den Bundesländern gut einzudämmen, oder ist gerade dieser lokale Ansatz das Geheimnis unseres Erfolgs?

Forscher und Wissenschaftlerinnen tun sich mit einer eindeutigen Antwort darauf schwer. Zumal ja auch die Lage von Land zu Land unterschiedlich ist: "Es ist verständlich, dass Länder wie Mecklenburg-Vorpommern, in denen es kaum Fälle gibt, nicht das Gleiche tun wollen wie etwa Bayern", sagt Sandra Ciesek, Virologin am Uniklinikum Frankfurt. Und wenn Menschen die Lage in einer Region einschätzen, die sich dort auskennen, sei das ja durchaus sinnvoll. Dennoch: Mancher Amtsleiter vermisst laut der Umfrage von ZEIT ONLINE durchaus eine klare Teststrategie seiner Landesregierung.

Und dieses Bedürfnis haben die meisten Länder jetzt erkannt. Ciesek ist Teil einer Taskforce aus Politik, Wissenschaft und lokalen Behörden, die gerade an einer Teststrategie für Hessen arbeitet. Ein Ziel: herausfinden, welche Gruppen von Menschen für eine Infektion mit dem Coronavirus besonders gefährdet sind – und sie künftig bevorzugt testen. Ein weiteres: unbemerkt Infizierte, die gar keine Symptome haben, künftig besser in die Testgruppen integrieren – denn nur, wenn man auch diejenigen erfasst, die nichts merken von dem Virus in ihrem Körper, lassen sich Infektionsketten gut unterbrechen.

Doch viele Fragen sind noch offen. Aus dem zuständigen Ministerium für Soziales und Integration in Wiesbaden heißt es: "Auch gegenwärtig sind die Zahlen der Infizierten und die Zeitläufe noch weitestgehend unklar, sodass sich die Zielszenarien auf sehr grobe Annahmen stützen müssen." Das wolle Hessen nun ändern – "mit einer integrierten und nachhaltigen Teststrategie". In Zusammenarbeit mit Cieseks Instituts für Medizinische Virologie in Frankfurt läuft derzeit eine Studie in sechzig Kindertagesstätten, um herauszufinden, wie häufig in solchen Einrichtungen mit Infektionen zu rechnen ist. Gleichzeitig soll getestet werden, ob auch Eltern in der Lage sind, regelmäßig einen brauchbaren Testabstrich bei ihren Kindern vorzunehmen. Weitere Untersuchungen in Pflege- und Altenheimen sollen folgen.

Die Unterschiede sind groß. Während Bayern demonstrativ zur umfassenden Testoffensive bläst und Hessen den Weg über eigene Studien wählt, gibt es in Baden-Württemberg politischen Streit über die Strategie von Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne). Der will Lehrerinnen in Schulen und Erzieher in Kitas nur anhand von wenigen Stichproben testen lassen und das auch erst ab dem 1. Oktober – Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) fordert hingegen so schnell wie möglich flächendeckende Testmöglichkeiten für alle Angehörigen dieser Berufsgruppen. In Sachsen ist das seit Juni möglich.

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Wären möglichst umfassende Tests, wie Bayern sie angekündigt hat, nicht ohnehin die einfachste Option für alle Regionen? Der Statistiker und Methodenexperte Gerd Antes bejaht dies: "Wir haben bei der Entwicklung einer bundesweiten, flächendeckenden Teststrategie, die auch symptomfreie Personen einschließt, völlig versagt", sagt der langjährige Leiter des Cochrane-Zentrums in Freiburg. Zwar könne es auch keine Lösung sein, jedem Bürger einen Test in Aussicht zu stellen – Antes spricht von einem intelligenten Einsatz an "besonders sensiblen Orten". Aber die unterschiedliche Vorgehensweise der Ämter führe zu Chaos: "In einem Ort bekommen Sie keinen Test, während es zwanzig Kilometer weiter gar kein Problem ist."

Die Virologin Ciesek bestreitet solche Probleme nicht. "Komplett ohne Anlass zu testen, halte ich dennoch nicht für sinnvoll", sagt sie. "Dafür sind die vermuteten Infektionszahlen derzeit einfach zu niedrig. Man würde also im Vergleich zum Aufwand viel zu wenige Erkrankte finden."

Noch etwas könnte in diesem Fall zum Problem werden: Wie genau ein Test ist, hängt immer auch von der Verbreitung einer Krankheit ab. Kurz gesagt: Je geringer der Anteil von Infizierten in einer Testgruppe ist, desto höher ist die Gefahr von falsch-positiven Ergebnissen. Bei den prinzipiell sehr präzisen PCR-Tests hat man diesen Effekt bisher bewusst vermeiden können, weil größtenteils eben nur Patientinnen und Patienten mit Kontakt zu einem nachweislich Infizierten getestet wurden, die auch spürbare Anzeichen der Covid-19-Erkrankung hatten.

Der Epidemiologe Ralf Reintjes von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg verweist zudem auf die trügerische Sicherheit von Strategien, die auf Massentests abzielen. "Ein negativer PCR-Test schließt weder eine bestehende Infektion aus, die sich möglicherweise gerade erst ausbreitet, noch eine kurz nach der Untersuchung stattgefundene Neuinfektion", sagt Reintjes. "Somit besteht die Gefahr, dass der Untersuchte sich fälschlich in Sicherheit wiegt."

Ähnlich skeptisch äußerte sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, der umfassende Corona-Tests für alle als "nicht zielführend" bezeichnete. 

Um wirklich aussagekräftige Ergebnisse zu erhalten, sagt Reintjes, müsste man den Test regelmäßig im Abstand von wenigen Tagen wiederholen. Das wiederum wäre logistisch sehr aufwendig und für die deutschen Labore derzeit nicht zu leisten. Zwar wird die aktuelle Kapazität von rund einer Million Tests pro Woche aktuell nicht einmal zur Hälfte ausgeschöpft – wollte man aber wirklich jedem die Möglichkeit zum Test geben, wäre diese Anzahl schnell überschritten.

Jeden alle zwei Wochen testen? Das geht gar nicht

Schon im Falle regelmäßiger Reihentestungen von allen Personen in besonders gefährdeten Einrichtungen wie Pflegeheimen oder Krankenhäusern, wie sie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn mit der neuen Testverordnung von Anfang Juni möglich gemacht hat, könnten die Ressourcen schnell an ihre Grenzen bringen: Etwa 765.000 Menschen arbeiteten Daten von 2017 zufolge allein in stationären Pflegeeinrichtungen, in deutschen Krankenhäusern waren es im Jahr 2018 sogar 1,25 Millionen Beschäftigte.

Dennoch deutet einiges darauf hin, dass der Methodenexperte Gerd Antes mit seiner Kritik am Status quo nicht unrecht hat. ZEIT ONLINE liegen Informationen vor, nach denen Ämter mit Verweis auf personelle Engpässe einen Test für Menschen ohne Symptome ablehnten, obwohl diese Kontakt zu Infizierten hatten. Beim Blick in die Umfrageergebnisse verwundert das nicht. "Wie sich das personell umsetzen lässt, ist noch nicht klar", schreibt etwa das Amt Verden (Niedersachsen) zu anlassbezogenen Reihentests in Gemeinschaftseinrichtungen. Auch die Behörde in Wolfsburg fordert mehr Personal, um solche größeren Testreihen in Pflegeeinrichtungen umsetzen zu können.

Was ist mit der Dunkelziffer?

Besteht also die Gefahr, dass viele Menschen, die sich angesteckt haben, mit den derzeitigen Teststrategien gar nicht erfasst werden? "Das Netz unseres Contact-Tracings ist gut, aber es hat in Bezug auf asymptomatische Personen Löcher", sagt Reintjes. Genau wie Sandra Ciesek hält er es für notwendig, im Falle nachgewiesener Infektionen künftig großzügiger als bisher im Umfeld der oder des Kranken zu testen. 

Aber wie sollen die Ämter das stemmen? Um den Mitarbeitern im Ernstfall zu helfen, kann sich Ciesek eine Art mobile Eingreiftruppe aus Experten des jeweiligen Bundeslands vorstellen. Kommt es, wie zuletzt in Gütersloh, zu einem großen Ausbruch, könnten diese Teams rasch anreisen und die lokalen Behörden unterstützen. Gezielte Stärkung statt Gießkannenprinzip – so jedenfalls könnte Hessen bald vorgehen. 

Wollte man alle Menschen in Deutschland testen, müsste man es jedenfalls regelmäßig tun – am besten alle zwei Wochen. Und dazu müssten die Testkapazitäten erheblich ausgebaut werden. Derzeit werden hierzulande nicht einmal all diejenigen, die in Kliniken, Pflegeheimen und Arztpraxen arbeiten, auf diese Weise regelmäßig getestet. Und auch nicht all jene, die ein erhöhtes Risiko haben, sich mit Sars-CoV-2 zu infizieren.

Aus Sicht aller, die nicht in Bayern gemeldet sind und es ungerecht finden, dass sie keinen Test bekommen, gibt es vielleicht einen gewissen Trost aus der Wissenschaft: Ein positiver Corona-Test bedeutet ohnehin keine sichere Immunität – und ein negativer heißt nicht, dass man sich am nächsten Tag nicht anstecken könnte. Am Ende schützt vor Covid-19 am besten, was jeder selbst tun kann: Die Abstandsregeln einhalten, unnötige Kontakte vermeiden, auf Hygiene achten und Gebiete meiden, in denen die Fallzahlen hoch sind.

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