Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Die exzessive Geldpolitik zerstört das Risikobewusstsein

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 15.06.2020 Andreas Uhlig

Die Neigung der Notenbanken, alles zu tun, was nötig ist, um Investoren vor Verlusten zu schützen, treibt bunte Blüten. «Robinhooders» treiben die Kurse von Nonvaleurs in ungesunde Höhen.

Die Aktivitäten der Notenbanken halten Aktien- und Kapitalmärkte auf hohem Niveau. Joshua Roberts / Reuters © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Die Aktivitäten der Notenbanken halten Aktien- und Kapitalmärkte auf hohem Niveau. Joshua Roberts / Reuters

Zu den Konsequenzen der jahrelangen Bemühungen der Notenbanken, durch lockere Geldpolitik die Finanzmärkte zu stützen und so Wirtschaftswachstum anzukurbeln und Deflation zu vermeiden, gehört die weitgehende Eliminierung von Risiko. Nicht grundlos sind Marktteilnehmer überzeugt, dass die Notenbanken ihnen im Bedarfsfall kräftig unter die Arme greifen werden, so wie es auch im März geschah, als die US-Notenbank und die Europäische Zentralbank umfangreiche Rettungspakete als Antwort auf den mit Corona verbundenen Markteinbruch und Rezessionsangst schnürten. Ihr Stimulierungsarsenal scheint unerschöpflich zu sein.

Die Aktivitäten der Notenbanken halten zwar Aktien- und Kapitalmärkte auf hohem Niveau. Aber sie beeinträchtigen oder zerstören sogar das Funktionieren der Märkte, die sich immer weiter von der wirtschaftlichen Realität entfernen. Bei seiner letzten Pressekonferenz wurde der Fed-Präsident Jerome Powell gefragt, ob das jüngste Paket nicht eine Bewertungsblase mit hohen Stabilitätsrisiken verursacht habe. Powell antwortete, dass die Investoren, als sie das Ausmass der Epidemie erkannt hätten, alles hätten verkaufen wollen, was nicht Cash gewesen sei. Ein nicht mehr funktionierendes Finanzsystem könne aber den wirtschaftlichen Schock verschärfen. Mit seinen Massnahmen habe das Fed die Funktionsfähigkeit der Märkte wiederhergestellt.

Eine andere Sicht hat der Chefstratege der US-Brokerfirma Jones Trading, Mike O’Rourke. Für ihn sind Kurseinbrüche als Folge von negativen Ereignissen geradezu die Definition eines funktionierenden Marktes. Jetzt sei der Markt noch mehr beschädigt als im März, wie die wachsende Zahl von Bankrotten bei gleichzeitig anhaltend hohem Kursniveau zeige. An welchem Punkt werde Powell realisieren, dass er den Preisbildungsmechanismus des Marktes zerstört habe, fragt O’Rourke.

In diesem Klima des reduzierten Risikos und der wachsenden Realitätsferne überrascht nicht, dass es zu eigentümlichen bis absurden Entwicklungen kommt. Eine neue Day-Trading-Euphorie ist ausgebrochen, die Parallelen zur Dotcom-Blase vor ihrem Platzen im März 2000 zeigt. Junge und zumeist unerfahrene Investoren nutzen in wachsendem Ausmass die neuen, gebührenfreien Handelsplattformen und treiben mit üblicherweise eher geringen Einsätzen die Aktienkurse von in Schwierigkeiten geratenen Unternehmen in zeitweise schwindelerregende Höhen. Diese Entwicklung setzt sogar Investmentbanken wie Goldman Sachs unter Druck, denn die bei diesen Tageshändlern populärsten Wertpapiere haben seit März noch höhere Kursgewinne erzielt als hauseigene Fonds.

Goldman Sachs hat nachgezählt: Die Zahl dieser Tageshändler hat sich seit Jahresanfang bis Ende Mai auf 12 Mio. verdreifacht – und ist seither weiter gewachsen. Ein Bloomberg-Bericht beschreibt die Szene eindrücklich: Durch den Lockdown gelangweilte, frischgebackene und selbsternannte Aktienexperten in Chat-Rooms, angelockt durch das Fehlen von Handelsgebühren, treiben gezielt (abgesackte) Kurse von Firmen, die wenig oder keinen Gewinn erwirtschaften, in stratosphärische Höhen – und prahlen mit Erfolgen.

Benn Eifert, Partner der Finanzmarktfirma QVR Advisors, sieht einen dramatischen Anstieg spekulativen Verhaltens. Influencer auf Instagram, Twitter und dem Social-News-Aggregator Reddit posten eine Handelsidee für eine Option, und sofort platzieren Hunderttausende von Followers Call-Optionen online. Der reine Wahnsinn, sagt Eifert. Andrew Adams, ein Vollzeithändler bei Saut Strategy, verweist auf seine «anekdotischen Indikatoren», die als Warnsignale zu verstehen sind – ebenso wie E-Mails des Inhalts: «Ich habe diesen Trade verpasst, aber ich will kaufen, was soll ich tun?»

Sehr beliebt unter Millennials und Zoomers ist die App für kommissionsfreien Handel des Online-Brokers Robinhood mit über 14 Mio. Konten – ein Drittel davon sind allein seit März dazugekommen. Die «Robinhooders» gelten als Hauptverantwortliche für die exzessiv hohen Kurse des bankrotten Autovermieters Hertz, die ihm nun erlauben, mit gerichtlicher Genehmigung ein Aktienangebot von bis zu 1 Mrd. $ zu planen – von Kommentatoren als «initial bankruptcy offer» verspottet –, um mit den Einnahmen bei Gläubigern Schulden abzugelten. Weder das Gericht noch die leitende Investmentbank Jefferies stört es, dass diese Aktien realistischerweise wertlos wären.

Als Gipfel der Absurdität gelten die Ereignisse um die unbekannte chinesische Immobiliengruppe Fangdd Network, deren ADR-Titel plötzlich um das 13-Fache auf eine Marktkapitalisierung von 4 Mrd. $ explodierten. 15 000 «Robinhooders» hatten investiert. Hat da jemand die Firma mit den unter dem Akronym FAANG gebündelten Konzernen Facebook, Google und Konsorten verwechselt?

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von Neue Zürcher Zeitung

Neue Zürcher Zeitung
Neue Zürcher Zeitung
image beaconimage beaconimage beacon