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Jetzt erst recht! Warum die Schweiz für die Corona-Krise gut gewappnet ist

Bilanz-Logo Bilanz 12.06.2020 Bastian Heiniger, Florence Vuichard
Helvetia schlägt zurück: Die Schweiz hat, was es jetzt braucht – einen guten Branchenmix, einen gewichtigen Pharmasektor, eine tiefe Staatsverschuldung, ein gutes Auffangnetz sowie kurze Wege zwischen Wirtschaft und Politik. © Shutterstock Helvetia schlägt zurück: Die Schweiz hat, was es jetzt braucht – einen guten Branchenmix, einen gewichtigen Pharmasektor, eine tiefe Staatsverschuldung, ein gutes Auffangnetz sowie kurze Wege zwischen Wirtschaft und Politik.

Geht nach dem Corona-Schock nun alles bachab? Von wegen. Die Schweiz ist so gut aufgestellt wie kaum ein ­anderes Land.

Gebannt haben weltweit Investoren auf Warren Buffett geschaut. Seine Holding Berkshire Hathaway sitzt auf einem Geldberg von 130 Milliarden US-Dollar. Und kein anderer lebt die von Buffett geprägte Börsenweisheit «Sei furchtsam, wenn ­andere gierig sind. Und sei gierig, wenn andere sich fürchten» so sehr wie er selbst.

In der Finanzkrise investierte er etwa in Goldman Sachs, Bank of America und Swiss Re und gewann damit Milliarden. Und was kauft er nun? Nichts. Er stiess ­sogar sämtliche Airline-Beteiligungen ab. «In den Jahren 2008 und 2009 ist unser wirtschaftlicher Zug aus den Gleisen geraten. Dieses Mal haben wir den Zug einfach von den Gleisen genommen und auf ein ­Abstellgleis gestellt», sagte er jüngst an der begehrten Berkshire-Jahrestagung, die heuer nur im Livestream stattfand. Die Folgen von Corona hemmen selbst den erfolgreichsten Investor der Welt.

Prognosen verheissen nichts Gutes

Das verheisst nichts Gutes für die Wirtschaft, jetzt, da der gesundheitliche Albtraum allmählich überwunden scheint. Jedenfalls in der Schweiz. Reiserestriktionen, leere Auftragsbücher, unterbrochene ­Lieferketten, Kurzarbeit, drohende Insolvenzen und die Angst vor einer zweiten, für die Wirtschaft fatalen Welle wirken lähmend.

Prognosen zeichnen ein Bild, als stünde die Schweiz vor dem wirt­schaftlichen Armageddon: Die Konjunktur­auguren warnen vor einem Einbruch ­historischen Ausmasses, manche ziehen Vergleiche zur Grossen Depression der 1930er Jahre, und an allen Fronten überbieten sich Experten im maliziösen ­Wettbewerb: Wer malt den grösseren ­Teufel an die Wand?

Start zur Aufholjagd

Doch erstens haben in der Corona-Krise Erhebungen eine noch kürzere Halbwertszeit als sonst schon und Prognosen die Note von Sportwetten.

Zweitens lassen sich historische Ereignisse kaum vergleichen, da sie sich aus einer Vielzahl von einmaligen Faktoren bilden, die sich so niemals wiederholen.

Und drittens ist der tiefschwarze Pessimismus gar nicht an­gezeigt. Zumindest nicht aus Schweizer Sicht. Ein grosser Pharma­sektor, ein reicher Branchenmix, ein gesunder Staatshaushalt, ein solides Sozialversicherungsnetz und sehr kurze Wege zwischen Staat, Wirtschaft und Gesellschaft sorgen dafür, dass die Schweiz im Vergleich zu anderen Staaten die Corona­-Rezession relativ unbeschadet überstehen dürfte. Ja, vielleicht sogar gestärkt daraus hervorgehen könnte.

Womöglich schafft sie es sogar wieder aufs oberste Podest des vom Weltwirtschaftsforum (WEF) herausgegebenen Global Competitiveness Report, von wo sie in den letzten Jahren von Singapur, den USA, Hongkong und den Niederlanden verdrängt wurde, unter anderem weil es hierzulande schwieriger als anderswo geworden ist, ein Unternehmen zu gründen.

Die 100 (Erfolg-)Reichsten unter 40 Jahren

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«Kann die Schweiz wichtige Themen wie Unternehmensregulierung, Marktzugang oder Zugang zu Talenten mit der gleichen Agilität anpacken und umsetzen wie die Liquiditätskredite, dann stellt die Krise für unseren Wirtschaftsstandort eine Chance dar, bald wieder an der Spitze zu stehen», sagt Simone Wyss Fedele, Chefin der Export- und Standortförderagentur Switzerland Global Enterprise (S-GE).

Basis ist die robuste und vielfältige ­Unternehmenslandschaft, angeführt von einer erstaunlichen Anzahl von globalen Konzernen, Tankern, die gleichmütig durch den Sturm ziehen, als würden sie vom Wellengang nichts spüren.

Für Stabilität in der Krise sorgen etwa die Schwer­gewichte Nestlé, Roche und Novartis, die fast drei Viertel der Gewichtung des hie­sigen Börsenleitindex SMI ausmachen. ­Gemessen an der Marktkapitalisierung sind sie die drei grössten Unternehmen in Europa, addiert bringen sie mehr als 800 Milliarden Franken auf die Waage. Auf Platz 4 bis 6 folgen die beiden französischen Riesen LVMH und L’Oréal, an der wiederum Nestlé einen Anteil von 23 Prozent hält, sowie der britische Pharmakonzern AstraZeneca. Das grösste deutsche Unternehmen folgt mit SAP auf Platz 7.

Die Wertpapiere von Nestlé, Roche und Novartis haben die Verluste des Corona-Tauchers grösstenteils wieder wettgemacht.

Givaudan erreicht Allzeithoch

Aber auch kleinere SMI-Titel ­schlagen sich gut: Spitzenreiter ist der Pharmazulieferer Lonza, er konnte seit Anfang Jahr satte 36 Prozent zulegen, die Aktie des Genfer Aromen- und Dufthersteller Givaudan mit Bill Gates als grösstem Einzelaktionär stieg jüngst auf ein neues Allzeithoch. «Der Kurs spiegelt die Resilienz des Unternehmens», sagt CEO Gilles Andrier. «Unser Hauptfokus war, dass wir die Produktion stets aufrechterhalten und den Mitarbeitern die nötige Sicherheit bieten.»

Die Zombiebörse

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Das Unternehmen setzte trotz ­Corona in den ersten drei Monaten sechs Prozent mehr um. Givaudans Stärke: Die Aromen und Düfte stecken etwa in Produkten wie Kaffee, Joghurts, Zahnpasten und Crèmes, die Konsumenten auch in der Krise kaufen. Und während wegen der geschlossenen Läden der Verkauf von Parfums schrumpfte, habe der Absatz von Seifen, Putzmitteln und Hygieneartikeln den Rückgang mehr als kompensiert.

Obwohl die Krise dem Unternehmen kaum etwas anzuhaben scheint, bleibt Andrier vorsichtig mit Prognosen: Die jetzige Unsicherheit sei noch grösser als während der Finanzkrise. Zuversichtlich sei er dennoch, und im Sommer werde Givaudan die neue ­Strategie 2025 präsentieren. «Wir setzen noch stärker auf Gesundheitsprodukte und expandieren im Bereich Health- und Skincare. Beispielsweise entwickeln wir gesündere Ingredienzen für Nahrungsmittel, die mit weniger Zucker auskommen und genauso gut schmecken.»

Dass rund die Hälfte der Schweizer Exporte aus dem Bereich Chemie, Pharma und Life Sciences stammen, erweist sich gerade in Zeiten von weltweiten Lockdowns als Vorteil. Die Nachfrage nach Medizin und Grundversorgung bleibt auch in der Krise hoch. «In Basel spricht man oft vom Klumpenrisiko Pharma, jetzt erwies es sich eher als Klumpenchance», sagt Stephan Mumenthaler, Direktor des Branchenverbands Scienceindustries.

«Viele Firmen hatten im ersten Quartal einen sprunghaften Anstieg der Nachfrage.» Auch seien ihm keine Unternehmen aus dem Segment bekannt, die Kurzarbeit ­hätten anmelden müssen. Die Gefahr einer zu grossen Abhängigkeit sieht Mumenthaler nicht. «Die Industrie ist nicht von einzelnen Produkten abhängig.» Viele Firmen würden dank ihrem hohen Spezialisierungsgrad einen hohen Marktanteil er­reichen. «Und solche Produkte sind nicht einfach zu ersetzen. Sie werden auch in der Krise nachgefragt.»

Führende Schweizer Biotech-Szene

Spitze ist die Schweiz auch in einem der zukunftsträchtigsten Felder überhaupt: der Biotechnologie. Während sich die heutige Pharma aus der Spezialitätenchemie entwickelte und Medizin synthetisch herstellte, begann die Forschung in den 1990er Jahren zu untersuchen, wie der Körper selbst gegen Krankheiten vorgeht, und baute so proteinbasierte Medizin nach.

In der Schweiz gibt es unterdessen rund 1000 Biotech-Unternehmen, die ­vielversprechenden werden oft zu Übernahmekandidaten für Big Pharma. «In rela­tiven Zahlen gesehen ist die Schweizer Biotech-Szene führend, wir halten auch die relevantesten Patente», sagt Dominik Escher, Präsident der Swiss Biotech ­Association.

Ideale Rahmenbedingungen

Das lockt immer mehr ausländische Biotech-­Firmen an, die hier produzieren. So hat zuletzt der US-Konzern Biogen für 1,5 Milliarden Franken im solothurnischen Luterbach eine Produktionsstätte gebaut. Auch die US-Unternehmen CSL Behring und Merck ­expandieren hierzulande. «Die Schweiz bietet wie kaum ein anderes Land eine hohe Qualität an Mitarbeitern, stabile Rahmenbedingungen, sauberes Wasser und eine perfekte Infrastruktur.»

Escher, der mit der CDR-Life AG im Biotech-Cluster von Schlieren ZH selbst ein Unternehmen aufbaut, forschte schon öfters in Boston, einem der weltweit führenden Biotech-Hubs. «Selbst dort hatten wir immer mal wieder mit Stromausfällen zu kämpfen.» In der Schweiz sei das undenkbar, sagt Escher.

Das grösste Plus der Schweiz sei der breite Branchenmix, sagt Christoph Schenk, ­Anlagechef der Zürcher Kantonalbank (ZKB). Gerade der hohe Anteil an Pharma, IT, Telekommunikation und nichtzyklischem Konsum sei perfekt für die jetzige Konjunkturphase. Es sind auch jene Branchen, die vom Lockdown kaum betroffen sind. «Derart gut aufgestellt sind neben der Schweiz nur die USA.» Es sind denn auch die einzigen Aktienmärkte, welche die ZKB derzeit mit «Über­gewichten» einstuft.

Neben Chemie und Pharma ist besonders die Maschinenindustrie mit 325 000 Arbeitsplätzen ein zentraler Pfeiler der Schweizer Exportwirtschaft. Allerdings wurde sie von der Corona-Krise hart ­getroffen, 80 Prozent der Unternehmen haben Kurzarbeitsanträge eingereicht.

Industrie ist krisenerprobt

Swissmem-Präsident Hans Hess ist trotzdem überzeugt, dass die Industrie in der Krise ihre Stärke nicht verliert. «Einen 30-prozentigen Umsatzeinbruch über sechs Monate hatten wir schon öfters. Das haut das Gros der Firmen nicht gleich aus den Socken.» Nicht alle Firmen werden diese Krise überleben, aber ein grosser Teil der Maschinenindustrie wird gemäss Hess dank der Anpassungsfähigkeit, Kreativität und starkem Unternehmertum diese Flaute erfolgreich meistern.

Die Schweizer Maschinenindustrie ist sich Krisen gewohnt, vor fünf Jahren kämpfte sie gegen den Frankenschock. Die jetzige Krise sieht Hess weniger proble­matisch, weil weltweit alle Unternehmen gleich betroffen sind. Es handelt sich also nicht um ein strukturelles Problem, wie jenes des starken Schweizer Frankens.

Hess glaubt gar, dass die hiesige Industrie nach Corona­ im internationalen Vergleich zu den Gewinnern zählen wird. «Schweizer Unternehmen in der Maschinenindustrie haben einen ausgeprägten Kampfgeist, höher als viele Konkurrenten in Deutschland, die in den letzten Jahren stark von der Euro-Schwäche profitierten.» Auch seien selbst kleine Firmen im globalen Vergleich höchst innovativ, hocheffizient und hätten einen hohen Automatisierungsgrad. Und sie sind oft in Nischen ­unterwegs, bieten Produkte an, die nur schwierig zu ersetzen sind.

Führend in der Anwendung von künstlicher Intelligenz

Die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz ist gleichzeitig ihr grösstes Risiko. Denn als kleine, stark export­orientierte Wirtschaft leidet sie mit, wenn es den wichtigsten Handelspartnern schlecht geht. «Wir können die beste ­Antwort der Welt liefern, aber das nützt uns nichts, wenn die Welt untergeht», sagt Avenir-­Suisse-Ökonom Marco Salvi. «Wir sind nun mal keine Insel.»

Die Schweiz hat zwar – etwa im Gegensatz zu den USA – kein Facebook, Apple, Google oder Microsoft hervorgebracht. Entscheidend sei jedoch besonders, welche Länder neue Technologien für den Geschäftserfolg einsetzen könnten, sagt Simone Wyss Fedele von Switzerland Global Enterprise. «Und die Schweiz ist führend in der Anwendung von künstlicher Intelligenz, Robotics, Automatisierung, Blockchain und personalisierter Gesundheit.»

Tech-Giganten mit Schweizer Standort

Ohnehin haben viele amerikanische Tech-Giganten längst hierzulande wichtige Forschungsstandorte aufgebaut – von Google, Facebook, Oracle bis zu Disney, IBM und Apple. Wyss Fedele hofft nun, die Googles von morgen zu gewinnen. «Im Moment organisieren viele internationale Firmen ihre Wertschöpfungsketten neu. Wir haben also eine gute Chance, wenn wir uns weiterhin als einen stabilen, ­weltoffenen, technologieführenden und innovativen Wirtschaftsstandort positionieren.»

Angelockt würden neue Unternehmen und internationale Start-ups dank dem Zugang zu Toptalenten, Zukunfts­technologien und einem starken Wirtschaftscluster. Und natürlich dank der ETH Zürich und der EPFL Lausanne.

Das notwendige Rüstzeug jedenfalls ist in der Schweiz vorhanden, wie eine differenziertere Auswertung des Competitiveness Reports zeigt (siehe «Krisen-Chart» unten). Unter Berücksichtigung von ­derzeit speziell gefragten Kriterien wie etwa Zukunftsorientierung der Regierung, Flexibi­lität des Arbeitsmarkts, Zugang zu Breitband-Internet, digitalen Fähigkeiten der Bevölkerung, Ausbildung von künftigen Arbeitskräften, Innovationskraft, Infrastruktur, Stabilität und Gesundheit ist die Schweiz mit Abstand führend – vor Singapur, den Niederlanden, Finnland und Dänemark.

Eine Studie der University of Chicago zeigt zudem, dass in der Schweiz rund 45 Prozent der Jobs von zu Hause aus erledigt werden können. Damit ist sie ­hinter Luxemburg mit 53,4 Prozent weltweit führend (siehe «Lockdown-Resistenz» unten).

Oder in den Worten von Bundesrat Alain Berset: «Wir können Corona.» Nicht nur bei der Eindämmung des Virus, sondern auch bei der Bekämpfung der wirtschaftlichen Folgen. Hauptstützen sind hier ein funktionierendes Sozialversicherungsnetz mit einer soliden Arbeitslosenversicherung, ein dank der viel kritisierten Schuldenbremse gesunder Staatshaushalt, der die Milliarden-Sonderausgaben verkraften kann, und ein dichtes Gewebe von Politik und Wirtschaft.

Filz kann in der Krise ganz nützlich sein: etwa wenn der Bundesrat in Zusammenarbeit mit den ­Sozialpartnern innert weniger Tage die Bedingungen für Kurz­arbeit Corona-tauglich umgestaltet oder wenn er über eine Art Generalmobilmachung der Banken die Covid-19-Kredite an die durch den plötz­lichen Lockdown in Liquiditätsengpässe geratenen Unternehmen verteilt.

Hilfe in Milliardenhöhe

Rund 70  Milliarden Franken hat der Bund bis heute zur Abfederung der wirtschaftlichen Folgen des Corona-Schocks bereitgestellt, das Gros in Form von Bürgschaften und Garantien. Gut 20  Milliarden flies­sen in die Arbeitslosenversicherung, um zu verhindern, dass das Sozialwerk derart in die roten Zahlen rutscht, dass es per 2021 aufgrund des eingebauten Sanierungsmechanismus die Lohnbeiträge erhöhen müsste, was einen Ausstieg aus der Krise erschweren könnte.

Dank den jährlichen Überschüssen konnte der Bund seine Schulden in den letzten 15  Jahren um fast 30  Milliarden abbauen. Und kann jetzt den sprunghaften Anstieg der Neuverschuldung um rund 30  Milliarden Franken gut verkraften.

Einzigartige finanzielle Gesundheit

«Die finanzielle Gesundheit der Schweiz ist global gesehen einzigartig», sagt auch Arturo Bris, Direktor des IMD World Competitiveness Center. In der Bewältigung der Corona-Krise sei sie in einer viel besseren Position als Deutschland, Spanien, Frankreich, Italien und die USA. «Auch die Verschuldungskapazität ist nach wie vor hoch, da die Gesamtverschuldung im Verhältnis zum BIP nur 40  Prozent ­beträgt.» Zum Vergleich: Deutschland kommt auf 70  Prozent, Frankreich auf 120  Prozent und die USA auf 136  Prozent.

Trotzdem wurde es Finanzminister Ueli Maurer an der Sondersession zu bunt, und er warnte das Parlament: «Ich sitze auf dieser Kasse, mehr gibt es jetzt einfach nicht!» Doch die National- und Ständeräte hörten nicht auf ihn und verteilten dann trotzdem noch etwas mehr Geld.

Der Bundesrat hat im Eiltempo eine Art fast lückenloses Netz zur Besitzstandswahrung aufgespannt, eine Art bedingungs­loses Corona-Grundeinkommen. Jetzt ist es Zeit, wieder auszusteigen. «Wir dürfen nicht versuchen, krampfhaft die Welt von vorher wiederherzustellen. Das wäre sehr unschweizerisch», mahnt Avenir-Suisse-Ökonom Salvi. «Eine Stärke der Schweiz war immer, dass sie fähig war, auf Krisen zu reagieren und sich den neuen Bedingungen anzupassen.» Auch strukturell.

So hat sich etwa nach der Bankenkrise, dem Fast-Kollaps von UBS und CS und der ­Abschaffung des Bankgeheimnisses der Bankensektor aufgrund der höheren Eigenkapital­anforderungen und der Weissgeldpflicht stark verändert: Sein Anteil an der direkten Wertschöpfung gemessen am BIP fiel von gut 8,5 auf knapp 5  Prozent. Im Gegenzug sind die Finanzinstitute jetzt ­robust und konnten sich mit ihrem Kreditprogramm als eine wertvolle Stütze der Schweizer Volkswirtschaft beweisen.

«Weltmeister im Agieren unter Margendruck»

Der Frankenschock wiederum hat zwar in der hiesigen Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie rund 18 000 Jobs gekostet, trieb die Betriebe aber in innovativere, margenträchtigere Nischen, was sie wie­derum für die aktuelle Krise besser gewappnet hat.

Auch ZKB-Anlagechef Schenk ­betont die positiven Seiten des durch die Frankenaufwertung auferlegten, unfreiwilligen Fitnessprogramms. «Wir sind Weltmeister im Agieren unter Margendruck.» Die Frankenstärke sei zwar nicht lustig, habe aber exportierende Unternehmen dazu diszipliniert, die Kosten im Griff zu haben. «Andere Länder im Euroraum mussten nicht so kompetitiv sein.»

Reformen statt Konjunkturprogramme

Zurück in die Zukunft, so geht es jedenfalls nicht. Gross ist deshalb die Skepsis in Wirtschaft und Verwaltung gegenüber sogenannten Konjunkturprogrammen. «Sie kommen immer zu spät und waren fast immer am falschen Ort», sagt etwa Swissmem-Präsident Hess. Die Liquiditätskredite reichten aus, es brauche keine weiteren Programme. «Dafür braucht es bessere Rahmenbedingungen», sagt Hess und ­plädiert letztlich für Reformen statt Programme.

«Historisch betrachtet, ist die Schweiz aus jeder Krise besser rausgekommen, als sie zuvor war», sagt auch Judith Bellaiche, grünliberale Nationalrätin und Geschäftsführerin des Wirtschaftsverbands der ICT- und Online-Branche Swico. «Denn Krisen lösen hierzulande den ­Reformstau.» Und ermöglichten Dinge, die zuvor als unmöglich taxiert wurden. Insbesondere bei der Digitalisierung. «Mittel- bis langfristig betrachtet kann das für die Schweiz eine Chance sein.»

Und was Warren Buffett betrifft: Er wartet ab. Denn in den nächsten Quartalen könnte es noch den einen oder anderen spannenden Kursrutscher geben. Und so dürften sich auch für ihn noch Chancen auftun. Vielleicht auch wieder in der Schweiz.

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