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Netflix-Konkurrent Quibi will die Streaming-Welt revolutionieren

watson.ch-Logo watson.ch 14.04.2020 Pascal Scherrer
Schon wieder ein neuer Streaming-Dienst? Ja. Aber Quibi will einiges anders machen. Ob es auch besser ist, muss sich aber erst noch zeigen.

Vermutlich hast du noch nie etwas von Quibi gehört. Das ist auch wenig verwunderlich, denn der Streaming-Dienst ist erst am 6. April gestartet. Auch in der Schweiz ist die App bereits verfügbar, wenn auch nur auf Englisch.

Im ersten Moment hat man dafür nur ein müdes Lächeln übrig. Noch ein Streaming-Dienst, der einem ein Abo andrehen will. Doch Quibi will weit mehr sein, als nur ein weiterer Streaming-Dienst für Serien. Quibi möchte der Streaming-Dienst für die Jungen sein, die Leute die keine Zeit haben, die Personen, die Inhalte hauptsächlich über ihr Smartphone konsumieren.

Mit Limitierung zum Erfolg

Quibi will die magische Formel entdeckt haben, mit der man den hart umkämpften Streaming-Markt aufmischen kann. Wer sich auf Quibi registriert, findet keine Serienepisode, die länger als zehn Minuten ist. Man wolle damit Leute ansprechen, die keine Lust haben, sich auf eine Serie einzulassen, deren Folgen 20 Minuten oder länger dauern.

Quibi soll es den User*innen ermöglichen, zwischendurch eine Folge zu gucken, dann, wenn nicht so viel Zeit bleibt. Beispielsweise, wenn man auf den Zug warten muss oder eine kurze Strecke im Bus fährt. Und weil man dabei sowieso meistens am Handy hängt, ist Quibi ausschliesslich auf Smartphones verfügbar.

Das klingt im ersten Moment ziemlich wahnsinnig, folgt aber einem Trend, den bereits Instagram vor rund zehn Jahren losgetreten hat: Smartphone first. Noch heute kann man Fotos bei Instagram (ohne Trickserei) nur über das Smartphone hochladen.

Ein neueres Beispiel ist die Social-Media-App TikTok. Mit bald einer Milliarde User*innen weltweit ist die Video-App der Shooting-Star am Tech-Himmel. Trotz Bedenken beim Datenschutz wird die App vor allem von jungen User*innen regelmässig genutzt.

Der Streaming-Dienst für Generation Y

Dass Quibi die Social-Media-Affine Zielgruppe anspricht, zeigt der Aufbau der App. Überall wird geswiped und gewischt. Es gibt auch eine Entdecken-Seite, ähnlich wie bei Instagram oder TikTok. Sowas wie eine Genre-Übersicht sucht man vergebens. Stattdessen kann man einfach in der Suchleiste eingeben, auf was man gerade Lust hat – und selbstverständlich kann man einer Serie auch folgen.

Quibi hat mit seinem Dienst ganz klar die Generation Y im Visier. Sie sind die Ersten, die mit Handy und Smartphones aufgewachsen sind. Sie sind es sich auch gewohnt, Videos in Hochformat zu filmen – und zu konsumieren. Dessen ist sich auch Quibi bewusst und macht etwas, was jedem ambitionierten Film- und Serienliebhaber die Zornesröte ins Gesicht treiben dürfte: Der Streaming-Dienst bietet Serien im Hochformat an.

Selbstverständlich kann man sein Smartphone aber auch um 90 Grad drehen und die Serien im Querformat geniessen. Damit die Inhalte im Hochformat auch funktionieren, wurden sie alle extra für Quibi produziert. Hier zeigt sich auch erstmals, dass beim neuen Streaming-Dienst richtig viel Geld im Spiel ist: Die Formate sind – zumindest optisch – hochwertige Hollywood-Produktionen. Damit zerstreut Quibi dann zumindest die Bedenken, man bekomme nur kurze Videos à la YouTube-Qualität zu sehen.

Hinter Quibi steckt richtig viel Geld – und zwei Branchen-Urgesteine

Die Bandbreite der Inhalte reicht von klassischen fiktionalen Serien, bis hin zu Reality-TV und Sportsendungen. Da die Inhalte ausschliesslich für den Dienst produziert wurden, kann Quibi kaum mit bekannten Titeln auftrumpfen. Am ehesten dürfte man noch die Streich-Show «Punk'd» kennen, die für den Dienst neu aufgelegt wurde.

Umso bekannter sind dafür die Namen, die vor und hinter der Kamera auftauchen: Steven Spielberg, der noch vor nicht einmal einem Jahr dafür sorgen wollte, dass Netflix von der Oscar-Veranstaltung ausgeschlossen wird. Steven Soderbergh, der «Contagion» gedreht hat, ein Film, der im Moment Corona-bedingt ganz hoch in den Streaming-Charts ist. Guillermo del Toro, Sam Raimi, Catherine Hardwick sind weitere prominente Namen, auf den Drehbuch- und Regieplätzen.

Ihnen stehen Schauspieler*innen zur Verfügung wie Christoph Waltz, Anna Kendrick, Bill Murray, Liam Hemsworth, Idris Elba, Kiefer Sutherland, Sophie Turner, Reese Witherspoon, Will Smith, Ben Stiller, Jennifer Lopez, LeBron James. Alle prominenten Castmitglieder sind das bei weitem nicht. Das HR-Budget dürfte entsprechend hoch sein. Doch Quibi kann es sich – zumindest im Moment – noch leisten. Fast 1.8 Milliarden US-Dollar hat das Start-up von Investoren gesammelt. Sie alle sind sich sicher: Quibi wird «the next big thing».

Video wiedergeben

Dass die Investoren so grosses Vertrauen in das junge Unternehmen haben, dürfte auch an den zwei Köpfen hinter dem Projekt liegen. Gegründet wurde Quibi von Meg Whitman und Jeffrey Katzenberg.

Beide ergänzen sich auf dem Papier wunderbar. Whitman war von 1998 bis 2008 CEO von eBay, danach übernahm sie bei Hewlett-Packard das Ruder. Katzenberg wiederum ist einer der bekanntesten Filmproduzenten Hollywoods. Unter ihm stieg das serbelnde Disney in den 80er-Jahren wieder zum Trickfilm-Giganten auf. Katzenberg verantwortete Filme wie «Die Schöne und das Biest», «Aladdin» und «Der König der Löwen». Später war er Mitgründer des bekannten Dreamworks-Studios.

Das Beste aus zwei Welten

Gegenüber CNN preschte Whitman dann auch gleich mit grossen Versprechungen vor:

«Was wir versuchen, ist, das Beste aus Hollywood und Silicon Valley zusammenzubringen, um das Schauen von kurzen Inhalten auf Smartphones aussergewöhnlich zu machen. Wir haben Inhalte auf Hollywood-Qualität, zusammen mit richtig innovativer Technologie. Das zusammen macht das Schauen von Videos auf dem Handy zu etwas völlig anderem als bisher.»

Auch Katzenberg ist überzeugt, dass Quibi nichts anderes als die grösste Idee sei, die er und Whitman jemals hatten.

Welche neuen Wege Quibi unter anderem zu gehen versucht, zeigt sich bereits bei der Serie «After Dark», die von Steven Spielberg produziert wird: Sie wird ausschliesslich nach Sonnenuntergang abrufbar sein – und zwar egal, wo auf der Welt, der User sich gerade befindet. Ein Countdown soll dabei jeweils anzeigen, wann die Sonne auf-, beziehungsweise untergeht.

Steven Spielberg findet Streaming-Dienste nun doch nicht mehr so blöd. © Steven Senne/KEYSTONE Steven Spielberg findet Streaming-Dienste nun doch nicht mehr so blöd.

Tatsächlich dürfte nebst den technischen Spielereien aber vor allem die Inhaltliche Qualität eine Herausforderung sein. Denn wenn Drehbuchautoren plötzlich nur noch zehn Minuten pro Folge haben, stellt sich natürlich die Frage, wie komplex eine Serie da noch sein darf.

Auch wenn dieser Dienst im ersten Moment womöglich etwas befremdlich wirken mag: Zumindest nach der ersten Woche kann Quibi schon ordentliche Zahlen vorlegen. In den USA und Kanada, wo der Stream am 6. April offiziell gestartet ist, konnte man nach einer Woche schon 1.7 Millionen Downloads vorweisen – der Grossteil der Nutzer sei unter 30 Jahre. Disney Plus hat im gleichen Zeitraum zwar vier Millionen Downloads verbucht, bedenkt man aber, das Quibi kaum Werbung gemacht hat, ist das doch beeindruckend. Sollte die Idee von Streaming-Angeboten im Hochformat wirklich ankommen, dürften Netflix und Co. sich zumindest überlegen, nachzuziehen.

In der Schweiz ist Quibi inzwischen auch erhältlich, allerdings sind die Inhalte im Moment ausschliesslich auf Englisch verfügbar. In den USA kostet ein Abo in der werbefinanzierten Version 4.99 Dollar. Komplett werbefrei gibt's den Dienst für 7.99 Dollar. In der Schweiz ist leider nur das Abomodell ohne Werbung verfügbar. Dafür verzichtet man auf den «Schweiz-Aufschlag»: ein Monat Quibi kostet 8 Franken. Damit ist der Dienst hierzulande sogar günstiger als in Deutschland, wo er 8.99 Euro kostet.

Aktuell kann man Quibi für 90 Tage kostenlos testen. Die App gibt's für Android und iOS.

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