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Sinnsuche statt Shopping – die grosse Leere auf der Oxford Street

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 03.05.2020 Benjamin Triebe, London

Europas belebteste Einkaufsstrasse liegt im Koma. Wird sie sich erholen? Ein Besuch am vielleicht ruhigsten Ort Londons.

Bitte weitergehen: Das ;Warenhaus Debenhams schützt sich mit einem Insolvenzverfahren. John Sibley / Reuters © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Bitte weitergehen: Das ;Warenhaus Debenhams schützt sich mit einem Insolvenzverfahren. John Sibley / Reuters

«Die Zukunft wird aufregend. Bereit?» Der Vodafone-Laden lässt sich den Optimismus nicht nehmen, aber der wurde ihm auch als Slogan mit grossen Buchstaben auf die Fassade genagelt. Sonst ist Zuversicht derzeit schwer zu finden auf der Oxford Street, der berühmten Einkaufsmeile im Zentrum Londons. Auch Vodafones Türen sind verschlossen, genau wie bei den allermeisten der rund 300 Geschäfte an der fast 2000 Meter langen Prachtstrasse östlich des Hyde Parks, und wie die allermeisten in Grossbritannien. Seit dem 23. März herrscht auf der Insel eine Ausgangssperre wegen der Corona-Pandemie. Noch ist selbst über eine langsame Öffnung nicht entschieden.

Vom Touristen-Magnet zum Ort der Stille

Nun liegt die Oxford Street da wie im Koma. Wird sie wieder so werden, wie sie einmal war? Sie war die belebteste Shoppingmeile Europas und zog durchschnittlich über 500 000 Besucher pro Tag an, hat die städtische Transportbehörde gezählt. «High Street» wird in Grossbritannien die zentrale Einkaufsstrasse einer Stadt genannt. Die Oxford Street ist die High Street des ganzen Landes, eine der teuersten Strassen auf dem britischen Monopoly-Spielbrett und ein Magnet für London-Touristen. Bilder der Menschenmassen, die sich hier an Samstagnachmittagen tummelten, könnten medizinische Fachartikel über Corona-Fehler illustrieren.

Die Massen und der Lärm sind fort, es ist sehr still geworden. Die Aushänge in den Ladenfenstern sagen alle das gleiche, jeweils auf ihre Art. Nur Satzfetzen bleiben hängen. «Wie alle anderen auch, wollen wir das richtige tun» / «für die Sicherheit und den Schutz der Gemeinschaft» / «immer unsere Priorität» / «nichts ist wichtiger als unsere Familie aus Mitarbeitern und Kunden» / «im Lichte dessen, was in der Welt geschieht» / «wir sind bei euch» / «im Versuch, alle Bürger zu schützen». Oder mit den Worten eines Kosmetikgeschäfts: «Wir sind weg, Hände waschen.»

Die Türen des Warenhauses Debenhams sind mit Sperrholzplatten verrammelt. Der «Coffee & Juice»-Stand ist komplett vom Boden bis zur Decke mit schwarzer Plastikfolie umwickelt. Die Kosmetikkette The Body Shop wirbt mit perfekten Geschenken zum Muttertag am 22. März und rät zum veganen «British Rose Body Yogurt». In der Auslage des Swatch-Ladens wartet die Plastikuhr mit dem Schriftzug «Oxford Street» auf einen Kunden, der 74 £ (90 Fr.) entbehren kann.

Genug Probleme gab es schon vorher

John Timpson, der Chef der Schuster- und Schlosser-Kette Timpson mit mehr als 2000 Ablegern im Land, macht sich für die britische High Street wenig Illusionen: «Manche Namen werden nicht zurückkommen», sagte er der BBC. Der stationäre Handel hat seit längerer Zeit Probleme, unter anderem wegen des Trends zum Online-Shopping. Vergangenes Jahr sind die realen Verkäufe im Detailhandel zum ersten Mal seit mindestens 25 Jahren leicht gesunken. Schliessungen häuften sich. Die Corona-Krise könnte wie ein Brandbeschleuniger wirken.

Das trifft auch die traditionellen Warenhäuser, die im 19. Jahrhundert in Grossbritannien entstanden sind. Ihre Nachkommen säumen heute die Oxford Street und bringen Abwechslung in das Sammelsurium bekannter Ketten, auch architektonisch: Der über hundert Jahre alte Palast von Selfridges ist mit Säulen ummantelt, eingearbeitete Büsten schmücken die Fassade, und über dem Haupteingang wacht die Skulptur der «Königin der Zeit». Selfridges versucht, mit der Zeit zu gehen, aber es ist schwer: An den verschlossenen Türen prangt Werbung für die Selfridges App – aber mit dem Argument, sie biete Grundrisse und Karten der Verkaufsräume.

Wenn diese Räume dereinst wieder öffnen, wird es darin anders aussehen und zugehen. Der Verband der Detailhändler hat Vorgaben erarbeitet: Die Zahl der Kunden dürfte begrenzt werden, wahrscheinlich dürfen die Kunden nur einzeln eintreten und zum Beispiel nicht mit der Familie, Schutzscheiben müssen an den Kassen installiert und wo immer möglich Abstände eingehalten werden. Eine Maskenpflicht ist absehbar, vielleicht muss auf Anproben verzichtet werden. Das «Einkaufserlebnis», das im Marketing-Sprech als immer wichtigerer Faktor der Kundenbindung gilt, wird sich vorerst wohl deutlich und abschreckend ändern.

Besonderer Schutz für besondere Zeiten

Manche Menschen lassen sich allerdings selbst von geschlossenen Filialen locken: ein Warenhaus voller Waren und ohne Kunden ist ein lohnendes Ziel für Diebe. Deshalb verlassen sich die Unternehmen nicht auf Videoüberwachung, sondern schicken Wachleute mit Hunden um die verrammelten Gebäude. Zum Beispiel Thea. Sie hat heute zwar keinen Hund dabei, aber drei Wasserflaschen, davon eine bereits halb geleert. Auch in London schickt der Sommer frühe Boten, die Sonne ist heiss und Theas Schutzmontur schwer. Passiert sei auf ihren Schichten noch nichts, sagt Thea. Immerhin sei ihr Job krisensicher. Nur die Zeit werde etwas lang, wenn so gar nichts los sei.

Für die Warenhäuser steht viel auf dem Spiel. Marks & Spencer rechnet für den Rest des Jahres mit schleppenden Absätzen bei Kleidung und Haushaltswaren. Gerade wird ein Notfallplan für die Finanzen erarbeitet, Dividenden sind gestrichen. Bei John Lewis hat sich der Vorsteuergewinn schon 2019 auf 36 Mio. £ mehr als halbiert. Im laufenden Jahr könnte der Umsatz im stationären Handel der landesweit 50 Ableger um über einen Drittel zurückgehen, warnt die Warenhauskette. Debenhams hat bereits Anfang April ein Insolvenzverfahren eingeleitet – zum dritten Mal innerhalb von zwölf Monaten. Sich Zwangsverwalter ins Haus zu holen, schützt im britischen System vor Schliessung und Liquidation auf Drängen von Gläubigern.

Auf der anderen Strassenseite geht der Schweizer Luxusuhrenhersteller Omega trotz aller Bewachung lieber auf Nummer sicher. Die edlen Stücke wurden vorsorglich aus der Auslage entfernt. Nur noch James Bond steht im Schaufenster, um zu zelebrieren, dass er wieder einen Job hat – oder gehabt hätte, denn der für April geplante Kinostart von «No time to die» wurde verschoben. Geblieben sind das Plakat von Darsteller Daniel Craig mit aufgedruckter Uhr am Handgelenk sowie die Plakette, wonach der Zeitmesser den Test zum «Master Chronometer» bestanden hat – offiziell ausgestellt und bestätigt vom Eidgenössischen Institut für Metrologie, Institut fédéral de métrologie, Istituto federale di metrologia, Institut federal da metrologia.

Nebenan will auch Dyson kein Risiko eingehen. Das britische Unternehmen produziert nicht nur Staubsauger, sondern zahlreiche Gerätschaften, bei denen es auf heisse Luft ankommt. Aktuelles Vorzeigeprodukt ist das Haarglätteisen Corrale, zumindest lässt die Beschriftung an den nun leeren Podesten darauf schliessen. Ein Corrale kostet rund 400 £, das erklärt die Vorsicht und die verwaisten Auslagen. Tatsächlich ist die Ausstattung verführerisch: intelligente Hitzesteuerung mit Platinsensoren, keramische Heizscheiben, Nickel- und Titanummantelung, vier Hochkapazitäts-Lithium-Ionen-Zellen und User Interface für intuitive Bedienung. James Bond sollte eindeutig den Ausrüster wechseln.

Auch Nippes hat Nachfrage

Die Oxford Street ist keine Luxusmeile. Zahlreiche Mittelklasseketten sind hier vertreten, und die Strasse ist so lang, dass manche mehrfach auftauchen, darunter je drei Mal Zara, H&M und McDonald's sowie zwei Mal Primark. Auch eine besondere Kategorie von Touristenfallen hat sich niedergelassen – Läden mit dreifacher Spezialisierung, die sowohl britische Souvenirs als auch Koffer sowie obendrein Geldwechsel anbieten. Die Strategie scheint zu sein, den Kunden so viele überteuerte Mitbringsel anzubieten, dass sie für den Transport gleich einen Koffer dazukaufen und ihre restlichen Devisen wechseln müssen, um all das zu bezahlen.

Zu den dargebotenen Devotionalien zählen Teekannen in Form des Big Ben oder roter Telefonzellen, die Queen mit Wackelkopf, Mr. Bean mit Wackelkopf und eine britische Dogge mit Wackelkopf. Eine der Touristenfallen hat noch versucht, von der Krise zu profitieren: «Maske erhältlich», verspricht ein ausgerissener, mit ungelenken Buchstaben handbeschriebener und von innen an die Scheibe geklebter Zettel. Dann kam der Shutdown.

Die alte Welt: Im Warenhaus ;Selfridges am 2. Weihnachtstag 2019. Henry Nicholls / Reuters © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Die alte Welt: Im Warenhaus ;Selfridges am 2. Weihnachtstag 2019. Henry Nicholls / Reuters

Ein anderer Laden offeriert Brexit-Kekse mit eingeprägter EU-Flagge, dem Union Jack und dazwischen einer Sollbruchstelle. Man kann den Keks teilen und mit Freunden verspeisen («pick a side, break the divide»). Weniger britisch, aber offenbar ein Bedürfnis bedienend, sind Geschäfte für amerikanische Süssigkeiten. Doch die Zeit arbeitet gegen die grosszügig dekorierten Auslagen der American Candy Shops. Creamy Reese’s Erdnussbutter hat noch Spielraum, doch Cap’n-Crunch’s-Crunch-Berries-Frühstücksflocken konnte nichts vor dem Verfallsdatum retten. Für Lucky Charms Frosted Flakes wird es langsam eng, trotz gleich drei Einhörnern in der Packung (magisch köstlich!).

Wenn auf der Oxford Street weniger Snacks verkauft werden, hat das für Finley eigentlich nur Vorteile. Er dreht als Strassenreiniger seine Runden durch das Viertel und zieht das weiss-goldene Kehrrichtwägelchen der City of Westminster hinter sich herzieht. Finleys Job war früher schwerer. Die zahlreichen Abfallkörbe bleiben jetzt meist unbenutzt, die Müllbeutel sind schnell getauscht oder können gleich in den Körben bleiben. Finleys Wägelchen ist leer, leicht, «und ich muss damit nicht die ganzen Passanten manövrieren». Aber er mache jetzt nicht absichtlich schneller voran, sagt er. Die Schicht bleibe ja gleich lang.

Die Oxford Street ist eine der wichtigsten Strassen der City of Westminister, dieses Londoner Stadtteils, zu dem auch das südlich gelegene Parlament und der Regierungssitz 10 Downing Street gehören. Im 18. Jahrhundert noch eine wenig attraktive Ecke mit einem nahegelegenen Galgenplatz, wandelte sich die Strasse erst zu einer Amüsiermeile und dann bis Ende des 19. Jahrhunderts zu einer Geschäfts- und Einkaufsgegend, in der von Lebensmitteln über Kleidung bis zu Haushaltswaren und Möbeln fast alles zu bekommen war. Schwere Bombardements im Zweiten Weltkrieg bremsten das Wirtschaftsleben erheblich. Zum Erliegen brachte es erst das Coronavirus Sars-CoV-2.

Nur der Onlinehandel sorgt für Schlangen

Doch was ist das? Bei John Lewis gibt es eine Schlange, sogar aus Kunden, gestreckt durch Sicherheitsabstände – aber auf der Rückseite des Kaufhauses, abseits der Oxford Street, wo die Schatten fallen, und wo es kalt ist und zieht. Dort ist eine Abholstelle, dort sammeln die Briten ihre Online-Bestellungen ein. Die Onlineverkäufe der Warenhäuser sind in der ersten Zeit der Krise um 47% gewachsen, wie offizielle Verkaufszahlen von Anfang März bis Anfang April zeigen.

Dieser Anstieg ist ein Sonderfall. Erst ab 23. März mussten viele britische Geschäfte ihre Türen schliessen, doch bereits das reichte im Gesamtmonat für einen Rückgang der Detailhandelsverkäufe um fast 6% zum Vormonat und damit für das grösste Minus seit Beginn der Aufzeichnungen vor mehr als 30 Jahren. Zwar erwarben die Briten bei ihren Hamsterkäufen viel mehr Lebensmittel als normal, aber das das konnte den Rückgang in anderen Sparten nicht ausgleichen. Der Einbruch im Folgemonat April wird nochmals grösser ausfallen.

Wie es aussieht, trifft die Corona-Krise den Kleiderhandel besonders schwer. Um 30% brachen die Verkäufe im März ein, als die Briten ihre Prioritäten neu setzten. «Hm.com ist immer geöffnet», erinnern die Schaufenster des Textilriesen H&M – aber wie viel wird das Internet nützen? Bei H&M jedenfalls mehr als bei Primark: Der Textildiscounter bleibt nicht nur auf der Frühlingsmode sitzen, die in der riesigen Filiale am westlichen Ende der Oxford Street lagert. Primark verkauft auch über das Internet nichts – die Firma bietet kein Online-Shopping an. Früher war das ein Alleinstellungsmerkmal, jetzt ist ein Problem.

Statt 650 Mio. £ im Monat macht Primark nun gar keinen Umsatz. Trotzdem will das Unternehmen an der Online-Enthaltung vorerst nichts ändern. Seine Kampfpreise für «Fast Fashion», also schnell wechselnde Kollektionen, lassen wenig Raum für die Kosten zum Abwickeln von Onlinebestellungen und für den Versand. «Online schauen, in der Filiale kaufen», beharren die Primark-Schaufenster und warten auf bessere Zeiten.

Immerhin Disney hatte Glück im Unglück. Die Repräsentanz des amerikanischen Mäusekonzerns an der Oxford Street wurde in dem Zustand konserviert, in dem die Schaufenster Werbung für den Start des Streaming-Dienstes Disney Plus am 24. März machen. Wenn es einen Gewinner dieser Krise gibt, dann sind es die Online-Streamingdienste. Gleichwohl kam der Stopp überraschend: Die Mitarbeiter haben vergessen, Olaf auszuschalten. Olaf, der fröhliche Schneemann aus dem Zeichentrickfilm Frozen, rotiert immer noch auf seinem Podest, im Halbdunkel hinter der Fensterscheibe. Draussen knarzt das Disney-Schild leise im Wind.

Ausgerechnet hier gibt es Masken

Den Massenschliessungen entgangen sind Supermärkte sowie Apotheken und Drogerien. Geöffnet hat zum Beispiel die Filiale der Apothekenkette Boots, aber alle Anliegen kann sie nicht bedienen. Zu dem üblichen Aushängen, dass über Nacht kein Bargeld und keine ungesicherten Medikamente in der Filiale verbleiben, gesellen sich neue Ankündigungen: Kosmetika und Parfüms werden derzeit nicht verkauft, Kunden mit Covid-19-Symptomen müssen draussen bleiben, und weder gibt es hier Corona-Tests zu kaufen, noch werden Tests gemacht.

Gegenüber, bei einer anderen Apotheke, schmückt nur ein Plakat das Fenster: «Keep calm and wear a mask», eine Abwandlung der britischen Devise «Keep calm and carry on». Ruhig bleiben und Masken tragen, das ist nicht nur ein Spruch – hier werden tatsächlich noch Schutzmasken verkauft. 15 £ sind für eine Staubmaske fällig, wie sie sonst Handwerker verwenden. Eigentlich sind Masken landesweit sehr knapp, doch hier ist die Laufkundschaft offenbar zu gering, um den Vorrat zu erschöpfen – hier an der Oxford Street, der belebtesten Einkaufsstrasse Europas.

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