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Thomas Gottstein: «Wir spenden den Gewinn!»

Schweizer Illustrierte 26.03.2020 Werner De Schepper
Zeigt Profil. Thomas Gottstein fädelte mit Bundesrat Ueli Maurer und Nationalbank-Chef Thomas Jordan die Milliardenhilfe für die Schweizer Wirtschaft ein. © Helmut Wachter / 13 Photo Zeigt Profil. Thomas Gottstein fädelte mit Bundesrat Ueli Maurer und Nationalbank-Chef Thomas Jordan die Milliardenhilfe für die Schweizer Wirtschaft ein.

Kaum Chef der Credit Suisse, schon total gefordert. Im Homeoffice nimmt Thomas Gottstein erstmals zur Corona-Krise Stellung. Er lobt den Bundesrat, erklärt, wie seine Bank dem Gewerbe hilft, und sagt, wie er daheim mit dem Sohn Mathe büffelt.

Herr Gottstein, wir führen das Interview am Telefon. Sind Sie im Büro am Paradeplatz oder zu Hause im Homeoffice?

Ich bin tatsächlich den dritten Tag zu Hause im Homeoffice.

Und wie geht das?

Erstaunlich gut. Telefonieren kann man ja von überall und auf die Mails zugreifen ebenfalls. Aber ich gebs zu, dass ich selber lieber im Büro arbeite. Dort habe ich meine zwei Bildschirme. Auf dem einen läuft Bloomberg, auf dem anderen bearbeite ich meine Themen.

Und Ihre Mitarbeiter? Wie viele arbeiten im Homeoffice?

Unsere Mitarbeiter machen das super. Viele melden sich und sagen, dass der Kundenkontakt auch im Homeoffice gut läuft. Von unseren rund 20 000 Mitarbeitern in der Schweiz haben 86 Prozent die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten. Die Kollegen wechseln sich ab zwischen Homeoffice und Büro. Nicht im Homeoffice sind Mitarbeiter, die für ihren Job auf eine spezielle Infrastruktur angewiesen sind wie zum Beispiel der Wertschriftenhandel oder natürlich das Personal in den Filialen. Da gibt es spezielle Schutzmassnahmen für Personal und Kunden.

Und was machen die Mitarbeitenden, die zu Hause ihre Kinder betreuen müssen?

Da haben wir eine grosszügige Regelung getroffen. Diese Mitarbeiter im Homeoffice können bei Bedarf und in Absprache mit dem Linienvorgesetzten bezahlten Urlaub nehmen, um Betreuungsfragen zu regeln. Dieses Angebot gilt bis Mitte April. Das wird sehr geschätzt. Überhaupt ist in der Krise ein Ruck durch die Belegschaft gegangen.

Und Ihre beiden Kinder? Machen Sie mit Ihnen Homeschooling?

Ja, das funktioniert sehr gut.

Wie helfen Sie konkret?

Also dem Kleinen, der ist zwölf, kann ich bei Mathematik und Deutsch noch helfen. Er ist in England aufgewachsen. Darum ist sein Deutsch noch nicht so gut. Aber der grosse ist achtzehn und braucht meine Hilfe nicht mehr.

Wo setzen Sie aktuell die Prioritäten?

Erstens die Sicherheit und Gesundheit der Mitarbeiter. Zweitens das Bereitstellen von Liquidität und Kapital für unsere KMU-Kunden und grosse Firmen in der Schweiz. Drittens wollen wir jetzt in der Krise für die Kunden da sein und sie beraten. Und schliesslich müssen wir auch als Bank profitabel arbeiten.

In den USA geht man davon aus, dass das Bruttoinlandprodukt um 30 Prozent einbricht und die Zahl der Arbeitslosen auf 13 Prozent ansteigt. Kann es auch in der Schweiz so weit kommen?

Alle Prognosen sind momentan mit viel Unsicherheit behaftet. Aber es ist klar, dass die Wirtschaft in den USA und auch bei uns wegen des Lockdowns über zwei bis drei Monate einen heftigen Rückschlag erleidet. Die Arbeitslosigkeit wird in der Schweiz wegen der grosszügig vom Bund finanzierten Kurzarbeit allerdings nur wenig ansteigen. Sobald die Pandemie unter Kontrolle ist und die Massnahmen schrittweise gelockert werden – das sollte, so hoffen wir, ab etwa Mitte Mai möglich sein –, wird das Wachstum anziehen. Fürs ganze Jahr sollte der Einbruch also wesentlich geringer ausfallen.

Der ETH-Ökonom Hans Gersbach, der sich ein Forscherleben lang mit Krisen beschäftigt hat, vergleicht die wirtschaftspolitischen Folgen der Corona-Krise fast mit dem Ausbruch eines Krieges. Hat er recht?

Ich will nicht von Krieg sprechen. Die in vielen Ländern angeordneten Massnahmen sind natürlich aussergewöhnlich, dienen aber dem Schutz der Bevölkerung und sind der Situation angemessen. Zudem müssen wir infolge der Corona-Krise nicht mit Infrastrukturschäden rechnen.

Was werden die langfristigen Folgen sein?

Die Leute werden sich mehr besinnen auf das, was wirklich wichtig ist im Leben. Vieles, was alltäglich war, wie häufige Auslandreisen, wird zur Debatte stehen. Homeoffice und digitales Arbeiten wird sich weiter etablieren. Gleichzeitig wird sich die Wirtschaft auch wieder erholen. Der Zusammenhalt in Partnerschaft, Familie und in unserem Land wird hoffentlich noch stärker. Und die Leute werden öfter Masken tragen.

/ © Bereitgestellt von Schweizer Illustrierte /

Der Bundesrat hat Massnahmen ergriffen, die hart für alle sind. Tragen Sie diese mit?

Der Bundesrat handelt richtig und macht einen guten Job. Jetzt müssen wir zusammenrücken und alle die neuen Regeln im Alltag umsetzen. Ich hoffe nicht, dass eine vollständige Ausgangssperre nötig sein wird, aber vertraue auch hier der Einschätzung der Landesregierung und der Experten.

Die Banken spielen in den Plänen des Bundesrates eine wichtige Rolle: Sie sollen die Liquidität der KMU in der Krise sicherstellen. Ist die Credit Suisse bereit?

Ja. Wir konnten beim Unterstützungspaket für die 600 000 KMU in der Schweiz von Anfang an eine aktive Rolle spielen. Seit gestern kann mit einem Formular bei der Hausbank ein Unterstützungskredit beantragt werden. Zentral ist jetzt eine schnelle und unkomplizierte Abwicklung, damit das Geld schnellstmöglich auf dem Firmenkonto ist. Ein Gewerbekunde, der im Jahr eine Million Umsatz macht, kann 100 000 bekommen.

Was verdient die Credit Suisse dabei?

Kleinere Kredite müssen nicht verzinst werden, und jene ab 500 000 Franken sind günstig. Für uns ist aber klar: Hier wollen wir als Bank die Wirtschaft unterstützen. Wenn ein Gewinn anfallen sollte, werden wir ihn spenden.

Die Nationalbank verwaltet einen faktischen Staatsfonds von 750 Milliarden. Warum holen wir das Geld nicht dort?

Die SNB muss in einer Krise den Finanzsektor und die Wirtschaft als Ganzes stabil halten und Liquidität bereitstellen. Zudem ist es jetzt noch wichtiger, die Wirtschaft vor einem weiteren Frankenschock zu bewahren. Das tut die SNB. Die Finanzierung von Corona-bezogenen Ausgaben ist Sache des Bundes und der Kantone, die sich übrigens wegen der Negativzinsen fast ebenso günstig verschulden können wie die SNB. 

Adolf Ogi fordert im «SonntagsBlick» nebst dem staatlichen Engagement ein Zeichen der Solidarität der Banken und der Reichen. Ogis Frau sagte ihm: «Wenn einer 300 Millionen auf dem Konto hat, kann er doch 20 Millionen abgeben!» Einverstanden?

Ich bin sehr für Solidarität in der Krise. Als Bank wollen wir jetzt schnell und unbürokratisch die Realwirtschaft mit günstigen Krediten unterstützen. Den Mitarbeitern geben wir bezahlten Urlaub vorerst bis Mitte April, damit sie im Homeoffice die Kinderbetreuung regeln können. Und wir sprechen wegen der Krise momentan keine Entlassungen aus. Ich persönlich spende auch regelmässig, zum Beispiel aktuell für die Glückskette. Und am meisten ist der Wirtschaft gedient, wenn Private wieder investieren und konsumieren.

Sollten die Manager jetzt nicht auf Boni verzichten?

Spätestens wenn die Vergütung für das Geschäftsjahr 2020 auf dem Tisch des Verwaltungsrats ist, wird das Thema Corona-Krise mit Sicherheit mitberücksichtigt werden. Zudem erfolgt die Vergütung auf Stufe Geschäftsleitung zu einem guten Teil in Aktien. Wir spüren also die turbulenten Aktienmärkte schon heute im Portemonnaie.

Das Modell des Bundesrates sieht vor, dass die Hausbanken ihren Kunden sofort Liquidität zu Verfügung stellen. Der Bund übernimmt die volle Haftung bis 500 000 Franken. Und ab diesem Betrag zu 85 Prozent. Der Knackpunkt: Diese Darlehen erhöhen die Verschuldung der Betriebe auf Dauer. Damit erhöhen sich die Risiken auf den übrigen Kreditpositionen der Banken. Droht uns da nicht zeitverzögert eine grosse Bankenkrise?

Nein, das sehe ich nicht. Erstens ist der maximale Kreditbetrag auf 10 Prozent des Umsatzes beschränkt. Zweitens ist der Zinssatz mit 0 Prozent bis 500 000 Franken und mit 0,5 Prozent bis 20 Millionen relativ bescheiden und somit für die Unternehmen gut tragbar. Und drittens ist die Laufzeit fünf Jahre. Zudem sind die Schweizer KMU insgesamt gut aufgestellt und haben einen tiefen Verschuldungsgrad.

Brauchts nebst Darlehen nicht viel mehr A-fonds-perdu-Beiträge an die KMU, die schon heute immer nur knapp eine schwarze Null erwirtschaften, oder müssen die alle sterben?

Der durchschnittliche Gewerbekunde hat 10 Prozent operativen Gewinn. Das ist machbar. Wichtig ist, dass die Hilfe schnell geht. Über allfällige weitere Lösungen kann man später diskutieren. Das Zusammenspiel zwischen Banken, Bund und Nationalbank hat jetzt gut funktioniert, und wenn es später mehr braucht, schaut man das gemeinsam an.

Wäre es nicht zweckmässiger, wenn nur jene Unternehmen die Kredite zurückzahlen müssen, die zu viel verlangt haben oder die Verluste kompensieren konnten?

Solche Fragen sind zu komplex, um sie innerhalb von ein paar Tagen zu lösen. Jetzt geht es um Sofortmassnahmen, damit vor allem auch gesunde Unternehmen nicht unter die Räder kommen. Natürlich sind es ganz schwierige Zeiten. Fluggesellschaften, Tourismus und Gastronomie – da schliesse ich nichts aus, auch künftige Staatsbeteiligungen nicht. Aber das ist wie gesagt ein Thema, das nun sorgfältig angeschaut werden muss. Für solche Lösungen haben wir etwas Zeit.

Einige Unternehmen drohen damit, dass sie lieber in der Krise in Konkurs gehen und dann mit neuen Gesellschaften – auf Kosten der Banken – die betriebsnotwendigen Bestandteile spottbillig aus der Konkursmasse zurückkaufen. Wenn zu viele Betriebe diesen Weg wählen – würde das nicht Banken in ihrer Existenz gefährden?

Das deckt sich nicht mit den allermeisten Erfahrungen, die wir machen. Wir reden täglich mit Unternehmern, die alles daransetzen, ihren Betrieb irgendwie durch diese Krise zu führen. Der Bund und die Banken helfen, damit es schnelle Lösungen gibt. Alles andere ist vorerst zweitrangig.

Wie halten Sie sich fit?

Ich kann leider gerade nicht joggen, weil ich einen medizinischen Eingriff hatte. Und die Golfplätze wurden geschlossen wegen der Krise. Aber ich gehe spazieren mit den Hunden, wir haben zwei Boston Terrier.

Hätten Sie sich nicht einen ruhigeren Start als neuer CS-Chef gewünscht?

Doch, ich hätte mir schon einen anderen Start gewünscht. Nun ist Krise, und ich gehe gemeinsam mit meinem Führungsteam und den Mitarbeitern da durch. Was ich sicher sagen kann: Es gibt auch bei uns als Organisation einen sehr guten Zusammenhalt. Die Leute haben trotz allem Zuversicht und geben ihr Bestes. Ich kann mich nicht genug bedanken bei unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern!

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