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Versicherungen – «Big Brother is watching you»

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 20.11.2019 Christof Leisinger, New York

Betrugsrisiken sind eine Herausforderung für jede Versicherung. Sie muss ihre Klienten möglichst genau kennen. Als Kunde dagegen wird man überrascht oder vielleicht sogar geschockt sein, wie die Informationen gesammelt werden.

Auch die Online-Spur im trauten Heim kann einen Betrüger überführen. ;(Bild: Karin Hofer / NZZ) © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung AG Auch die Online-Spur im trauten Heim kann einen Betrüger überführen. ;(Bild: Karin Hofer / NZZ)

Abfackeln, inszenieren, fälschen – beim Versicherungsbetrug scheint die Phantasie keine Grenzen zu kennen. Die Schäden gehen in die Milliarden, und sie treffen eine Versicherungsbranche, die sich im Wandel befindet. Schliesslich geht es nicht mehr nur um den routinierten Umgang mit greifbaren Objekten, sondern immer öfter um virtuelle Vermögenswerte – etwa um das geistige Eigentum, um den Wert einer Marke oder gar um den guten Ruf eines Kunden. «So etwas war man in der Industrie in der Vergangenheit nicht gewohnt», sagte dazu Paul Mang vom darauf spezialisierten Software- und Versicherungsplattformen-Konzern Guidewire anlässlich einer Konferenz in der Nähe Washingtons.

Schöne neue Welt der Cyberrisiken

Der Fachmann für die Modellierung von Versicherungsrisiken betrachtet den fliessenden Übergang von einer Welt in die andere gleichzeitig als Herausforderung und auch als Chance. Bei der modelltheoretischen Abbildung virtueller Risiken könne man nicht die Techniken verwenden, die sich in den letzten 350 Jahren etabliert hätten. Denn statt von der Vergangenheit auf die Zukunft zu schliessen, gehe es künftig eher darum, die Verhaltensweisen von Einzelpersonen, Gruppen und Organisationen zu analysieren.

Mang macht den Unterschied an zwei einfachen Beispielen fest: Wolle man etwa wissen, wie sicher ein Haus sei, dann könne man sich zunächst anschauen, wie robust und widerstandsfähig die eingebauten Schliesssysteme seien. Je besser, desto geringer seien im Prinzip die Einbruch- und Diebstahlrisiken. «Entscheidend jedoch ist, dass der Hausbesitzer die Zugänge zum Gebäude nachts auch tatsächlich abschliesst.» Auch im Zusammenhang mit der Versicherung von Fahrzeugen sei interessanter, wie sie bewegt würden, als wie gross sie seien oder wie viel sie früher einmal gekostet haben mögen.

Analog dazu liessen sich auch Cyberrisiken modellieren, spinnt Mang den Faden weiter. Wisse man, wie eine Person oder eine Firma ihre digitalen Vermögenswerte behandle, habe man möglicherweise etwas Effektiveres in der Hand als die Prinzipien und Modelle, die sich in mehreren Jahrhunderten aus dem versicherungstechnischen Umgang mit physischen Vermögenswerten hätten ableiten lassen.

Künftig zählt der Charakter

Tatsächlich hat heute so ziemlich jedes Unternehmen Computersysteme und eine Infrastruktur für Kommunikation. Die Systeme sind jedoch fehleranfällig, da Menschen die Software dafür schreiben – und so entwickeln sich die Technologien immer weiter, weil die Hersteller brennend daran interessiert sind, entdeckte Schwachstellen so schnell wie möglich zu beseitigen. Apple zum Beispiel stellt seinen Kunden regelmässige Software-Updates zur Verfügung. «Die Frage, ob sie sofort eingespielt werden oder nicht, ist das Äquivalent dazu, ob jemand die Haustür tatsächlich jede Nacht abschliesst», erklärt Mang und fährt fort: «Folglich schauen wir uns an, wie zuverlässig eine Firma oder eine Person in diesem Zusammenhang ist.»

Die Verhaltensanalyse scheint also eine Möglichkeit zu sein, Unwägbarkeiten frühzeitig zu erkennen, sobald sich die Leute auf unterschiedlichen Wegen miteinander vernetzen und sobald Anbieter von Produkten und Dienstleistungen ihre Geschäfte auf verschiedensten Kanälen abwickeln. Allerdings ist die Aggregation solcher Prozesse mit dem Aufkommen der Cyberrisiken kniffliger geworden als früher. Oft sei nicht auf Anhieb klar, ob ein Klumpenrisiko bestehe, erklärt Mang. So könne zum Beispiel ein Stromausfall beträchtliche Folgen haben, wenn viele industrielle Kunden dieselbe Software verwendeten, die möglicherweise sogar auf derselben Serverfarm oder gar auf demselben Rechner laufe. Im Falle eines digitalen Reservationssystems etwa wird der Geschäftsgang vieler Restaurants in einer Stadt, einer Region oder gar überregional unmittelbar gestört, falls es einmal nicht rundläuft.

Aufgefallen, ohne es zu merken

Die Beobachtung des Verhaltens und die Analyse der persönlichen Vernetzung spielen auch beim Umgang mit einzelnen Versicherungsverträgen eine erhebliche Rolle. So gehört es heute längst zum Standard, vor dem Abschluss von Kontrakten oder bei der Bearbeitung angeblicher Schadenfälle verschiedenste Datenbanken zum Teil sogar in Echtzeit anzuzapfen, um die Zuverlässigkeit des potenziellen Kunden zu überprüfen und um möglichem Versicherungsbetrug auf den Grund zu gehen.

Die Technologie von Glassbox zum Beispiel ist darauf angelegt, zu beobachten und aufzuzeichnen, was Konsumenten an ihren Bildschirmen so alles treiben, und Daten darüber für die weitere Analyse bereitzustellen. Wer also vor dem Abschluss einer Autoversicherung oder der Meldung eines Schadenfalls in der scheinbaren Anonymität des trauten Heims am PC oder auf dem Smartphone den Kilometerstand seines Fahrzeugs oder im Falle einer Krankenversicherung den Inhalt seines Patientendossiers «optimiert», ist vielleicht schon aufgefallen, ohne es zu wissen, bevor er zur Tat geschritten ist.

Und wer sich eine scheinbar plausible Geschichte zurechtlegt, um sich zulasten einer Versicherung aus einer unschönen Situation herauszumogeln, muss heutzutage mit der Technologie von Web-IQ rechnen. Die Netzwerkanalysetools des niederländischen Unternehmens erkennen automatisch, ob der Anspruchsteller, der Versicherte und andere Beteiligte einander zumindest auf virtueller Ebene kennen. Dies ist ein bewährter und starker Indikator für betrügerische Absichten bei Autounfällen und anderen Schadenfällen, an denen mehrere Personen beteiligt sind. Weitere Anbieter haben sich darauf spezialisiert, mit sogenannten Crawlern angebliches Diebesgut im Internet aufzuspüren oder manipulierte Schadenbilder zu erkennen. Solche Untersuchungen ergänzen und erweitern die traditionellen Schadenanalysen.

Wie hinter vorgehaltener Hand zu hören ist, können einzelne Unternehmen aus dem IT- und E-Commerce-Bereich das Leben und die Interessen ihrer Kunden anhand der beinahe in Echtzeit erfassten und verarbeiteten Daten so genau analysieren, dass sie beinahe jederzeit wissen, was diese gerade tun. So gesehen wäre ein Viertel der Schweizer Bürger etwas blauäugig, wenn sie wie in der Vergangenheit daran glaubten, Versicherungsbetrug sei ein Kavaliersdelikt.

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