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Wirtschaft, Politik, Arbeit: Wie die Pandemie alles verändern wird

Bilanz-Logo Bilanz 26.06.2020 Marc Kowalsky
Die Welt nach Corona Cover © Keystone, Shutterstock, Getty Images, Ivo Scholz/swiss-image.ch, Stefan Albrecht/PR Die Welt nach Corona Cover

Wenn die Welt aus dem Corona-Koma erwacht, wird sie eine andere sein: Neue Realitäten entstehen, bestehende Trends beschleunigen sich massiv.

Während der Rest der Schweiz mehr oder weniger stillsteht, herrscht Hochbetrieb in den beiden Logistikzentren von IVF Hartmann in Goldach SG und Neuhausen am Rheinfall. 30 Prozent mehr Waren als normal werden derzeit von hier aus in die ganze Schweiz geliefert.

Nur mit Überstunden und zusätzlichen Mitarbeitern, die sonst eigentlich in der IT oder im Vertrieb arbeiten, ist die Nachfrage zu bewältigen. Denn IVF Hartmann bewirtschaftet hier Lager für Gesichtsmasken, Schutzkleidung, Handschuhe, OP-Material und Desinfektionsmittel – Produkte, die gerade extrem gefragt sind.

«Wir wollen die letzte Meile zu unseren Kunden beherrschen», sagt Firmenchef Claus Martini, «deswegen sind unsere Vertriebslager bewusst in der Schweiz.»

Auch das neue, noch grössere Logistikzentrum, das im Laufe des Jahres seinen Betrieb aufnehmen soll, wird daher diesseits des Rheinufers gebaut – obwohl das Unternehmen einen deutschen Hauptaktionär hat.

Möglichst tiefe Produktionskosten

IVF Hartmann hat bereits vorweggenommen, was bald in allen Zweigen der Wirtschaft passieren wird: «Die Corona-Krise wird die Deglobalisierung rasant beschleunigen», sagt Dalia Marin, Professorin für Internationale Wirtschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München: «Was wir erleben werden, sind tektonische Veränderungen der Weltwirtschaft.»

Jahrzehntelang optimierten Industriefirmen quer durch alle Branchen ihre Lieferketten mit nur einem Ziel: die Produktionskosten möglichst tief zu halten.

Apple-Chef Tim Cook verurteilte Lager einst als «fundamental böse», Just-in-time-Lieferung war das universelle Credo, und die Supply Chains gingen um die ganze Welt, häufig vom Billigstandort China aus.

Erst als nach dem Reaktorunglück in Fukushima wichtige Komponenten für die Computer- und die Autoindustrie monatelang nicht verfügbar waren, merkte man, wie risikoanfällig diese globalen Lieferketten sind.

Corona wird den Bewusstseinswandel beschleunigen – und damit die Rückholung der Wertschöpfung aus dem Fernen Osten.

Für Generika und Medikamente mit abgelaufenem Patentschutz etwa kommen 80 Prozent der Wirkstoffe aus Indien und China – für Pharmaproduzenten ein Klumpenrisiko, wie sich in dieser Krise zeigte, als Indien Exportrestriktionen erliess und in China die Lieferketten zusammenbrachen.

«In Zukunft wird man auf verschiedene Supplier an verschiedenen Standorten setzen, um die Liefersicherheit zu stärken», sagt Joris D’Incà, Schweiz-Chef der Unternehmensberatung Oliver Wyman.

Kritische Komponenten werden in grösseren Mengen gelagert oder – Stichwort vertikale Integration – wenn möglich gleich selbst hergestellt.

Mit entsprechenden Kostenfolgen: «Jeder Lean-Experte wird sich die Haare raufen», sagt Carsten Henkel von der Unternehmensberatung Skyadvisory.

Wertschöpfungsketten werden um 35 Prozent gekürzt

Nicht mehr automatisch der billigste Lieferant, sondern vermehrt der zuverlässigste bekommt den Zuschlag. Das ist häufig der lokal nächstgelegene: Professorin Marin erwartet, dass die globalen Wertschöpfungsketten um 35 Prozent gekürzt werden – «eine konservative Schätzung», wie sie betont.

Die Zementbranche macht es vor. Bei Lafarge-Holcim etwa ging der Betrieb in den drei Schweizer Werken Untervaz, Siggenthal und Eclépens ungestört weiter: «Zement ist ein sehr lokales Business, und wir sind durch Änderungen in den internationalen Lieferantenketten nicht unmittelbar beeinträchtigt», heisst es dort.

Diesen Schritt wird auch IVF Hartmann gehen: Für die Zukunft prüft Firmenchef Martini, Pandemieprodukte in der Schweiz nicht nur in grossen Mengen zu lagern, sondern auch zu produzieren: «Durch Corona gibt es hierzu bereits entsprechende Vorüberlegungen», sagt er.

Seine Branche zählt zu den Gewinnern der Krise, auch reputationsmässig: Desinfektionsmittel ist plötzlich Everybody’s Darling.

Hoffnungsträger der ganzen Welt

Ähnliches gilt für die Pharmaindustrie. Jahrzehntelang galt Big Pharma als böse, wegen der hohen Medikamentenpreise, wegen Tierversuchen, wegen Abzockerlöhnen, wegen zweifelhafter Praktiken bei der Beeinflussung von Ärzten.

Jetzt ist die Branche der Hoffnungsträger der ganzen Welt: Denn nur ein Impfstoff oder ein Gegenmittel kann die Gefahr durch Covid-19 dauerhaft beseitigen.

Dass die Branche sinnvolle Produkte herstellt, weil Volksgesundheit das höchste Gut ist, gibt ihr wertvolle Argumente in der Diskussion um Werte und Daseinsberechtigung, die von Novartis-CEO Vas Narasimhan und den jungen Chefs seiner Generation selbst angestossen wurde.

Bereits jetzt hat die Pharmaindustrie viel Goodwill geschaffen: Sie konnte zeigen, welches Wissen sie über Krankheiten hat, wie schnell sie Corona-Tests entwickeln und in grossen Mengen produzieren konnte, wie flexibel sie ist bei der Prüfung vorhandener Medikamente – etwa Malariamittel – für neue Anwendungen.

Trumps Lob für Roche

So lobte US-Präsident Donald Trump speziell Roche gleich mehrmals vor den Kameras. Doch nicht nur die Pharmariesen, auch BioTech-Start-ups sammeln Punkte: «Die ersten Teilerfolge kommen bisher eher von kleineren Firmen, die mit Big Data und GenTech an einem Impfstoff forschen», sagt Berater Joris D’Incà: «Sie haben eine schnellere Reaktionszeit als die R&D-Maschinen vieler Grosskonzerne.»

Auch finanziell profitiert die Branche: Die Forschung an einem aktuellen Impfstoff wird von zahlreichen Staaten, Stiftungen und Institutionen mit Milliarden gefördert, mittelfristig wird auch die Grundlagenforschung gegen Epidemien unterstützt werden.

Denn nach SARS, Schweinegrippe, Vogelgrippe und Corona ist klar: Die nächste Seuche kommt bestimmt.

Ganz anders sieht es aus im Event-Geschäft und in der Gastronomie. Keine anderen Branchen sind vom Lockdown so stark betroffen, die Umsätze sind quasi auf null gesunken.

Und das dürfte auch noch länger so bleiben, wegen des Verbots von Grossveranstaltungen und der weltweiten Reisebeschränkungen. Zahlreiche Pleiten sind zu erwarten, die Ersten hat es schon getroffen: in Zürich etwa das Zwei-Sterne-Restaurant Ecco im Hotel Atlantis, ein kulinarisches Aushängeschild der Stadt.

Doch wenn die Welt die Mundschutzmaske an den Nagel hängt, werden diese Branchen zurückkommen, stärker als je zuvor. Denn Geselligkeit ist ein menschliches Grundbedürfnis, und gutes Essen und Gastfreundschaft sind Luxusgüter, die man online nicht bestellen kann.

«Darum bin ich überzeugt, dass die Menschen nach der Krise ihre wiedergewonnene Freiheit geniessen möchten – und Restaurants und Bars auch wieder besuchen werden», sagt etwa Bindella-Chef Rudi Bindella junior.

Ein grosses Nachholbedürfnis

Sobald Spiele vor Publikum erlaubt sind, werden auch die Stadien wieder voll sein: «Vielleicht noch voller, da ein gewisser Nachholbedarf besteht», sagt Adrian Arnold, Kommunikationschef des Schweizerischen Fussballverbands: «Die Leidenschaft für Fussball, die Lust auf Unterhaltung und Emotionen sind Bedürfnisse, die nicht einfach verschwinden.»

Und nach der Überdosis Netflix und Trash-TV lechzen die Menschen nach intellektueller Stimulanz. Der Kulturbereich wird vom Ende des Lockdown enorm profitieren: «Die Magie eines Konzerts kann man nur live erleben.

Man will sie mit anderen teilen und sich anschliessend im Foyer über die erlebten Empfindungen austauschen», sagt Numa Bischof Ullmann, Intendant des Luzerner Sinfonieorchesters: «Für alle Kunstformen wird es nach der Krise ein grosses Nachholbedürfnis geben.»

Für die Hotellerie gilt das kaum. Der Rückgang der Logiernächte wird von den Konsumenten nicht zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt, vermuten die Wirtschaftsforscher von BAK Economics.

Und danach wird die Tourismusindustrie anders aussehen: Nach den Erfahrungen mit Grenzschliessungen, Rückholflügen und Zwangsquarantäne werden die Urlauber weniger auf einem anderen Kontinent Ferien machen und vermehrt dort, wo man per Zug oder Auto hinkommt – und schnell wieder zurück.

«Die Lust der Schweizer auf die Schweiz wird steigen», nennt es Martin Nydegger, Direktor von Schweiz Tourismus.

Teurere Flugpreise

Viele Airlines werden die Krise nicht überleben. Auch danach wird sich die Lust der Reisenden in Grenzen halten, dem Nachbarn stundenlang quasi auf dem Schoss zu sitzen.

Gut möglich dabei, dass die Behörden sicherheitshalber die Airlines zwingen werden, bis auf Weiteres die Mittelsitze freizuhalten – mit entsprechenden Folgen für die Ticketpreise.

So oder so: Die Zeiten, in denen ein Flug nach Mallorca für 19.90 Fr. zu haben war, sind vorbei, weil die Airlines viele gegroundete Flugzeuge gar nicht mehr in Betrieb nehmen werden. Auch die Diskussionen um den Ausbau von Flughäfen – wie etwa in Zürich – sind plötzlich nicht mehr relevant.

Individualreisen statt Massenveranstaltungen

Bis auf Weiteres tot sein wird jenes Segment der Tourismusindustrie, das in der letzten Dekade so stark wie kein anderes gewachsen ist, nämlich die Kreuzfahrtindustrie.

Wochenlang in einer winzigen Kabine ausharren zu müssen, weil das Schiff nirgends anlegen darf, mit Tausenden anderen Passagieren an Bord, davon Hunderte infiziert – dieses Drama konnte etwa bei der «MS Zaandam» oder der «Diamond Princess» weltweit auf allen Kanälen verfolgt werden.

«Es wird nicht das sein, was die Leute nach der Krise suchen», sagt Nydegger, zumal ein Drittel der Kreuzfahrer über 60 Jahre alt ist, also zur Risikogruppe gehört.

Kein Wunder, sanken die Aktien der grossen Kreuzfahrtfirmen seit Ausbruch der Krise stärker als alle anderen. Steigen wird hingegen – erste Zahlen aus China zeigen es – die Lust auf Individualreisen anstelle von Massenveranstaltungen.

Die Tourismusindustrie trifft die Krise doppelt hart, weil sie definitionsgemäss keinerlei Möglichkeit hat, auf Internetangebote umzusteigen. Anders beim Handel: Onlineshopping ist der grosse Gewinner der Krise.

Was auch immer man im Netz anbietet, von Heimelektronik über Küchenutensilien bis zu Sex Toys: In der Schweiz meldet fast jeder Internetshop eine Verdoppelung bis Verfünffachung der Umsatzzahlen seit dem Lockdown.

So gross ist der Ansturm, dass die Post zwischenzeitlich die Paketannahme kontingentieren musste. Und das, obwohl Anbieter wie Coop@home, die Migros-Tochter LeShop oder Farmy.ch kapazitätsmässig auf dem falschen Fuss erwischt wurden und die Nachfrage gar nicht befriedigen konnten.

Zu den etablierten Playern sind im Lockdown neue wie Manor oder Avec hinzugekommen, zudem haben nun auch viele Dorfläden oder regionale Lieferdienste den Internetbetrieb aufgenommen: «Der Onlinehandel hat nun einen Sprung gemacht und wird das hohe Level künftig halten», sagt Patrick Kessler, Präsident des Verbands des Schweizerischen Versandhandels.

Auch dem Internetverkauf von frischen Lebensmitteln, bisher mit einem Marktanteil von drei Prozent in der Schweiz fast bedeutungslos, gelingt jetzt dank Corona der Durchbruch: «Kunden, die erstmals Essen online bestellen, merken nun, dass es einfach geht, und bleiben dabei», sagt E-Commerce-Experte Thomas Lang von Carpathia.

Amazon mehr wert als alle SMI-Konzerne zusammen

Das Phänomen ist auf der ganzen Welt das gleiche: Eine Umfrage in Deutschland, Grossbritannien und Frankreich ergab, dass jeder dritte Kunde auch nach der Krise mehr Waren im Netz beziehen will.

Der weltgrösste Onlinehändler Amazon kündigte gar an, 175 000 neue Mitarbeiter anzustellen, die Aktie zog seit Krisenausbruch kräftig an: Inzwischen ist die Firma mehr wert als alle SMI-Konzerne zusammen!

Für den stationären Handel heisst das im Umkehrschluss, er muss noch mehr bieten, will er seine Existenzberechtigung behalten: Events, Erlebnisse, Beratung, Cross Channel.

Nicht nur beim Shopping, sondern in allen Lebensbereichen wird die Digitalisierung durch Corona einen riesigen Push bekommen.

Auch Bildungseinrichtungen, von der Primar- bis zur Hochschule, bewiesen in kürzester Zeit, dass Teleunterricht zwar nicht problemlos, aber machbar ist: Die ETH etwa stellte innerhalb weniger Tage 95 Prozent ihrer 1600 Kurse für die über 20000 Studierenden online.

«Wenn wir eine solche Umstellung auf digitales Arbeiten politisch diskutiert hätten, wäre das eine endlose Debatte geworden», so Sunrise-Chef André Krause kürzlich in einem Interview: «Doch wenn die Situation nichts anderes zulässt, dann passieren die Dinge einfach.»

Mehr Breitbandleitungen

Der Boom bei Videoconferencing, Netflix und Co. wird die Versorgung mit Breitbandleitungen noch weiter fördern. Wer sechs Wochen Homeoffice mit ruckelnden Videokonferenzen ertragen musste, der erkennt den Widerstand gegen 5G-Netze als Luxusdiskussion.

Und dass ein Faxgerät zur Informationsübermittlung im Jahre 2020 nicht mehr opportun ist, mussten jetzt auch die Ärzte und Bundesämter merken angesichts des Chaos der unterschiedlichen Fallzahlen.

Das elektronische Patientendossier dürfte deshalb bald wieder auf den Tisch kommen, obligatorisch und zentral gesteuert.

Mit der Digitalisierung wird auch die Transparenz im Gesundheitssektor zunehmen, was die Kosten senkt. Und weil viele Patienten mit kleineren Wehwehchen nicht zum Arzt durften, konnten oder mussten sie Erfahrung sammeln mit der Telemedizin.

Zur Erstkonsultation an den Computer statt ins Wartezimmer des Hausarztes wird bald Standard werden. In China zeigt sich bereits, was möglich ist: Mehr als 100000 Ärzte beantworteten über die Onlineplattform Baidu Covid-19-Anfragen von Dutzenden Millionen Nutzern.

Kontaktloses Bezahlen statt Bargeld

Kein Zweifel: Der erfolgreichste Chief Digital Officer der Welt heisst Corona. Übrigens auch, was das kontaktlose Bezahlen angeht: Viele Geschäfte und Heimlieferdienste verweigern seit Ausbruch der Krise die Annahme von Bargeld, die Kunden wurden vor der Kasse zwangsdigitalisiert.

Selbst eine weitgehend bargeldlose Gesellschaft wie in Schweden scheint nicht mehr utopisch. «Wenn der Durchbruch der Bezahl-Apps nicht jetzt kommt, wann dann?», fragt Renato Flückiger, CIO der Valiant Bank.

Sagt Ihnen Zoom etwas? Vor ein paar Monaten vermutlich nichts, inzwischen vermutlich schon.

Der amerikanische Videoconferencing-Dienst hat die Zahl seiner täglichen Nutzer durch die Krise von 10 auf 200 Millionen gesteigert, der Aktienkurs ging durch die Decke: 45 Milliarden Dollar war das Start-up zeitweise wert, so viel wie Lafarge-Holcim, Adecco und die Swatch Group zusammen.

Kein Wunder, denn Videokonferenz-Anbieter profitieren am meisten davon, dass viele nun von zu Hause arbeiten. Und das wird auch so bleiben: «Bis vor Kurzem haben viele Unternehmen Homeoffice prinzipiell abgelehnt.

Da sie nun dazu gezwungen sind, merken sie, dass das auch funktioniert», sagt Matthias Mölleney, Leiter des Center for Human Resources Management & Leadership an der Hochschule für Wirtschaft Zürich: «Die jetzige Krise bringt dem Homeoffice den Durchbruch.»

Damit dürfte auch Teilzeitarbeit populärer werden, weil sich gezeigt hat, dass man die Arbeit auch während des Tages übergeben kann. Ausserdem ist das Verständnis gewachsen, dass man sich während der Arbeit um Kinder kümmern muss.

Und wer in Zukunft an einer ganz normalen Grippe erkrankt, wird sich zweimal überlegen, ob er den Helden spielen und ins Büro kommen muss: «Gerade jetzt wird uns allen bewusst, wie sehr wir nicht nur auf unsere eigene Gesundheit achten müssen, sondern auch auf die der anderen», sagt Thomas Krieg, Regional Director Alps des Softwarekonzerns VMware.

Risiko Grossraumbüros

Die Arbeitsstätten werden sich ebenfalls ändern: Dass Grossraumbüros hinsichtlich Produktivität nicht der Weisheit letzter Schluss sind, ist seit Längerem bekannt.

Jetzt erweisen sie sich auch noch als Gesundheitsrisiko. Corona wird zu mehr Ellbogenfreiheit führen: grösserer Abstand zwischen den Schreibtischen, Sitzungszimmer mit halbierter Maximalkapazität, A- und B-Teams, die abwechselnd vor Ort und daheim arbeiten.

Auch die Anzahl der Geschäftsreisen wird dramatisch zurückgehen: Videoconferencing statt physischer Meetings wird The New Normal.

«Nach der Finanzkrise sind viele Passagiere der Business Class nach hinten in die Economy umgestiegen», sagt Unternehmensberater Henkel: «Nach der Corona-Krise steigen sie ganz aus.» Die Hälfte aller Geschäftsreisen könne durch Technologie ersetzt werden, glaubt er.

Klar, werden dann auch im Management neue Qualitäten gefordert sein. Weil immer weniger plan- und vorhersehbar ist, Flexibilität und schnelle Entscheidungswege also an Bedeutung gewinnen, beschleunigt sich die «Siliconvalleysierung» der Arbeitswelt: Teams werden kleiner, Tech-Kompetenz und die Fähigkeit zum Coachen werden noch wichtiger.

Und weil sich virtuelle Teams nicht mit der Patrouille durch die Büros führen lassen, braucht es mehr Vertrauen in die Mitarbeitenden und Selbstverantwortlichkeit: Unbossing, von Firmen wie Microsoft und Novartis schon vor Jahren angestossen, kommt im Mainstream an.

Die Zukunft erfolgreicher Führung sei «weniger kompetitiv, weniger top-down, weniger technokratisch, dafür menschlicher», fasst es Jill Ader zusammen, die Chefin des Personalberaters Egon Zehnder.

Militär hat wieder einen Zweck

Ausser natürlich im Militär. 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat die Armee wieder einen Zweck, den sie verkaufen kann gegenüber Politik und Bevölkerung.

In der Krise hat sie bewiesen, dass sie schnell da ist, wenn man sie braucht, dass sie funktionierende Infrastrukturen und moderne Prozesse hat (Mobilisierung per App) und dass sie Löcher stopfen kann: in oder beim Aufbau von Spitälern, beim Sicherheitsdienst, beim Grenzschutz.

Dieser «Purpose» – wichtig besonders bei den Millennials – macht das Militär als Arbeitgeber wieder attraktiver und beim Volk beliebter, was bei Volksabstimmungen nur von Vorteil sein kann. Auch wenn sich der Kernauftrag immer mehr wandelt von der Verteidigung zum Katastrophen- respektive Bevölkerungsschutz.

Auch das Gesundheitswesen wird einen Schub bekommen in der Post-Corona-Welt. Was zur Bekämpfung der Krise und ihrer Folgen ausgegeben werden muss, ist ein Vielfaches von dem, was vorher von der Politik aus Geldmangel abgelehnt wurde. Auch in der Schweiz.

Zwar hat das Land mit 13 Prozent des BIP bereits eines der teuersten Gesundheitswesen der Welt, doch nun zeigt sich, dass die Mittel teilweise falsch alloziert waren.

Als die Krise ausbrach, fehlte es an Essenziellem: an der Übersicht über die Betten in den Intensivstationen, an Gesichtsmasken, Desinfektionsmittel, Schutzkleidung, Wirkstoffen für Medikamente.

Weil 70 Staaten Handelsbeschränkungen für diese Güter erlassen hatten, konnten sie anfangs auch nicht importiert werden. In anderen Ländern fehlte es gar an Intensivbetten und Beatmungsgeräten.

Pandemieprodukte national zu produzieren, wird nun in vielen Staaten politische Strategie sein. Auch in der Schweiz: «Die Diskussionen mit den entsprechenden Behörden haben begonnen», sagt Claus Martini von IVF Hartmann: «Ich gehe davon aus, dass das kommen wird.»

Jedes Land denkt zuerst an sich

Das Primat der Autarkisierung gilt auch für die Energiepolitik. Zwar war die Stromversorgung von der Pandemie nicht betroffen, und infolge des Shutdowns von Geschäften, Büros und Teilen der Industrie gibt es erst einmal eine Energieschwemme.

Doch in der Corona-Krise hat sich gezeigt, dass jedes Land zuerst an sich denkt. Das wird bei der nächsten Krise auch der Fall sein, wenn es um Energie geht, etwa bei grossflächigen Blackouts.

Die eine Seite wird daher die erneuerbaren Energien stärker ausbauen wollen (in der Schweiz: Wasser und Sonne), die andere wird versuchen, die Laufzeiten der bestehenden Kraftwerke zu verlängern.

Und dass die Pflichtlager für Öl ebenso erhöht werden wie für Nahrungs- und Medizinalgüter, ist abzusehen.

Erinnern Sie sich noch an Greta? Von der schwedischen Umweltaktivistin hat man seit Monaten nichts gehört (ausser ihrer eigenen Vermutung, auch sie sei an Covid-19 erkrankt gewesen).

Die Medien schenken ihr keine Aufmerksamkeit mehr, in der Bevölkerung ist die biologische Angst derzeit grösser als die Öko-Angst.

Die «Fridays for Future»-Streiks sind ausgesetzt, der «Earth Day» im April, an dem Massenveranstaltungen rund um den Globus geplant waren, fand nur noch virtuell statt, der «Strike for Future» in der Schweiz, geplant für den 15. Mai als grösste Klimakundgebung seit Beginn der Bewegung, ist abgesagt, ebenso wie die Klimakonferenz im November 2020 in Glasgow.

Doch nicht nur deswegen wird die Ökologiebewegung einer der grossen Verlierer der Pandemie sein.

Einen «Green New Deal» wollte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen abschliessen, jetzt setzt die EU das Geld ein, um die Wirtschaft zu retten: bislang 440 Milliarden Euro, doch die Rede ist von Billionen.

Plastik und Co. erwiesen sich als unverzichtbar

Umweltschutz ist da nicht mehr prioritär. Kommt hinzu: Was sich Greta und ihre Anhänger erträumten, eine Welt ohne Flugverkehr und rauchende Industrieschornsteine, ist jetzt auf weiten Teilen des Planeten eingetreten – und die wenigsten Menschen finden daran Gefallen.

Was die Klimajugend hingegen verteufelt, hat sich als unverzichtbar erwiesen: Plastik für Verpackungen, Handschuhe zum Schutz gegen Keime, Luftfahrt, Containerschiffe und Lastwagen für Lieferketten, Atom- und Kohlekraftwerke für Energiesicherheit.

Der öffentliche Verkehr gilt plötzlich als Virenschleuder und damit als Risikofaktor, wer überhaupt noch ins Büro fährt, benutzt jetzt tendenziell lieber das Privatauto. Das dürfte auch erst mal so bleiben: «Der Public Transport wird nicht mehr zurückkommen wie zuvor», sagt Joris D’Incà von Oliver Wyman.

Klar ist: Ein von der Krise gebeutelter Selbstständiger wird den Kauf eines neuen Elektroautos jetzt zweimal überdenken. Eine Kreuzfahrtgesellschaft am Rande des Konkurses hat erst mal andere Sorgen, als auf schwefelarme Antriebe umzustellen.

Ökologie steht nicht mehr oben auf der Agenda

Das ökologisch reine Gewissen muss man sich auch leisten können, Nachhaltigkeit war besonders in reichen Gesellschaften und zu den wirtschaftlich guten Zeiten ein Anliegen. Klar ist jedoch auch: Verschwunden ist das Thema Ökologie aus der Agenda damit nicht. 

Zu viel haben die Staaten und die Firmen schon in die Energiewende investiert, die Vorgaben des Pariser Klimaabkommens bleiben bindend. Nur eben ganz oben in der Agenda steht das Thema vorerst nicht mehr.

Denn viel wichtiger ist erst einmal die Bewältigung der Wirtschaftskrise. Die meisten Ökonomen rechnen nicht mehr mit einem V-förmigen Verlauf (steiler Absturz, danach ebenso steile Erholung), sondern mit einem L-förmigen (noch steilerer Absturz, danach langes Siechtum).

Denn schliesslich sind sowohl die Angebots- wie auch die Nachfrageseite eingebrochen, hinzu kommt der Strukturwandel durch die Digitalisierung. Der Wachstumsmotor der letzten zwei Jahrzehnte, China, ist ins Stottern gekommen.

22 Millionen Menschen haben sich in den USA seit Ausbruch der Krise neu arbeitslos gemeldet, pro Woche kommen weitere fünf bis sechs Millionen dazu.

Und in Europa wird es anders als nach den beiden Weltkriegen keine Roaring Twenties und kein Wirtschaftswunder geben, weil nichts zerstört wurde, was wieder aufgebaut werden muss. «Die Themen Arbeitslosigkeit und Wohlstandsreduktion werden uns noch sehr lang begleiten», sagt Joris D’Incà.

Insgesamt 2,7 Milliarden Menschen oder 81 Prozent aller Arbeitskräfte auf der Welt sind von der Krise betroffen, schätzt die Weltarbeitsorganisation ILO. 

Doch sie sind nicht gleich stark betroffen. Heimarbeit ist die Domäne der Besserverdiener: Anwälte, Softwareentwickler, Architekten, Unternehmensberater, und, ja, auch Journalisten können dank Internet von zu Hause aus ihrer Arbeit nachgehen.

Massagen aber kann man nicht skypen. Wer keine Sozialversicherung hat wie die meisten Arbeitnehmer in den Vereinigten Staaten oder Asien gerät vielfach sogar in Existenznöte.

Wer hingegen Geld hat, kauft jetzt zu tiefen Kursen Aktien und kann seinen Wohlstand auf lange Sicht damit erfahrungsgemäss noch vermehren.

Das Gleiche gilt auf Konzernebene: Grosse Unternehmen werden noch mächtiger werden, weil sie jetzt zu günstigen Konditionen in Not geratene Konkurrenten übernehmen können – wie dies mitten in der Corona-Krise Touristikunternehmer Samih Sawiris mit dem deutschen Reiseveranstalter FTI tat.

Start-up-Sterben

«Der Transformationsprozess in der Wirtschaft wird akzeleriert werden, es wird Konsolidierungen geben bei grossen und mittelgrossen Firmen», sagt Beat Wittmann von Porta Advisors. 

Und viele Start-ups werden Schwierigkeiten haben, Finanzierungsrunden zusammenzustellen, um zu überleben: Bei 42 Prozent reicht das Geld noch für maximal drei Monate, so jüngste weltweite Zahlen.

Anzunehmen, dass bald auch wieder die Diskussion um eine gerechte Besteuerung hochkocht. «Man wird sich darauf berufen, dass kleine und grosse Unternehmen aus allen Wirtschaftsbereichen diese Krise nur dank direkter Staatshilfen überlebt haben.

Neben der Frage, wie stark Reiche zur Kasse gebeten werden sollen, werden deshalb Unternehmenssteuern in den Fokus der Diskussionen rücken», sagt Isabel Martinez, Ökonomin bei der ETH-Konjunkturforschungsstelle KOF.

Überhaupt wird der Staat stärker als je zuvor. Es liegt an ihm allein, Wirtschaft und Wohlstand mit fiskal- und sozialpolitischen Massnahmen am Leben zu erhalten – auch weil die heilige Kuh der schwarzen Null jetzt geschlachtet wurde und viele Staaten inzwischen besser dastehen als zu Zeiten der Finanzkrise.

«Die Schweiz hat eine wirksame Finanzinfrastruktur und ein hervorragendes soziales Netz», so der ehemalige Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand in der «NZZ am Sonntag»: «Die Krise widerlegt all jene, die den Sozialstaat über Jahre hinweg verteufelt haben.»

Die Mittel der Notenbanken hingegen, Zinssenkungen und Geldschwemme, haben ihre Wirkung in den letzten Jahren weitgehend verloren.

Die Unternehmen, Bürgerbewegungen oder NGOs haben zur Krisenbewältigung kaum etwas beigetragen. Die Folge: «Die Regierungen werden in fast allen Nationalstaaten als Führungsinstanzen gestärkt aus dieser Krise hervorgehen.

Die neoliberale Orthodoxie, die den Staat glaubensmässig für ineffizient hält, wird sich einige Jahre kleinlaut ducken», sagt der frühere Preisüberwacher und Nationalrat Rudolf Strahm.

Oder anders ausgedrückt: Im Ideologiekampf Nachtwächterstaat vs. Nannystaat hat der Nachtwächter bis auf Weiteres einen sehr schweren Stand.

Selbst in den USA und in Grossbritannien, wo die Diskussion um eine stärkere Verstaatlichung des Gesundheitssystems angesichts des Versagens in der Krise neuen Schub gewonnen hat.

Einige Massnahmen werden die Krise überstehen

Kommt hinzu: Die Bürger in Demokratien haben noch nie freiwillig so schnell und so massiv auf ihre Freiheiten und Rechte verzichtet, etwa Gewerbe-, Versammlungs- oder Bewegungsfreiheit. Doch temporäre Massnahmen haben die Eigenheit, den Notstand zu überdauern, weil ja stets ein neuer Notstand droht.

Zahllose autokratische Regierungen – in Thailand, auf den Philippinen, in Kambodscha, in Ungarn – nutzten die Corona-Krise, um sich umfassende Sondervollmachten zu geben, die sie aber weniger gegen die Pandemie als vielmehr gegen die Opposition einsetzen.

China hat das Social-Scoring-System noch einmal ausgebaut und zwingt seine Bürger, Körpertemperatur und Gesundheitszustand via App zu melden.

In Hongkong müssen Quarantänepflichtige Armbänder tragen, die ihren Standort an die Behörden melden: Der Ausbruch des Coronavirus erweise sich als «ein Meilenstein in der Geschichte der Ausbreitung der Massenüberwachung», so die Hongkonger Menschenrechtlerin Maya Wang.

Auch im Westen gibt es erste Stimmen, die auf eine Veröffentlichung von Infiziertendaten drängen – für Datenschützer ist das ein Albtraum.

Sowohl die Epidemie selbst als auch die daraus folgende Wirtschaftskrise sind globale Probleme. Sie lassen sich nur mit weltweiter Zusammenarbeit lösen.

Doch die Pandemie hat den gegenteiligen Reflex ausgelöst: Jeder schaute nur für sich selbst – soll doch der Nachbar sterben. In der Finanzkrise agierten die G20 noch gemeinsam.

Diesmal blieb sogar der G7-Gipfel ohne Abschlusserklärung, weil die USA auf der Bezeichnung «Wuhan-Virus» statt Covid-19 beharrten.

UNO-Generalsekretär Antonio Guterres sprach von der «schlimmsten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg», doch die UNO schaffte es lange nicht, Corona überhaupt auf die Agenda zu setzen.

Auch die EU fand keine gemeinsame Antwort: Einzelne Staaten blockierten gegenseitige Lieferungen von Masken und Schutzkleidung, schlossen ohne Rücksprache die Grenzen, streiten noch immer um Corona-Bonds: «Die Geschichte der letzten paar Wochen ist zum Teil eine schmerzhafte. Als Europa da sein sollte füreinander, schauten am Anfang zu viele für sich selbst», klagte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die in der Krise selber keine Führungsqualitäten zeigte. Auch hierzulande erleben die Freunde der Réduit-Schweiz einen moralischen Aufschwung.

Neue Weltordnung

Selbst wenn die Populisten à la Trump, Bolsonaro oder Erdogan in dieser Krise versagt haben und als Blender enttarnt wurden – mit Boris Johnson auf der Intensivstation als bislang traurigem Höhepunkt –, so ist klar: Die Weltpolitik wird nationalistischer und damit gefährlicher.

«Es kann zu mehr Isolationismus und weniger gegenseitigem Vertrauen führen – eine Entwicklung, die wir bereits in den vergangenen Jahren beobachtet haben», so der Historiker und Bestsellerautor Yuval Noah Harari in einem Interview. Er spricht gar von einer «neuen Weltordnung».

Wobei noch nicht klar ist, wie diese aussieht. Die USA sind weiterhin die grösste Volkswirtschaft der Welt, aber ihr Stern sinkt immer schneller, speziell, seit der Clown im Weissen Haus regiert.

China steht als Epizentrum des Ausbruchs und für seine Vertuschungspolitik in der Kritik, gleichzeitig gewann Peking Goodwill durch Hilfslieferungen von vier Milliarden Masken in die ganze Welt, nachdem im eigenen Land das Schlimmste überstanden war. Für den wirtschaftlichen Wiederaufschwung hat das Land nun einen Startvorteil.

Auch Russland sammelte Propagandapunkte durch die Entsendung mobiler Militärlabors nach Europa zur Dekontamination.

Der dritte Machtblock, die EU, hat sich selbst blockiert. Die Handelskriege zwischen den Blöcken sind angesichts der Pandemie in den Hintergrund gerückt, schwelen aber noch immer.

Wenn die Welt aus dem Corona-Koma erwacht, wird sie noch instabiler, orientierungsloser, zerstrittener sein. Aber auch selbstverantwortlicher, digitaler, flexibler.

Mitarbeit: Florence Vuichard und Bastian Heiniger

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