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Wetterextreme heizen Versicherern ein

BZ Berner Zeitung-Logo BZ Berner Zeitung 24.11.2018 Robert Mayer

Klimawandel und zunehmende Verstädterung treiben die Schadensummen kräftig in die Höhe. Das zwingt Munich Re und Swiss Re zu reagieren.

Extreme Wetterlagen machen den Versicherungen zu schaffen: Gewitter über Zürich. Foto: Urs Jaudas © Bereitgestellt von Tamedia AG Extreme Wetterlagen machen den Versicherungen zu schaffen: Gewitter über Zürich. Foto: Urs Jaudas

Erst unlängst schockierte uns die zerstörerische Wucht des Starkregens in Italien, jetzt sind es die verheerenden Waldbrände in Kalifornien. Die Bilder von kilometerlangen Schneisen der Verwüstung durch Hurrikane in den USA wiederholen sich fast im Jahresturnus. Naturkatastrophen solch gewaltigen Ausmasses, so macht es den Anschein, sind kaum noch die Ausnahme, sondern werden zunehmend zur Gewohnheit.

«Was wir in Italien gesehen haben und nun in Kalifornien erleben, entspricht – leider – einem Trend», sagt Ernst Rauch, leitender Klima- und Geowissenschafter bei Munich Re. «Es sind Extremereignisse, die immer häufiger auftreten.» In der Folge sind in einigen Regionen zuletzt die Opferzahlen wie auch die materiellen Schäden merklich gestiegen.

Dass an dieser beängstigenden Entwicklung der Klimawandel einen Anteil hat, ist für den weltgrössten Rückversicherer sehr wahrscheinlich. «Wir beschäftigen uns heute mehr mit der Frage, wie wir auf die Schadenentwicklung reagieren sollen», ergänzt Rauch. Das betreffe nicht nur die Zeichnung von Versicherungspolicen. «Wir machen uns auch Gedanken darüber», so Rauch, «wie wir unsere Daten verstärkt nutzen können, zum Beispiel für die Entwicklung von Serviceleistungen, die der Schadenminderung dienen.»

Mehr Menschen betroffen

Das UNO-Büro für Katastrophenvorsorge in Genf hat kürzlich von «alarmierenden Zahlen» gesprochen. Laut seinen Berechnungen summierten sich die Schäden durch klimabedingte Naturkatastrophen im Zeitraum von 1998 bis 2017 auf 2,2 Billionen Dollar. Im Vergleich zu den vorausgegangenen 20 Jahren entspricht dies einer Zunahme um das Zweieinhalbfache.

Mit der Erderwärmung einher gehen vermehrte Wetterextreme, seien es Hitze- und Dürreperioden, Stürme oder heftige Niederschläge. Sie wachsen sich zu Katastrophen aus, wenn Menschen betroffen sind. «Diesbezüglich ist die zunehmende Bevölkerungsdichte ein entscheidender Faktor», betont Martin Bertogg, Leiter Naturgefahren bei Swiss Re. «Sie hat zur Folge, dass heute viel mehr und viel häufiger Menschen von extremen Wettereinflüssen betroffen sind.»

Die Waldbrände an der US-Westküste sind ein anschauliches Beispiel: Gebrannt hat es dort schon früher, und bislang gab es hinreichend Vorwarnzeit, um die Bewohner in Sicherheit zu bringen. Doch ausgeprägte Trockenheit und Hitze, heftige Winde und unkontrolliert wucherndes Gebüsch liessen die Feuersbrunst rasend schnell sich ausbreiten – dazu kam die Bebauungsdichte in den betroffenen Gebieten.

«Was wir in Italien gesehen haben und nun in Kalifornien erleben, entspricht – leider – einem Trend.»Ernst Rauch, Klimaexperte bei Munich Re

Erst dieses fatale Zusammenspiel verschiedener Einflüsse hat in Kalifornien ein Inferno von bislang nicht gekanntem Ausmass entstehen lassen. Das auf Risikomodelle spezialisierteUS-Unternehmen RMS schätzt den Schaden für die Versicherer auf 9 bis 13 Milliarden Dollar. Rund 12'000 Gebäude sind niedergebrannt, und über 80 Menschen haben ihr Leben verloren.

Für einen Grossteil der finanziellen Schäden kommen die Rückversicherer auf. Um diese Risiken zu kalkulieren, benutzen sie Modelle, die mit weit in die Vergangenheit zurückreichenden Datensätzen unterlegt sind. Doch wie verlässlich sind solche Modelle, wenn damit künftige Schadenhäufigkeiten und -grössenordnungen unter Berücksichtigung des Klimawandels einzuschätzen sind?

Um Antworten darauf zu finden, beschäftigen Munich Re und Swiss Re je rund 35 Leute, die darauf spezialisiert sind, die naturwissenschaftlichen Risiken zu analysieren und die hauseigenen Modelle laufend an die neuen Gegebenheiten und Erkenntnisse anzupassen. Zu diesen Teams gehören Geophysiker, Geologen, Geografen, Klimatologen, Meteorologen, Ingenieure, Statistiker und Computerwissenschafter. Auch stehen die Unternehmen im Rahmen von Forschungsprojekten in regelmässigem Austausch mit Universitäten.

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Rauch spricht von «drei Stellschrauben», wo Munich Re ihre Modelle justiert. Da sind einerseits die Naturereignisse, die wiederum zwei Dimensionen aufweisen: Häufigkeit und Heftigkeit. Anderseits sind dies die errichteten Bauten samt Infrastruktur mit ihren Sachwerten. Naturereignisse zu modellieren, ist laut Rauch primär eine Frage der zugrunde liegenden Daten und Annahmen. So erwartet Munich Re aufgrund wissenschaftlicher Studien und eigener Auswertungen, dass Winterstürme in Europa etwa gleich häufig auftreten werden wie bisher, dass sie aber deutlich intensiver werden. Swiss Re geht laut Bertogg von «stärkeren und mit wesentlich grösseren Regenmengen verbundenen Hurrikanen» aus. Einen Vorgeschmack darauf gaben die Hurrikane Harvey (2017 in Texas) und Florence (2018 in North Carolina), die mit sintflutartigen Regen milliardenschwere Überschwemmungsschäden verursachten. Ob Hurrikane auch häufiger werden, ist laut Bertogg noch eine strittige Frage.

Gefährdete Küstenregionen

Weitaus komplexer ist es, die Sachwerte in Risikomodelle einzubauen. Die einzelnen Gebäude sind unterschiedlich gegenüber Naturgewalten exponiert und sind mit unterschiedlichen Materialien und Aussenhüllen gebaut. Als weiteres erschwerendes Element kommt die – in den letzten Jahren stark gestiegene – örtliche Wertkonzentration in Ballungsräumen hinzu. Diese befinden sich oft in Küstenregionen, was die Risiken aus Versicherersicht zusätzlich erhöht.

Bertogg verweist auf Florida, wo sich die Bevölkerung seit 1970 etwa verdreifacht hat. Zählte Miami in den 1940er-Jahren rund 170'000 Einwohner, sind es heute 5,5 Millionen. «Würde ein Hurrikan dort auf Land stossen, träfe das die Versicherungen als das grösste erwartete Schadenpotenzial aus einem einzelnen Naturgefahrenereignis», sagt der Swiss-Re-Experte. Wie real diese Gefahr sei, habe sich 2017 gezeigt: «Der Hurrikan Irma hat nur wenige Stunden vor einem direkten Treffer leicht nach Westen abgedreht», so Bertogg.

Doch auch in China sind die Risiken im Zuge der zunehmenden Verstädterung markant gestiegen: 1990 lebte gut ein Viertel der Chinesen in Städten, aktuell liegt dieser Anteil bei rund 60 Prozent, und bis 2030 dürfte er weiter auf 70 Prozent anschwellen. «Es gibt inzwischen über 100 chinesische Millionenstädte», führt Bertogg aus, «viele befinden sich an exponierter Lage in Küstennähe.»

Mittels ihrer Modelle versuchen die Versicherer zum einen, den wahrscheinlichen Höchstschaden eines Risikos – das Worst-Case-Szenario – abzuschätzen. Zum andern helfen sie bei der Ermittlung der erwarteten mittleren jährlichen Schadenhöhe. Aus dieser Grösse sowie aus den Marktverhältnissen bei Angebot und Nachfrage leitet sich die Versicherungsprämie ab. «Unterläuft uns bei der Modellierung des erwarteten Schadens ein Fehler, ist das ärgerlich, weil wir dann Geld verlieren», erklärt Munich-Re-Experte Rauch. «Wenn aber ein Versicherer den Worst Case falsch einschätzt, kann das sehr schmerzhafte Folgen haben – bis hin zu Kapitalverlusten.»

Hurrikane in Europa?

Wie halten es die Versicherer deshalb mit Katastrophenszenarien, die bisher so nicht eingetreten, aber im Zuge des Klimawandels auch nicht mehr undenkbar sind? «Solange eine physikalische Plausibilität gegeben ist, beziehen wir entsprechende Szenarien mit ein», antwortet Rauch. Dazu gehöre etwa, dass ein im Atlantik entstandener Hurrikan nicht wie bisher westwärts zieht in Richtung Karibik und USA, sondern in einem weiten Bogen nach Osten abdreht und als abgeschwächter tropischer Sturm Europa erreicht. Sollten sich die Ozeane weiter erwärmen, könnte mittelfristig selbst ein stärkerer Hurrikan auf Europa treffen.

Bertogg nennt den Mittleren Osten als Region, die bisher nicht prominent auf der Gefährdungskarte vertreten war. Wurde Oman bisher nur selten von einem Zyklon mit katastrophalen Auswirkungen heimgesucht – zuletzt 2007 –, dürfte dies künftig häufiger geschehen, selbst wenn die Zahl der Stürme nicht zunimmt. «Das Land ist auf schwere Regenfälle schlecht vorbereitet, zudem sind die Wertkonzentrationen in und um Muscat erheblich», gibt Bertogg zu bedenken.

Noch viel grössere Werte – Ölförderanlagen im Wert von Hunderten Milliarden Dollar – befinden sind rund um den Persischen Golf. Zwar ist dort die Wahrscheinlichkeit eines «Treffers» weiterhin sehr gering, aber völlig auszuschliessen ist dies nicht mehr.

Da die Rückversicherer ihre Verträge im Sachgeschäft jährlich erneuern, passen sie ihre Modelle entsprechend im Jahresrhythmus an. «Wir müssen keine Voraussagen für zehn Jahre machen», sagt Bertogg. «Vielmehr können wir innehalten, die Situation neu beurteilen und gezeichnete Deckungen anpassen.» Ob der Golfstrom im Atlantik bei einer weiteren Erwärmung dereinst einschlafen wird und welche Klimafolgen sich für die nördliche Erdhalbkugel ergeben, darüber können und müssen die Modelle von Bertoggs Team heute keine Aussagen treffen. Ob das in ein paar Jahren auch noch gelten wird, kann niemand sagen.

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