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Ein Quarantäne-Boyfriend ist kein echter Boyfriend

Schweizer Illustrierte 17.04.2020 Linda Leitner

Von der sinnentleerten Wüste zum schäumenden Schlaraffenland: Auf Tinder und Bumble hängen plötzlich akzeptable Kandidaten wie knackige (Vegi-)Würstchen vom Himmel, zuckersüsse Nachrichten schiessen wie Lollipops aus dem Boden. Keiner ghosted mehr, keiner benched. Wer ein Quarantäne-Match abgegriffen hat, liegt jetzt in eben dieses eingerollt in der Corona-Bubble. Und wenn die platzt? Ist es fatal oder gar eine Chance, jetzt zu daten?

Ich bin Single. Glaube ich. Und ich habe die eine oder andere Single-Freundin. Glaube ich. Wer weiss das heutzutage schon. Früher, und damit meine ich prä-Covid-19, da waren wir alle – nicht total gerne – alleine, aber sagen wir mal: total gut alleine. Dann schlich sich langsam die Seuche zwischen die Menschen, in unser Hirn und auf unser mobiles Endgerät. Da sah man die Chance des Dummie-Datings online und dachte, man könne ein bisschen harmlos rumschreiben. Treffen könne man eh niemanden, unbequeme Rendezvous seien somit ausgeschlossen. No risk, but fun quasi. Dann kam Woche Drei des Lockdowns und plötzlich waren all die paniklosen Single-Ladies bedient – wir kuscheln seither, kochen und ja, kopulieren sogar. Wir haben uns offenbar rechtzeitig einen knusprigen Premiumkontakt in den Ofen geschoben. Mit viel Glück wohnt diese neu gezüchtete Spezies um die Ecke vom eigenen Sofa oder hat sich bereits als Survivor durch den Corona-Sumpf gekämpft – und kann sich nun frei zwischen fernen Betten bewegen. Wie auch immer: Seltsam ist doch, dass plötzlich alle gleichzeitig versorgt sind. Da stimmt doch was nicht.

Genau, es stimmt was nicht

Das ist es. Die Welt hat ein Leck. Und unsereins nicht mehr alle Latten am Zaun (dafür im Bett, höhö). Wo man sich eigentlich in einer Tour absäbelt und selbst sabotiert, sind plötzlich alle ganz zahm: Wer jetzt online datet, kommt viel schneller zum Rotwein-Date mit Beamer. Zwangloses «Netflix and Chill» ist verbindlichem «Puzzle and Quarantine» gewichen. Alle haben ausnahmslos Zeit, um zu antworten, sind nicht abgelenkt. Wir sind allzeit bereit zu Hause, können auf Parties kein Frischfleisch aufreissen, können wegen Social Distancing partnermässig nicht rumprobieren. Willigt man nach zahllosen Video Calls zum realen Date mit mehr oder wenig Abstand ein, dann muss nicht lang überlegt werden. Was unternommen werden soll, ist schnell entschieden. Die Möglichkeiten sind begrenzt, man kommt schneller zum (Höhe)Punkt. Die aktuelle Situation gibt das Gesprächsthema vor. Das Eis bricht, es schmilzt. Niemand hat sowas je zuvor erlebt. Corona verbindet. Und niemand ist jetzt gern allein.

Haben plötzlich alle Angst vorm Alleinsein?

Und werfen sich deshalb dem erstbesten Match an den kratzenden Hals? Naja, ganz random war man bei der Quarantäne-Partnerwahl hoffentlich nicht. Aber vielleicht fühlt man sich jetzt schneller abgeholt? Ist neuerdings empfänglicher für dümpelnde Scherze, Kochkünste und niedliche Grübchen? Fakt ist: Gerade fehlen uns Dinge. Die kompensieren wir. Menschliche Selbstbestimmung fusst laut den Amerikanern Richard M. Ryan und Edward L. Deci auf drei psychologischen Grundbedürfnissen: auf Kompetenz, sozialer Eingebundenheit und Autonomie – alles Dinge, die jetzt wegfallen. Das Kompetenz-Loch füllen wir mit Arbeits-Calls und Workout-Lessons, weil wir unser Leben nicht mehr wie bisher minuziös durchplanen können. Die Autonomie-Lücke wird mit DIY-Projekten und manischem Saubermachen gestopft, um sich vorzugaukeln, man hätte sein Leben unter Kontrolle. Wild and free! Und die soziale Eingebundenheit? Tja. Die fehlt. Allen. Alle sind schwächer. Alle sind leichter zu haben. Und leichter zu beeindrucken? Alle wollen das Gleiche.

Wer die Emotionen nicht im Griff hat, hat unter Umständen ins Klo gegriffen

Fest steht: Ob man es zugeben will oder nicht, die Stresshormone tanzen derzeit wilder. Seite an Seite mit Adrenalin und Angst. Sei es, weil man um die eigene Gesundheit fürchtet, um die der Liebsten bangt, weil man seit Wochen die immer gleichen Gesichter vor sich hocken hat (ob man die noch mag oder nicht, spielt keine Rolle) oder weil man sich einsam fühlt. Die Situation ist belastend. Laut Herbert Grönemeyer heisst der Mensch Mensch, weil er vergisst, weil er verdrängt – und weil er kreativ wird. Er neigt zu Übersprungshandlungen. Und hüpft so postwendend auf einen süssen Kandidaten, der einen in den Arm nimmt.

Aber tut er das auch noch, wenn alle Bars geöffnet haben und Bier mit den Boys verlockender klingt als Bärlauch sammeln? Was, wenn einer Hummeln im Arsch hat, das Gegenüber aber lieber lesend im weichen Lieblingsstuhl hockt? Wenn der eine gern verreist und der andere lieber zu Hause bleibt? Wenn der eine Geld für Wochenendtrips hat und der andere nicht? Wenn der eine zuverlässig an Verabredungen festhält und der andere mehr im Moment lebt und öfter was dazwischen kommt? Wenn man endlich Freunde und Familie des andern kennenlernen kann und die nur latent sympathisch findet? Wenn der andere nicht genug Swag für die eigene Gang hat? Wenn man Kompromisse machen muss? Dann platzt die gemütliche Kuschel-Blase. Damit muss man rechnen. Just saying.

Der frühe Vogel fängt den Wurm – oder ...

.... sich was ganz Lästiges ein. Drum prüfe, wer sich auch post-Covid-19 bindet. Ich meine ja bloss. Wer jetzt theoretisch gut ins langsame Leben passt, ist zurück in der Realität vielleicht ein Klotz am unruhigen Bein.

Aber weil man ja dieser Tage überall hört, dass man optimistisch an die Dinge gehen soll, hier noch eine gute Nachricht zum Schluss: Um diese neuartige Situation, in der wir uns gerade winden, zu bewältigen, schüttet das Gehirn Dopamin aus – und genau dieses Glückshormon lässt auch unsere Gefühle in Richtung romantische Liebe rauschen. Fragt doch aber in vier Wochen noch mal nach, ob wir Mädels hier alle noch unter der Isolations-bestäubten Haube sind. Ich weiss es nicht.

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