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Warum Hitze lebensgefährlich ist

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 25.06.2019 Stephanie Lahrtz, München

Jede Hitzephase der vergangenen Jahre hat in Europa Tausende Tote gefordert, so auch der letzte Sommer. Wenn der Körper es nicht mehr schafft, durch Schwitzen und Gefässerweiterung Wärme abzugeben, leidet die Sauerstoffversorgung, und Organe werden geschädigt.

Bei den gegenwärtigen Temperaturen ist beim Aufenthalt im Freien Vorsicht geboten. Hitzewellen können massive gesundheitliche Probleme verursachen. (Bild: ;Fabrizio Bensch / Reuters)  © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung AG Bei den gegenwärtigen Temperaturen ist beim Aufenthalt im Freien Vorsicht geboten. Hitzewellen können massive gesundheitliche Probleme verursachen. (Bild: ;Fabrizio Bensch / Reuters) 

Hitze kann lebensgefährlich sein. Denn unser Körper mit einer Innentemperatur von rund 37 Grad bekommt massive Probleme, wenn die Umgebung ähnlich warm oder sogar noch wärmer ist. Die physiologischen Kühlungsmechanismen wie Schwitzen und Gefässerweiterung können dann im wahrsten Sinn des Wortes heiss laufen wie ein Auto oder Computer mit kaputter Lüftung. Das kann tödlich enden, wie diverse Hitzephasen in den letzten Jahren gezeigt haben. Ab 30 Grad steigt das Sterberisiko im Vergleich zu 20 Grad um gut 10 Prozent. In absoluten Zahlen ausgedrückt: Jeder Hitzetag bringt in Deutschland knapp 300 zusätzliche Todesfälle.

Im vergangenen Sommer starben laut einer kürzlich vom Robert-Koch-Institut in Berlin publizierten Analyse allein in Berlin und Hessen mehr als 1200 Personen. Daten für andere Bundesländer wurden noch nicht detailliert ausgewertet. Doch man kann davon ausgehen, dass die hitzebedingte Mortalität bundesweit ähnlich war. Auch in der Schweiz kam es 2018 laut ersten Auswertungen vermehrt zu Hitzetoten. Genaue Zahlen sollen jedoch erst mit einem im Spätsommer vom Bundesamt für Umwelt veröffentlichten Bericht bekanntgegeben werden.

Auch frühere sehr heisse Sommer forderten ihren Tribut. So starben 2003 in ganz Westeuropa zwischen Juni und August schätzungsweise 70 000 Menschen mehr, als dies in einem normalen Sommer der Fall ist. Besonders betroffen waren damals Italien und Frankreich mit jeweils knapp 20 000 Hitzetoten, in Deutschland waren es knapp 10 000. In der Schweiz starben 2003 rund 1000 Menschen an der Hitze, 2015 ungefähr 800.

Ab über 30 Grad wird es gefährlich

Massive gesundheitliche Probleme verursachen vor allem sogenannte Hitzewellen. Dies sind Phasen, in denen es tags über 30 Grad warm ist und nachts nicht unter 20 Grad abkühlt. Denn dann kann der Körper sich nicht von seiner Kühlungsarbeit erholen und startet sozusagen mit geringerer Effizienz in den nächsten heissen Tag. Solche Hitzewellen belasteten 2018 die Menschen in Frankfurt am Main fast den ganzen August hindurch. Selbst in den zwei bis drei Tagen nach einem heissen Tag ist das Risiko für einen Hitzetod noch erhöht.

Es werden allerdings nicht alle Menschen gleichermassen durch die hohen Temperaturen in Mitleidenschaft gezogen. Vor allem Menschen ab 75 sind bedroht. So starben in Berlin und Hessen im letzten Jahr im Durchschnitt 12 von 100 000 Einwohnern an hitzebedingten körperlichen Problemen. Bei den 75- bis 84-Jährigen waren es jedoch etwa 60 von 100 000, bei den über 84-Jährigen sogar etwa 300 von 100 000 Personen. Denn ältere Personen haben ein weniger ausgeprägtes Durstgefühl, Demente vergessen oft komplett das Trinken. Zudem sind die körpereigenen Kühlungsmechanismen im Alter deutlich weniger effizient, viele Ältere schwitzen nur noch wenig und/oder haben Durchblutungsstörungen und Herzprobleme.

Umstrittener Effekt der «Hitze-Ernte»

Auch für Patienten mit Herz-Kreislauf- und Tumorerkrankungen ist Hitze viel schneller lebensgefährlich als für Gesunde. Manche Forscher sprechen daher von der etwas zynisch klingenden «Hitze-Ernte»: Den hohen Temperaturen erliegen jene Menschen, die schon krank sind und ohnehin bald gestorben wären. Wie ausgeprägt dieser Effekt ist, ist unter Experten allerdings umstritten. «Ein gewisser Anteil an den Hitzetoten sind sicher kranke Menschen, die auch ohne hohe Temperaturen nicht mehr sehr lange gelebt hätten», erläutert Martina Ragettli vom Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut in Basel. «Aber der Grossteil der Hitzetoten hätte noch mindestens ein Jahr gelebt, wenn es kühler geblieben wäre», so fasst sie den derzeitigen Wissensstand zusammen.

Einem Irrglauben sollte man nicht erliegen, wenn man die Statistiken zu Todesfällen übers Jahr gesehen betrachtet. Denn auf den ersten Blick scheinen mittlere, von fast allen Menschen als angenehm empfundene Temperaturen viel gefährlicher zu sein als Hitze. Denn insgesamt sterben mehr Menschen an kühleren Tagen als an Hitzetagen. Doch es gibt eben viel mehr lauwarme als heisse Tage.

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